Israelischer Historiker Tom Segev: „Günter Grass ist kein Antisemit“

Der prominente israelische Historiker Tom Segev hat den Dichter Günter Grass verteidigt: Grass sein kein Feind Israels und erst recht kein Antisemit. Die Kritik sei zwar unfair, weil Israel anders als der Iran kein anderes Volk auslöschen wolle. Doch die Kritik an Israels Atomwaffen-Politik sei nicht neu – und schon von vielen Israelis selbst thematisiert worden.

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Die mediale Erregung in Deutschland über das Gedicht (Original hier) von Günter Grass über die nicht-transparente israelische Nuklear-Politik findet eine angenehm ruhige Einordnung in einem Kommentar des renommierten israelischen Historikers und Journalisten Tom Segev. In Deutschland hat sich praktisch die gesamte Medienbranche auf Grass gestürzt und ihn des Antisemitismus geziehen. Israel hat gegen den Dichter offiziell ein Einreiseverbot verhängt.

Günter Grass: Viel Pathos, aber kein Antisemitismus. (Foto: Wikipedia)

Günter Grass: Viel Pathos, aber kein Antisemitismus. (Foto: Wikipedia)

Im wissenschaftlichen Sinn kann das Gedicht von Grass keinesfalls als antisemitisch bezeichnet werden. Denn Grass behauptet nicht, Israels Fehler seien damit zu begründen, dass die politisch Verantwortlichen Juden sind. Grass arbeitet in dem Gedicht auch nicht mit klar erkennbaren, antisemitischen Metaphern oder Bildern. Er bedient solche Bilder auch nicht „zwischen den Zeilen“.

Tom Segev, dessen Familie deutsche Wurzeln hat und der vor allem durch seine wissenschaftlichen Arbeiten über den politisch instrumentalisierten Kampf Israels gegen die Palästinenser zur unbestrittenen Autorität geworden ist, schreibt in der Zeitung Ha’aretz: Er, Grass, „hat zu Recht erwartet, dass er nach seiner Anti-Israel-Kommentare des Antisemitismus beschuldigt wird. Grass, so scheint es, zeigt zwanghaft ungerechte Anschuldigungen auf sich. Wie auch immer: Sie können sich entspannen, Herr Grass. Sie haben ein ziemlich pathetisches Gedicht geschrieben, aber Sie sind nicht antisemitisch. Sie sind nicht einmal anti-israelisch.”

Grass sei nicht weiter gegangen als der ehemalige Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad, Meir Dagan, der die „Auffassung von Grass teilt, dass der Iran nicht bombardiert werden soll“. Segev empfiehlt, man „soll Dagan gut zuhören, denn es gibt nur wenige Leute, die mehr über den Iran wissen als er“.

Segev schreibt, dass es die Argumente von Grass bei vielen Diskussionen über das Für und Wider eines Erstschlags in Israel zu hören gäbe. Diese Debatte finde „auf strategischer, operativer und moralischer Ebene“ statt. Grass habe nichts Neues gesagt.

Auch an der Kritik von Grass an der geplanten U-Boot-Lieferung an Israel kann Segev nichts Bedenkliches erkennen. Sie in Frage zu stellen sei „eine legitime Ansicht zu einer Thema, über das das deutsche Volk demokratisch entscheiden sollte“.

Segev kritisiert zwei Aspekte an dem Gedicht von Grass: Das Pathos, mit dem Grass beklagt, dass er nicht schon früher gegen die israelischen Atomprogramme zu Felde gezogen sei, sei unangebracht. Denn „der Preis für die Enthüllung des israelischen Atomwaffen-Programms gebührt dem Nukleartechniker Mordechai Vanunu, der das Programm bereits im Jahr 1986 an die Öffentlichkeit gebracht hat“. Seither gäbe es tausende Webseiten, die sich mit der Atommacht Israel kritisch auseinandersetzen.

Der wichtigste Einwand von Segev betrifft jedoch den Vergleich Israels mit dem Iran: Anders als der Iran habe Israel noch nie gedroht, ein anderes Volk ausradieren zu wollen. Und anders als von Grass unterstellt, würde selbst ein israelischer Angriff auf den Iran niemals „das ganze iranische Volk auslöschen“, weil die militärischen Operationen Israels stets nur auf ausgewählte Ziele ausgerichtet seien. Daher sei der Vorwurf von Grass an Israel „unfair“. Israel und Lübeck („die Stadt des Marzipans“) würden in einer besseren Welt leben, wenn der Iran keine Atombombe besitze.

Segev vermutet, dass Grass mit dem Schock spekuliert habe, den das Gedicht werde auslösen können. Er hofft, dass Grass sich nach seinem Ausflug bald wieder der Literatur zuwenden werde: „Sie schreiben, dass Sie das Gedicht mit Ihrer letzten Tinte geschrieben haben. Wir wollen hoffen, dass Sie noch genug haben, um einen weiteren wunderbaren Roman zu schreiben.“

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