Projekt „NEOshield“: EU-Kommission plant Abwehrsystem gegen Asteroiden-Einschlag

Weil im Jahr 2029 der Asteroid Apophis der Erde gefährlich nahe kommt, sollen Wissenschaftler in Berlin Abwehrmöglichkeiten erforschen. Die Nasa und die Uno haben keine Geld für solche Vorhaben - also ist die EU-Kommission in die Bresche gesprungen und fördert das Projekt mit fünf Millionen Euro. Treibende Kraft ist ein ehemaliger Mitarbeiter aus einem DDR-Atomkraftwerk.

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Die EU-Kommission hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin damit beauftragt, Schutzmöglichkeiten gegen Asteroideneinschläge auf der Erde zu entwickeln. Für das Projekt mit dem Namen „NEOshield“ (Near Earth Object) wurde ein Budget von fünf Millionen Euro genehmigt. In den kommenden vier Jahren sollen die Wissenschaftler untersuchen, wie die Erde davor geschützt werden kann, dass Gesteinsbrocken mit Durchmessern von über 100 Metern auf ihr einschlagen.

Ein solcher Asteroid soll im April 2029 der Erde gefährlich nahe kommen. Der Asteroid Apophis wird sich dann kurzzeitig der Erde so sehr nähern, dass auch ein Einschlag denkbar ist. Die Folgen eines solchen Einschlags wären katastrophal.

Projekt NEOShield: In einer Simulation zeigt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, wie sich ein Asteroid der Erde nähert. (Foto: DLR)

Projekt NEOShield: In einer Simulation zeigt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, wie sich ein Asteroid der Erde nähert. (Foto: DLR)

Apophis ist nämlich ein sehr großer Asteroid. Er ist etwa zweihundertsiebzig Meter groß und dreißig Kilometer pro Sekunde schnell. Damit ist er sechsmal so groß wie der letzte bekannte Asteroid, der 1908 über Sibirien explodierte und eine Wirkung entfaltete, die etwa dem tausendfachen der Atombombe von Hiroshima entspricht.

Im Falle des Aufschlagens auf dem Land entstünde ein riesiger Krater, Erschütterung entspräche etwa einem Erdbeben der Särke 8,0. Das aufgeworfene Material würde wie bei einem Vulkanausbruch auf die Umgebung regnen und wochenlang die Sonne verdunkeln. Erst ab einem Umkreis von 250 Kilometer vom Einschlag kann man überleben. Trifft Apophis auf Wasser, würde ein Tsunami mit einer hundert Meter hohen Flutwelle entstehen.

Ab einer Annäherung von 50 Kilometern an die Erde, gelten Asteroiden als gefährlich. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags äußerst gering ist, hält die Kommission die Gefahr offenbar für ernstzunehmend. Die NASA schätzt die Gefahr, dass ein bisher unbemerkt gebliebener Asteroid auf der Erde einschlägt, höher ein als jene, die von Apophis ausgeht.

Weil weder die US-Raumfahrtbehörde NASA noch das russische Raumfahrtprogramm Geld für die Erforschung der Asteroidenabwehr haben, zählt das EU-finanzierte Projekt zu den umfangreichsten der Welt. Unter anderem wird der Einsatz einer Atombombe geprüft, um die Gesteinsmassen von der Erde abzuhalten.

Die Aussichten auf Erfolg des Programms sind aber eher gering. Für eine effektive Vorbereitung auf den Ernstfall wären mehr als 100 Millionen Euro nötig. Zum Start von „Neoshild“ setzte der Leiter des Projekts, Alan Harris die Ziele auch etwas niedriger: „Wir wollen möglichst viel über unseren Feind herausfinden, der Kurs auf die Erde nehmen könnte“, heißt es beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Dennoch soll das Projekt durchleuchten, wie man einen Einschlag verhindern kann. Dazu werden verschiedene Methoden evaluiert.

Eine Methode, die das NEOShield-Konsortium näher untersuchen wird, ist der Einsatz einer Raumsonde, die durch ihren Einschlag auf dem Asteroiden diesen von seiner Bahn abbringt. Harris: „Das ist meiner Meinung nach eine sehr realistische Methode.“ Allerdings seien bei dieser Methode noch viele offene Fragen zu klären. Wie muss die Steuerung dieser Raumsonde ausgelegt sein, damit sie ihr Ziel sicher und im korrekten Winkel trifft? Wie kann der Effekt vermindert werden, den die Bewegungen des Treibstoffs in der Raumsonde auf deren Einschlag haben? In Laborexperimenten soll zudem mit Projekten auf Materialien geschossen werden, die denen eines Asteroiden entsprechen. Damit können die Wissenschaftler wiederum Rückschlüsse auf das Verhalten der Asteroiden bei solch einer Kollision ziehen.

Wird ein Asteroid, der Kurs auf die Erde nimmt, bereits Jahre vor einer möglichen Kollision entdeckt, könnte eine andere Methode in Frage kommen, die sich die Anziehungskraft einer Raumsonde zunutze macht: Lenkt man eine Raumsonde in die direkte Nähe zu einem potenziell gefährlichen NEO, könnte sich ihre Gravitation auf den Asteroiden auswirken und ihn – wie von einem Seil gezogen – von seiner ursprünglichen Flugbahn ablenken. Allerdings würde es einen Zeitraum von mehreren Jahren in Anspruch nehmen, bis man eine signifikante Veränderung der Umlaufbahn erreicht hat. Harris: „Bisher existiert diese Methode nur auf dem Papier, aber sie könnte funktionieren.“ Die Forschung in den nächsten dreieinhalb Jahren soll zeigen, wie realistisch es ist, bedrohlichen Asteroiden mit der Schwerkraft aus der Spur zu bringen.

Nur wenn die Zeit drängt, kommt für Alan Harris eine alternative Methode in Betracht: „Würde man ein sehr großes gefährliches Objekt mit einem Durchmesser von einem Kilometer oder mehr entdecken, würden die beiden anderen Methoden das Problem wahrscheinlich nicht mehr lösen“, erklärt Harris. „Die größte Kraft, die man dann einsetzen könnte, um den Asteroiden aus seiner Bahn zu lenken, wäre eine nukleare Explosion.“ Eine Lösung, die die Wissenschaftler in ihrem Projekt zwar untersuchen wollen – allerdings ohne eine konkrete Mission dafür zu planen. Wissen will man dennoch, welche Auswirkung eine Explosion in unmittelbarer Nähe eines Asteroiden oder auf seiner Oberfläche im luftleeren Weltraum hätte.“ Diese Möglichkeit wird aber sehr kontrovers diskutiert.

Die EU-Initiative geht auf Hartwig Bischoff zurück. Der Ostdeutsche arbeitete vor der Wende in einem sowjetischen Atomkraftwerk in der DDR. Er kam nach Brüssel, um der EU-Kommission bei der Stilllegung von Atomkraftwerken zu helfen. Heute liest er schon gerne mal bei Auftritten in Greifswald aus der Apokalypse vor, wenn er über das Apophis-Abwehrprojekt spricht. Bei der Akquisition der EU-Mittel half ihm, dass er russisch spricht. So konnte er mit dem russischen Kosmonauten-Zentrum in Kontakt treten.

Böse Zungen lästern in Brüssel bereits über das Projekt. Nicht nur, weil es wenig Aussicht auf Erfolg hat. Sondern auch, weil einige Sagen: Bevor 2029 ein Komet auf der Erde einschlägt, könnte es im Zuge der Euro-Krise schon viel früher zu ganz anderen Explosionen in Europa kommen.

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