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US-Investorin zum Finanzmarkt: „Es müsste tausende Anklagen wegen Betrugs geben“

Die amerikanische Investorin Janet Tavakoli glaubt, dass nur die strafrechtliche Verfolgung von Verbrechen in der Finanzbranche dazu führen kann, die zahlreichen Betrugs-Delikte an den Finanzmärkten zu unterbinden. Dazu müssten die Anständigen den Druck auf die politische Führung signifikant erhöhen. Sie zweifelt jedoch, dass es dazu kommt - und rechnet daher mit einem Crash des Systems.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Frau Tavakoli, Sie sind seit langem eine Kritikerin des Derivate-Geschäfts. Sie nennen Derivate eine pure Spekulation. Werden die Derivate die Finanzmärkte in die Luft sprengen?

Janet Tavakoli zum ESM: Wenn Sie einem Fremden ohne Transparenz und Kontrolle eine Menge Geld geben - was meinen Sie, wird da passieren?

Janet Tavakoli zum ESM: Wenn Sie einem Fremden ohne Transparenz und Kontrolle eine Menge Geld geben - was meinen Sie, wird da passieren?

Janet Tavakoli: Ich habe einige Bücher über Derivate geschrieben, das erste davon 1997 mit dem Titel „Kredit-Derivate“. Natürlich haben diese Instrumente einen gewissen Sinn. Aber dieser Sinn ist durch Spekulanten komplett korrumpiert worden. Mittlerweile dominieren die Spekulanten diesen Markt in einer Weise, dass Derivate oft vollkommen nutzlos und als Absicherungen sogar kontraproduktiv geworden sind. So habe ich im Jahr 2007 der SEC einen Brief über Produkte geschrieben, die sich „Constant Proportion Debt Obligations“ (CPDOs) nennen. Sie haben Absicherungen, die Pensionsfonds gegen riskante Unternehmenskredite abgeschlossen haben, durch wüste Spekulationen nutzlos gemacht. Dazu haben sie CPDOs als Triple A-Papiere forciert, obwohl diese Papiere Schrott waren. Dadurch haben die Pensionsfonds enorme Verluste einstecken müssen. Die Rating Agenturen haben erst ein Jahr nach meinem Brief an die SEC die CPDOs als Schrott eingestuft. Anleger, die in die CPDOs investiert haben, haben 90% ihres Investments verloren. Und doch hat es keine Strafe für die Ratingagenturen gegeben, ebenso wenig wie eine sinnvolle Reform jener Banken gegeben hat, die diese korrupten Produkte erfunden haben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was ist das größte Problem mit den Derivaten?

Janet Tavakoli: Zu etwa gleichen Teilen sind das Betrug, Mangel an Wissen über die Schwächen der Modelle und die Möglichkeit, das System auszutricksen. Durch die Hebelwirkung kommt es zu einer sehr volatilen und destruktiven Kombination, wenn es einmal falsch läuft. Solange alles gut geht, behaupten die Leute, sie seien Genies, und sie machen nichts anderes als Bilanzen zu hebeln.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Ihrem neuen Buch „The New Robber Barons“ (Die neuen Raubritter) behaupten Sie, es gäbe eine Oligarchie in den Finanzmärkten. Einige wenige Leute betrügen andere und verdienen wie verrückt damit. Was meinen Sie damit?

Janet Tavakoli: Ich bedaure, wenn ich den Eindruck erweckt habe, dass nur einige wenige in betrügerische Geschäfte in den USA verwickelt sind. Es müsste tausende Anklagen wegen Betrugs geben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie fordern, dass mehr Investment-Banker ins Gefängnis gehen sollen. Warum?

Janet Tavakoli: Mehr Leute ins Gefängnis? Wie wäre es, wenn überhaupt einmal jemand im Gefängnis landet?

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie steht es um die Verantwortlichkeit? Wie kann es geschehen, dass jemand wie Jon Corzine von MF Global Milliarden der Anleger verzockt und dann damit durchkommt, dass er einfach sagt: „Sorry Leute, ich weiß einfach nicht, wo das Geld ist.“

Janet Tavakoli: Corzine hat viel Geld gesammelt für den damaligen Senator Barack Obama und seine Kampagne. Er hat auch viel Geld für die Demokraten gesammelt. Wenn man in Amerika viel Geld für eine der beiden Parteien sammelt, bekommt man einen Freibrief – eine „get-out-of-jail free card“. Beide Parteien in den USA lieben Menschen, die Geld für sie sammeln. Die Haltung ist: Wir dürfen diese Leute nicht verärgern, indem wir ihnen klarmachen, dass sie bestraft werden könnten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum werden die führenden Köpfe nie zur Verantwortung gezogen? Jamie Dimon von JP Morgan hat seinen Leuten doch auch Druck gegeben, damit sie mehr und riskantere Wetten abschließen…

Janet Tavakoli: Jamie Dimon hat seinen Leuten Druck gemacht, damit sie mehr Geld für die Bank machen. Aber alle Modelle, die dafür verwendet werden, haben Schwächen, die alle kennen. Diejenigen, die die Grundannahmen der Modelle manipulieren, haben einen Anreiz, gute Zahlen und geringes Risiko zu melden. Diese Leute haben sehr viel Kontrolle über die Profite und Verluste, die sie melden. Und was ist ihr Anreiz? Die Millionen-Bonuszahlungen, die ihnen Dimon im vergangenen Jahr bezahlt hat. Ja – da gab es keine Kontrolle. Und das ist die Verantwortung von Jamie Dimon.

Jamie Dimon ist zur lustigsten Figur an der Wall Street geworden. Er erschien in der TV-Sendung „Meet The Press“, einer sehr populären Fernsehsendung am Sonntagmorgen. Es ist zunächst sehr erstaunlich, dass der ahnungslose Journalist die Antwort akzeptierte, die Dimon ihm gab. Die Frage an Dimon lautete: Wie konnte das passieren? Und Dimon antwortete: „Zunächst einmal, es gab da ein Warnsignal. Wenn man heute zurückblickt, gab es auch andere Warn-Zeichen. Aber im Hinblick auf diese eine Warnung, wissen Sie, wir haben einen Fehler gemacht. Wir gerieten in die Defensive, und die Leute begannen, alles zu rechtfertigen, was wir taten. Wissen Sie, im Leben hat man den Vorteil zu sagen: Vielleicht hast du einen Fehler gemacht, lass uns das mal genauer ansehen. Und der Fehler ist eine Zeitlang geköchelt, so es war eigentlich nicht nur eine Sache.“ Das hat Dimon wirklich wörtlich gesagt, ich übertreibe nicht. Ich bin versucht zu fordern, man müsste eine neue Form der Finanzmarkt-Regulierung einführen: Wenn ein CEO korrupt ist, dann muss er zumindest unterhaltsam sein!

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum scheitert jede ernsthafte Regulierung?

Janet Tavakoli: Vor allem, weil sie nichts erzwingt und stafrechtlich verfolgt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was kann geschehen, damit das globale Schneeballsystem beendet wird?

Janet Tavakoli: In Gesellschaften, in denen Schneeball-Systeme allgemein als illegal eingestuft warden, muss es eine Strafverfolgung für alle Täter geben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ist die europäischen Staatsschulden-Krise auch nichts anderes als ein Schneeballsystem?

Janet Tavakoli: Ich möchte sehr präzise sein, wenn ich von einem Schneeball-System („Ponzi scheme“) spreche: Es handelt sich um ein solches System, wenn neues Geld von neuen Investoren dazu verwendet wird, um alte Investoren auszubezahlen, die ihr Geld bereits in einem gescheiterten Investment verloren haben. Die Sache mit dem Betrug ist: Wenn man einmal damit begonnen hat, wird alles zum Betrug, was darauf aufbaut. Und dann entstehen vielfache Formen von Betrug innerhalb eines einzigen großen Betrugs. Davon handelt mein Buch „The New Robber Barons“. In dem Buch behandle ich auch die europäischen Staatsschulden-Krise, aber ich nenne sie kein Schneeball-System. Ich möchte die verschiedenen Probleme nicht falsch einordnen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Der US-Finanzminister kommt von Goldman Sachs, ebenso der Chef der Europäischen Zentralbank, ein anderer ist Regierungschef in Italien. Der spanische Wirtschaftsminister ist ein ehemaliger Lehman-Banker. Warum gehen diese Leute in die Politik?

Janet Tavakoli: Es gibt keine bessere Möglichkeit, Zugriff auf die Staatskasse zu erhalten, als in die Politik zu gehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie sind Investorin und Investment-Beraterin: Wie stehen Sie zu Staatsanleihen?

Janet Tavakoli: Ich berate keine Einzelpersonen. Ich verwalte mein eigenes Geld. Mein Fokus ist auf Risko-Management und ich berate Banken, wenn sie untereinander über Risiko-Bewertung streiten. Ich habe mich mit Leuten unterhalten, die sich gegen Risiken bei Staatsanleihen mit Derivaten absichern wollen. Wir wollten das Risiko senken, dass Leute die Vertragstexte manipulieren. In erster Linie schaue ich aber auf die Kreditwürdigkeit.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie schreiben, dass Inflation Vermögen zerstört. Erwarten Sie in Europa massive Inflation in den kommenden Jahren?

Janet Tavakoli: Europa wird vermutlich eine Stagflation erleben. Preise für Assets werden nach unten gehen, da wird es Deflation geben. Aber die Preise für die Dinge des alltäglichen Lebens, die man kaufen möchte und kaufen muss, werden steigen, weil immer mehr Geld gedruckt werden muss, um die Löcher in den Bilanzen der Banken zu stopfen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Europa werden wir bald den ESM haben – einen permanenten Bailout-Mechanismus ohne Transparenz und Kontrolle. Wird es dadurch neue Spielräume für Finanzjongleure geben?

Janet Tavakoli: Was glauben Sie, was passiert, wenn Sie einem Fremden Kontrolle über eine große Summe Geldes geben, ohne Transparenz und Kontrolle? Darüber hinaus hat dieser Fremde bisher bereist beobachten können, dass Diebe und Leute, die über Geld und Risiken lügen, niemals Strafverfolgung erlebt haben und schon gar nicht jemals dafür ins Gefängnis gekommen sind. Sie fallen niemals bei den Medien in Ungnade, ihre Gesichter finden sie immer noch auf den Titelseiten der Hochglanzmagazine. Schmeichler stehen bei ihnen Schlange, um ihnen zu sagen, wie brillant sie sind. Viel Glück mit Ihrem ESM – ich bin sicher, der wird sehr gut gemanagt. Oder?

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Soll Deutschland aus dem Euro raus?

Janet Tavakoli: Lustig – ich dachte, Sie werden fragen, ob Griechenland aus dem Euro rausgehen sollte. Deutschland wird vielleicht gar keine Wahlmöglichkeit haben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Glauben Sie, dass es einen Crash geben wird?

Janet Tavakoli: Wenn die anständigen Leute von unseren politischen Führern nicht mit Nachdruck fordern, dass sie endlich Anstand zeigen – was glauben Sie, wie das Ganze enden wird?

Janet Tavakoli ist Gründerin und Präsident von Tavakoli Structured Finance. Das in Chicago ansässige Unternehmen berät Banken, institutionelle Anleger und Hedge Fonds in Fragen des Risiko-Managements, vor allem bei Derivaten. Sie hat mehrere Bücher zu Themen der Finanzmärkte und dem Derivate-Handel verfasst (hier).

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Bau einer US-Pipeline: Griechenland muss im Euro bleiben
Bau einer US-Pipeline: Griechenland muss im Euro bleiben
Die Euro-Staaten werden Griechenland 10,3 Milliarden Euro überweisen, damit das Land seine Schulden bei der EZB bedienen kann. Die Einigung geschieht vor allem auf Druck der USA: In Griechenland hat der Bau einer neuen US-Pipeline begonnen. Washington will die Stabilität…
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Alexis Tsipras und der türkische Energieminister Berat Albayrak beim Spatenstich für die TAP-Pipeline. (Foto: dpa)

Alexis Tsipras und der türkische Energieminister Berat Albayrak beim Spatenstich für die TAP-Pipeline. (Foto: dpa)

Die Finanzminister der Eurozone haben am Dienstag bis in den späten Abend über weitere Finanzhilfen für das hoch verschuldete Griechenland verhandelt. Nach siebenstündigen Beratungen wurden die Verhandlungen unterbrochen, um Änderungen am Entwurf für die Schlusserklärung des Treffens vorzunehmen, wie Diplomaten sagten. Im Gespräch war dabei die Auszahlung von 10,3 Milliarden Euro in zwei Tranchen bis September.

Eine erste Tranche von 7,5 Milliarden Euro solle im Juni gezahlt werden, wie mehrere Diplomaten übereinstimmend sagten. Sie könne dazu dienen, im Juli fällige Rückzahlungen an die Europäische Zentralbank (EZB) zu tätigen und auch Rückstände Athens gegenüber Gläubigern in Griechenland selbst zu begleichen.
Im September solle dann eine weitere Zahlung von 2,8 Milliarden Euro erfolgen.

Der Grund für die sich abzeichnende erneute Einigung liegt in der geopolitischen Bedeutung Griechenlands. Die USA bestehen auf einem Verbleib Griechenlands im Euro, um die Stabilität des Landes nicht zu gefährden. Die Regierung in Athen musste am Sonntag ein neues, hartes Austeritätsprogramm verabschieden.

Zugleich hat Griechenland mit dem Bau eines 550 Kilometer langen Abschnitts der Transadriatischen Pipeline (TAP) begonnen. Der erste Spatenstich wurde vergangene Woche vom griechischen Premierminister Alexis Tsipras gesetzt. Die Einweihungszeremonie fand in Thessaloniki statt. „TAP ist eines der größten ausländischen Direktinvestitionsprojekte, die in Griechenland durchgeführt wurden. Die griechische Wirtschaft braucht diese Arbeitsplätze wirklich dringend“, zitiert oilprice.org Tsipras. Griechenland erhofft sich von der TAP, das ein Projektvolumen von 1,5 Milliarden Euro hat, 8.000 neue Arbeitsplätze.

Die TAP soll im Jahr 2019 in Betrieb genommen werden. Die Pipeline wird Energieträger aus dem Gasfeld Schah Deniz 2 von Aserbaidschan über Georgien, die Türkei, Griechenland und Albanien bis nach Italien transportieren. Der Abschnitt von Aserbaidschan bis an die türkisch-griechische Grenze wird von der Transanatolischen Pipeline abgedeckt (TANAP). Die TAP hingegen verläuft konkret von der griechischen Stadt Komotini aus nach Pulien in Italien. Die TANAP hat eine Länge von 1.850 Kilometer und die TAP hat eine Länge von 870 Kilometer. Griechenland ist ein wichtiges Land der Nato-Südflanke. Deshalb will die Obama-Regierung auch ein Ausscheiden des Landes aus dem Euro mit allen Mitteln verhindern. Die Regierung in Athen weiß, dass die Griechenland-Rettung vom Wohlwollen der Amerikaner abhängt, die beim IWF und in Brüssel einflussreich sind.

Die TAP und die TANAP sind aus US-amerikanischer Sicht zwei energiepolitisch wichtige Projekte, die zuvor in direkter Konkurrenz zur russischen Pipeline Turkish Stream standen. Seit dem Abbruch des Baus von Turkish Stream bleibt das US-Projekt als einzige Alternative für die Gasversorgung Europas entlang des südlichen Korridors übrig. Damit erhalten die USA die Möglichkeit, die faktische Monopolstellung Russlands bei der Gasversorgung Europas zu brechen.

Zudem wollen US-amerikanische Fracking-Produzenten in den EU-Markt eindringen und  ihre Stellung ausbauen, um Russland auch über diesen Schritt soweit wie möglich aus dem Markt zu verdrängen. Die USA haben im April erstmals Gas nach Europa geliefert. Ein US-Tanker in legte in Portugal an.

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Erdogan droht Merkel mit Aufkündigung des Flüchtlings-Deals
Erdogan droht Merkel mit Aufkündigung des Flüchtlings-Deals
Der Deal von Bundeskanzlerin Merkel mit der Türkei steht auf der Kippe. Der türkische Präsident Erdogan sagte, die Türkei werde keine Flüchtlinge zurücknehmen, wenn die Visafreiheit nicht kommt. Erdogan beklagte außerdem, dass er bis heute keine Geld von der EU…
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Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. (Foto: dpa)

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat in der Flüchtlingskrise mit einem Bruch der Abmachungen mit der EU gedroht. Ohne Fortschritte im Streit um die EU-Visumfreiheit werde er das Abkommen mit der EU zur Rücknahme von Flüchtlingen ab 1. Juni nicht in Kraft treten lassen, sagte Erdogan zum Abschluss des UN-Nothilfegipfels am Dienstag in Istanbul. In diesem Fall werde das türkische Parlament den entsprechenden Beschluss nicht ratifizieren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am Montag nach einem Gespräch mit Erdogan in Istanbul deutlich gemacht, dass der angestrebte Termin für die Visumfreiheit zum 1. Juli nicht mehr haltbar ist. Hintergrund ist die Weigerung Erdogans, die Anti-Terror-Gesetze der Türkei zu reformieren. Das ist aber eine Voraussetzung der EU, um die Visumpflicht für Türken bei Reisen in den Schengen-Raum aufzuheben.

Erdogan bezieht sich auf ein Abkommen mit der EU zur Rücknahme von Flüchtlingen und zur Visaliberalisierung von Ende 2013. Darin war ursprünglich die Rücknahme von Flüchtlingen aus Drittstaaten erst ab Oktober 2017 vorgesehen. Bei Erdogans Drohung vom Dienstag dürfte es um eine Vereinbarung der EU und Ankaras gehen, die Rücknahme durch die Türkei auf den 1. Juni diesen Jahres vorzuziehen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) wollte auf die Androhung des türkischen Staatspräsidenten Erdogan zunächst nicht reagieren. «Das möchte ich jetzt nicht kommentieren, zumal ich das jetzt auch nur aus der Presse gehört habe», sagte de Maizière am Dienstag am Rande der Klausur der Bundesregierung in Meseberg bei Berlin.

Die Rücknahme von illegalen Migranten durch die Türkei erfolgt derzeit nicht im Rahmen des Ende 2013 vereinbarten Abkommens. Sie ist im EU-Flüchtlingspakt im März als Sofortmaßnahme in der Krise verabredet worden. Diese Rücknahme läuft auf Grundlage eines Abkommens zwischen der Türkei und Griechenland und erstreckt sich nur auf die griechischen Ägäis-Inseln. Vom 1. Juni an sollten Flüchtlinge aus Drittstaaten auf Basis des breiter gefassten Rücknahmeabkommens zwischen der EU und der Türkei von Ende 2013 zurückgeschickt werden.

Merkel hatte am Montag weitere Gespräche mit der Türkei angekündigt. Erdogan sagte am Dienstag, unter anderem der türkische Außenminister werde die Visumverhandlungen mit der EU nun weiterführen. Sollten die Gespräche keine Resultate bringen, werde vom Parlament in Ankara «kein Beschluss und kein Gesetz bezüglich des Rücknahmeabkommens und des Implementierungsprozesses verabschiedet werden».

Erdogan warf der EU erneut vor, die Reform der Anti-Terror-Gesetze erst nachträglich gefordert zu haben. Exakt diese Forderung ist aber bereits Teil des Abkommens von Ende 2013 gewesen, das Erdogans Regierung mit der EU abgeschlossen hatte. Erdogan hatte das Abkommen – damals noch als Ministerpräsident – einen «Meilenstein» genannt.

Erdogan sagte am Dienstag mit Blick auf die EU: «Sie sollen uns nicht ständig Kriterien aufzwingen. Das hier ist die Türkei.» Der Präsident warnte: «Das kann man bis zu einem gewissen Punkt tolerieren und bis zu einem gewissen Punkt aushalten. Aber nachdem sie es bis zu einem gewissen Punkt ausgehalten hat, fasst die Türkei einen endgültigen Entschluss. Und nachdem sie den Entschluss gefasst hat, dann, nichts für ungut, sagen wir: Denkt doch Ihr jetzt nach.»

Merkel hatte am Montag gesagt, sie habe Erdogan deutlich gemacht, dass der Weg zur Visumfreiheit auf den 72 Bedingungen beruhe, die bereits Ende 2013 verabredet gewesen seien. Ankara müsse alle Punkte erfüllen. Im Zuge der Verhandlungen über ihren Flüchtlingspakt hatten die EU und die Türkei verabredet, die für Oktober geplante Visafreiheit auf den 1. Juli vorzuziehen. Die 72 Bedingungen würden allerdings auch für den späteren Oktober-Termin gelten.

Trotz Sanktionen: Russland beschafft sich Geld am Kapitalmarkt
Trotz Sanktionen: Russland beschafft sich Geld am Kapitalmarkt
Der internationale Kapitalmarkt zeigt sich von den Sanktionen gegen Russland unbeeindruckt: Russland hat am Dienstag erfolgreich eine Anleihe begeben. Dies bedeutet, dass die Investoren die Risiken in Russland für überschaubar halten.
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Russlands Präsident Wladimir Putin. (Foto: dpa)

Russlands Präsident Wladimir Putin. (Foto: dpa)

Russland hat Finanzkreisen zufolge erstmals seit Beginn der Sanktionen im Ukraine-Konflikt mit einem Eurobond den internationalen Kapitalmarkt angezapft. Der Staat habe mit der Emission der Fremdwährungsanleihe 1,75 Milliarden Dollar erlöst, sagten Insider am Dienstag laut Reuters. Drei Viertel der Summe sei von ausländischen Investoren aus Europa, den USA und Asien gekommen. Die Rendite habe mit 4,75 Prozent in der Mitte der angepeilten Preisspane gelegen. Mit dem Geld kann die Regierung Löcher im Haushalt stopfen, die von den Sanktionen und der Wirtschaftskrise im Land gerissen wurden.

Zugleich war dies für Russland ein wichtiger Test, ob der Staat trotz der Sanktionen an westliches Investorengeld kommen kann. Die Strafmaßnahmen wurden nach der russischen Annexion der Halbinsel Krim 2014 verhängt. Sie verbieten zwar nicht den Handel mit russischen Staatsanleihen, sie sorgen aber für ein erhöhtes Risiko und für Unsicherheit unter den Investoren.

Volkswagen auf dem Weg zu einer Einigung mit US-Justiz
Volkswagen auf dem Weg zu einer Einigung mit US-Justiz
Volkswagen und die US-Justiz haben offenbar entscheidende Fortschritte auf dem Weg zu einem Vergleich in der Abgas-Affäre gemacht. Damit könnte sich der Konzern erheblicher finanzieller Risiken entledigen.
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Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Matthias Müller. (Foto: dpa)

Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Matthias Müller. (Foto: dpa)

Volkswagen kommt bei der Aufarbeitung der Abgasaffäre seinem Ziel einer Einigung mit den US-Behörden näher. In den Verhandlungen mit dem US-Justizministerium, der Umweltbehörde EPA, der Verbraucherschutzbehörde und den Anwälten der klagenden Autobesitzer seien erhebliche Fortschritte gemacht worden, sagte Bezirksrichter Charles Breyer am Dienstag in San Francisco. Man sei auf Kurs, um dem Gericht wie geplant bis zum 21. Juni ein endgültiges Abkommen zu präsentieren.

Europas größter Autokonzern hatte sich im April nach monatelangen Verhandlungen mit den US-Behörden auf Grundzüge eines Entschädigungsplans geeinigt. Er sieht den Rückkauf von fast einer halben Million manipulierter Dieselautos mit 2,0-Liter-Motoren und eine substanzielle Entschädigung der Autobesitzer vor. Alternativ soll den Kunden eine Reparatur angeboten werden. Über die technischen Details wird verhandelt. Richter Breyer hat der US-Regierung und Volkswagen eine Frist bis zum 21. Juni gesetzt, um einen Kompromiss auszuarbeiten.

Noch keine Lösung gibt es für die rund 85.000 Fahrzeuge mit drei Litern Hubraum. Breyer sagte, die Tests würden fortgesetzt. Einen Zeitplan nannte er nicht. Bei Fahrzeugen mit diesen Motoren war eine in den USA beanstandete Software-Funktion nicht ausreichend bei den Behörden angemeldet worden. Der von dem Ingolstädter Oberklassehersteller Audi entwickelte Dieselmotor ist in mehreren Fahrzeugmodellen der Marke Audi sowie beim VW Touareg und dem Porsche Cayenne eingebaut.

Volkswagen hatte im September auf Druck der US-Umweltbehörden zugegeben, Diesel-Abgaswerte bei Zweiliter-Dieselmotoren mit einer speziellen Software manipuliert zu haben. Weltweit sind rund elf Millionen Fahrzeuge davon betroffen.

Durch die Annäherung mit den US-Behörden ist für VW inzwischen ein großer Unsicherheitsfaktor aus dem Weg geräumt. Der Konzern rechnet einem Insider zufolge deshalb vorerst nicht mit weiteren Rückstellungen. Inzwischen sei klar, welche Strafe das US-Justizministerium wegen Verstößen gegen Umweltrecht fordere, sagte eine Person mit Kenntnis der Gespräche zu Reuters. „Uns ist bekannt, welche Summe aus heutiger Sicht auf uns zukommt.“ Die Höhe nannte die Person mit Kenntnis der Gespräche nicht. Der Insider machte jedoch klar, dass dafür keine weitere Vorsorge nötig sei. Volkswagen äußerte sich nicht. Der Konzern hatte in der Bilanz für das abgelaufene Jahr 16,2 Milliarden Euro zur Seite gelegt, um die Lasten der Dieselmanipulationen zu schultern. Dies hatte VW den höchsten Verlust in der Unternehmensgeschichte eingebrockt.

Die juristische Aufarbeitung des Skandals ist damit aber noch nicht abgeschlossen. Die Niedersachsen sind wegen der Manipulationen mit zahlreichen Schadensersatzklagen von Dieselbesitzern, Autohändlern und Investoren konfrontiert. Dieser Streit dürfte VW noch mehrere Jahre beschäftigen, bevor die Kosten auch hier absehbar sind. Auch laufen noch strafrechtliche Ermittlungen wegen der Abgasmanipulation.

USA: Sanders wirft Clinton Manipulation bei Vorwahl vor
USA: Sanders wirft Clinton Manipulation bei Vorwahl vor
Der Demokrat Bernie Sanders hat eine Neuauszählung der Stimmen in Kentucky durchgesetzt. Er bezichtigt Hillary Clinton der Manipulation: Eine enge Freundin von Clinton ist Wahlleiterin in Kentucky, Clinton siegte nur ganz knapp.
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Hillary Clinton im Wahlkampf. (Foto: dpa)

Hillary Clinton im Wahlkampf. (Foto: dpa)

Nach dem hauchdünnen Sieg Hillary Clintons bei der Vorwahl der US-Demokraten im Bundesstaat Kentucky wird das Wahlergebnis überprüft. Clintons knapp unterlegener Gegenkandidat Bernie Sanders beantragte eine Prüfung der Briefwahlunterlagen sowie der Wahlautomaten. Wie Wahlleiterin Alison Grimes am Dienstag erklärte, soll das am Donnerstagmorgen (Ortszeit) geschehen.

Sanders hatte bei der Abstimmung am 17. Mai nur mit weniger als einem halben Prozentpunkt und weniger als 2000 Stimmen Rückstand auf Clinton verloren. Jüngste Äußerungen ließen seinen Ärger über Grimes erkennen, die vor laufenden Fernsehkameras Clinton zur Siegerin erklärt hatte. Die Politikerin aus Kentucky zählt seit langem zu den Unterstützerinnen der ehemaligen Außenministerin.

Sanders liegt im Clinch mit großen Teilen der Parteiführung. Die Überprüfung der Stimmen in Kentucky bringt ihm im besten Falle einen weiteren Delegierten – sein Rückstand auf Clinton beträgt aber mehrere Hundert. Ungeachtet einiger Zugeständnisse seitens der Partei hatte Sanders kürzlich angekündigt, der Nominierungsparteitag der Demokraten im Juli in Philadelphia könnte «chaotisch» werden.

Investoren glauben nicht an einen Deal zwischen Bayer und Monsanto
Investoren glauben nicht an einen Deal zwischen Bayer und Monsanto
An den internationalen Aktienmärkten wachsen die Zweifel am Gelingen der Monsanto-Übernahme durch Bayer. Monsanto-Aktien notieren deutlich unter dem Bayer-Vorschlag. Und selbst der wurde von Monsanto als zu niedrig zurückgewiesen.
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Monsanto-Chef Hugh Grant. (Foto: dpa)

Monsanto-Chef Hugh Grant. (Foto: dpa)

Der US-Saatgutriese Monsanto hat die 62 Milliarden Dollar schwere Übernahmeofferte von Bayer als zu niedrig zurückgewiesen. Zugleich erklärte sich der Weltmarktführer am Dienstag aber offen für Verhandlungen. Das Angebot sei finanziell unangemessen und bewerte Monsanto deutlich zu niedrig, teilte Konzern-Chef Hugh Grant mit. Zudem berücksichtige es nicht ausreichend die finanziellen und regulatorischen Risiken. Monsanto sei aber bereit für Gespräche über Möglichkeiten, einen angemessen Wert für die Aktionäre zu schaffen. Einen Zeitplan dazu habe das Unternehmen allerdings noch nicht festgelegt. Bayer äußerte sich zunächst nicht dazu.

Reuters hatte zuvor bereits von mit der Sache vertrauten Personen erfahren, dass Monsanto die Offerte zurückweisen wird und mehr Geld will. Nach Monsanto-Einschätzung besteht den Insidern zufolge zwar eine industrielle Logik in einem Zusammenschluss mit dem Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern und der Deal würde auch kartellrechtliche Hürden nehmen. Die Anteilseigner verdienten aber mehr als die 122 Dollar je Aktie, die Bayer biete. Bayer-Aktien hatten darauf ihre Gewinne eingegrenzt und gingen mit einem Plus von gut drei Prozent auf 87,15 Euro aus dem Handel. Monsanto-Aktien legten nach der offiziellen Ablehnung knapp drei Prozent zu auf 108,9 Dollar, notierten aber deutlich unter der Bayer-Offerte. Dies deutete Experten zufolge auf eine Skepsis am Markt, dass es zu einem Deal kommen wird.

Sollte sich die Skepsis der Anleger durchsetzen, hätten die Märkte der Politik die Arbeit abgenommen. Die Grünen hatten am Dienstag ein Verbot des Zusammenschlusses gefordert.

Bayer hatte am Montag die Details seines Übernahmeangebots vorgelegt. Der Vorstand befinde sich mit Monsanto in konstruktiven Gesprächen und erwarte eine positive Antwort, hieß es. „Wir sind vollkommen überzeugt von unserer Offerte“, hatte Bayer-Chef Werner Baumann betont. Ob der Konzern auch eine feindliche Übernahme erwägen würde, hatte Baumann offengelassen.

Investoren kritisierten den hohen Preis. Analysten hatten bereits erwartet, dass Monsanto die Offerte zunächst zurückweisen und mehr fordern wird. Sie hatten die Übernahmepläne aber als strategisch sinnvoll bezeichnet. Gemeinsam würden Bayer und Monsanto einen weltweit führenden Anbieter für Saatgut und Pflanzenschutzmittel schaffen. Sollte der Deal erfolgreich sein, wäre es die größte Übernahme in der deutschen Wirtschaftsgeschichte vor dem Kauf des US-Autobauers Chrysler durch Daimler Benz 1998 für 40,46 Milliarden Dollar. Für Bayer wäre es zudem die größte Akquisition in der Firmengeschichte seit dem Kauf des Pharmakonzerns Schering vor zehn Jahren für 17 Milliarden Euro.

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