Großbritannien: Ärztestreik wegen 20 Prozent weniger Pension

In Großbritannien streikten vergangene Woche zehntausende Haus- und Klinikärzte. Sie protestierten gegen die ihrer Meinung nach ungerechte Neuregelung der ärztlichen Altersversorgung. Es war der erste Ärztestreik seit dem Jahr 1975.

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Premier David Cameron will die die Pensionsansprüche der Ärzte um 15 bis 20 Prozent senken. Was die Ärzte besonders aufbringt, ist jedoch nicht nur der dramatische wirtschaftliche Einschnitt, der ihnen mit dieser Regelung bevorsteht. Sie empfinden es als grobe Ungerechtigkeit, dass die Beamten keine vergleichbaren Einschnitte hinnehmen müssen, sondern im Ruhestand besser gestellt bleiben.

Vergangene Woche streikten die britischen Ärzte das erste Mal seit 37 Jahren. (Foto: TK Presse)

Vergangene Woche streikten die britischen Ärzte das erste Mal seit 37 Jahren. (Foto: TK Presse)

Der Konflikt gibt einen Vorgeschmack, wo die Bruchlinien in der Gesellschaft verlaufen, wenn sich die Krise verschärft: Wie schon in Griechenland oder Spanien zu beobachten ist, sind die freien Berufe diejenigen, die als erste und am härtesten getroffen werden. In der Regel müssen sich Ärzte heute schon zu einem Großteil mit den Finanzen herumschlagen – sei es in der Praxis, im Kampf um die Finanzierung an den Kliniken oder im ständigen Streit mit Krankenkassen und der Pharmaindustrie. Ein erfolgreicher Arzt ist heute oft nicht der, der die sicherste Diagnose stellt, sondern einer, der seinen Betrieb organisatorisch und finanziell gut führt.

Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Das Problem der Ärzte ist jedoch, dass sie es im Grunde niemals mit einem wirklich freien Markt zu tun haben: Staatliche Regulierungen im Gesundheitswesen und fortlaufend neue, gesetzliche Bestimmung machen das wirtschaftliche Umfeld der Ärzte unberechenbar und damit auch im betriebswirtschaftlichen Sinn unkalkulierbar. Hinzu kommt, dass in Krisenzeiten im Gesundheitswesen, das bisher besonders stark vom staatlichen Interventionen geprägt ist, die Krise voll durchschlägt: Wenn Versorgungsleitungen gekürzt werden, sind die Ärzte diejenigen, die mit den Auswirkungen konfrontiert werden. Schon heute braucht es ein hohes Ethos, Patienten zu versorgen, obwohl der Arzt weiß, dass das Kassen-Kontingent eigentlich ausgeschöpft ist und er im Grunde für Gottes Lohn tätig ist. In Griechenland hat die Krise dazu geführt, dass viele Ärzte und Krankenhäuser schon seit Monaten unentgeltlich arbeiten. Ihre heroische Begründung: Ihr Eid verpflichte sie, den Patienten zu helfen, wenn sie krank sind – und nicht nur, wenn diese auch zahlen können.

Das Problem in Großbritannien weist schon auf die nächste Eskalationsstufe hin: Als Freiberufler müssen die Ärzte Vorsorge für das Alter treffen. Viele Vermögen sind durch die Krise gefährdet, wie viele vernichtet werden, kann noch keiner sagen. Die Inflation trägt dazu bei, dass die Ärzte in ihrer wirtschaftlichen Existenz nicht selten ernsthaft bedroht sind – und das komplett ohne eigenes Verschulden.

Wenn nun die Regierung Cameron aus purer Machtpolitik die Beamten, deren Bedeutung für die Gesellschaft in keinem Verhältnis zu jener der Ärzte steht, gegenüber den Medizinern bevorzugt, dann riskiert Cameron einen fundamentalen Bruch in der Gesellschaft – mit fatalen Folgen: Denn anderes als die Verwaltung der Macht (durch die Beamten) ist die Heilung von Krankheiten ein Handwerk, das Fachkenntnis erfordert. Die alternden Gesellschaften in Europa werden nicht weniger, sondern mehr von dieser Fachkenntnis in Anspruch nehmen wollen. Man braucht indes keine besonderen Gaben, um die Folgen dieser Diagnose zu benennen.

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