KPMG: „Rückabwicklung der Euro-Einführung“ als Alternative zum Sofort-Austritt

KPMG-Vorstand Michael Kozikowski schlägt eine sanfte Rückabwicklung des Euro in Staaten vor, die die Bedingungen einer echten Wirtschaftsunion nicht erfüllen können. Doch selbst wenn die EU ihre Krise überwindet – was Kozikowski erwartet – wird Europa mittelfristig an Gewicht in der Welt verlieren.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wenn man in diesen Tagen die aktuellen Wirtschaftsnachrichten hört, muss man mit dem Schlimmsten rechnen. Kommt der ökonomische Weltuntergang?

Michael Kozikowski, Mitglied des Vorstands von KPMG (Foto: KPMG)

Michael Kozikowski, Vorstand von KPMG (Foto: KPMG)

Michael Kozikowski: Das steht eher nicht zu erwarten. Ökonomische Krisen sind generell zentrales Element eines freien Wirtschaftssystems. Das besondere an der gegenwärtigen Krise ist jedoch eine Überlagerung von Staatsschuldenkrise und Krisensymptomen eines auslaufenden „langen“ Wirtschaftszyklus, dem IT-Zyklus , gekoppelt mit einem gesellschaftlichen Wandel hin zu einer an Nachhaltigkeit, Partizipation und Kollaboration orientierten Gesellschaft. Hierfür gibt es auch historisch betrachtet keinen „Masterplan“. Umso wichtiger ist es, Transparenz über die zur Verfügung stehenden Reaktionsmechanismen und deren Konsequenzen zu schaffen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Europa ist besonders im Fokus der Märkte. Was ist in Europa falsch gelaufen?

Michael Kozikowski: Zunächst müssen wir leider anerkennen, dass das Gewicht Europas in der Welt mittelfristig abnehmen wird. Der historische Irrtum war möglicherweise, dass man – durchaus in bester Absicht und vor dem Hintergrund einer gut funktionierenden Wirtschaftsunion – versucht hat, den zweiten Schritt vor dem ersten zu zugehen, nämlich eine Währungsunion vor der politischen Union zu schaffen. Es wäre aber zu einfach, jetzt mit dem Finger auf andere zu deuten, denn die Erfahrungen mit unserer Wirtschaftsunion waren und sind ja sehr positiv. Es ist aber auch wichtig, sich spätestens jetzt die „Gretchenfrage“ zu stellen: Wollen wir die politische Union wirklich und wenn ja um welchen Preis?

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sollen wir sie wollen?

Michael Kozikowski: Unter dem Blickwinkel der Veränderungen der wirtschaftlichen Triebfedern vom Atlantik hin zum Pazifik und damit einhergehend der Veränderung der politischen Kräfte sollte an sich die Frage nach einer politischen Union in Europa nicht mehr gestellt werden. Die Herausforderung wird sein, ein tragfähiges europaweites Bündnis zu etablieren, welches den regionalen Besonderheiten und Anforderungen Rechnung trägt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: War der Euro aber nicht zu sehr ein Kunstprodukt? Können so unterschiedliche Volkswirtschaften dieselbe Währung haben?

Michael Kozikowski: Mit Einführung des Eurobargelds bestand in etwa Währungsparität zum US-Dollar. Das Problem war also nicht eine „künstliche“ Währungsfestlegung. Die Probleme entstanden vielmehr erst in der Folgezeit, als die nationalen Volkswirtschaften sich aufgrund von Land zu Land unterschiedlicher Strukturreformen eben auch unterschiedlich entwickelten. Auf Dauer kann dies eine Währungsunion ohne gleichzeitige politische Union nicht aushalten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wenn aber einzelne Staaten nun partout nicht in die Union passen: Wie kann der Austritt eines Landes erfolgen?

Michael Kozikowski: Ich halte wenig von spektakulären Sofortmaßnahmen. Sollte der Austritt eines Landes unvermeidbar sein, muss man sich auch über die politischen Konsequenzen im Klaren sein. Ein Austritt sollte dann über einen längeren Zeitraum erfolgen, zum Beispiel zunächst mit der Einführung einer Parallelwährung. Letztlich also eine Rückabwicklung der Euroeinführung. Der Euro ist ja auch nicht über Nacht entstanden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Rolle wird Europa in den kommenden Jahren in der Weltwirtschaft spielen?

Michael Kozikowski: Das relative Gewicht Europas wird allein schon aufgrund der demographischen Entwicklung abnehmen. Wenn wir mit der gegenwärtigen Krise verantwortungsvoll umgehen, bedeutet dies aber nicht, dass wir Wohlstandverluste hinnehmen müssen. Europas Waren und Dienstleistungen sind in der Welt hoch anerkannt und ich sehe keinen Grund, warum sich das ändern sollte. In Europa wird sich – im Gegensatz zu Asien– die Entwicklung beschleunigen, dass wir die Gestaltung unserer Arbeitswelt an einem immer knapper werdenden „Humankapital“ ausrichten müssen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Das Problem der Krise ist, dass sie global ist – die Amerikaner haben mit 100% eine deutlich höhere Staatsverschuldung als Deutschland. Werden wir hier einen Crash erleben?

Michael Kozikowski: Zumindest mittelfristig glaube ich das nicht. Amerika hat eine im Vergleich zu Europa günstigere demographische Entwicklung, kann sich also grundsätzlich auch mehr Schulden „leisten“. Zudem sagt die Staatsschuldenquote an sich auch noch nichts über die Krisenanfälligkeit eines Landes aus. Beispielsweise hat Japan seit vielen Jahren mit rd. 200% seiner Wirtschaftsleistung eine selbst für europäische Verhältnisse astronomische Staatsverschuldung. Allerdings sind dort die Staatsschulden eher im Land finanziert und vor allem sind die USA und Japan im Gegensatz zu Europa halt auch eine politische Union.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Asien haben wir zwar immer noch gute Wachstumsraten, aber das Problem der Korruption. Welche Rolle wird Asien spielen?

Michael Kozikowski: Der Wirtschaftsraum Asien ist noch sehr heterogen. China kann durchaus in seine historische Vormachtstellung wieder hineinwachsen, aber nur wenn es gelingt Korruption und wirklich freie und wettbewerbsfähige Wirtschaftssysteme zu etablieren. Das sehe ich im Augenblick noch etwas zurückhaltend. Zudem ist China – bedingt durch die seinerzeitige „1-Kind Politik“ – die mit am schnellsten alternde Volkswirtschaft der Welt. Ich denke daher, dass die Bedeutung Asiens weiter zunehmen wird, in ihrer Dynamik aber deutlich überschätzt wird.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Afrika ist etwas aus dem Blick geraten – was können wir von Afrika erwarten?

Michael Kozikowski: Es fragt sich, aus wessen Blick Afrika geraten ist – aus dem Blick der Medien? Denn global betrachtet ist Afrika schon heute eine Rohstoff-Supermacht, was einigen Investoren durchaus bewusst ist. Der Schlüssel für eine breite wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung wird dort der Zugang zur Informationstechnologie sein. Wenn dies gelingt, sehe ich für Afrika eine sprunghafte Entwicklung in den nächsten 20 Jahren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Deutschland ist der Mittelstand der Träger der Wirtschaft. Wogegen muss sich der Mittelstand besonders wappnen, wenn die Weltwirtschaft unter Druck gerät?

Michael Kozikowski: Für Teile des Mittelstands wird unverändert der Zugang zu sachgerechten Finanzierungsquellen ein Problem bleiben. Dies ist aber nicht allgemein der Fall. Ich sehe hier die Gewinnung von Nachwuchskräften als mittelfristig das größere Problem. Wenn es mittelständischen Unternehmen gerade in der Krise gelingt, ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern, könnten diese Unternehmen abermals als Gewinner aus einer weltwirtschaftlichen Krise hervorgehen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sind Familienunternehmen besser gerüstet als börsennotierte Unternehmen, weil sie sich zeitweise von den Märkte abkoppeln können?

Michael Kozikowski: Familienunternehmen haben sicherlich den Vorteil, sich einerseits mit börsennotierten Unternehmen messen und vergleichen zu können, andererseits aber nicht jede kapitalmarktgetriebene Über- oder Untertreibung mitmachen zu müssen. Ich glaube aber auch, dass die alten Denkmuster so nicht mehr stimmen. Viele auch sehr große börsennotierte Unternehmen haben Eigenschaften eines Familienunternehmens und umgekehrt und das ist auch gut so.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Deutschland wird älter – wie wird dieses Problem die Lage in Deutschland beeinflussen?

Michael Kozikowski: Unsere Arbeitswelt wird sich deutlich ändern. Wir können nicht darauf hoffen, unsere demographischen Probleme nur durch Zuwanderung oder Internationalisierung zu lösen. Als Bismarck erste Elemente einer sozialen Sicherung einführte, lebten die Menschen nach dem Ausscheiden aus ihrem Berufsleben nur noch wenige Monate. Ein solches System war natürlich auch entsprechend einfach zu finanzieren. Wir werden uns also daran gewöhnen müssen, ein Leben lang zu arbeiten und denjenigen, die dies auch wollen, entsprechend altersgerechte Arbeitsweisen zu ermöglichen. Ich persönlich finde dies eine sehr spannende Perspektive, die allerdings auch ein erhebliches gesellschaftliches Umdenken erfordert. Denn es geht darum, die Potenziale der wenigen und immer älteren Menschen zur Entfaltung kommen zu lassen. Damit geht auch einher, dass wir uns von unseren alten Denkmustern zu verabschieden, aus tradierten Routinen auszubrechen und Lösungen zu finden, die sich nicht an den bestehenden Konventionen orientieren, sondern vielmehr an der Funktion.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Technologie war stets einer der Treiber der Innovation. Sehen Sie neue Technologien, die vielleicht auch wieder Arbeitsplätze schaffen und nicht nur die Effizienz verbessern?

Michael Kozikowski: Wenn ich Ihnen diese Frage eindeutig beantworten könnte, könnten Sie mich vermutlich in 10 Jahren auf der Liste der Forbes 500 finden;-))). Nein im Ernst: Der derzeitige Wirtschaftszyklus der IT- und Kommunikationstechnologie neigt sich dem Ende zu und geht in den „Normalbetrieb“ über. Ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren den Beginn eines neuen langen Innovationszyklus sehen werden, dessen Treiber unterschiedliche Formen der nachhaltigen Energiegewinnung und -verwendung sein werden. Ich meine damit weniger die derzeit diskutieren alternativen Energien, diese können bestenfalls ein erster Anfang sein. Ich denke, dass wir hier sehr spannenden Zeiten entgegen gehen.

Michael Kozikowski ist Mitglied des Vorstands bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und dort für Markets und Familienunternehmen zuständig.


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