Armut belastet Gesundheitssystem in Nordrhein-Westfalen

Das deutsche Gesundheitssystem bekommt die Folgen einer steigenden Armut zu spüren. Vor allem im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen kann man erkennen, dass es eine Korrelation von sozialen und wirtschaftlichen Faktoren mit der Belastung für das Gesundheitssystem gibt.

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In einer Untersuchung hat die Barmer GEK ermittelt, dass in keinem deutschen Bundesland so viele Krankenhaustage zu verzeichnen sind wie in Nordrhein-Westfalen: Mit 2068 Krankenhaustagen im Jahr 2011 liegt NRW damit klar an der Spitze im bundesdeutschen Vergleich und deutlich mehr als etwa in Rheinland-Pfalz (1957 Tage) oder Baden-Württemberg (1666 Tage). Die lange Verweildauer ist besonders bemerkenswert, weil es in Nordrhein-Westfalen mit 228 Krankheitsbehandlungen je 1000 Versicherungsjahre weniger Fälle gab, als etwa in Sachsen-Anhalt (230) oder Thüringen (234).

Die Krankenkassen – neben der Barmer äußerte auch die AOK Rheinland Kritik – sehen die Schuld bei den Krankenhäusern: Es gäbe eine Überkapazität von 15.000 Klinik-Betten in NRW, daher behielten die Kliniken die Patienten länger im Krankenhaus oder bieten überflüssige Operationen und Untersuchungen an. Die Begründung der Krankenhausgesellschaft NRW (KG NW) deutet jedoch einen möglichen anderen Grund an: Die Zahl der Betten sage nichts aus, schließlich würden Kliniken nicht nach Liegezeiten, sondern nach Fallpauschalen bezahlt.

Vor allem aber, so zitiert die Rheinische Post einen Sprecher, habe die höhere Verweildauer „sozioökonomische“ Gründe: „Wir haben gerade im Ruhrgebiet viele Arbeitslose und Arme.“ Bei ihnen sei das Krankheitsrisiko höher, daher gäbe es eine höhere Belastung für das Gesundheitswesen.

Vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Dennoch wirft die Debatte ein Schlaglicht auf die spezielle Situation in NRW. Nach den finanziellen Problemen vieler Städte und Kommunen dürfte sich in der Tat auch schon bald im Gesundheits-System der wirtschaftliche Niedergang in der einstigen Industrie-Hochburg des Ruhrgebiets niederschlagen. Dass die Kassen Alarm schlagen ist verständlich: Wenn es mehr Arme und Arbeitslose gibt, sinken die Einnahmen für die Gesundheitsversorgung, während die Einrichtungen stärker in Anspruch genommen werden.

Dennoch scheint es in NRW auch vonseiten der Krankenhaus-Betreiber immer noch eine starke Tradition der maximalen Rundum-Versorgung zu geben. Allein mit der Armut kann insbesondere der Unterschied zu den ostdeutschen Bundesländern nicht erklärt werden – dort ist die Arbeitslosigkeit noch höher. Bezeichnend ist in dieser Hinsicht die Erklärung des NRW-Sprechers zur grundsätzlichen Philosophie der KG NW: „NRW-Kliniken entlassen die Patienten eben erst, wenn sie auch gesund sind.“ Das ist schön – solange man es sich leisten kann. Angesichts der hohen Verschuldung von NRW sollten sich die staatlichen Kliniken jedoch darauf vorbereiten, wie man auf eine weitere Verschärfung der Krise reagieren will. Das Beispiel Griechenland hat gezeigt, dass das Gesundheitswesen in Rezession oder gar Depression als erstes zum Kollaps neigt. In diesem Fall gilt: Wer zu lange mit Reformen wartet, den bestraft die Geschichte.

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