RSS

Max Otte: „Goldman Sachs sitzt im Zentrum des Systems der Macht“

Für die Finanzindustrie ist die Krise gut, weil sich daran richtig verdienen lässt - glaubt Max Otte. Einen unheilvollen Beitrag zur allgemeinen Verwirrung leisten jene dogmatischen Ökonomen, die die Welt nach Modellen erklären - obwohl es in der Realität ganz anders läuft. Die Komplexität nutzt einer kleinen Macht-Elite, in deren innerstem Kern Goldman Sachs sitzt.

Ihren XING-Kontakten zeigen
abo-pic

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Mit dem kritischen Brief von mehr als 150 Ökonomen an die Bundesregierung zum Thema Eurorettung kam es Anfang Juli zu einer bemerkenswerten Entwicklung in der öffentlichen Debatte über die Finanz- und Wirtschaftspolitik. Wie nehmen Privatleute und mittelständische Unternehmen Ihrer Meinung nach die aktuelle Krise wahr?

Prof. Dr. Max Otte (Foto: IFVE)

Prof. Dr. Max Otte (Foto: IFVE)

Max Otte: Mittelständler und Private wissen, was schiefläuft, und nehmen wahr, dass in der Wirtschaftspolitik viele Dinge nicht richtig laufen. Das, was oft als Populismus abgetan wird, ist eigentlich ein guter Instinkt. Aber nach 5 Jahren Krise sind viele so stark verunsichert, dass einfach die Nerven blank liegen. So ist neben dem allgemeinen Gefühl, dass etwas schiefläuft, eine umfassende Bewertung für viele schwer.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Selten waren die Entwicklungen der Wirtschaft in Massenmedien so präsent wie im Verlauf der Eurokrise. Hat die Krise das Interesse der Menschen in Europa für die Wirtschaft gesteigert oder wenden sie sich eher resigniert ab?

Max Otte: Die Menschen sind schon interessierter. Der Informationsstand über Wirtschaftsthemen ist bei Privatleuten höher als vor 10 oder 20 Jahren. Die Deutschen haben da schon etwas gelernt und sind informierter geworden. Aber die Politik kommt auch ständig mit neuen Deutungen und einer unterschwelligen Panik. Insgesamt weiß man zwar mehr, aber man wird bombardiert mit widersprüchlichen Deutungen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie gehen also davon aus, dass die Deutschen heute mehr über Wirtschaft wissen?

Max Otte: Deutlich mehr. Wirtschaftsthemen spielten im Lande Goethes lange keine wichtige Rolle. Man ging zwar zu seiner Firma und machte dort seine Arbeit, hatte aber sonst eher kulturelle Interessen. Da hat sich in den letzten 10 Jahren wirklich viel getan.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wird die Bevölkerung ausreichend und richtig über Entwicklungen und bevorstehende Entscheidungen in der Politik informiert?

Max Otte: Der Informationsfluss ist gesteuert von Interessen. Noch nicht einmal der Bundestag wird richtig informiert, wie soll da die Bevölkerung richtig informiert werden? Über unsere Köpfe hinweg werden schlimme Entscheidungen getroffen, die unsere Demokratie gefährden und deren wirtschaftliche Folgen unabsehbar sind. Da wird viel mit Angst gearbeitet. Es heißt beispielsweise, es wäre schrecklich, würde Griechenland den Euro verlassen. Dabei wäre dies der erste Schritt zur Gesundung der Eurozone.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wessen Interessen bestimmen denn die Entscheidungen und den Informationsfluss? Sind das jene der Politiker …

Max Otte: Die Politiker fühlen sich sicher wohl, weil sie sich so wichtig machen können. Die internationalen Finanzinstitute verdienen teilweise auch an der Krise – wie etwa die Deutsche Bank, Hedgefonds oder Private-Equity-Firmen. Für die sind die Volatilität auf den europäischen Märkten und eine Verunsicherung der Bevölkerung eigentlich gut. Bei den griechischen Privatisierungen etwa werden die auch wieder mitkassieren. Und letztlich auch die USA, die kein Interesse an einer starken Eurozone haben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Krisenpolitik in Wirtschaftsfragen ist nicht erst durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) eng verbunden mit Fragen der europäischen Integration und der Wahrung demokratischer Prinzipien. Verfügt die Bevölkerung über das nötige Wissen, um diese Fragen richtig einordnen zu können?

Max Otte: Den ESM können die meisten schon richtig einordnen. Sie ordnen ihn anders ein als die politische Elite. Wir haben einen Spalt zwischen Bevölkerung und Eliten: Die Bevölkerung will den ESM nicht, die Eliten wollen ihn. Das kann man so pauschal sagen. Dass das eine Einschränkung Deutschlands ist, eine Belastung und verfassungsrechtlich höchst bedenklich, das haben die meisten schon mitgekriegt. Zumindest die, die sich dafür interessieren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Es wäre also gar nicht so schwer, diese Problemfelder klar und deutlich zu kommunizieren, aber es besteht kein tatsächliches Interesse daran?

Max Otte: Wir müssen erst einmal die Zahl der Ökonomen um 3/4 oder noch mehr reduzieren. Denn die sind für den größten Teil der Verwirrung verantwortlich. Die meisten Ökonomen heutzutage sind scholastisch-dogmatische Marktökonomen, die an quantitative Modelle glauben. Je mehr wir von denen haben, desto größer ist die Verwirrung. Man müsste das Augenmerk wieder stärker auf die politische Ökonomie richten. Es ist Tatsache, dass es Interessen von Staaten, Industrien und anderen Akteuren gibt. Markt und Macht sind zwei Seiten einer Medaille. Es gibt keinen machtfreien Markt. Deshalb verfolge ich den Ansatz der politischen Ökonomie von Friedrich List, Karl Marx, Max Weber oder Werner Sombart. Man kann auch die konkreten und gesellschaftlichen Machtbedingungen von Debatten offenlegen. Das war früher die Aufgabe kritischer Sozialforschung gewesen. Die modernen Ökonomen widmen sich dem so gut wie nicht.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Müsste auch in der Bildung und in der Forschung eine Rückbesinnung auf ältere wirtschaftstheoretische Prinzipien stattfinden?

Max Otte: Ja, in der Forschung braucht es eine Wiederentdeckung der Wirtschaftsgeschichte und der politischen Ökonomie, und in der Bildung könnte man das natürlich auch lehren. Die Ökonomen machen eben Partialmodelle und damit können sie so lange rechnen, bis sie fast alles beweisen können. Ein anderer bestimmt ein paar Parameter anders und beweist dann das Gegenteil. Viele Dinge wären einfacher, wenn man sich hinter den Debatten auch die Machtstrukturen und Interessen anschauen würde. Das hat nichts mit Verschwörungstheorien, sondern mit kritischer Sozialwissenschaft zu tun.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Erleben Sie das so ‒ dass man schnell in die Ecke der Verschwörungstheoretiker gedrängt wird, wenn man diesen Ansatz verfolgt?

Max Otte: Ich konnte das für mich bisher vermeiden. Mein Argument ist immer, dass die kritische Analyse von Machtstrukturen die ureigene Aufgabe von kritischen Sozialwissenschaften ist. Dass es eine „Nahrungskette“ von der Deutschen Bank über Goldman Sachs nach unten gibt und dass Goldman Sachs letztendlich im Zentrum dieses Systems sitzt, das ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine konkrete Machtstruktur. Wenn sich 5 oder 6 Akteure im Hinterzimmer zusammensetzen und einen Masterplan ausdenken würden – das wäre Verschwörung.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Der Mittelstand hat das Gefühl, die Hauptlast für Deutschlands Krisenpolitik zu tragen. Es regt sich hier zunehmend Widerstand. Kann oder muss auf mittelständische Unternehmen mehr Rücksicht genommen werden?

Max Otte: Es gibt einen Systemkrieg der großen Konzerne und der Politik gegen den Mittelstand. Im 20. Jahrhundert gab es letztlich einen Konflikt des angelsächsischen Kapitalmarktsystems gegen das bank- und kreditorientierte deutsch-österreichisch-schweizerische System. Wir hatten seit circa 1850 ein System, das genau das gemacht hat, was es eigentlich soll: lokale Ersparnisse über Kredite den lokalen Unternehmen zur Verfügung stellen. Das Kreditgeschäft ist ein schwieriges. Wenn das Vertrauen da ist, wie in Deutschland, dann funktioniert es. Aber da geht es zunächst mal darum, langfristig und nachhaltig Dinge zu prüfen und die verliehene Summe wieder zurückzubekommen. Dann bekommt man ein paar Prozent oben wieder drauf.

Das ist natürlich nicht so sexy wie das Kapitalmarktgeschäft. Aber Mitteleuropa war durch ein kreditorientiertes System geprägt, das im Prinzip bis in die 80er hinein erhalten blieb. Unser Banken- und Sparkassensystem funktioniert eigentlich gut. Doch wenn man das immer weiter belastet, wird es zerstört. Das passiert durch Auflagen, obwohl die eigentlich genug Eigenkapital und auch keine großen Risiken haben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Meinen Sie damit die Basel-III-Bestimmungen?

Max Otte: Sparkassen und Geschäftsbanken müssen mit denselben Auflagen leben wie die großen Investmentbanken. Damit macht man dieses System kaputt. Noch paradoxer kann es nicht gehen. Aber das traut sich kein deutscher Politiker zu sagen. Das geht über Basel, London oder Brüssel. Wir haben eine Anti-Mittelstands-Politik, das ist ganz klar.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Viele sehen ihre Interessen nicht mehr richtig vertreten. Sie wollen mehr mitbestimmen und beginnen, sich zu organisieren. Gibt es für solche Gruppen Spielraum und Möglichkeiten, in die europäische Krisenpolitik mit einzugreifen, und wäre dies sinnvoll?

Max Otte: Wenn wir unser System – unsere soziale Marktwirtschaft und unser kreditorientiertes Bankensystem – retten wollen, dann brauchen wir eine Koalition aus Mittelstand, Gewerkschaften, Volksbanken, Raiffeisenbanken, Sparkassen und Bürgerinnen und Bürgern. Dann kann das klappen. Aber auch hier geht es wieder um Machtstrukturen. Ein Beispiel sind die Familienunternehmen, die sich sehr gut organisieren. Aber das reicht noch nicht, da braucht es eine größere Koalition.

 

Dr. Max Otte ist Professor für quantitative und qualitative Unternehmensführung am Institut für Unternehmensführung und Entrepreneurship der Karl-Franzens-Universität in Graz.

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***


Bau einer US-Pipeline: Griechenland muss im Euro bleiben
Bau einer US-Pipeline: Griechenland muss im Euro bleiben
Die Euro-Staaten werden Griechenland 10,3 Milliarden Euro überweisen, damit das Land seine Schulden bei der EZB bedienen kann. Die Einigung geschieht vor allem auf Druck der USA: In Griechenland hat der Bau einer neuen US-Pipeline begonnen. Washington will die Stabilität…
abo-pic
Alexis Tsipras und der türkische Energieminister Berat Albayrak beim Spatenstich für die TAP-Pipeline. (Foto: dpa)

Alexis Tsipras und der türkische Energieminister Berat Albayrak beim Spatenstich für die TAP-Pipeline. (Foto: dpa)

Die Finanzminister der Eurozone haben am Dienstag bis in den späten Abend über weitere Finanzhilfen für das hoch verschuldete Griechenland verhandelt. Nach siebenstündigen Beratungen wurden die Verhandlungen unterbrochen, um Änderungen am Entwurf für die Schlusserklärung des Treffens vorzunehmen, wie Diplomaten sagten. Im Gespräch war dabei die Auszahlung von 10,3 Milliarden Euro in zwei Tranchen bis September.

Eine erste Tranche von 7,5 Milliarden Euro solle im Juni gezahlt werden, wie mehrere Diplomaten übereinstimmend sagten. Sie könne dazu dienen, im Juli fällige Rückzahlungen an die Europäische Zentralbank (EZB) zu tätigen und auch Rückstände Athens gegenüber Gläubigern in Griechenland selbst zu begleichen.
Im September solle dann eine weitere Zahlung von 2,8 Milliarden Euro erfolgen.

Der Grund für die sich abzeichnende erneute Einigung liegt in der geopolitischen Bedeutung Griechenlands. Die USA bestehen auf einem Verbleib Griechenlands im Euro, um die Stabilität des Landes nicht zu gefährden. Die Regierung in Athen musste am Sonntag ein neues, hartes Austeritätsprogramm verabschieden.

Zugleich hat Griechenland mit dem Bau eines 550 Kilometer langen Abschnitts der Transadriatischen Pipeline (TAP) begonnen. Der erste Spatenstich wurde vergangene Woche vom griechischen Premierminister Alexis Tsipras gesetzt. Die Einweihungszeremonie fand in Thessaloniki statt. „TAP ist eines der größten ausländischen Direktinvestitionsprojekte, die in Griechenland durchgeführt wurden. Die griechische Wirtschaft braucht diese Arbeitsplätze wirklich dringend“, zitiert oilprice.org Tsipras. Griechenland erhofft sich von der TAP, das ein Projektvolumen von 1,5 Milliarden Euro hat, 8.000 neue Arbeitsplätze.

Die TAP soll im Jahr 2019 in Betrieb genommen werden. Die Pipeline wird Energieträger aus dem Gasfeld Schah Deniz 2 von Aserbaidschan über Georgien, die Türkei, Griechenland und Albanien bis nach Italien transportieren. Der Abschnitt von Aserbaidschan bis an die türkisch-griechische Grenze wird von der Transanatolischen Pipeline abgedeckt (TANAP). Die TAP hingegen verläuft konkret von der griechischen Stadt Komotini aus nach Pulien in Italien. Die TANAP hat eine Länge von 1.850 Kilometer und die TAP hat eine Länge von 870 Kilometer. Griechenland ist ein wichtiges Land der Nato-Südflanke. Deshalb will die Obama-Regierung auch ein Ausscheiden des Landes aus dem Euro mit allen Mitteln verhindern. Die Regierung in Athen weiß, dass die Griechenland-Rettung vom Wohlwollen der Amerikaner abhängt, die beim IWF und in Brüssel einflussreich sind.

Die TAP und die TANAP sind aus US-amerikanischer Sicht zwei energiepolitisch wichtige Projekte, die zuvor in direkter Konkurrenz zur russischen Pipeline Turkish Stream standen. Seit dem Abbruch des Baus von Turkish Stream bleibt das US-Projekt als einzige Alternative für die Gasversorgung Europas entlang des südlichen Korridors übrig. Damit erhalten die USA die Möglichkeit, die faktische Monopolstellung Russlands bei der Gasversorgung Europas zu brechen.

Zudem wollen US-amerikanische Fracking-Produzenten in den EU-Markt eindringen und  ihre Stellung ausbauen, um Russland auch über diesen Schritt soweit wie möglich aus dem Markt zu verdrängen. Die USA haben im April erstmals Gas nach Europa geliefert. Ein US-Tanker in legte in Portugal an.

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***

Erdogan droht Merkel mit Aufkündigung des Flüchtlings-Deals
Erdogan droht Merkel mit Aufkündigung des Flüchtlings-Deals
Der Deal von Bundeskanzlerin Merkel mit der Türkei steht auf der Kippe. Der türkische Präsident Erdogan sagte, die Türkei werde keine Flüchtlinge zurücknehmen, wenn die Visafreiheit nicht kommt. Erdogan beklagte außerdem, dass er bis heute keine Geld von der EU…
abo-pic
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. (Foto: dpa)

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat in der Flüchtlingskrise mit einem Bruch der Abmachungen mit der EU gedroht. Ohne Fortschritte im Streit um die EU-Visumfreiheit werde er das Abkommen mit der EU zur Rücknahme von Flüchtlingen ab 1. Juni nicht in Kraft treten lassen, sagte Erdogan zum Abschluss des UN-Nothilfegipfels am Dienstag in Istanbul. In diesem Fall werde das türkische Parlament den entsprechenden Beschluss nicht ratifizieren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am Montag nach einem Gespräch mit Erdogan in Istanbul deutlich gemacht, dass der angestrebte Termin für die Visumfreiheit zum 1. Juli nicht mehr haltbar ist. Hintergrund ist die Weigerung Erdogans, die Anti-Terror-Gesetze der Türkei zu reformieren. Das ist aber eine Voraussetzung der EU, um die Visumpflicht für Türken bei Reisen in den Schengen-Raum aufzuheben.

Erdogan bezieht sich auf ein Abkommen mit der EU zur Rücknahme von Flüchtlingen und zur Visaliberalisierung von Ende 2013. Darin war ursprünglich die Rücknahme von Flüchtlingen aus Drittstaaten erst ab Oktober 2017 vorgesehen. Bei Erdogans Drohung vom Dienstag dürfte es um eine Vereinbarung der EU und Ankaras gehen, die Rücknahme durch die Türkei auf den 1. Juni diesen Jahres vorzuziehen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) wollte auf die Androhung des türkischen Staatspräsidenten Erdogan zunächst nicht reagieren. «Das möchte ich jetzt nicht kommentieren, zumal ich das jetzt auch nur aus der Presse gehört habe», sagte de Maizière am Dienstag am Rande der Klausur der Bundesregierung in Meseberg bei Berlin.

Die Rücknahme von illegalen Migranten durch die Türkei erfolgt derzeit nicht im Rahmen des Ende 2013 vereinbarten Abkommens. Sie ist im EU-Flüchtlingspakt im März als Sofortmaßnahme in der Krise verabredet worden. Diese Rücknahme läuft auf Grundlage eines Abkommens zwischen der Türkei und Griechenland und erstreckt sich nur auf die griechischen Ägäis-Inseln. Vom 1. Juni an sollten Flüchtlinge aus Drittstaaten auf Basis des breiter gefassten Rücknahmeabkommens zwischen der EU und der Türkei von Ende 2013 zurückgeschickt werden.

Merkel hatte am Montag weitere Gespräche mit der Türkei angekündigt. Erdogan sagte am Dienstag, unter anderem der türkische Außenminister werde die Visumverhandlungen mit der EU nun weiterführen. Sollten die Gespräche keine Resultate bringen, werde vom Parlament in Ankara «kein Beschluss und kein Gesetz bezüglich des Rücknahmeabkommens und des Implementierungsprozesses verabschiedet werden».

Erdogan warf der EU erneut vor, die Reform der Anti-Terror-Gesetze erst nachträglich gefordert zu haben. Exakt diese Forderung ist aber bereits Teil des Abkommens von Ende 2013 gewesen, das Erdogans Regierung mit der EU abgeschlossen hatte. Erdogan hatte das Abkommen – damals noch als Ministerpräsident – einen «Meilenstein» genannt.

Erdogan sagte am Dienstag mit Blick auf die EU: «Sie sollen uns nicht ständig Kriterien aufzwingen. Das hier ist die Türkei.» Der Präsident warnte: «Das kann man bis zu einem gewissen Punkt tolerieren und bis zu einem gewissen Punkt aushalten. Aber nachdem sie es bis zu einem gewissen Punkt ausgehalten hat, fasst die Türkei einen endgültigen Entschluss. Und nachdem sie den Entschluss gefasst hat, dann, nichts für ungut, sagen wir: Denkt doch Ihr jetzt nach.»

Merkel hatte am Montag gesagt, sie habe Erdogan deutlich gemacht, dass der Weg zur Visumfreiheit auf den 72 Bedingungen beruhe, die bereits Ende 2013 verabredet gewesen seien. Ankara müsse alle Punkte erfüllen. Im Zuge der Verhandlungen über ihren Flüchtlingspakt hatten die EU und die Türkei verabredet, die für Oktober geplante Visafreiheit auf den 1. Juli vorzuziehen. Die 72 Bedingungen würden allerdings auch für den späteren Oktober-Termin gelten.

Trotz Sanktionen: Russland beschafft sich Geld am Kapitalmarkt
Trotz Sanktionen: Russland beschafft sich Geld am Kapitalmarkt
Der internationale Kapitalmarkt zeigt sich von den Sanktionen gegen Russland unbeeindruckt: Russland hat am Dienstag erfolgreich eine Anleihe begeben. Dies bedeutet, dass die Investoren die Risiken in Russland für überschaubar halten.
abo-pic
Russlands Präsident Wladimir Putin. (Foto: dpa)

Russlands Präsident Wladimir Putin. (Foto: dpa)

Russland hat Finanzkreisen zufolge erstmals seit Beginn der Sanktionen im Ukraine-Konflikt mit einem Eurobond den internationalen Kapitalmarkt angezapft. Der Staat habe mit der Emission der Fremdwährungsanleihe 1,75 Milliarden Dollar erlöst, sagten Insider am Dienstag laut Reuters. Drei Viertel der Summe sei von ausländischen Investoren aus Europa, den USA und Asien gekommen. Die Rendite habe mit 4,75 Prozent in der Mitte der angepeilten Preisspane gelegen. Mit dem Geld kann die Regierung Löcher im Haushalt stopfen, die von den Sanktionen und der Wirtschaftskrise im Land gerissen wurden.

Zugleich war dies für Russland ein wichtiger Test, ob der Staat trotz der Sanktionen an westliches Investorengeld kommen kann. Die Strafmaßnahmen wurden nach der russischen Annexion der Halbinsel Krim 2014 verhängt. Sie verbieten zwar nicht den Handel mit russischen Staatsanleihen, sie sorgen aber für ein erhöhtes Risiko und für Unsicherheit unter den Investoren.

Volkswagen auf dem Weg zu einer Einigung mit US-Justiz
Volkswagen auf dem Weg zu einer Einigung mit US-Justiz
Volkswagen und die US-Justiz haben offenbar entscheidende Fortschritte auf dem Weg zu einem Vergleich in der Abgas-Affäre gemacht. Damit könnte sich der Konzern erheblicher finanzieller Risiken entledigen.
abo-pic
Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Matthias Müller. (Foto: dpa)

Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Matthias Müller. (Foto: dpa)

Volkswagen kommt bei der Aufarbeitung der Abgasaffäre seinem Ziel einer Einigung mit den US-Behörden näher. In den Verhandlungen mit dem US-Justizministerium, der Umweltbehörde EPA, der Verbraucherschutzbehörde und den Anwälten der klagenden Autobesitzer seien erhebliche Fortschritte gemacht worden, sagte Bezirksrichter Charles Breyer am Dienstag in San Francisco. Man sei auf Kurs, um dem Gericht wie geplant bis zum 21. Juni ein endgültiges Abkommen zu präsentieren.

Europas größter Autokonzern hatte sich im April nach monatelangen Verhandlungen mit den US-Behörden auf Grundzüge eines Entschädigungsplans geeinigt. Er sieht den Rückkauf von fast einer halben Million manipulierter Dieselautos mit 2,0-Liter-Motoren und eine substanzielle Entschädigung der Autobesitzer vor. Alternativ soll den Kunden eine Reparatur angeboten werden. Über die technischen Details wird verhandelt. Richter Breyer hat der US-Regierung und Volkswagen eine Frist bis zum 21. Juni gesetzt, um einen Kompromiss auszuarbeiten.

Noch keine Lösung gibt es für die rund 85.000 Fahrzeuge mit drei Litern Hubraum. Breyer sagte, die Tests würden fortgesetzt. Einen Zeitplan nannte er nicht. Bei Fahrzeugen mit diesen Motoren war eine in den USA beanstandete Software-Funktion nicht ausreichend bei den Behörden angemeldet worden. Der von dem Ingolstädter Oberklassehersteller Audi entwickelte Dieselmotor ist in mehreren Fahrzeugmodellen der Marke Audi sowie beim VW Touareg und dem Porsche Cayenne eingebaut.

Volkswagen hatte im September auf Druck der US-Umweltbehörden zugegeben, Diesel-Abgaswerte bei Zweiliter-Dieselmotoren mit einer speziellen Software manipuliert zu haben. Weltweit sind rund elf Millionen Fahrzeuge davon betroffen.

Durch die Annäherung mit den US-Behörden ist für VW inzwischen ein großer Unsicherheitsfaktor aus dem Weg geräumt. Der Konzern rechnet einem Insider zufolge deshalb vorerst nicht mit weiteren Rückstellungen. Inzwischen sei klar, welche Strafe das US-Justizministerium wegen Verstößen gegen Umweltrecht fordere, sagte eine Person mit Kenntnis der Gespräche zu Reuters. „Uns ist bekannt, welche Summe aus heutiger Sicht auf uns zukommt.“ Die Höhe nannte die Person mit Kenntnis der Gespräche nicht. Der Insider machte jedoch klar, dass dafür keine weitere Vorsorge nötig sei. Volkswagen äußerte sich nicht. Der Konzern hatte in der Bilanz für das abgelaufene Jahr 16,2 Milliarden Euro zur Seite gelegt, um die Lasten der Dieselmanipulationen zu schultern. Dies hatte VW den höchsten Verlust in der Unternehmensgeschichte eingebrockt.

Die juristische Aufarbeitung des Skandals ist damit aber noch nicht abgeschlossen. Die Niedersachsen sind wegen der Manipulationen mit zahlreichen Schadensersatzklagen von Dieselbesitzern, Autohändlern und Investoren konfrontiert. Dieser Streit dürfte VW noch mehrere Jahre beschäftigen, bevor die Kosten auch hier absehbar sind. Auch laufen noch strafrechtliche Ermittlungen wegen der Abgasmanipulation.

USA: Sanders wirft Clinton Manipulation bei Vorwahl vor
USA: Sanders wirft Clinton Manipulation bei Vorwahl vor
Der Demokrat Bernie Sanders hat eine Neuauszählung der Stimmen in Kentucky durchgesetzt. Er bezichtigt Hillary Clinton der Manipulation: Eine enge Freundin von Clinton ist Wahlleiterin in Kentucky, Clinton siegte nur ganz knapp.
abo-pic
Hillary Clinton im Wahlkampf. (Foto: dpa)

Hillary Clinton im Wahlkampf. (Foto: dpa)

Nach dem hauchdünnen Sieg Hillary Clintons bei der Vorwahl der US-Demokraten im Bundesstaat Kentucky wird das Wahlergebnis überprüft. Clintons knapp unterlegener Gegenkandidat Bernie Sanders beantragte eine Prüfung der Briefwahlunterlagen sowie der Wahlautomaten. Wie Wahlleiterin Alison Grimes am Dienstag erklärte, soll das am Donnerstagmorgen (Ortszeit) geschehen.

Sanders hatte bei der Abstimmung am 17. Mai nur mit weniger als einem halben Prozentpunkt und weniger als 2000 Stimmen Rückstand auf Clinton verloren. Jüngste Äußerungen ließen seinen Ärger über Grimes erkennen, die vor laufenden Fernsehkameras Clinton zur Siegerin erklärt hatte. Die Politikerin aus Kentucky zählt seit langem zu den Unterstützerinnen der ehemaligen Außenministerin.

Sanders liegt im Clinch mit großen Teilen der Parteiführung. Die Überprüfung der Stimmen in Kentucky bringt ihm im besten Falle einen weiteren Delegierten – sein Rückstand auf Clinton beträgt aber mehrere Hundert. Ungeachtet einiger Zugeständnisse seitens der Partei hatte Sanders kürzlich angekündigt, der Nominierungsparteitag der Demokraten im Juli in Philadelphia könnte «chaotisch» werden.

Investoren glauben nicht an einen Deal zwischen Bayer und Monsanto
Investoren glauben nicht an einen Deal zwischen Bayer und Monsanto
An den internationalen Aktienmärkten wachsen die Zweifel am Gelingen der Monsanto-Übernahme durch Bayer. Monsanto-Aktien notieren deutlich unter dem Bayer-Vorschlag. Und selbst der wurde von Monsanto als zu niedrig zurückgewiesen.
abo-pic
Monsanto-Chef Hugh Grant. (Foto: dpa)

Monsanto-Chef Hugh Grant. (Foto: dpa)

Der US-Saatgutriese Monsanto hat die 62 Milliarden Dollar schwere Übernahmeofferte von Bayer als zu niedrig zurückgewiesen. Zugleich erklärte sich der Weltmarktführer am Dienstag aber offen für Verhandlungen. Das Angebot sei finanziell unangemessen und bewerte Monsanto deutlich zu niedrig, teilte Konzern-Chef Hugh Grant mit. Zudem berücksichtige es nicht ausreichend die finanziellen und regulatorischen Risiken. Monsanto sei aber bereit für Gespräche über Möglichkeiten, einen angemessen Wert für die Aktionäre zu schaffen. Einen Zeitplan dazu habe das Unternehmen allerdings noch nicht festgelegt. Bayer äußerte sich zunächst nicht dazu.

Reuters hatte zuvor bereits von mit der Sache vertrauten Personen erfahren, dass Monsanto die Offerte zurückweisen wird und mehr Geld will. Nach Monsanto-Einschätzung besteht den Insidern zufolge zwar eine industrielle Logik in einem Zusammenschluss mit dem Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern und der Deal würde auch kartellrechtliche Hürden nehmen. Die Anteilseigner verdienten aber mehr als die 122 Dollar je Aktie, die Bayer biete. Bayer-Aktien hatten darauf ihre Gewinne eingegrenzt und gingen mit einem Plus von gut drei Prozent auf 87,15 Euro aus dem Handel. Monsanto-Aktien legten nach der offiziellen Ablehnung knapp drei Prozent zu auf 108,9 Dollar, notierten aber deutlich unter der Bayer-Offerte. Dies deutete Experten zufolge auf eine Skepsis am Markt, dass es zu einem Deal kommen wird.

Sollte sich die Skepsis der Anleger durchsetzen, hätten die Märkte der Politik die Arbeit abgenommen. Die Grünen hatten am Dienstag ein Verbot des Zusammenschlusses gefordert.

Bayer hatte am Montag die Details seines Übernahmeangebots vorgelegt. Der Vorstand befinde sich mit Monsanto in konstruktiven Gesprächen und erwarte eine positive Antwort, hieß es. „Wir sind vollkommen überzeugt von unserer Offerte“, hatte Bayer-Chef Werner Baumann betont. Ob der Konzern auch eine feindliche Übernahme erwägen würde, hatte Baumann offengelassen.

Investoren kritisierten den hohen Preis. Analysten hatten bereits erwartet, dass Monsanto die Offerte zunächst zurückweisen und mehr fordern wird. Sie hatten die Übernahmepläne aber als strategisch sinnvoll bezeichnet. Gemeinsam würden Bayer und Monsanto einen weltweit führenden Anbieter für Saatgut und Pflanzenschutzmittel schaffen. Sollte der Deal erfolgreich sein, wäre es die größte Übernahme in der deutschen Wirtschaftsgeschichte vor dem Kauf des US-Autobauers Chrysler durch Daimler Benz 1998 für 40,46 Milliarden Dollar. Für Bayer wäre es zudem die größte Akquisition in der Firmengeschichte seit dem Kauf des Pharmakonzerns Schering vor zehn Jahren für 17 Milliarden Euro.

media-fastclick media-fastclick