Die Wandlung des IWF: Big Brother unter afrikanischer Sonne

In Afrika zeigt sich, wie der Internationale Währungsfonds (IWF) agiert: Länder werden „geheime“ Zustimmungserklärungen abgerungen, in denen sie ihre wichtigsten Vermögens- und Infrastrukturwerte, wie die Wasser-, Strom- und Gasversorgung, verkaufen. Danach wird eine radikale Änderung der bisherigen Wirtschaftspolitik erzwungen. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten beleuchten in einer Serie, wie der IWF von einer helfenden zu einer knallhart fordernden globalen Institution geworden ist.

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Als George Orwell sein Buch „1984“ schrieb, dachte er wohl nicht so sehr daran, dass seine Beschreibungen einer Kantine einmal als mittlerweile inflationär gebrauchtes Synonym für (allzu) Banales aber auch für (geradezu bedrohlich) Tief- und Hintergründiges herhalten müssten. Zur heutigen Zeit und im heutigen „Neusprech“ ( übrigens auch eine Wortschöpfung aus „1984“) hätte er somit mit seinem Großen Bruder eine sehr gut zu vermarktende Wortmarke „kreiert“.

Dem Banalen – und natürlich der „Tradition“ von Panem et Circensis Geschuldeten – ist aber in Zeiten wie diesen schon genug Raum und Zeit gewidmet worden. Hier soll es um Tief- und Hintergündiges zum Thema IWF und Afrika gehen – im eigentlichen wie im übertragenen Sinn.
Apropos Orwell: Er kreierte nicht nur die „Wortmarke“ Big Brother (Is Watching You). Er schuf auch den Begriff des „Doppeldenk“ („Double-Thinking“). In seinem Roman Nineteen Eighty-Four liest sich das dann so: „Wenn man herrschen will, so muss man fähig sein, seinen Realitätsbezug zu verschieben, denn das Geheimnis von Herrschaft besteht darin, an seine eigene Unfehlbarkeit zu glauben, und dies zu verbinden mit der Fähigkeit aus gemachten Fehlern zu lernen.“

Dies ist nun fürwahr ein guter Zeitpunkt, um sich einmal Big Brother unter der heißen Sonne Afrikas näher zu betrachten und sich der zugrundeliegenden „Philosophie“ des Doppeldenk des IWF zuzuwenden – im eigentlichen und übertragenem Sinne.

Doch der Reihe nach.

Wenn man unseren Anthropologen, Ethnologen und Archäologen trauen darf, dann begann die Menschheitsgeschichte in Afrika. Und um diesen ressourcenreichen Kontinent (Erdöl, Erdgas, Erze, Erden, Gold, Diamanten) tobt seit gut 600 Jahren ein erbitterter Ausplünderungskampf der westlichen Welt. Anfangs waren die Einwohner Afrikas das Ziel der europäischen und amerikanischen Begierden – übrigens mit den päpstlichen Bullen 1452 und 1455 recht früh schon sozusagen legalisiert -, danach aber hat die westliche Welt doch noch die Hegemonie und die anschließende Kolonisation Afrikas für sich entdeckt – wohl auch , um von den Ungleichgewichten und Verwerfungen innerhalb der eigenen Staatengebilde abzulenken. Doch jeglicher Hegemonie – auch aus antiken Zeiten bekannt – ist eines immanent: Macht. Gefolgt von Unterdrückung, wobei wohl das eine das andere bedingt.

Nach dem Ende der Kolonisationsbemühungen der westlichen Welt und der Gang der einzelnen afrikanischen Staaten in die Souveränität – manche früher, andere etwas später – wurde der schwarze Kontinent nun in die Freiheit entlassen.

Doch es drohte bereits das nächste Ungemach.

Der Rohstoffhunger der westlichen Welt (und in den letzten Jahren auch verstärkt China); ausgelöst durch die enorme Industrialisierung, des Wirtschaftswachstums – und der Wohlstandsgier – der Ersten und Zweiten Welt in den letzten 60 Jahren.

Vor gar nicht allzu langer Zeit standen bei Christine Lagarde als Vertreterin des IWF Nigeria, Guinea, Kamerun, Ghana und der Tschad auf Ihrem Afrika-Besuchsplan. Bei diesen Gelegenheiten „empfahl“ Madame Lagarde den zuständigen Regierungen die Subventionen (Zuschusszahlungen; auch „Subsidien“ genannt) zu den Treibstoffpreisen für die Bevölkerung ab sofort gänzlich zu streichen. Sozusagen über Nacht stiegen in o.g. Staaten die Preise für Erdölprodukte in astronomische Höhen (teilweise bis zu 300 Prozent). Damit wurde aber auch der – berechtigte – Unmut der Bevölkerung gegenüber der herrschenden Nomenklatura geweckt. Im westlichen Mainstream wurde „nur“ gemeldet, dass Treibstofflager und Pipelines detonierten und dass es zu gewalttätigen Demonstrationen gegen die Regierungen gekommen sei; die wirklichen Ursachen und Hintergründe dafür erfuhr man – selbstverständlich – nicht. (In Afrika spricht man seither, anfangs „ernsthaft“, mittlerweile zynisch-sarkastisch, von „Christine´s Afflictions“; am besten wohl übersetzt – und umschrieben – mit: „Die Heimsuchungen der Christine“.)

Dass den betroffenen afrikanischen Bevölkerungen das Streichen der Zuschusszahlungen („Subsisdien“) zu den Erdölprodukten – mit einer gleichzeitig einhergehenden Minderung der Gesundheits- und Sozialleistungen – verkauft wird, um eben dadurch das Bruttoinlandsprodukt und die Lebensqualität zu erhöhen, grenzt schon fast an (kabarettreifes) volkswirtschaftliches Hazard – man könnte darüber wirklich lachen, wenn es denn nicht so ernst und wahr wäre.

Die Chefin des IInternationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, und die Direktorin des IWF Afrika, Antoinette Sayeh, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Naimey, Niger, im Jahr 2011. (Foto: IMF//Stephen Jaffe)

Die Chefin des IInternationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, und die Direktorin des IWF Afrika, Antoinette Sayeh, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Naimey, Niger, im Jahr 2011. (Foto: IMF//Stephen Jaffe)

Subsidien (lat. subsidia = Hilfsmittel), Subventionen, kennt man übrigens seit der Antike; kurz gesagt: ich gib dir Geld; aber du tust dann auch, was ich und andere wollen. Natürlich werden diese „Unterstützungs- und Hilfsleistungen“ heutzutage recht subtil „angeboten“ und selbstverständlich auch subtil kontrolliert und überwacht – für nicht mit dem „Double-Thinking“ vertrauten so gut wie nicht erkennbar.) Dass beinahe alle Minister der derzeitigen Regierung Nigerias von Goodluck Jonathan ein Naheverhältnis zu internationalen Investment-Banken (unter anderem Goldman-Sachs, Morgan Stanley), internationalen Konzernen (unter anderem Glencore) und Organisationen haben, muss hier wohl nicht ausdrücklich erwähnt werden. Als Beispiel darf hierfür die Finanzministerin, Frau Ngozi Okonjo-Iweala, genannt werden, die mehr als zwei Jahrzehnte als „Entwicklungsökonomin“ und Vizepräsidentin der Weltbank tätig war.

Obwohl Nigeria täglich mehr als Millionen Barrel Rohöl für den Export fördert, ist es bis dato noch nicht gelungen, eine (für das eigene Volk dienliche und bezahlbare) Elektrizitätsversorgung aufzubauen – geschweige denn, vom Import von Subsidiär-Erdöl-Produkten aus dem Ausland unabhängig zu sein.

Aber nicht nur in Nigeria kann man diese Politik der schrittweisen – und auf den ersten Blick nicht sichtbaren – Entmachtung und des Abhängig-Machens erkennen. Im Sudan etwa vermutet man seit den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts riesige Uran- sowie Erdöl- und Erdgaslagerstätten (bei den fossilen Brennstoffen grösser als die von Iran und Saudi-Arabien zusammen). Warum im Sudan der IWF noch nicht recht Fuß fassen konnte, ist wohl der, dass der Sudan (seit Jahrhunderten) einem orthodoxen Islamismus frönt und die Akzeptanz alles Westlichen sehr, sehr gering ist.

Generell darf man aber sagen, dass sich ganz Zentralafrika mittlerweile fest und sicher in den Händen von IWF und Weltbank befinden, wobei diese „Festnahmen“ ja nicht von heute auf morgen erfolgen, sondern oft jahrzehntelange „Beratungsleistungen“ im Vorfeld vonnöten sind. Wie schon im ersten Teil dieser Beitragsserie erwähnt, kann man mit Hilfe der Ökonometrie vieles erklären (und extrapolieren) sowie auch vorzüglich erklären lassen – etwa dem Volk gegenüber -, das heißt, es ist nicht unwesentlich, wer wo an den Schalthebeln der Macht sitzt; und ob man zu diesen Lenkern auch Kontakt hat.

Wenn der IWF (oder die Weltbank) nun „zu Hilfe“ gerufen wird oder eben von sich aus aktiv wird (mit oder ohne Agenturen und Beratern), so ist immer auch ein sogenannter Stufenplan erkennbar, den die Regierungen der betroffenen Länder zu erfüllen haben – oder eben von internationalen Darlehen und Krediten (gänzlich) ausgeschlossen werden. Diese Interna (über Stufenpläne) von IWF und Weltbank wurden anlässlich eines Vortrags durch den Wirtschaftsnobelpreisträger von 2001 Joseph E. Stiglitz bekannt, der von 1997 bis 2000 als Chefökonom der Weltbank tätig war (und aufgrund von tiefgreifenden Differenzen über den zukünftigen Weg von Weltbank und IWF seines Postens enthoben wurde).

Dieses Schema, wie der angesprochene Stufenplan („geheime“ Zustimmungserklärungen, ihre wichtigsten Vermögens- und Infrastrukturwerte, wie die Wasser-, Strom- und Gasversorgung zu verkaufen, eine radikalen Änderung der bisherigen Wirtschaftspolitik sowie Zahlungen an die involvierten Politiker, damit diese gewogen sind, die Übertragung der Vermögenswerte der Länder ermöglichen), ist global bei allen bisher mit dem IWF oder Weltbank in Kontakt getretenen Ländern das gleiche. Offizielle Statements des IWF und der Weltbank zu diesen Vorhaltungen gibt es – selbstverständlich – keine. Es wurde nur auf die Agenda verwiesen, die da lautet, dass sich der IWF (und die Weltbank) der Förderung der Demokratie, der Strategie zur Armutsbekämpfung und der Hebung der Wirtschaftsleistung verpflichtet sehen …
Nur ein Land in Afrika versagte sich bisher standhaft den „Verlockungen“ des IWF und der Weltbank, und zwar Botswana (O-Ton von Joseph E. Stiglitz: „Sie sagten uns, der IWF solle sich ‚verdünnisieren‘“)

In diesem Beitrag wurde bereits die Hegemonie angesprochen – ausgehend von der westlichen Welt (von altgriechischen hēgemonía = Heerführung, Oberbefehl). Es gibt aber zwei anderen Arten von Hegemonien, die nicht minder gefährlich, einflussreich und abträglich für Gesamt-Afrika sind, und zwar die ethnische und edukative Hegemonie.

Einerseits sind hier die hegemonialen Bestrebungen der nordafrikanischen (mehrheitlich muslimischen) Länder gegenüber dem (christlichen) Süden zu sehen. Diese Länder versuchen nun schon seit Jahrzehnten innerhalb Afrikas, das Heft an sich zu reißen und zu mehr Einfluss innerhalb Afrikas und der AU (Afrikanischen Union) zu gelangen. Dass hier auch jahrhundertalte ethnische Ressentiments und Vorurteile Wurzel geschlagen haben, ist aber auch nicht von der Hand zu weisen.

Eine Art der edukativen Hegemonie ist die der Regierungen in den rohstoffreichen Ländern im Süden Afrikas ihren Bevölkerungen gegenüber. Die an der Macht Befindlichen genossen (grossteils) eine sehr gute mehrjährige „Ausbildung“ an weltweit anerkannten Elite-Universtäten und -Hochschulen sowie (anschließend) in internationalen Unternehmen – und dies nicht nur In Investmentbanken. (Zum Vergleich: Während in Gesamt-Europa nur etwa 10 Prozent der alle in der Regierung Tätigen einen Abschluss „Summa Cum Laude“ vorzuweisen haben, sind es in Gesamt-Afrika in den Regierungen mehr als 50 Prozent). Dies, sollte man nun meinen, wäre doch ein sehr guter Grundstock für die Zukunft Afrikas? Ja, wenn nur die regierenden Eliten das im Ausland erworbene Wissen auch für die Bevölkerung Afrikas einzusetzen wüssten und es nicht für selbstsüchtige oder aber für ausländische Interessen opferten … so aber verbleibt im Rest der Welt ein eher schaler Geschmack die Eliten Afrikas betreffend. (Und bei all dem sollte man aber nie aber den Aspekt des „Doppeldenk“ außer Acht lassen: Niemand kann genau sagen, wer wen wann manipuliert, oder genauer gesagt: wer wen erst manipulierbar, und damit lenkbar, gemacht hat.)

Wie schon im ersten Teil dieser Serie erwähnt, bedient sich der IWF Agenturen und Beratern, die im Sinne des Internationalen Währungsfonds handeln dürfen. Aufgrund des Einschreitens ebendieser westlichen Berater und Agenturen wurde in Nigeria ein sogenannter Fonds eingerichtet, genannt Souveräner Wohlstandsfonds (SWF). In diesen Fonds, den der IWF mit gestrengem Auge überwacht, sollen nun alle überschüssigen Gelder aus dem Erdölexport einfließen, um die nötigsten Infrastrukturprojekte voranzutreiben (Energie, Soziales, Bildung). Recht bedenklich ist nur, dass nicht die Regierung über allfällige Projekte entscheiden darf, sondern ausschließlich die Vertreter des IWF.

Afrika ist zu wünschen, dass es sich diesem (subtilen) Post-Kolonialismus und der Zwangskontrolle alsbald versagt. Mit den heutigen regierenden Eliten scheint dies aber nicht (mehr) zu gelingen – bleibt nur die (berechtigte) Hoffnung auf die nächste, „gebildetere“ Generation, die in Afrika wohl eher einen identitäts- und sinnstiftenden denn einen – zur Ausplünderung freigegebenen– Kontinent sehen wird können.

Im ursprünglichen Kolonialismus wusste man ganz gut, wer Freund´ oder Feind´ ist. In unseren heutigen, moderneren Zeiten erkennt man Freund´ oder Feind´ nicht so schnell und auf Anhieb – außer man ist mit „Doppel-Denk“ halbwegs vertraut.

Abschließend ein Statement des in Afrika bekannten Schriftstellers Bukaar Usman: „Ich habe ernste Befürchtungen, dass der SWF uns nicht dienlicher ist als die anderen vom Ausland empfohlenen ‚Heilmittel‘, die zu unserem Schaden in der Vergangenheit angewandt wurden oder gegenwärtig verordnet werden.“

Mehr dazu in Teil 3 unserer Serie, den wir in den kommenden Tagen veröffentlichen werden.

Teil 1: Der IWF als globale Wirtschaftspolizei
Teil 3: „Black Swan“-Ereignisse in Asien
Teil 4: Wiederentdeckung von Eldorado in Südamerika
Teil 5: Is small beautiful?

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