IWF in Asien: Als „Schwarzer Schwan“ getarnt, bereit zur Übernahme

Wenn der IWF Europa mit Krediten helfen will, ist Vorsicht angebracht: In der Asien-Krise zeigte sich, wie der IWF die Schwäche einer Wirtschaftszone ausnutzt, um den regionalen Wirtschaftsräumen Substanz zu entziehen, die dann den internationalen Finanzmärkten zugutekommen. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten beleuchten den IWF in einer Serie, wie der IWF von einer helfenden zu einer knallhart fordernden globalen Institution geworden ist.

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Ein Schwarzer Schwan (Black Swan) ist ein unvorhergesehenes Ereignis, welches wirtschaftlichen Entwicklungen eine entscheidende Wende gibt. Wie viel davon wirklich unvorhersehbar und wie viel geschickte Tarnung ist, ist oft schwer zu sagen (was ein Schwarzer Schwan genau ist – hier).

Bei der jüngsten Asien-Krise wurde das Eingreifen des Internationalen Währungsfonds (IWF) als ein solches Ereignis interpretiert.

Wirtschaftstheoretiker behaupten, durch sein Engagement hätte der IWF dem Lauf der Dinge in Asien eine entscheidende Wendung gegeben. Nachdem der IWF diese Woche wieder einmal in Tokio zusammentrifft (mehr hier) und zufällig wieder einmal in einer Krise anbietet, als Retter in höchster Not aufzutreten (diesmal für Europa – mehr hier), lohnt sich ein Blick auf die Geschichte der Asien-Krise und im Besonderen auf die Rolle, die der IWF dort gespielt hat.

Denn viele fragen sich: Vielleicht waren die Ereignisse in Asien gar keine „Schwarz-Schwan-Ereignisse“, sondern sorgfältig geplant? War der IWF womöglich selber der „Fütterer“ und Auslöser dieser Schwarzen Schwäne?
Zur Ausgangslage: 60 Prozent der Erdbevölkerung lebt in Asien und ein Drittel der Weltlandmasse wird Asien zugerechnet. In diesen Landmassen, vor allem in Vorder- und Zentralasien – die umgebenden Meere nicht eingerechnet – lagern die von den internationalen Konzernen begehrten Rohölressourcen und in Zentral- und Südostasien auch die nicht minder begehrten Rohmetalllagerstätten und seltenen Erden. Es ist kein abwegiger Gedanke, dass diese Konstellationen Spekulanten, Glücksritter, Berater, Großkonzerne und auch internationale Organisationen geradezu magisch anzieht.

Nachdem IWF-Chefin Christine Lagarde im Jänner 2012 einigen ausgewählten afrikanischen Staaten einen Besuch abgestattet hatte (mehr zur Rolle des IWF in Afrika – hier), standen im Juli dieses Jahres Japan, Indonesien und Thailand auf der Besuchsliste. Die Reise könnte man auch als sogenannte „Präventiv-Reise“ sehen, da nach der Zweiten Asienkrise 1998 („IMF- Crisis“) massive Kritik am IWF laut geworden war. Denn als weitere Folge dieser „innerasiatischen“ zweiten Krise wurde 2010 der „Chiang-Mai-Pakt“ ins Leben gerufen. Chiang Mai ist eine Stadt im Norden Thailands. Von Japan initiiert, gehören dem Pakt China und Südkorea sowie alle zehn südostasiatischen ASEAN-Staaten an.

Ursprünglich (2001) dachten die Japaner sogar aber einen Fonds, in den alle asiatischen Staaten – auch Russland und die Türkei – einzuzahlen hätten und sich dadurch eine weitgehende Unabhängigkeit von den Darlehen des IWF und des Dollar ergeben hätte. Aufgrund massiven politischen Drucks der USA auf Japan wurde daraus aber nichts. Die Amerikaner fürchteten zu sehr um die „Wertbeständigkeit“ ihres Dollars und um ihre Führungsrolle, da die Abrechnungen innerhalb dieses Fonds frei konvertierbar gewesen wären.

Wie kam es aber nun zur Ersten und Zweiten Asienkrise? Die Erste Asienkrise, die schon seit den Siebzigern schwelte – und die in Europa als solche gar nicht erkannt wurde – begann Anfang der Achtziger des vorigen Jahrhunderts. Die Nachwirkungen der Ölkrise in den Achtzigern bekam unter anderem auch Indonesien zu spüren, da aufgrund der Devisenknappheit – Erdöl wird in US-Dollars abgerechnet – die indonesische Regierung sich nicht mehr in der Lage sah, den heimischen Markt zu ausreichend zu stützen und zu subventionieren.
In dieser schwierigen Zeit suchten– und fanden – indonesische Unternehmer ausländische Geldgeber.

Diese immense Auslandsverschuldung der indonesischen Industrie konnte aber recht gut und mehr als zehn Jahre durch Währungsabwertungen kompensiert werden. Am Höhepunkt der internationalen Währungsspekulationen Mitte des Jahres 1997 – nicht nur gegen die indonesische Rupiah, sondern auch andere Währungen des südostasiatischen Raums standen massiv unter Druck – witterten ausländische Geldgeber die Chance, sich in Indonesien einzunisten und das Land als Sprungbrett für ganz Südostasien zu nutzen.

Der indonesischen Regierung blieb im Jahre 1997 letztendlich nur mehr übrig, auf die Hilfsangebote des IWF einzugehen – es wurden Kredite im Ausmaß von vier Milliarden Dollar gewährt -, um den einheimischen Markt zu stabilisieren und die ausländischen Gläubiger zu befriedigen. Dass die Unternehmen und die Regierung aber auch eine Aufgaben- und Bedingungsliste, „Letter of Intent“ (LOI) genannt, zu unterfertigen hatten, versteht sich von selbst. Dies haben wir schon im zweiten Teil der Serie für die afrikanischen Staaten gesehen (hier). In Asien gab es zwar bei weitem nicht so rigide Bedingungen wie am schwarzen Kontinent. „Privatisierungen“, gerade im infrastrukturellen Bereich, waren jedoch an der Tagesordnung.

Ab nun war jedenfalls der IWF der Herr im Haus Indonesien. So waren in allen größeren Unternehmen und in der Regierung allerorts „Supervisors“ zugegen. Im Februar 1998 – zugleich der Höhepunkt der Zweiten Asienkrise, die sogenannte Finanz-, Währungs- und Wirtschaftskrise Südostasiens – erreichten die Währungsspekulationen ihren Höhepunkt. 16.000 Rupiah waren nur mehr einen US-Dollar „wert“. Bei den asienweiten lautstarken Demonstrationen gegen den IWF — unter anderem und vor allem in Südkorea, das durch die finanziellen und wirtschaftlichen Verflechtungen und Abhängigkeiten innerhalb Asiens schwer angeschlagen war — wurde der IMF (International Monetary Found) zum Synonym für „I’M Fired“ (Ich bin gefeuert).

Eine wahrliche Glanztat des IWF war aber die „Empfehlung“ für die Schließung von 16 indonesischen Banken ebenfalls im Jahre 1998. Sofort zogen die Anleger ihr Geld ab, daraus unmittelbar resultierend kam es zum Abfluss von etwa fünf Milliarden Dollar ins Ausland und der Erhöhung der Armutsrate von 34 auf fast 50 Millionen Menschen.

Diese abgeflossenen fünf Milliarden „Hot Money“ setzten aber die indonesische Währung noch weiter unter Druck. Hot Money ist hoch mobiles, „vagabundierendes“ Kapital rund um den Globus, das innerhalb der internationalen Märkte von institutionellen Anlegern rein zu Währungs-Spekulationen – und dies kurzfristig – genutzt wird. Die Internationale Presse sprach hier erstmals von einem „Black-Swan-Event“ – also einem scheinar völlig unvorhersehbares Ereignis.

In der Retrospektive wurden folgende Ursachen benannt: Kreditblasen in den einzelnen Ländern, fehlende Fremdwährungsabsicherungen, da die Verschuldungen hauptsächlich in Yen und Dollar erfolgten, bei gleichzeitiger geringen Währungsreserven und schwachen regionalen Finanzstrukturen sowie „ungewöhnlichem“ Verhalten der globalen Finanzmärkte.

2008 sagte der indonesische Staatspräsident Susilo Bambang Yudhoyono angesichts der amerikanisch-europäischen Finanzkrise und des – wiederholten – Angebots des IWF, mit einem kurzfristigen Darlehen zu helfen, freundlich, aber bestimmt: „Wir werden uns dem IWF-Schema zur Bewältigung der globalen Finanzkrise nicht mehr unterwerfen“. Indonesien zahlte 2004 seine letzte Rate an den IWF – fünf Jahre vor Ablauf der Kreditlinie. Nach dem Abdanken von Suharto (+2008) im Laufe des Jahres 1998, der traditionell sehr gute „Beziehungen“ zur westlichen Welt unterhielt (auch Helmut Kohl war zeitlebens ein Du-Freund Suhartos) und auch der „westlichen Lebensweise“ sehr zugetan, schafften es die neuen, demokratisch gewählten Regierungen Indonesiens innerhalb von wenigen Jahren, mit eigenen und auf die Mentalität des Landes zugeschnittenen Reformen sowie Unterstützungsleistungen von Russland und China, den IWF außen vor zu lassen.

Ähnlich wie in Indonesien verfuhr auch Sri Lanka mit dem Internationalen Währungsfonds – und schloss kurzerhand das Büro des IWF in Colombo.
Auch die von der Zweiten Asienkrise stark betroffenen Länder, wie Südkorea, Thailand, Malaysia und die Philippinen, nahmen IWF-Hilfen in Anspruch, wobei hier das Engagement des Fonds deutlich weniger stark ausgeprägt war. Dies lag auch daran, dass diese Länder weniger ausländische Darlehen zu bedienen hatten und die Industrialisierung in diesen Ländern noch nicht sehr weit fortgeschritten war. Obwohl Malaysia ein rohstoffreiches Land ist, aber auch moslemisch dominiert – der Islam ist Staatsreligion -, kann man ähnliches wie in Afrika erkennen: Man tritt sehr gerne mit der westlichen Welt in wechselseitigen Handel – bei wirtschaftlichen und finanziellen Engpässen bedient man sich dann doch lieber der Hilfe und Unterstützung der übrigen finanzkräftigen islamischen Gemeinschaft.

Ist der Islam nun das letzte Bollwerk gegen den IWF? Ja, aber — nur solange das Öl nicht versiegt und damit genug Petrodollars zur Verfügung stehen. Und sich die einzelnen Glaubensrichtungen innerhalb der moslemischen Welt nicht so sehr zerwerfen, da damit auch das bisher einende Band des einenden Glaubens zerstört werden würde.

Im Hinblick auf die Rolle des IWF in Asien kann daher durchaus gesagt werden: Der IWF füttert sowohl den Schwarzen Schwan und ist zugleich derselbe – sowohl als Ereignis als auch als Prozess, der dann wieder zum Ereignis wird. Oder andersrum: Der IWF ist der sich selbst fütternde und gebierende „Black Swan“ – und das ist, in der Tat, eine Creatio ex nihilo, eine Schöpfung aus sich selbst.

Das Futter des Schwarzen Schwans sind die Ränder, Brosamen und Überbleibsel des freien Marktes – ordentlich gespickt mit Neoliberalismus sowie gewürzt und verfeinert mit postkolonialer Hegemonie. Und das rund um den Erdteil.

Weitere Teile dieser Serie:

Teil 1: Welche geheime Agenda verfolgt der IWF?i
Teil 2: Die unrühmliche Rolle des IWF in Afrika
Teile 3 bis 5 folgen in Kürze,

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