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US-Investorin: „Mehr als die Hälfte der Facebook-Profile könnten gefälscht sein“

Die US-Investorin Janet Tavakoli glaubt, dass ein signifikanter Anteil der Facebook-Profile gefälscht sein könnten. Als sie selbst eine solche Fälschung ihre eigenen Profils entdeckte, forderte Facebook von ihr noch mehr Daten - während der Fälscher unbehelligt blieb.

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie werfen Facebook vor, falsche Angaben über die Anzahl seiner Profile zu machen. Was macht Sie misstrauisch?

Die US-Investorin Janet Tavakoli glaubt, dass Facebook zu wenig gegen gefälschte Profile unternimmt und dadurch Anleger und die Werbewirtschaft getäuscht werden.

Die US-Investorin Janet Tavakoli glaubt, dass Facebook zu wenig gegen gefälschte Profile unternimmt und dadurch Anleger und die Werbewirtschaft getäuscht werden.

Janet Tavakoli: Meine unwissenschaftliche Stichprobe legt nahe, dass Facebooks Zahlen weit daneben sind. Der Unterschied ist so groß, dass eine unabhängige Instanz eine strenge Stichprobe machen sollte. Ursprünglich kam mein Interesse daher, dass Google Alerts im Juli 2011 ein falsches Facebook-Profil von mir entdeckte. Ich bin leicht zu finden, und meine Identität ist leicht anzulegen. Aber anstatt mich im Internet zu suchen – und mein Unternehmen kann man einfach überprüfen – machte Facebook es mir sehr schwer. Ich musste ihnen einen Scan meines Passes geben (mit geschwärzten Zahlen).

Das fand ich schrecklich. Das sind heikle Informationen, die es jemandem leicht machen würden, meine Identität zu fälschen, auch mit falschen Zahlen. Es würde auf der Straße als Identifikation akzeptiert werden. Facebook hat sich auch nicht für das falsche Profil entschuldigt. Ich fühlte mich wie ein Anschlagsopfer. Wenn ich nicht mitgemacht hätte, könnte mein falsches Profil missbraucht werden. Als ich nachgab, hatte ich kein Vertrauen, dass Facebook meine persönlichen Informationen sicher verwahren würde. Immerhin schien es einfach, für einen Betrug mein Facebook-Profil zu verwenden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was denken Sie, wie viele Fake-Accounts es gibt?

Janet Tavakoli: Ohne eine korrekte Befragung ist es unmöglich, eine gute Schätzung abzugeben. Aber meine unwissenschaftliche Stichprobe von 50 Leuten und spätere anekdotische Beweise legen nahe, dass die Zahl der aktiven Fake-Profile mehr als 50 Prozent sein könnte (vielleicht sogar mehr). Auf jeden Fall scheinen es weit mehr zu sein, als die 5 bis 6 Prozent, die in Facebooks Werbeschrift erwähnt werden, und weit mehr als die 8,7 Prozent, die Facebook am 30. Juni 2012 berichtete (bei damals höherer Benutzerzahl). Daraus ergeben sich verstörende Fragen über die von Facebook behaupteten Zahlen, und es stellt sich die Frage, wie effektiv Werbung bei Facebook ist. Doppelprofile, Profile von Babys, Haustieren und Phantasiepersonen sind interessant genug, aber Identitätsdiebstahl hebt das Problem auf ein höheres Niveau.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie groß schätzen Sie, ist der Unterschied zwischen der Anzahl der wirklichen Nutzer und der offiziellen Zahl?

Janet Tavakoli: Meiner Einschätzung nach ist der Unterschied zu groß, um mit einem Lächeln zur Tagesordnung übergehen zu können.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Warum sollte Facebook falsche Zahlen bekannt geben?

Janet Tavakoli: Facebook hat in all seinen Dokumenten über seine Zahlen Ausschlussklauseln, die sagen, es glaube, die Zahlen seien so und so. Dann erklärt Facebook, dass die Schätzungen Schwächen haben könnten. Das sichert es gegen eine Menge Fehler ab. Hohe Zahlen legen nahe, dass Facebook eine Menge Leute erreichen kann, und das ist wertvoll für Anzeigenkunden. Man beachte, wie die US-Finanzpresse atemlos die hohen Facebook-Zahlen wiederholt hat, ohne Facebook infrage zu stellen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Haben Sie Beweise für einen Datentransfer zu Werbekunden?

Janet Tavakoli: Wenn Sie fragen, ob Facebook persönliche Informationen an Werbekunden weitergibt, dann ist klar, dass Facebook das bestreitet. Mein Standpunkt aber ist, dass Facebooks Daten genutzt werden, um Werbung zielgerichtet einzusetzen. Das ist etwas anderes, als eine Weitergabe von Daten. Aber persönliche Daten haben einen Wert. Wenn ein Fake-Profil von dir unter einem anderen Namen erstellt wird, selbst wenn dies nicht von Facebook selbst gemacht wird, dann wird dein demographischer Hintergrund genutzt und Facebook zielt mit einer Werbung auf deine Demographie.

Facebook scheint Daten nicht sicher verwahren zu können. Suriya Prakash, ein Forscher im Sicherheitsbereich, fand heraus, dass die Handynummern von Benutzern für einen geschickten Betrüger leicht zugänglich waren. Die standardmäßigen Sicherheitseinstellungen von Facebooks mobiler Version erlauben es „jedem“, einen Benutzer mithilfe der E-Mail-Adresse oder der Handynummer, die der Nutzer angegeben hat, zu finden. Facebook sagte, dies sei ein „Feature“ und kein Fehler. Am 8. Oktober hat Facebook diese Funktion blockiert. Es war ein weiterer peinlicher Datenleck-Vorfall für Facebook, und niemand weiß, wie viele Nummern und Namen bereits aus dem System herausgezogen worden sind.

Nachahmer und Fake-Profile tauchen regelmäßig bei Facebook auf. Und Facebook scheint die Sache nicht im Griff zu haben, wie das Sicherheitsloch gezeigt hat, das das Auffinden von Telefonnummern möglich machte. Facebook scheint dieses Loch inzwischen gestopft zu haben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie werfen Facebook vor, Informationen zu sammeln, wie bei Ihrem Pass. Warum denken Sie das?

Janet Tavakoli: Als der Sprecher von Facebook mich kontaktierte, forderte er merkwürdigerweise von mir, ich solle klarstellen, dass Facebooks die Information beim Identitätsnachweis grundsätzlich weder verkauft noch sammelt. Aber er schrieb mir: „mit Bezug auf die Bereitstellung Ihres Passes …“. Aber ich habe ihm nie gesagt, dass ich meinen Pass eingescannt habe. In einem früheren Kommentar sagte ich lediglich, dass FB mich dazu aufgefordert hat, eine von der Regierung ausgefertigte Foto-Identifikation zu scannen, wie eine Fahrerlaubnis oder einen Pass. Wäre es nicht normaler, eine Fahrerlaubnis einzuscannen, da doch viel mehr Amerikaner eine Fahrerlaubnis haben, als einen Pass? Aber wie es eben passiert, habe ich meinen Pass eingescannt (und die Zahlen geschwärzt). Aber woher wusste das der Facebook-Sprecher, wenn Facebook diese Information nicht speichert, wie er schrieb?

Sie wissen wahrscheinlich schon, dass der österreichische Jurastudent Max Schrems Facebook vor Gericht zieht und das Unternehmen beschuldigt, Informationen ohne seine vorherige Zustimmung gesammelt zu haben, gelöschte Informationen gespeichert zu haben und europäisches Recht zum Schutz der Privatsphäre gebrochen zu haben. Max Schrems zufolge hat sein Datenpaket, als er es von Facebook anforderte, gelöschte Informationen enthalten, die Facebook gespeichert hatte.

Bedenken Sie: Google Alerts fand ein falsches Profil von mir, von dessen Existenz ich sonst nicht erfahren hätte. Daraufhin zwang mich Facebooks ganzes Protokoll dazu, mich mit einem Formular und unpersönlichen E-Mails zu beschäftigen, während ich aufgefordert wurde, heikle persönliche Informationen auszuhändigen. Es ist, als würde man Punks, die sich gerade mit Schraubenziehern über den Lack deines Autos hermachen wollen, bitten, gegen Bezahlung den Lack deines Autos zu schützen, während du mal kurz einkaufen gehst. Derjenige, der das falsche Profil erstellt hat, gab Facebook hingegen keinen Identitätsnachweis. Ich sollte ergänzen, dass ich leicht zu finden und zu überprüfen bin, da ich ein Unternehmen und einen Webauftritt habe, und mein Unternehmen ist im Staatsregister leicht zu finden. Aber hat Facebook das respektiert? Nein. Noch einmal, das ganze Szenario traf mich wie ein Anschlag. Indem Facebook das Sicherheitsloch nicht stopfte, lädt es die Bürden und Risiken dem Betrugsopfer auf seiner Internetseite auf.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Würden Sie sagen, dass das FB-Geschäftsmodell zu einem wesentlichen Teil auf Datenverkauf beruht? In seiner Antwort auf Ihre Anschuldigungen hat der FB-Sprecher gesagt, sie verkaufen keine persönlichen Daten. Vielleicht verkaufen sie sie nicht, sondern geben sie als Tauschware an Werbekunden weiter?

Janet Tavakoli: Meine Position ist, dass Facebook Daten verkauft, indem es die Daten benutzt, um Werbung gezielt einzusetzen. Ein Werbekunde bezahlt Facebook und erwartet, dass es interne Daten benutzt, um die richtige Demographie anzusprechen. Selbst wenn der Werbekunde die tatsächlichen Daten nicht zu sehen bekommt, zahlt er für den Zugang zu den Daten durch Facebooks gezielte Verwendung.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie könnte Facebook die von Ihnen kritisierten Praktiken stoppen?

Janet Tavakoli: Das ist Facebooks Problem. Wenn es das nicht lösen kann und außer Kontrolle verbleibt, dann sollte es das zugeben. Aber ich muss sagen, dass amerikanische Behörden die Menschen enttäuschen, wenn die Allgemeinheit in Bezug auf persönliche Informationen derart erpresst wird.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sollte man Facebook verlassen, um möglichst sicher zu sein, oder gibt es andere Möglichkeiten, seine Privatsphäre zu schützen, wenn man sein Account behält?

Janet Tavakoli: Vielleicht sollten Sie das mit europäischen Behörden besprechen. Selbst wenn Sie ihren Account löschen, welche Sicherheiten haben Sie, dass Ihre gelöschten Informationen nicht gespeichert bleibt? Herr Schrems hat einige wichtige Probleme ans Licht gebracht.

Janet Tavakoli ist Präsidentin von Tavakoli Structured Finance, Inc. Sie kämpft seit langem gegen unseriöse und betrügerische Praktiken bei US-Unternehmen und hat auch Wetten („I’m long puts on Facebook“) gegen Facebook laufen (mehr hier beim WSJ), weil sie das Unternehmen für „heiße Luft“ hält.

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Bau einer US-Pipeline: Griechenland muss im Euro bleiben
Bau einer US-Pipeline: Griechenland muss im Euro bleiben
Die Euro-Staaten werden Griechenland 10,3 Milliarden Euro überweisen, damit das Land seine Schulden bei der EZB bedienen kann. Die Einigung geschieht vor allem auf Druck der USA: In Griechenland hat der Bau einer neuen US-Pipeline begonnen. Washington will die Stabilität…
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Alexis Tsipras und der türkische Energieminister Berat Albayrak beim Spatenstich für die TAP-Pipeline. (Foto: dpa)

Alexis Tsipras und der türkische Energieminister Berat Albayrak beim Spatenstich für die TAP-Pipeline. (Foto: dpa)

Die Finanzminister der Eurozone in der Nacht zum Mittwoch eine neue Auszahlung für Griechenland beschlossen. Nach siebenstündigen Beratungen wurde eine Zahlung von 10,3 Milliarden Euro in zwei Tranchen bis September abgenickt.

Eine erste Tranche von 7,5 Milliarden Euro solle im Juni gezahlt werden. Sie könne dazu dienen, im Juli fällige Rückzahlungen an die Europäische Zentralbank (EZB) zu tätigen und auch Rückstände Athens gegenüber Gläubigern in Griechenland selbst zu begleichen.

Im September solle dann eine weitere Zahlung von 2,8 Milliarden Euro erfolgen. Der Deal kam zustande, nachdem Deutschland im Prinzip einer Umschuldung zugestimmt hatte: So sollen IWF-Kredite auf die Euro-Steuerzahler überwälzt werden. Im Gegenzug wird eine Formel gefunden, die den Anschein erweckt, als wäre Griechenlands Schuldentragfähigkeit bei einem hypothetischen Primärüberschuss gegeben. Damit kann der IWF an Bord bleiben. Der IWF darf nämlich außer der Ukraine keine Pleite-Staaten unterstützen. Mit der neuen Formel soll der Eindruck erweckt werden, dass Griechenland nicht pleite ist. Zugleich erklärte sich Deutschland bereit, nach der Bundestagswahl den jüngsten IWF-Kredit zu übernehmen. Bereits den vorigen Kredit haben die europäischen Steuerzahler an den IWF und die EZB überwiesen. 

Die griechische Bevölkerung sieht von diesen „Hilfsgeldern“ traditionellerweise nichts. Erst kürzlich hat eine Studie bestätigt, dass die erste Griechenland-Rettung so gut wie ausschließlich eine Banken-Rettung darstellte. Nach der ersten Rettung gehen nun die Zahlungen der Euro-Steuerzahler an die offiziellen Gläubiger – an den IWF und die EZB.

Der Grund für die sich abzeichnende erneute Einigung liegt in der geopolitischen Bedeutung Griechenlands. Die USA bestehen auf einem Verbleib Griechenlands im Euro, um die Stabilität des Landes nicht zu gefährden. Die Regierung in Athen musste am Sonntag ein neues, hartes Austeritätsprogramm verabschieden.

Zugleich hat Griechenland mit dem Bau eines 550 Kilometer langen Abschnitts der Transadriatischen Pipeline (TAP) begonnen. Der erste Spatenstich wurde vergangene Woche vom griechischen Premierminister Alexis Tsipras gesetzt. Die Einweihungszeremonie fand in Thessaloniki statt. „TAP ist eines der größten ausländischen Direktinvestitionsprojekte, die in Griechenland durchgeführt wurden. Die griechische Wirtschaft braucht diese Arbeitsplätze wirklich dringend“, zitiert oilprice.org Tsipras. Griechenland erhofft sich von der TAP, das ein Projektvolumen von 1,5 Milliarden Euro hat, 8.000 neue Arbeitsplätze.

Die TAP soll im Jahr 2019 in Betrieb genommen werden. Die Pipeline wird Energieträger aus dem Gasfeld Schah Deniz 2 von Aserbaidschan über Georgien, die Türkei, Griechenland und Albanien bis nach Italien transportieren. Der Abschnitt von Aserbaidschan bis an die türkisch-griechische Grenze wird von der Transanatolischen Pipeline abgedeckt (TANAP). Die TAP hingegen verläuft konkret von der griechischen Stadt Komotini aus nach Pulien in Italien. Die TANAP hat eine Länge von 1.850 Kilometer und die TAP hat eine Länge von 870 Kilometer. Griechenland ist ein wichtiges Land der Nato-Südflanke. Deshalb will die Obama-Regierung auch ein Ausscheiden des Landes aus dem Euro mit allen Mitteln verhindern. Die Regierung in Athen weiß, dass die Griechenland-Rettung vom Wohlwollen der Amerikaner abhängt, die beim IWF und in Brüssel einflussreich sind.

Die TAP und die TANAP sind aus US-amerikanischer Sicht zwei energiepolitisch wichtige Projekte, die zuvor in direkter Konkurrenz zur russischen Pipeline Turkish Stream standen. Seit dem Abbruch des Baus von Turkish Stream bleibt das US-Projekt als einzige Alternative für die Gasversorgung Europas entlang des südlichen Korridors übrig. Damit erhalten die USA die Möglichkeit, die faktische Monopolstellung Russlands bei der Gasversorgung Europas zu brechen.

Zudem wollen US-amerikanische Fracking-Produzenten in den EU-Markt eindringen und  ihre Stellung ausbauen, um Russland auch über diesen Schritt soweit wie möglich aus dem Markt zu verdrängen. Die USA haben im April erstmals Gas nach Europa geliefert. Ein US-Tanker in legte in Portugal an.

Erdogan droht Merkel mit Aufkündigung des Flüchtlings-Deals
Erdogan droht Merkel mit Aufkündigung des Flüchtlings-Deals
Der Deal von Bundeskanzlerin Merkel mit der Türkei steht auf der Kippe. Der türkische Präsident Erdogan sagte, die Türkei werde keine Flüchtlinge zurücknehmen, wenn die Visafreiheit nicht kommt. Erdogan beklagte außerdem, dass er bis heute keine Geld von der EU…
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Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Der Flüchtlingspakt steht auf der Kippe. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. (Foto: dpa)

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat in der Flüchtlingskrise mit einem Bruch der Abmachungen mit der EU gedroht. Ohne Fortschritte im Streit um die EU-Visumfreiheit werde er das Abkommen mit der EU zur Rücknahme von Flüchtlingen ab 1. Juni nicht in Kraft treten lassen, sagte Erdogan zum Abschluss des UN-Nothilfegipfels am Dienstag in Istanbul. In diesem Fall werde das türkische Parlament den entsprechenden Beschluss nicht ratifizieren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte am Montag nach einem Gespräch mit Erdogan in Istanbul deutlich gemacht, dass der angestrebte Termin für die Visumfreiheit zum 1. Juli nicht mehr haltbar ist. Hintergrund ist die Weigerung Erdogans, die Anti-Terror-Gesetze der Türkei zu reformieren. Das ist aber eine Voraussetzung der EU, um die Visumpflicht für Türken bei Reisen in den Schengen-Raum aufzuheben.

Erdogan bezieht sich auf ein Abkommen mit der EU zur Rücknahme von Flüchtlingen und zur Visaliberalisierung von Ende 2013. Darin war ursprünglich die Rücknahme von Flüchtlingen aus Drittstaaten erst ab Oktober 2017 vorgesehen. Bei Erdogans Drohung vom Dienstag dürfte es um eine Vereinbarung der EU und Ankaras gehen, die Rücknahme durch die Türkei auf den 1. Juni diesen Jahres vorzuziehen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) wollte auf die Androhung des türkischen Staatspräsidenten Erdogan zunächst nicht reagieren. „Das möchte ich jetzt nicht kommentieren, zumal ich das jetzt auch nur aus der Presse gehört habe“, sagte de Maizière am Dienstag am Rande der Klausur der Bundesregierung in Meseberg bei Berlin.

Die Rücknahme von illegalen Migranten durch die Türkei erfolgt derzeit nicht im Rahmen des Ende 2013 vereinbarten Abkommens. Sie ist im EU-Flüchtlingspakt im März als Sofortmaßnahme in der Krise verabredet worden. Diese Rücknahme läuft auf Grundlage eines Abkommens zwischen der Türkei und Griechenland und erstreckt sich nur auf die griechischen Ägäis-Inseln. Vom 1. Juni an sollten Flüchtlinge aus Drittstaaten auf Basis des breiter gefassten Rücknahmeabkommens zwischen der EU und der Türkei von Ende 2013 zurückgeschickt werden.

Merkel hatte am Montag weitere Gespräche mit der Türkei angekündigt. Erdogan sagte am Dienstag, unter anderem der türkische Außenminister werde die Visumverhandlungen mit der EU nun weiterführen. Sollten die Gespräche keine Resultate bringen, werde vom Parlament in Ankara „kein Beschluss und kein Gesetz bezüglich des Rücknahmeabkommens und des Implementierungsprozesses verabschiedet werden“.

Erdogan warf der EU erneut vor, die Reform der Anti-Terror-Gesetze erst nachträglich gefordert zu haben. Exakt diese Forderung ist aber bereits Teil des Abkommens von Ende 2013 gewesen, das Erdogans Regierung mit der EU abgeschlossen hatte. Erdogan hatte das Abkommen – damals noch als Ministerpräsident – einen „Meilenstein“ genannt.

Erdogan sagte am Dienstag mit Blick auf die EU: „Sie sollen uns nicht ständig Kriterien aufzwingen. Das hier ist die Türkei.“ Der Präsident warnte: „Das kann man bis zu einem gewissen Punkt tolerieren und bis zu einem gewissen Punkt aushalten. Aber nachdem sie es bis zu einem gewissen Punkt ausgehalten hat, fasst die Türkei einen endgültigen Entschluss. Und nachdem sie den Entschluss gefasst hat, dann, nichts für ungut, sagen wir: Denkt doch ihr jetzt nach.“

Merkel hatte am Montag gesagt, sie habe Erdogan deutlich gemacht, dass der Weg zur Visafreiheit auf den 72 Bedingungen beruhe, die bereits Ende 2013 verabredet gewesen seien. Ankara müsse alle Punkte erfüllen. Im Zuge der Verhandlungen über ihren Flüchtlingspakt hatten die EU und die Türkei verabredet, die für Oktober geplante Visafreiheit auf den 1. Juli vorzuziehen. Die 72 Bedingungen würden allerdings auch für den späteren Oktober-Termin gelten.

Trotz Sanktionen: Russland beschafft sich Geld am Kapitalmarkt
Trotz Sanktionen: Russland beschafft sich Geld am Kapitalmarkt
Der internationale Kapitalmarkt zeigt sich von den Sanktionen gegen Russland unbeeindruckt: Russland hat am Dienstag erfolgreich eine Anleihe begeben. Dies bedeutet, dass die Investoren die Risiken in Russland für überschaubar halten.
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Russlands Präsident Wladimir Putin. Trotz Sanktionen beschafft sich Russland Geld am Kapitalmarkt. (Foto: dpa)

Russlands Präsident Wladimir Putin. (Foto: dpa)

Russland hat Finanzkreisen zufolge erstmals seit Beginn der Sanktionen im Ukraine-Konflikt mit einem Eurobond den internationalen Kapitalmarkt angezapft. Der Staat habe mit der Emission der Fremdwährungsanleihe 1,75 Milliarden Dollar erlöst, sagten Insider am Dienstag laut Reuters. Drei Viertel der Summe sei von ausländischen Investoren aus Europa, den USA und Asien gekommen. Die Rendite habe mit 4,75 Prozent in der Mitte der angepeilten Preisspanne gelegen. Mit dem Geld kann die Regierung Löcher im Haushalt stopfen, die von den Sanktionen und der Wirtschaftskrise im Land gerissen wurden.

Zugleich war dies für Russland ein wichtiger Test, ob der Staat trotz der Sanktionen an westliches Investorengeld kommen kann. Die Strafmaßnahmen wurden nach der russischen Annexion der Halbinsel Krim 2014 verhängt. Sie verbieten zwar nicht den Handel mit russischen Staatsanleihen, sie sorgen aber für ein erhöhtes Risiko und für Unsicherheit unter den Investoren.

Volkswagen auf dem Weg zu einer Einigung mit US-Justiz
Volkswagen auf dem Weg zu einer Einigung mit US-Justiz
Volkswagen und die US-Justiz haben offenbar entscheidende Fortschritte auf dem Weg zu einem Vergleich in der Abgas-Affäre gemacht. Damit könnte sich der Konzern erheblicher finanzieller Risiken entledigen.
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Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Matthias Müller. VW und die US-Justiz haben erhebliche Fortschritte auf dem Weg zur Einigung bei der Abgasaffäre gemacht. (Foto: dpa)

Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Matthias Müller. (Foto: dpa)

Volkswagen kommt bei der Aufarbeitung der Abgasaffäre seinem Ziel einer Einigung mit den US-Behörden näher. In den Verhandlungen mit dem US-Justizministerium, der Umweltbehörde EPA, der Verbraucherschutzbehörde und den Anwälten der klagenden Autobesitzer seien erhebliche Fortschritte gemacht worden, sagte Bezirksrichter Charles Breyer am Dienstag in San Francisco. Man sei auf Kurs, um dem Gericht wie geplant bis zum 21. Juni ein endgültiges Abkommen zu präsentieren.

Europas größter Autokonzern hatte sich im April nach monatelangen Verhandlungen mit den US-Behörden auf Grundzüge eines Entschädigungsplans geeinigt. Er sieht den Rückkauf von fast einer halben Million manipulierter Dieselautos mit 2,0-Liter-Motoren und eine substanzielle Entschädigung der Autobesitzer vor. Alternativ soll den Kunden eine Reparatur angeboten werden. Über die technischen Details wird verhandelt. Richter Breyer hat der US-Regierung und Volkswagen eine Frist bis zum 21. Juni gesetzt, um einen Kompromiss auszuarbeiten.

Noch keine Lösung gibt es für die rund 85.000 Fahrzeuge mit drei Litern Hubraum. Breyer sagte, die Tests würden fortgesetzt. Einen Zeitplan nannte er nicht. Bei Fahrzeugen mit diesen Motoren war eine in den USA beanstandete Software-Funktion nicht ausreichend bei den Behörden angemeldet worden. Der von dem Ingolstädter Oberklassehersteller Audi entwickelte Dieselmotor ist in mehreren Fahrzeugmodellen der Marke Audi sowie beim VW Touareg und dem Porsche Cayenne eingebaut.

Volkswagen hatte im September auf Druck der US-Umweltbehörden zugegeben, Diesel-Abgaswerte bei Zweiliter-Dieselmotoren mit einer speziellen Software manipuliert zu haben. Weltweit sind rund elf Millionen Fahrzeuge davon betroffen.

Durch die Annäherung mit den US-Behörden ist für VW inzwischen ein großer Unsicherheitsfaktor aus dem Weg geräumt. Der Konzern rechnet einem Insider zufolge deshalb vorerst nicht mit weiteren Rückstellungen. Inzwischen sei klar, welche Strafe das US-Justizministerium wegen Verstößen gegen Umweltrecht fordere, sagte eine Person mit Kenntnis der Gespräche zu Reuters. „Uns ist bekannt, welche Summe aus heutiger Sicht auf uns zukommt.“ Die Höhe nannte die Person mit Kenntnis der Gespräche nicht. Der Insider machte jedoch klar, dass dafür keine weitere Vorsorge nötig sei. Volkswagen äußerte sich nicht. Der Konzern hatte in der Bilanz für das abgelaufene Jahr 16,2 Milliarden Euro zur Seite gelegt, um die Lasten der Dieselmanipulationen zu schultern. Dies hatte VW den höchsten Verlust in der Unternehmensgeschichte eingebrockt.

Die juristische Aufarbeitung der Abgasaffäre ist damit aber noch nicht abgeschlossen. Die Niedersachsen sind wegen der Manipulationen mit zahlreichen Schadensersatzklagen von Dieselbesitzern, Autohändlern und Investoren konfrontiert. Dieser Streit dürfte VW noch mehrere Jahre beschäftigen, bevor die Kosten auch hier absehbar sind. Auch laufen noch strafrechtliche Ermittlungen wegen der Abgasmanipulation.

USA: Sanders wirft Clinton Manipulation bei Vorwahl vor
USA: Sanders wirft Clinton Manipulation bei Vorwahl vor
Der Demokrat Bernie Sanders hat eine Neuauszählung der Stimmen in Kentucky durchgesetzt. Er bezichtigt Hillary Clinton der Manipulation: Eine enge Freundin von Clinton ist Wahlleiterin in Kentucky, Clinton siegte nur ganz knapp.
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Hillary Clinton im Wahlkampf. Clinton siegte bei der Vorwahl in Kentucky nur knapp. (Foto: dpa)

Hillary Clinton im Wahlkampf. (Foto: dpa)

Nach dem hauchdünnen Sieg Hillary Clintons bei der Vorwahl der US-Demokraten im Bundesstaat Kentucky wird das Wahlergebnis überprüft. Clintons knapp unterlegener Gegenkandidat Bernie Sanders beantragte eine Prüfung der Briefwahlunterlagen sowie der Wahlautomaten. Wie Wahlleiterin Alison Grimes am Dienstag erklärte, soll das am Donnerstagmorgen (Ortszeit) geschehen.

Sanders hatte bei der Abstimmung am 17. Mai nur mit weniger als einem halben Prozentpunkt und weniger als 2000 Stimmen Rückstand auf Clinton verloren. Jüngste Äußerungen ließen seinen Ärger über Grimes erkennen, die vor laufenden Fernsehkameras Clinton zur Siegerin erklärt hatte. Die Politikerin aus Kentucky zählt seit langem zu den Unterstützerinnen der ehemaligen Außenministerin.

Sanders liegt im Clinch mit großen Teilen der Parteiführung. Die Überprüfung der Stimmen in Kentucky bringt ihm im besten Falle einen weiteren Delegierten – sein Rückstand auf Clinton beträgt aber mehrere Hundert. Ungeachtet einiger Zugeständnisse seitens der Partei hatte Sanders kürzlich angekündigt, der Nominierungsparteitag der Demokraten im Juli in Philadelphia könnte „chaotisch“ werden.

Investoren glauben nicht an einen Deal zwischen Bayer und Monsanto
Investoren glauben nicht an einen Deal zwischen Bayer und Monsanto
An den internationalen Aktienmärkten wachsen die Zweifel am Gelingen der Monsanto-Übernahme durch Bayer. Monsanto-Aktien notieren deutlich unter dem Bayer-Vorschlag. Und selbst der wurde von Monsanto als zu niedrig zurückgewiesen.
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Monsanto-Chef Hugh Grant. Internationale Investoren glauben nicht an den Deal zwischen Bayer und Monsanto. (Foto: dpa)

Monsanto-Chef Hugh Grant. (Foto: dpa)

Der US-Saatgutriese Monsanto hat die 62 Milliarden Dollar schwere Übernahmeofferte von Bayer als zu niedrig zurückgewiesen. Zugleich erklärte sich der Weltmarktführer am Dienstag aber offen für Verhandlungen. Das Angebot sei finanziell unangemessen und bewerte Monsanto deutlich zu niedrig, teilte Konzern-Chef Hugh Grant mit. Zudem berücksichtige es nicht ausreichend die finanziellen und regulatorischen Risiken. Monsanto sei aber bereit für Gespräche über Möglichkeiten, einen angemessen Wert für die Aktionäre zu schaffen. Einen Zeitplan dazu habe das Unternehmen allerdings noch nicht festgelegt. Bayer äußerte sich zunächst nicht dazu.

Reuters hatte zuvor bereits von mit der Sache vertrauten Personen erfahren, dass Monsanto die Offerte zurückweisen wird und mehr Geld will. Nach Monsanto-Einschätzung besteht den Insidern zufolge zwar eine industrielle Logik in einem Zusammenschluss mit dem Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern und der Deal würde auch kartellrechtliche Hürden nehmen, die Anteilseigner verdienten aber mehr als die 122 Dollar je Aktie, die Bayer biete. Bayer-Aktien hatten darauf ihre Gewinne eingegrenzt und gingen mit einem Plus von gut drei Prozent auf 87,15 Euro aus dem Handel. Monsanto-Aktien legten nach der offiziellen Ablehnung knapp drei Prozent zu auf 108,9 Dollar, notierten aber deutlich unter der Bayer-Offerte. Dies deutete Experten zufolge auf eine Skepsis am Markt, dass es zu einem Deal kommen wird.

Sollte sich die Skepsis der Anleger durchsetzen, hätten die Märkte der Politik die Arbeit abgenommen. Die Grünen hatten am Dienstag ein Verbot des Zusammenschlusses gefordert.

Bayer hatte am Montag die Details seines Übernahmeangebots vorgelegt. Der Vorstand befinde sich mit Monsanto in konstruktiven Gesprächen und erwarte eine positive Antwort, hieß es. „Wir sind vollkommen überzeugt von unserer Offerte“, hatte Bayer-Chef Werner Baumann betont. Ob der Konzern auch eine feindliche Übernahme erwägen würde, hatte Baumann offengelassen.

Investoren kritisierten den hohen Preis. Analysten hatten bereits erwartet, dass Monsanto die Offerte zunächst zurückweisen und mehr fordern wird. Sie hatten die Übernahmepläne aber als strategisch sinnvoll bezeichnet. Gemeinsam würden Bayer und Monsanto einen weltweit führenden Anbieter für Saatgut und Pflanzenschutzmittel schaffen. Sollte der Deal erfolgreich sein, wäre es die größte Übernahme in der deutschen Wirtschaftsgeschichte vor dem Kauf des US-Autobauers Chrysler durch Daimler Benz 1998 für 40,46 Milliarden Dollar. Für Bayer wäre es zudem die größte Akquisition in der Firmengeschichte seit dem Kauf des Pharmakonzerns Schering vor zehn Jahren für 17 Milliarden Euro.

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