Ausgeliefert: Die ARD als Ankläger, Richter und Henker im Fall Amazon

Der Fall Amazon ist auch ein Fall ARD: Was ist eigentlich, wenn der Amazon-Skandal gar keiner war? Wir haben nachgefragt – und sind auf eine bemerkenswerte Arroganz der Macht gestoßen. Das selbstherrliche Gehabe der ARD in diesem Fall zeigt, wie gefährlich die unkontrollierte und unkontrollierbare Macht der öffentlich-rechtlichen Sender ist.

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Die Reportage über die Leiharbeiter bei Amazon sorgte für Aufsehen - die Arbeitsweise der Reporter jedoch auch (Screenshot: DWN)

Die Reportage über die Leiharbeiter bei Amazon sorgte für Aufsehen – die Arbeitsweise der Reporter jedoch auch (Screenshot: DWN)

Wochenlang gab es praktisch keine Nachrichtensendung, in der der „Amazon-Skandal“ nicht über die öffentlich-rechtlichen Bildschirme flimmerte. Die ARD-Exklusiv-Geschichte explodierte geradezu vor selbstgemachten Spin. Die Arbeitsministerin gab ein betroffenes Statement ab, jeder Politiker der zweiten und dritten Reihe empörte sich auf den verschiedenen öffentlich-rechtlichen Kanälen. Es wäre ein schönes Thema für eine Diplom-Arbeit, einmal nachzuzählen, wer vom DLF bis zum WDR, von Bayern 3 bis zum NDR nicht alles ein Mikrophon zum „Amazon-Skandal“ unter die Nase gehalten bekam. Und wäre der Papst nicht just zur selben Zeit zurückgetreten, hätte er vermutlich auch Stellung beziehen müssen. Alle Medien berichteten betroffen, der Zug der Lemminge heulte, wie seinerzeit bei Christian Wulff.

Die Medien des Staatsfunks schufen nicht bloß dauernd neue „Fakten“, in dem sie andauernd neue „Zitate“ sprechen ließen. Sie deuteten den Fall auch, ordneten ihn ein. Wozu gibt es denn jeden Tag eine Talk-Show. Bei „Anne Will“ verdichtete der ehemalige Betriebsseelsorger und Pfarrer Paul Schobel (70) den „Skandal“ zum Mythos. Die Bild-Zeitung berichtet, tief betroffen: Betriebsseelsorger Paul Schobel setzt noch einen drauf: „Amazon war ein Exzess. Wir waren nur Millimeter vom Arbeitslager entfernt!“

Auch die DWN hatten über den Fall berichtet (hier). Bis wir den eigentlich eher Staatsfunk-freundlichen, aber insgesamt doch sehr verlässlichen „Bild-Blog“ lasen.

Dort gab es am 22.2. folgenden Eintrag:

„Der ‚Amazon-Skandal‘ der ARD“
(pro-medienmagazin.de, Jörn Schumacher)
Jörn Schumacher kritisiert die ARD-Doku „Ausgeliefert!“: „Spannende Musik begleitet verwackelte Aufnahmen, die digital nachträglich so bearbeitet wurden, dass alles sehr düster wirkt – wie in einem Horrorfilm. (…) Schaufelt man die Gefühlsduselei des ambitionierten Cutters und der beiden Autoren beiseite, die sich immer wieder eitel selbst ablichten, bleibt nur ein großes Fragezeichen übrig.“ Siehe dazu auch ein Interview mit den Autoren der Doku (hr-online.de) sowie „Ständig steigende Paketlieferaktivität“ (notesofberlin.com, Foto).

Tatsächlich musste jeder unvoreingenommene Mensch beim Lesen der Analyse von Schumacher im pro-medienmagazin ins Grübeln kommen: Hatten die Autoren wirklich „recherchiert“? Wie weit hatten sie manipuliert, um eine These zu untermauern, die in Wahrheit nicht von den Fakten gedeckt ist?

Schumacher verlinkt unter anderem auf einen Artikel im Bad Hersfelder Kreisanzeiger. Dort behauptet die „Konzeugin“ der Anklage, sie hätte das meiste gar nicht so gesagt.

Unter anderem zitiert der Kreisanzeiger die Kronzeugin – eine spanische Leiharbeiterin – mit folgender Aussage:

(Beginn des Zitats) Auch hätten die Reporter mehrmals direkt gefragt, ob sie die Lebensverhältnisse nicht zu beengt fände. „Ich habe immer geantwortet: Nein, das ist kein Problem, es gefällt mir gut hier. Aber das wurde im Fernsehen nicht gezeigt.“

Die Spanierin Silvina war die Protagonistin der ARD-Dokumentation (Screenshot: DWN).

Die Spanierin Silvina war die Protagonistin der ARD-Dokumentation (Screenshot: DWN).

Zudem seien dann Bilder dazugeschnitten worden, die nicht aus dem Seepark stammen. Das „Abfüttern“ der Zeitarbeiter in einem Keller beispielsweise, könne es im Seepark nicht gegeben haben, „denn einen Keller gibt es hier gar nicht.“ Vielmehr seien die Zeitarbeiter sehr gut und reichlich verpflegt worden. Sogar wenn sie nachts um eins von der Schicht kamen, wurde noch einmal warmes Essen aufgetischt. „So viel konnten wir dann gar nicht essen“, erinnert sie sich lachend. Auch Sonderwünsche seien kein Problem gewesen. (Ende des Zitats)

Das wollten wir genau wissen. Zum Glück ist der Staatsfunk so mächtig, dass er auch gleich die Kritik aufsaugen kann – mit einem selbst geführten Interview. Auf der Website des Hessischen Rundfunks (hr-online) interviewt der Hessische Rundfunk die Autoren des Hessischen Rundfunks zu möglichen Fehlern in einer Sendung, die der Hessische Rundfunk für die ARD produziert hatte.

Die Interviewer sind nicht mit Namen angegeben. Es ist natürlich völlig ausgeschlossen, dass sie die Interviewten selbst interviewt hatten. Denn die Fragen sind knallhart, kritisch, schonungslos. Und die Antworten sind sichtlich unter dem Stress eines gnadenlos investigativen Interviews zustande gekommen.

So werden die Autoren gefragt, warum die „Zeugin“ der Anklage nun plötzlich ganz etwas anderes sage. Die kuriose Frage und die noch kuriosere Antwort:

Es gibt also seit der Ausstrahlung der ARD-Reportage kein Zerwürfnis zwischen Ihnen und Silvina?

Diana Löbl: Im Gegenteil. Sie saß am Freitag vergangener Woche – zwei Tage nach der Erstausstrahlung – noch bei mir auf dem Sofa und hatte meine kleine Tochter auf dem Schoß. Wir verstehen als Autoren durchaus, in welcher Zwangslage sie sich durch ihren neuen Job im Seepark befindet.

Damit sind aus Sicht der Autoren alle Fragen beantwortet.

Aber es geht noch besser.

Zum Ende des Interviews kriegen auch die Kritiker der ARD noch ihr Fett ab:

Wenn Sie nun Schlagzeilen in Zeitungen lesen wie „Falsch berichtet“, „Amazon-‚Opfer‘ wirft ARD Lüge vor“ oder „Amazon-Reportage: ‚Da wurde doch fast alles falsch dargestellt'“: Trifft Sie das?

Peter Onneken: Ja klar. Hier wird versucht, unsere Glaubwürdigkeit zu erschüttern und das mit Methoden, die ich für journalistisch fragwürdig halte. Ich habe immer gelernt, dass man sich beide Seiten der Geschichte anhört – oder zumindest die Gelegenheit zur Stellungnahme gibt.

An dieser Stelle müssen wir dem Reporter Onneken Recht geben: Das geht nicht. Wenn man jemandem etwas vorwirft, muss man nachfragen.

Das haben wir auch getan. Wir erreichten Onneken und stellten ihm einige Fragen. Uns interessierten drei Punkte, und wir erhielten mäßig befriedigende Antworten:

Wurden die Arbeiter in einem Keller abgefüttert oder nicht?
Es gibt den Busfahrer, der erzählt, dass die Arbeiter in seiner Unterkunft abgefüttert werden wie die Schweine im Keller.
Haben die Autoren auch mit anderen Betroffenen gesprochen?
Ja, wir haben auch mit anderen Leuten gesprochen, die nicht im Film vorkommen, klar.
Hat die „Zeugin“ wirklich gesagt, dass es ihr eigentlich gut gefällt – und wenn ja, warum wurde das nicht gesendet?
Wir haben sie viele Dinge gefragt, wir haben mit ihr zwei Stunden lang ein Interview geführt. Und dann kommen Dinge rein und andere eben nicht

Das volle erstaunliche Interview im Wortlaut – hier.

Herr Onneken bat, dass wir ihm seine Zitate vorlegen. Das haben wir gemacht – und zwei Tage nichts mehr von ihm gehört.

Schließlich meldete sich die Co-Autorin, die bei Anne Will erlebte, wie der Betriebsseelsorger Vogel nur „Millimeter vom Arbeitslager entfernt“ den unglaublichen „Amazon-Skandal“ in die Nähe des arbeitsrechtlichen Holocaust rückte.

Sie war sichtlich noch ergriffen von der Dimension, die die ARD da bloßgelegt hatte.

Daher teilte sie uns mit, dass wir das Interview mit ihrem Kollegen nicht veröffentlichen dürfen. Es werde nicht autorisiert.

Wir waren erstaunt, weil wir ja den Autoren extra Gelegenheit geben wollten, sich zu äußern – wie von den Autoren ja extra gefordert: Man wolle nur Gelegenheit zur Stellungnahme.

Die Autorin ließ in einem Telefonat mit unserer Redaktion die Maske fallen: Wie die Geschichte zum Mythos wird, will man bei der ARD selbst bestimmen.

Die Autorin teilte uns mit, sie hätten beschlossen, „zu dem Thema keine Fragen mehr zu beantworten“. Warum? „Wir haben saubere journalistische Arbeit gemacht.“

Wir sagten ihr, dass sie gar nichts mehr zu sagen brauche, wir hätten schon ein Interview mit ihrem Kollegen geführt, und wollten nur, dass die Zitate autorisiert werden. Darauf Frau Löbl: „Wir werden dazu jetzt nichts mehr sagen, wenn wir nicht wissen, was damit passiert.“ Sie wollte wissen, „was das für ein Artikel sein wird“.

Dieser Kontrollwahn ist eigentlich nur bei Politikern und Hollywood-Größen zu finden. Noch in dieser Woche hatte sich das Medien-Magazin Zapp vom NDR darüber lustig gemacht, dass der Neo-Politiker Frank Stronach in Österreich auch die Vorspänne von Artikeln über sich sehen wolle. Ein ORF-Redakteur sekundierte giftig, dass das ein völlig unakzeptables Verständnis von Pressefreiheit sei (sehen wir auch so – hier der NDR-Beitrag).

Den entscheidenden Satz von Frau Löbl lautete jedoch: „Die Geschichte ist eigentlich durch.“ Kritik an der Machart des Films „lenkt ab“. Lenkt ab? Wovon?

Das kritische Hinterfragen von öffentlich-rechtlichen „Investigativ“-Aktionen ist im Rundfunkstaat nicht erlaubt (Screenshot: DWN).

Das kritische Hinterfragen von öffentlich-rechtlichen „Investigativ“-Aktionen ist im Rundfunkstaat nicht erlaubt (Screenshot: DWN).

Die Antwort müssen wir uns selbst geben: Das kritische Hinterfragen von öffentlich-rechtlichen „Investigativ“-Aktionen ist im Rundfunkstaat nicht erlaubt. Wenn sich ein Sender entschlossen hat, einen Mythos in die Welt zu setzten, hält ihn Ochs und Esel kein unabhängiges Medium davon ab. Wenn sich die Großinquisition der ARD entschlossen hat, eine Geschichte zu machen und damit auch Geschichte zu schreiben, dann wird das auch so gemacht. Die Botschaft: Wir haben die Deutungshoheit. Und die lassen wir uns nicht durch lästige Fragen nehmen. Anklage, Richter, Henker – der Sender ist alles in einer Institution.

Der Umgang der ARD mit kritischen Journalistenfragen ist letztklassig: Ein geführtes Interview wird zurückgezogen – wie bei einem Stahlkonzern, einem Provinz-Politiker oder bei den russischen Oligarchen. Wir veröffentlichen die Stellungnahme eines der Autoren zu Vorwürfen, weil wir nicht glauben, dass die ARD etwas zu verbergen hat. Wir tun es aber auch, weil das Interview offenlegt, dass man zumindest Zweifel am arbeitsrechtlichen Holocaust haben kann, den die ARD seit Wochen über alle Kanäle zum Mythos aufbaut.

Wir sind der Meinung, dass es verdienstvoll von den Autoren war, die Missstände aufzudecken. Menschenunwürdige Bedingungen sind nicht zu tolerieren. Amazon muss der ARD dankbar sein, dass das Unternehmen durch Journalisten auf unhaltbare Zustände aufmerksam gemacht wurde. Amazon hat vergleichsweise vernünftig reagiert.

Wir sind jedoch der Meinung, dass das selbstherrliche Gehabe der ARD in diesem Fall zeigt, wie gefährlich die unkontrollierte und unkontrollierbare Macht der öffentlich-rechtlichen Sender ist. Die Sender können im Grunde jeden verfolgen, wie sie wollen. Sie nutzen ihr ganzes Arsenal, um das zu fahren, was man eine „Kampagne“ nennt. Und sie tun das, wie die Reaktionen der Reporter belegen, im vollen Bewusstsein ihrer Macht.

Dafür zahlen wir nicht, wie der WDR-Mann Jörg Schönenborn gesagt hat, eine „Demokratieabgabe“. Die 8 Milliarden Euro, die die Sender über die GEZ – heute Rundfunkbeitrag – jährlich von den Bürgern per Gesetz mit allen Mitteln eingetrieben werden (hier), erscheint vor den Möglichkeiten der Propaganda-Maschine der Öffentlich-Rechtlichen eher als eine „Schutzgebühr“.

All diese Reporter leben vom Steuergeld der Bürger. Die Bürger sind die Eigentümer der öffentlich-rechtlichen Sender. Sie bezahlen, weil die Journalisten der Sender Missstände aufdecken, kritisch berichten und so einen Beitrag zur Demokratie leisten.

Das aktuelle Legitimations-Problem der Sender kommt jedoch daher, dass die Sender sich als Staat im Staat sehen, als die Unantastbaren, die machen können, was sie wollen. Dafür zahlen wir nicht. Wenn sich die Haltung der Sender und all ihrer Angestellten in diesem Punkt nicht rasch und grundlegend ändern, bekommen die Sender zu Recht ein existentielles Problem.

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