Auto-Konzerne blamiert: Deutsche Post bestellt E-Autos bei Mittelständler

Die Idee der Deutschen Post, ihre Flotte auf E-Autos umzustellen, wurde von mehreren großen deutschen Auto-Herstellern abgelehnt. Bei ihnen rechnet sich nur die Massen-Fertigung. Nun macht ein mittelständisches Unternehmen aus Aachen das Geschäft. Es ist eine kleine Revolution auf dem Automarkt.

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Die neuen Autos der Post-Flotte werden elektrisch betrieben. Das mittelständische Unternehmen Streetscooter aus Aachen war innovativ und gewann den Auftrag. Den großen Auto-Konzernen war der Auftrag zu klein. (Foto: Deutsche Post)

Die neuen Autos der Post-Flotte werden elektrisch betrieben. Das mittelständische Unternehmen Streetscooter aus Aachen war innovativ und gewann den Auftrag. Den großen Auto-Konzernen war der Auftrag zu klein. (Foto: Deutsche Post)

Die Deutsche Post hat eine Fahrzeugflotte mit über 80 000 Fahrzeugen weltweit. Die Nutzung entspricht genau den Vorteilen von Elektro-Autos: Die Fahrzeuge haben einen überschaubaren Aktionsradius und stehen jede Nacht in einer Garage, wo sie aufgeladen werden können.

Also wandte sich die Post an verschiedene deutsche Automobil-Hersteller. Die Idee: Eine Flotte könnte sich auch für eine Marke wie VW oder Mercedes rechnen. Sie wäre eine praktische Anwendung einer Technologie, die nicht so recht Fuß fassen will: In Deutschland waren im Jahr 2012 erst 4.521 Autos angemeldet. Angela Merkel will bis 2020 eine Million Autos auf den deutschen Straßen sehen. Das E-Auto wurde zum großen Hype. Aber aus Ideologie entsteht kein Geschäft.

Die Post hatte dagegen eine spezifische Anwendung für die neue Technologie – und könnte einem deutschen Auto-Riesen die Chance bieten, eine neue Technologie in einem überschaubaren Praxis-Test auszuprobieren. Wenn die Technik einmal funktioniert, kann sie weiterentwickelt werden – und vielleicht entsteht dann daraus das große Geschäft.

Doch die Post hatte die Innovations-Fähigkeit der Auto-Industrie überschätzt: Es hagelte Absagen. Niemand wollte das Auto bauen. Man sei auf Fließband-Produktion und Millionen Stückzahlen eingestellt. Wäre es nach der Auto-Industrie gegangen, das E-Auto wäre schnell wieder in der Schublade verschwunden.

Bei der Deutschen Post war man verärgert – und wagte einen radikalen Schritt. In der Konzern-Zentrale in Bonn fiel eine ungewöhnliche Entscheidung: „Die klassische, unflexible KFZ-Industrie liefert uns nichts Passendes, also bauen wir es selbst!“ Als Partner gewann die Post die Firma Streetscooter aus Aachen und die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) in Aachen.

In Aachen beschäftigt man sich schon seit längerem mit dem Thema. Prof. Dr.- Ing. Günther Schuh, Inhaber des Lehrstuhls für Produktionssystematik an der RWTH Aachen, hatte den ausschlaggebenden Gedanken: „Wir brauchen ein preisgünstiges E-Fahrzeug. Denn die Menschen sind nicht bereit, für E-Mobilität mehr zu bezahlen, als sie es für herkömmliche Fahrzeuge gewohnt sind.“

Im Mai 2011 konnte die Öffentlichkeit auf der „Erlebniswelt Mobilität“ in Aachen zum ersten Mal sehen, wie das Elektroauto mit dem Name „Concept Zeitgeist“ aussieht.

Post-Vorstand Jürgen Gerdes: Vorsprung durch Elektro-Technik. (Foto: Deutsche Post)

Post-Vorstand Jürgen Gerdes: Vorsprung durch Elektro-Technik. (Foto: Deutsche Post)

Die Deutsche Post wird diesen Prototypen nun in einem Projekt erstmals in der Praxis der Paket- und Brief-Auslieferung testen. Brief-Vorstand Jürgen Gerdes sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten: „Wir betreiben eine der größten Fahrzeugflotten in Deutschland – darum haben wir ein besonderes Interesse, wirtschaftliche und emissionsarme Fahrzeuge einzusetzen. Das Kerngeschäft der Post ist über 500 Jahre alt – und zu jeder Zeit haben wir es mit Hilfe der modernsten verfügbaren Technik betrieben. Dass wir mit unserem eigenen Streetscooter auch heute wieder Innovationsführer in der Branche sind, passt ins Bild.“

Mit einer Leistung von 30kW, können die neuen Elektroautos der Post 120 Kilometer pro Tag fahren. Die über vier Meter langen Fahrzeuge sollen dabei 85 km/h Höchstgeschwindigkeit erreichen. Die Post will die ersten 50 Prototypen vor allem in der Innenstadt, aber auch bei kleineren Überlandtransporten im Landkreis einsetzten. Weltweit nutze der Brief- und Paketzusteller über 4000 Fahrzeuge mit alternativen Antrieben aller Art.

Die ersten 10 Prototypen sind bereits bestellt und sollen bis Juli ausgeliefert werden. Bis Dezember will die Post insgesamt 50 Elektroautos im täglichen Betrieb testen. Die kleinen Elektroflitzer sollen bundesweit, aber vor allem in Bonn und Umgebung unterwegs sein. „Bis Mitte 2014 will die Post wissen, ob sich das Experiment bewährt.

Möglicherweise wirkt die Deutsche Post auf diesem Weg als Inkubator für eine neue Technologie – und als Geburtshelfer einer Revolution in der Art, wie Automobile hergestellt werden. Denn es ist nicht gesagt, dass die Massenproduktion über Fließbänder der einzige Weg ist, ein Auto wirtschaftlich herzustellen. Wie bei anderen Produkten sind es auch beim Auto individuelle Wünsche, die den Kunden bewegen. Heute bekommt er teure Extras, die er nicht braucht – weil sie den Herstellern in den Kram passen. Die Last der nicht benötigten Autos wird den Händlern übertragen, die ihrerseits mit Tageszulassungen die Statistik verfälschen (mehr hier).

Eigentlich ist der Markt für Elektro-Autos in Deutschland durchaus vorhanden, auch ohne Firmen-Flotten. Die meisten Fahrten in Deutschland sind nicht länger als 40 km pro Tag. Deswegen entwickelte Streetscooter ein Short Distance Vehicle (SDV), das zwar nur 120 Kilometer Reichweite hat, dafür aber viel preisgünstiger ist als die Konkurrenz. Das Auto braucht durch die kleinere Reichweite keine großen Lithium-Ionen Batterien, die bisher der stärkste Preistreiber bei Elektroautos waren.

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