Schwere Vorwürfe gegen die ARD: Reporter sollen Zeugin erfunden haben

In der umstrittenen ARD-Dokumentation zu den Zuständen bei Amazon fährt der Anwalt der beschuldigten Zeitarbeitsfirma schwere Geschütze auf: Die ARD soll eine Zeugin, die sich über die Missstände bei Amazon beschwert hatte, erfunden haben. Dies sei „kein Journalismus“ sondern „Demagogie“.

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Die Reportage über die Leiharbeiter bei Amazon sorgte für Aufsehen - die Arbeitsweise der Reporter jedoch auch (Screenshot: DWN)

Die Reportage über die Leiharbeiter bei Amazon sorgte für Aufsehen – die Arbeitsweise der Reporter jedoch auch (Screenshot: DWN)

Wie sauber arbeiten die öffentlich-rechtlichen Sender bei sogenannten investigativen Recherchen? Sehr schlecht, sagt Ralf Höcker, der Anwalt jener Zeitarbeitsfirma, die von der ARD der unmenschlichen Ausbeutung der Leiharbeiter bei Amazon beschuldigt wurde.

Die Geschichte schilderte Missstände, die zum Himmel stinken.

Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten hatten versucht, bei der ARD nachzufragen, wie die Reportage entstanden ist. Es zeigte sich schnell, dass die ARD ähnlich auskunftsfreudig war wie die von ihr kritisierten Unternehmen: nämlich gar nicht (unser Bericht zu den Vorfällen – hier). Unter anderem ging es um die Passage, dass „die Zeitarbeiter wie die Schweine im Keller abgefüttert werden“. Nun gibt es aber keinen Keller in dem Ferienheim, wo die Leiharbeiter untergebracht sind. Auf die Fragen der DWN reagierte der verantwortliche Redakteur ausweichend (hier).

Die Kanzlei Höcker hatte eine einstweilige Verfügung gegen die Dokumentation erwirkt, was noch nicht viel zu besagen hat: Das ist ein formaler Akt, der nichts über die Richtigkeit der Anschuldigungen aussagt. Anwälte verwenden solche Mittel gerne, um Journalisten unter Druck zu setzen – zumal solche Aktionen immer mit Kosten verbunden sind. Das sollte für die mit üppigen GEZ-Geldern ausgestatteten Sender kein Problem sein. Aber es geht auch um das Image, ja sogar um die Wahrheit.

Der Hessische Rundfunk (HR) musste wegen der Einstweiligen Verfügung die Dokumentation in der Mediathek ändern. Allerdings räumte der HR ein, dass der in der Dokumentation gezeigte Namen kein echter Name sei – eine Zeugin mit dem Namen Agnieszka Lewandowskagebe es nicht. Eine Email dieser Dame war in der Doku die Grundlage der Kritik.

Nun legt der Anwalt nach. Dem Mediendienst Meedia sagte Höcker:

Der HR hat eben nicht nur einen bloßen Namen erfunden, sondern gleich eine komplette leidende polnische Leiharbeiterin, die sich vermeintlich hilfesuchend an den HR gewandt haben soll. Diese Arbeiterin hat es nie gegeben! Die neue Quelle, die der HR nun nachschiebt, um die Arbeits- und Wohnbedingungen der Arbeiter zu beschreiben, nämlich einen Busfahrer, der selbst überhaupt nicht bei Amazon gearbeitet hat, war den Journalisten aber wohl zu unspektakulär und zu unauthentisch. Deshalb haben sie dramatisiert und aus dem langweiligen Busfahrer den Hilfeschrei einer vermeintlich geknechteten polnischen Arbeiterin gemacht. Das ist kein Journalismus, das ist Demagogie!

Den Deutschen Wirtschafts Nachrichten sagte Höcker:

„Wir halten auch zahlreiche andere Stellen des Films für äußerst fragwürdig. Der Bericht stellt die Leistungen unserer Mandantin insbesondere in Bad Hersfeld falsch dar. Die Doku beschreibt die Unterkunft  als „heruntergekommenen und völlig abgeschiedenen Ferienpark“. Menschen werden angeblich „in eine kleine Hütte gestopft“. Der dortige Seepark ist in Wahrheit eine hochwertige 3-Sterne-Ferienanlage. Die Hotels und Ferienbungalows sind auch nicht zu eng. Pro Bungalow leben nicht mehr Zeitarbeiter als normalerweise zahlende Urlauber. Es gibt auch nicht nur eine Kaltverpflegung, sondern die Gäste erhalten neben einem Frühstücksbuffet täglich ein reichhaltiges, abwechslungsreiches und warmes Essen und zwar kostenlos und auch noch nach Schichtende mitten in der Nacht. Es gibt nicht „viel zu wenig Busse“. Sie sind auch nicht „chronisch überfüllt und fahren nur einmal pro Schicht“, sondern unsere Mandantin sorgt stets für einen ausreichenden, zügigen und flexiblen Bustransfer ohne lange Wartezeiten. Es muss auch niemand in der Kälte auf Busse warten, sondern es gibt warme Warteräume.“

Der Konflikt wird nun vermutlich vor Gericht gehen. Höcker erwartet, dass der HR Widerspruch gegen die Einstweilige Verfügung einlegen werde. Der Justitiar des HR sagte Meedia:

„Diese Kritik entlarvt sich von selbst als das, was sie ist: Polemik und der durchsichtige Versuch, die gut recherchierte Dokumentation durch Haarspalterei zu diskreditieren. Die Vorwürfe sind widerlegt und ändern im Übrigen nicht das Geringste an der Glaubwürdigkeit und dem eigentlichen Thema dieser wichtigen Reportage.


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