Drossel: Deutsche Telekom trifft Haushalte mit Kindern am stärksten

Die Deutsche Telekom will nach Ansicht des Internet-Unternehmers Simon Kissel das Monopol der alten Bundes-Post wieder errichten. Daher verfolgt sie eine Strategie, von allen zu kassieren. Sie will außerdem den Zugang zum Internet kontrollieren. Daher erwartet Kissel ab 2016 die Einführung eines Zwangs-Modems für die deutschen Haushalte.

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Simon Kissel von Viprinet, inmitten von Routern, Modems, Computern und Kabeln: Wir bald überall Made in China stehen müssen? (Foto: Frauke Bönsch)

Simon Kissel von Viprinet, inmitten von Routern, Modems, Computern und Kabeln: Wir bald überall Made in China stehen müssen? (Foto: Frauke Bönsch)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Telekom ist gewaltig in die Schlagzeilen geraten wegen der Drossel. Welche Strategie verfolgt die Telekom?

Simon Kissel: Da kann man natürlich nur mutmaßen. Die Summe der Aktivitäten der Telekom der letzten Monate kann ich aber nur so interpretieren, dass man sich die Zeiten zurückwünscht, in der man als Bundespost ein Monopol auf die Telekommunikation hatte. Zudem scheint man neidisch darauf zu sein, dass bei den Inhalte-Anbietern noch viel Wachstum möglich ist, im Zugangs-Geschäft aber nicht, solange man nicht kräftig investiert.

Deswegen scheint man sich bei der Telekom vom Netzbetreiber zum Wegelagerer wandeln zu wollen. Man möchte mit einer Monopol-ähnlichen Stellung etwas erreichen, was in einem freien Markt unmöglich wäre: In alle Richtungen die Hand aufhalten. Beim Kunden abkassieren, bei den Mitbewerbern abkassieren, und bei den Inhalte-Anbietern abkassieren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wen wird die Drossel am stärksten treffen?

Simon Kissel: Kinderreiche Haushalte. Die Deutsche Telekom geht in ihren Rechenbeispielen komischerweise immer von Single-Haushalten aus. Wenn ich mehrere Personen in meinem Haushalt habe, und der Vater muss vielleicht noch Telearbeit machen, die Kinder für die Schule recherchieren, und die einzelnen Familienmitglieder nutzen dann noch Online-Spiele oder verschiedene Videodienste, dann wird es ganz schnell sehr eng mit den 75 Gigabyte.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Auswirkungen wird die Drossel auf den Markt haben? Werden andere Unternehmen dem Beispiel der Telekom folgen?

Simon Kissel: Wenn die Deutsche Telekom drosselt, die Mitbewerber aber nicht, werden alle Kunden mit hohem Bandbreitenaufkommen zu Mitbewerbern wechseln. Damit gerät die eigentlich gesunde Mischkalkulation aus Wenig- und Vielnutzern, die jeder Internetprovider haben muss, aus den Fugen – die Telekom schafft sich einen Vorteil, da sie die wenig technikaffinen und damit kaum wechselwilligen Kunden behält – also die Oma, die nur einmal in der Woche neue Strickmuster auf Google sucht-, und damit zulasten ihrer Mitbewerber ihre Mischkalkulation aufbessert.

Eigentlich wäre das kein großes Problem, denn die Traffic-Kosten fallen in der Provider-Kalkulation kaum ins Gewicht, es handelt sich um Cent-Beträge.

Aber in Deutschland sind die Mitbewerber der Telekom ja verpflichtet, für die Nutzung der Teilnehmeranschlussleitungen ganz erstaunlich hohe Beträge an die Telekom zu zahlen. Das sorgt für die bizarre Situation dass die Telekom an die Weitervermietung des vom Steuerzahler bezahlten Netzes an die „Mittbewerber“ kräftig verdient, während diese Mitbewerber kaum noch Marge übrig haben. Da kann dann wirklich jeder Cent zählen am Ende.

Wenn alle Mitbewerber der Telekom geschlossen eine Nachahmung bei der Drosselung unterlassen würden, könnten diese es aushalten, dass sich ihre Mischkalkulation etwas verschiebt. Wenn dann aber doch einige Anbieter ausscheren, und sich dem Telekom-Modell anschließen, dann können wir Flatrates in Deutschland endgültig begraben.

Ähnlich wie im Mobilfunk verfolgen die Kunden dann das Ziel, Ihre Kommunikation und Informationsbezug einzuschränken statt auszuweiten – das exakte Gegenteil dessen, was man in einer Wissensgesellschaft will.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie werden sich die Preise entwickeln – für Privatkunden, vor allem aber für kleine und mittelständische Unternehmen?

Simon Kissel: Sie werden das tun, was Preise immer tun, wenn Wettbewerb ausgeschaltet wird: Sie werden steigen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ein Punkt, den Sie besonders kritisieren, ist das Zwangs-Modem, das kommen soll. Was ist hier geplant?

Simon Kissel: Das ist im Moment noch ziemlich undurchsichtig. Fakt ist: Eigentlich sagt die Gesetzeslage, dass das Netz des Anbieters an der Telefondose endet, und ich da als Bürger anschließen darf, was ich lustig bin, solange es europäische Normen erfüllt. Deswegen kostet ein Telefon heute keine 500 Mark mehr. Es ist seit dem Fall des Postmonopols ein riesiger freier Markt an Endgeräten entstanden.

Bestimmte Vorhaben von der Telekom, allen voran das so genannte „VDSL Vectoring“ bedürfen laut Argumentation der Telekom gegenüber Bundesnetzagentur und Marktteilnehmern allerdings, dass der Netzbetreiber die Kontrolle über die Endgeräte beim Kunden erhält. Und die Bundesnetzagentur hat im Januar 2013 nun plötzlich entschieden, dass man nichts dagegen tun könnte, wenn einem ein Netzbetreiber ein Modem vorschreibt – obwohl im Gesetz steht, dass man dagegen sehr wohl etwas tun könnte.

Ich gehe daher davon aus, dass wir 2016 Zwangs-Modems bekommen werden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Vorteile hat die Telekom von einem Zwangs-Modem?

Simon Kissel: Wenn es einen Markt mit verschiedenen Herstellern gibt, braucht man internationale und öffentliche Standards, das heißt, alles kommt an die Öffentlichkeit. Wenn man den entsprechenden freien Markt abschafft, kann man im stillen Kämmerlein sein eigenes Süppchen kochen, und die Leute abhängig machen. Wenn es keinen Standard gibt, und nur das von der Telekom gelieferte Modem am VDSL-Anschluss funktioniert, kann auch keiner mehr die Zwangs-Modems umgehen.

Langfristig wird auch die Deutsche Telekom – zu spät – erkennen, dass es trotzdem keine gute Idee gewesen sein wird, den freien Markt der Endgeräte zu zerstören. Die Innovationen in diesem Bereich kommen schließlich nicht von den Chinesen, die doch immer noch meist lieber kopieren statt selbst Erfindungen zu leisten. Macht man den Markt kaputt, gibt es dann aber keine Hersteller mehr, deren Ideen man klauen könnte, und am Ende steckt die Telekom dann selber in einer Abhängigkeitsfalle.

Meine Erfahrung sagt mir: Geschäfte mit China machen kann ganz prima sein. Aber man möchte eher nicht von China abhängig sein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Nachteile hat der Kunde?

Simon Kissel: Höhere Preise mangels Wettbewerb, weniger Innovation. Und dass man als Deutscher im nächsten Urlaub ausgelacht wird, wie rückständig wir seien.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Unterschiede gibt es bei den Modems – einer Ihrer Kunden ist die Polizei – müssten die das Modem dann auch umbauen?

Simon Kissel: Es gibt heute hunderte verschiedene Router und Modems am Markt, optimiert auf zig verschiedene Einsatzzwecke. Das reicht vom Billig-Gerät bis zu zertifizierten Hochsicherheitsroutern. Dann gibt es Alarmanlagen, Aufzüge und zig weitere Systeme, die heute direkt an das Telefonnetz angeschlossen werden müssen. Die Sicherheit unseres Gesundheitssystems basiert auf Vertrauen in zertifzierte Router.

Mir wird ganz angst und bange bei dem Gedanken, was uns hier drohen kann.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Gibt es Sicherheits- oder Qualitäts-Bedenken bei einem chinesischen Hersteller, der im Moment besonders von der Telekom favorisiert wird?

Simon Kissel: Das Problem bei Hintertüren in IT-Produkten ist: Eine gute Hintertür ist von außen komplett unsichtbar. Sie müssen schlicht dem Hersteller und seinen Intentionen vertrauen, oder aber sie müssen gemäß dem Open Source Gedanken den Quellcode der Produkte durch eine unabhängige Stelle prüfen und zertifizieren lassen.

In den USA waren die Warnungen vom Pentagon so laut, dass man sich dort sehr deutlich dagegen ausgesprochen hat, es zuzulassen dass die chinesischen Hersteller die Gewalt über die gesamte Kommunikationsinfrastruktur der USA erlangen. Huawei hat nun die Konsequenz gezogen, und den Rückzug aus den USA angekündigt.

In Deutschland bezeichnet sich Huawei hingegen als „Partner der Politik“.
Und von den Sicherheitspolitikern, die sonst immer als erstes und am lautesten schreien, hört man bisher rein gar nichts zu dieser Bedrohung.

Man sollte nicht paranoid werden, aber man darf auch die Augen nicht
verschließen: Wirtschaftskriege werden zunehmend über das Internet ausgetragen, und China wird in der Kriegsführung hier allgemein als weltweit führend angesehen.

Es ist erstaunlich, wie wenig das Thema in Europa diskutiert wird.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Konsequenzen hätte das für die Branche – Ihr Unternehmen wäre da ja direkt betroffen?

Simon Kissel: Uns als Unternehmen betrifft es nicht so direkt. Wir haben wichtigere Absatzmärkte als Deutschland – der Markt hier ist dank der Stellung der Telekom nicht wirklich gesund. Außerdem ist es das Prinzip unserer Router, dass wir mehrere Internetzugänge zusammen bündeln, um ausfallsichere Anbindungen zu erreichen, und dabei keinem einzigen Internetanbieter vertrauen. Der gesamte Datenverkehr über die Internetleitungen ist komplett verschlüsselt. Deswegen nutzen zum Beispiel auch deutsche Firmen in ihren Niederlassungen in China unsere Router, um ohne chinesische Wirtschaftsspionage mit der Heimat kommunizieren zu können.

Aber natürlich schadet es uns, wenn die Auswahl an verschiedenen Internet- Anbietern weiter zurückgeht. Und wenn eines Tages Huawei dann wirklich die gesamte Infrastruktur aller Anbieter liefern würde, und man in China entscheidet, uns das Internet auszuschalten, dann wären auch unsere Router offline.

Außerdem mag ich mich auf internationalen Konferenzen nicht mehr für unser Breitband-Entwicklungsland schämen müssen. Was die Verfügbarkeit von ungedrosseltem, unzensiertem Breitband-Internet angeht, wird Deutschland langsam echt peinlich.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was kann der Staat am Ende, wenn es ein Zwangs-Modem gibt? Könnte der Staat dann – theoretisch – auf Knopfdruck das ganze Internet in Deutschland lahmlegen?

Simon Kissel: Natürlich könnte er das. Heute wäre das noch sehr schwierig – es gibt viele Anbieter, zig verschiedene Zugangstechniken, verschiedene Backbone-Betreiber und unterschiedliche Peering-Punkte. Die Internet-Strukturen sind in Deutschland sehr robust. Wenn man etwas abschalten oder zensieren will, sucht man sich immer etwas, was halbwegs zentral und gleichmäßig gesteuert werden kann – aktuell sperrt man zum Beispiel Websites gerne über das Domain Name System.

Hätten wir in jedem deutschen Haushalt ein und dasselbe Modem stehen, wäre das natürlich der nächstliegende Zugriffspunkt.

Ich bin mir aber sicher: Lange bevor der deutsche Staat auf so etwas zugreifen wollen würde, wäre unser Land schon mehrfach durch irgendwelche Hacker lahmgelegt worden. Dass das heute nicht schon geschieht, liegt einfach nur daran dass wir keine Monokultur haben. Als im Januar sich BSI und LKA Niedersachen einschalten mussten, weil von einem Router-Hersteller Modems massenweise gehackt wurden, waren „nur“ zehntausende Geräte betroffen, bei denen die Bürger informiert werden mussten. Stellen sich das mal vor, wenn so etwas mit einem Gerät passiert, was ein paar Millionen Haushalte nutzen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wenn es wirklich zum Zwangs-Modem kommt – kann sich der Kunde dagegen irgendwie schützen, oder ist dann der Zugang komplett in staatlicher Hand?

Simon Kissel: Das mag ich mir nicht ausmalen. Ich wäre zu diesem Zeitpunkt allerdings auch schon längst ausgewandert.

Simon Kissel ist CEO des in Bingen am Rhein ansässigen Internet-Unternehmens Viprinet.

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