Branche unter Druck: Kunden wollen keine neuen Autos mehr kaufen

Die europäische Automobil-Industrie befindet sich in der tiefsten Krise seit Jahrzehnten. Die Konsumenten kaufen immer weniger Neuwagen. Die Branche wird nie mehr auf das alte Niveau zurückkehren. Dies wird gravierende Folgen auch für Deutschland haben.

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Kapazitätsauslastung Pkw-Produktion 2012 bis 2013. (Grafik: Universität Duisburg/Essen, CAR-Center Automotive Research)

Kapazitätsauslastung Pkw-Produktion 2012 bis 2013. (Grafik: Universität Duisburg/Essen, CAR-Center Automotive Research)

Die europäische Autoindustrie befindet sich in einer veritablen Krise – und die Unternehmen wissen nicht, wie sie sich gegen den Rückgang wappnen können: „Es ist einfach so, dass die Leute draufgekommen sind, dass sie sich nicht wegen der Urlaubs ein teures Auto leisten müssen. Die Billigflieger machen uns da spürbar Konkurrenz. Außerdem ist es für die Leute billiger, wenn sie sich für den Urlaub einen Mietwagen nehmen und sich dafür während des Jahres im Stadtverkehr mit einem Gebrauchten bewegen“, sagt ein hochrangiger Automobil-Manager den Deutschen Mittelstands Nachrichten. Er verweist darauf, dass der Ankauf von Neuwagen durch Privatpersonen dramatisch zurückgegangen ist. Und auch die Fahrzeuge, die als Neuwagen von Privaten am liebsten gekauft werden, zeigen, dass es einen klaren Trend zum Sparen gibt. An erster Stelle der meistgekauften Privatautos steht zwar immer noch Mercedes mit der C-Klasse, dahinter kommen mit Toyota und Skoda Modell, bei denen es nicht ums Prestige geht. Erst auf Platz 4 kommt Volkswagen mit dem Passat.

Diese Statistik zeigt, dass das Neuwagen-Geschäft wohl nie mehr so blühen wird wie in den vergangenen Jahren – so jedenfalls sehen es die Händler: Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten haben in mehreren Autohäusern in Deutschland nachgefragt. Überall herrscht geradezu lähmender Stillstand. Händler berichten, dass die Leute nicht einmal mehr an Probefahrten interessiert sind – ein Indiz, dass der Kauf eines Neuwagens in vielen Haushalten auch auf mittlere Sicht nicht in Erwägung gezogen wird. Mehrere Händler bestätigen, dass den Leuten die Autos schlicht zu teuer geworden sind und sie die Vorteile der technischen Innovation, die ihnen von den Herstellern angeboten werden, nicht brauchen. „Wer zahlt heute schon einen saftigen Aufpreis für einen Tempomat, wenn er nur in der Stadt fährt?“, sagte ein Händler, der darauf verwies, das zur einfachen Fortbewegung Gebrauchtwagen für die Kunden eine absolut gleichwertige Alternative darstellen.

Die Auto-Industrie geht „durch ihr schwerstes Jahr seit der ersten Ölkrise“, findet daher folgerichtig eine aktuelle Studie von Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des CAR-Center Automotive Research sowie Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Dudenhöffer erwartet, dass sich die Lage auch nicht nachhaltig verbessern wird: „Der Produktionsstandort West-Europa wird auch nach der derzeitigen Krise nicht mehr auf seine alten Niveaus zurückkehren“ lautet die Hauptaussage der Studie Dudenhöffers. In Südeuropa ist die Lage noch ernster: Hier seien die Werke nur zu 58 Prozent ausgelastet.

„Das hat nichts mit den hohen Preisen der Fahrzeuge zu tun“, sagte Dudenhöffer den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Man könne ja auch preisgünstigere Autos kaufen. Die Menschen könnten jedoch „nicht einmal Schulden machen, weil sie kein Geld von den Banken kriegen.“ Vielmehr liege ein „strukturelles Problem“ vor.

Als Grund führt Dudenhöffer die hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa an. Knapp 20 Millionen Menschen (12,2%) sind im April in der Euro-Zone arbeitslos. Das ist Rekord. In Spanien (26,8%) ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch. Italien hat die höchste Arbeitslosigkeit seit 36 Jahren. Auch Frankreich kann im europäischen Wettbewerb nicht mehr mithalten.  Die Chancen für einen sich schnell erholenden Automarkt in  Südeuropa seien damit gleich null, heißt es in der Studie.

„Arbeitslose sind keine guten Autokäufer“, sagt Dudenhöffer. Für 2013 sollen die Autoverkäufe in den Südländern daher um 9,6 Prozent zurückgehen. Für Gesamteuropa rechnet Dudenhöffer mit einem Rückgang der Fahrzeugverkäufe um fünf Prozent auf knapp 12 Millionen. Damit werde das Jahr 2013 „das schlechteste Autojahr der letzten dreißig Jahre in West-Europa“.

Schlusslicht bei der Kapazitätsauslastung ist Italien. Weniger als die Hälfte der Produktionsstätten (49%) wird hier derzeit benötigt. Ähnlich schlecht sieht es in Frankreich aus, wo die Auslastung innerhalb eines Jahres um zehn Prozentpunkte schrumpfte. Bei Peugeot- Citroën soll ein weiteres Werk geschlossen und Mitarbeiter entlassen werden. Nur zwei Länder können sich gegen diesen Abwärtstrend behaupten: „In Spanien machen sich die Q-Modelle von Audi bemerkbar, die zu einer besseren Auslastung der Seat-Werke führen. In Österreich profitiert Magna von den Mini-Aufträgen für den Countryman und Paceman.“

Eine Verbesserung der Situation sei frühestens im Herbst des laufenden Jahres zu erwarten. Daher werde die Auslastung der westeuropäischen Staaten auf 70,5 Prozent sinken. Dieser Stand ist niedriger als im Krisenjahr 2009, in dessen Folge die Bundesregierung die Autobranche mit einer Abwrackprämie retten musste.

In Deutschland und England bleiben die Auslastungsquoten relativ stabil. Zudem können Audi, BMW, Mercedes und VW ihre „schlechte europäische Automobilkonjunktur durch ihr außereuropäischen Geschäft kompensieren“, so die Studie. Dennoch schaffe die EU durch die Staatsschuldenkrise einen Teil ihrer Autoindustrie unwiederbringlich ab.

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