Erdoğan sagt Finanz-Märkten den Kampf an: „Der Neo-Libera​lismus ist tot“

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdoğan hat einen Kritiker des „Neoliberalismus“ zu seinem Chefberater ernannt. Erdoğan wettert weiter gegen die Börsen und will mehr Gerechtigkeit. Tatsächlich tobt in der Türkei der Kampf der neuen, muslimischen Bourgeoisie, gegen die alten Wirtschafts-Eliten.

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Der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan ist der Vertreter einer muslimischen Bourgeoisie aus Anatolien. Er will die Macht der alten Unternehmerfamilien in der Türkei brechen, weil diese die Proteste gegen ihn unterstützt hatten. (Foto: consilium)

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan ist der Vertreter einer muslimischen Bourgeoisie aus Anatolien. Er will die Macht der alten Unternehmerfamilien in der Türkei brechen, weil diese die Proteste gegen ihn unterstützt hatten. (Foto: consilium)

In den vergangenen Jahren hatte die AKP-Regierung eine durchgehend wirtschaftsliberale Linie verfolgt. Der türkische Markt wurde weitgehend dereguliert und zahlreiche Staatsunternehmen privatisiert. Doch auch die Schere zwischen Arm und Reich wurde größer. Nun hat der türkische Ministerpräsident Erdoğan ausgerechnet einen Kritiker der Finanzwelt und des „Neoliberalismus“ zu seinem Chefberater in Wirtschaftsfragen ernannt.

Verschwörungstheoretiker oder Finanzanalyst?

Sein Name ist Yiğit Bulut. Bulut ist Finanzanalyst, 41 Jahre alt und Absolvent der Bilkent Universität Ankara und der Sorbonne Universität Paris. Zuletzt hatte er für Kanal 6, Kanal E, CNN Türk und die Zeitung Stargazete gearbeitet. Buluts Kritiker sehen in ihm einen „Verschwörungstheoretiker“. Für seine Unterstützer ist er ein vielversprechender junger Kenner der Finanz- und Bankenwelt. 2008 schrieb er in einem Artikel, dass der „Neoliberalismus tot“ sei und die Staaten in den kommenden Jahren zu wirtschaftlichen Regulierungen übergehen werden. Anders sei die Finanzkrise nicht zu bewältigen.

Finanzeliten stecken hinter Protesten

Im Zuge der Gezi-Proteste hatte er gesagt, dass es bestimmte Banken wären, die die Proteste aufheizen würden. Eine Eskalation der „legitimen“ Gezi-Park Proteste und der Sturz Erdoğans sei geplant. Die Bankiers seien unzufrieden mit der geplanten Senkung des Leitzinses. Eine Leitzinssenkung hätte sowohl Verbrauchern sowie Unternehmen die Möglichkeit gegeben, günstige Kredite aufzunehmen. Die Verzinsung von Sparguthaben wären zwar gesunken. Doch die Regierung habe in erster Linie eine Belebung der Konjunktur beabsichtigt, da Leitzinssenkungen den Konsum ankurbeln. Zudem habe die AKP in den vergangenen Monaten einen finanzpolitischen Kurswechsel eingeschlagen. Der Aktienmarkt sollte genauer unter die Lupe genommen werden, um Börsenmanipulationen zu verhindern. Die Türkei sei beim IWF erstmals seit 52 Jahren schuldenfrei geworden. Das habe einigen Leuten nicht gepasst.

Kampf um die Wirtschaftsmacht

Tatsächlich gehörten einige Banken-Chefs und berühmte Unternehmer zu den größten Unterstützern der Proteste. Zu ihnen zählen seinen Angaben nach Ergun Özen, Chef der Garanti Bank, Ali Koç, Sprössling der milliardenschweren Koç-Familie oder der Textilmagnat Cem Boyner. Weitere Erdoğan-Gegner seien die Sabancı-Holding, die Doğan-Holding, die Doğuş-Holding und die Eczacıbaşı-Holding, berichtet das türkische Nachrichtenportal Haber Import. In der Türkei fände ein Kampf zwischen den alten Wirtschafts- und Finanzeliten und der neuen „anatolischen Bourgeoisie“ statt.

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