DWN-Magazin: Sollen wir in der EU nur noch Englisch sprechen?

Mit einem Abonnement des monatlichen Magazins der DWN stärken Sie die Unabhängigkeit unserer Redaktion. Die Titelgeschichte des aktuellen Heftes zielt auf ein Kernthema in Europa: Im babylonischen Chaos können die Politiker im Grunde nur falsche Entscheidungen treffen. Ideologen fordern nun die Einführung des Englischen als einzig gültige Sprache in Europa. Man muss nur den Herren Oettinger und Westerwelle zuhören, um zu wissen: Dieses Konzept führt in den Abgrund.

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Die Sprachenverwirrung im EU-Parlament auf dem Cover des neuen Magazin der DWN.

Die Sprachenverwirrung im EU-Parlament auf dem Cover des neuen Magazin der DWN.

Ulrike Guérot, eine Lobbyistin der EU, hat eine Vision, die viele in der EU teilen. Sie träumt davon, dass alle Europäer Englisch sprechen. In einem Beitrag für die grüne Heinrich Böll-Stiftung schrieb sie vor kurzem:

„Ich möchte den gerade ins 21. Jahrhundert Hineingeborenen trotzdem zurufen: lernt Englisch, Denglish, Frenglish, lernt Englisch, lernt Englisch! Ja, wir werden das Englische verflachen, beleidigen, schlecht aussprechen, vereinfachen, verhunzen, verunglimpfen, ihm Gewalt antun, wir alle, die wir 2.000 Wörter davon sprechen, das internationale Verständigungsvokabular. Oscar Wilde wird uns verfluchen, Ernest Hemingway auch, und wir werden antworten: Was sollen wir denn sonst sprechen? Um uns mit den Chinesen, den Indern, den Amerikanern, den Südafrikanern zu verständigen? Englisch ist die Sprache von Google und damit der Welt. Die Sprache der Computer, der Science und der World of Finance. Neben der Welt der Mode, Fashion oder Music, generell die Welten der Jugend. Alles Dämonen, aber auch Domänen, in denen Europa mitsprechen möchte, sollte, global impact haben sollte (wie sagt man das gleich noch auf Deutsch?).“

In der europäischen Praxis sieht das ganz anders aus.

Vor einigen Wochen sorgte ein Zwischenfall in Brüssel für Aufregung. Niederländische Journalisten hatten mehrere Europa-Parlamentarier beobachtet, als sie kurz vor Sitzungsende im Parlaments-Gebäude erschienen, um sich noch rasch in die Anwesenheitsliste einzutragen. Für jede Anwesenheit erhalten die Abgeordneten Sitzungsgeld. Wer sich nur kurz einträgt, kommt, ohne zu arbeiten, schnell zu viel Geld.

Als die Journalisten den italienischen Abgeordneten Raffaele Baldassarre zur Rede stellten, spielte sich Bemerkenswertes ab: Die Niederländer fragten Baldassarre auf Englisch, ob er das nicht verwerflich finde. Baldassarre sagte, noch lächelnd, auf Englisch, dass er nicht verstehe. Er sagte es mehrfach, immer auf Englisch. Seine Miene verfinsterte sich jedoch zusehends. Schließlich sagte der Abgeordnete auf Italienisch, dass er nicht verstehe. Als die Journalisten nicht lockerließen, stoppte Baldassarre und schrie die Reporter auf Italienisch an. Als sie weiterfragten, ging der Italiener zum nonverbalen Teil der Begegnung über: Er begann, auf einen der Journalisten einzuprügeln. Er versuchte, ihm das Mikrofon zu entreißen.

Diese Begegnung sagt viel über das Kernproblem der EU: Die Nationen sprechen unterschiedliche Sprachen. Wenn sei wollen, können sie einander verstehen. Wenn sie nicht wollen, bleiben sie einander fremd.

Das Problem der europäischen Sprachenverwirrung zieht sich wie ein roter Faden durch alle Etappen der Krise. Politische Entscheidungen werden in fremden Sprachen getroffen. Alle Völker Europas sind in diesem Kontext gleichermaßen benachteiligt: Tschechen, Österreicher, Italiener, Griechen, Spanier, Niederländer, Deutsche, Franzosen.

Dieses Dilemma ist unauflösbar. Es markiert das Kernproblem der EU: Viele Völker werden gezwungen, in ihnen fremden Sprachen komplexe politische Entscheidungen zu treffen.

Die Sprache ist nur die Spitze des Eisbergs: EU-Fanatiker fordern, dass alle Europäer Englisch lernen müssten, damit die EU funktionieren könne. Auch Bundespräsident Joachim Gauck, von dem keine einzige Rede in Englisch überliefert ist, fordert, dass das Englische die EU-Belange dominieren solle.

Praktisch endet das meist in einer Blamage.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat sich den Spott der Finanzcommunity zugezogen, als er bei einer Pressekonferenz den unvergessenen Satz sagte: „Zer will be no Staatsbankrott in Greece!“ (siehe Video am Ende des Artikels)

Guido Westerwelle, Günther Oettinger oder Rainer Brüderle sind besonders herausragende Beispiele, wie man sich in der Sprache der Finanzwelt und der EU unverständlich ausdrücken kann. Doch selbst Peer Steinbrück, der als Banker besonders viel mit der Finanz-Welt zu diskutieren hatte, macht viele Fehler und kann nicht mehr als Plattitüden aneinander reihen.

Der Einsatz des Englischen ist jedoch eine reine Utopie, die in der Realität niemals greifen kann. Wer deutschen Politikern zuhört, wie sie Englisch sprechen, weiß, dass ein politische Fiasko unausweichlich ist (siehe Videos am Ende des Textes).

Die baylonische Sprachverwirrung bei den politischen Entscheidungsprozessen hat dazu geführt, dass die Bürger der EU von den Institutionen entfremdet bleiben.

Der Grund dafür liegt in einem strukturellen Missverständnis: Übersetzer können niemals den Geist von Gesetzen oder Verträgen wiedergeben. Sie müssen zwangsläufig ein glattes, oberflächliches Werk vorlegen, weil die meisten Nuancen gar nicht übersetzt werden können.

So aber haben wir in der EU einen Zustand, der dazu führt, dass die meisten Politiker die Gesetze nicht verstehen, die sie beschließen.

Die Demokratie in Europa muss von jedem einzelnen Friulaner, Sorben, Katalanen oder Korsen verstanden werden.

Gleichheit vor dem Gesetz heißt nämlich, dass jeder die Gesetze verstehen können muss.

Alles andere ist Ideologie, Entmündigung, Diktatur.

Lesen Sie bitte im neuen Magazin der DWN, warum wir uns bereits bedenklich weit auf diesem Weg befinden.

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