Heißer Herbst befürchtet: Investoren fliehen aus Staatsanleihen

Immer mehr Investoren ziehen sich aus dem Anleihen-Markt zurück. Höhere Erträge am Aktienmarkt und die Manipulation des Anleihenmarktes durch die Zentralbanken sind die Gründe. Auch der weltweit größte Staatsfonds, der norwegische Öl-Fonds, reduziert seine Bestände. Ein massiver Ausverkauf könnte bevorstehen.

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Die USA sind wie damals stark abhängig von Investoren, die die Staatsanleihen kaufen. Damals setzte man auf das Pflichtgefühl der Amerikaner - diesmal sind es jedoch internationale Investoren, auf die man angewiesen ist. (Bild: Screenshot DWN)

Die USA sind wie damals stark abhängig von Investoren, die die Staatsanleihen kaufen. Damals setzte man auf das Pflichtgefühl der Amerikaner – diesmal sind es jedoch internationale Investoren, auf die man angewiesen ist. (Bild: Screenshot DWN)

Die weltweit größten Zentralbanken pumpen seit Monaten immer billigeres Geld in den Markt und kaufen gleichzeitig die Schulden ihrer Staaten auf. Ziel ist es unter anderem, die Rendite für Staatsanleihen niedrig zu halten und die Wirtschaft anzukurbeln. Doch was die Zentralbanker selbst als großen Erfolg bezeichnen, ist nichts anderes als eine Manipulation. Der Staatsanleihen-Markt hat längst seinen Bezug zur Realität verloren. Immer mehr Investoren ziehen sich daher zurück und freuen sich über große Rendite am Aktienmarkt. Doch wird das so genannte Quantative Easing der Zentralbanken erst einmal tatsächlich zurückgeschraubt, könnte der Ausverkauf noch viel stärker ausfallen.

Für die Staaten ist der Staatsanleihen-Markt ein sehr wichtiges Instrument, um die eigenen Schulden finanzieren zu können. Aber genau das macht ihn auch so anfällig für indirekte Manipulation und gefährlich, falls sich immer mehr Investoren von diesem Parkett zurückziehen.

Nicht ohne Wirkung ist daher die Investitionstätigkeit des norwegischen Öl-Fonds – immerhin der weltweit größte Staatsfonds überhaupt. Ende des zweiten Quartals machten Aktien 63,4 Prozent der Investitionen in den Büchern des Öl-Fonds aus. Staatsanleihen waren mit 35,7 Prozent hingegen nicht so stark im Fonds repräsentiert: Sie erreichten damit ein Rekordtief. Diese Entwicklung spiegele jedoch nicht die „Begeisterung“ für die Aktienmärkte, sondern vielmehr die Abneigung gegenüber den Anleihenmärkten wieder, zitiert die FT den Hauptgeschäftsführer des Fonds, Yngve Slyngstad. Mit 760 Milliarden Dollar hat der Fonds eine ordentliche Durchschlagskraft.

So reduzierte der Fonds beispielsweise sein Engagement in französische und britische Anleihen um ein Drittel. Um insgesamt 1,4 Prozent sanken die Investitionen in Anleihen. Vor allem die derzeitige Geldpolitik ist Grund für den Fonds, sich aus diesem Markt zurückzuziehen.

Neben europäischen Anleihen sind auch die US-Bonds ein wichtiger Gradmesser für die Entwicklung des Anleihenmarktes. Ende Juni gab es bereits einen Vorgeschmack auf kommende Ereignisse. So gingen etwa die Bestände von US-Anleihen bei ausländischen Zentralbanken innerhalb nur einer Woche um über 32 Milliarden Dollar zurück und in der Woche bis zum 26 Juni stießen auch private Investoren Bonds im Wert von 10,6 Milliarden Dollar ab (hier).

Im Herbst könnte dann jedoch ein tatsächlicher Ausverkauf anstehen. Im September wird erwartet, dass sich die Fed endgültig festlegt, ob sie ihre Geldpolitik ändert und das massive Gelddrucken reduziert. Die Fed könnte ihr umfangreiches Anleihekauf-Programm drastisch zurückfahren (mehr hier).

Die Verluste, die Investoren derzeit mit Anleihen machen, spielen beim drohenden Ausverkauf ebenfalls eine Rolle. Im Juni wird die kumulierte Rendite der US-Anleihen bei Minus 11,3 Prozent gewesen sein, berechneten Ökonomen der Fed von New York. Auch die Tatsache, dass die Investoren mittlerweile mehr Rendite für US-Staatsanleihen mit einer langen Laufzeit verlangten, spricht den Ökonomen zufolge für drohende Turbulenzen. Zudem tragen die höheren Erträge aus den Aktienmärkten zu einer Flucht aus dem Anleihenmarkt bei.

Etliche europäische Länder haben in den vergangenen Monaten auch den Rückzug der Investoren vom Anleihenmarkt gespürt. Die Renditen zogen wieder an und die Regierungen mussten, da die EZB derzeit nicht selbst kauft, beispielsweise die staatseigenen Rentenfonds zum Kauf von Anleihen nutzen (hier). Oder, wie es in Italien der Fall ist, eine eigentlich marode Bank stetig mit Staatsgeldern retten, damit diese weiter in Staatsanleihen investieren kann. Anleihen im Wert von drei Milliarden Euro hat die Monte dei Paschi im Juni gekauft – mittlerweile besitzt sie italienischen Anleihen im Wert von 29 Milliarden Euro. Gleichzeitig aber pumpt der italienische Staat, also der Steuerzahler, regelmäßig Hilfsgelder in die Bank (mehr hier). Die italienische Regierung erhöht also ihre ohnehin schon enormen Staatsschulden für Kredite und Garantien an eine Bank, die eigentlich zahlungsunfähig ist. Diese soll mit dem Geld wiederum italienische Schulden kaufen.

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