US-Behörden haben Zugriff auf das Buchungs-System der Lufthansa

Die amerikanischen Sicherheits-Behörden können direkt in das Buchungs-System der Lufthansa eingreifen. Offenbar machen die US-Schnüffler regen Gebrauch von dieser Möglichkeit, wie ein aktueller Vorfall zeigt. Die Lufthansa bestätigte, dass sie den amerikanischen Behörden Daten zur Verfügung stellt, wollte jedoch zu Details aus Sicherheitsgründen keine Angaben machen. Die flächendeckende Schnüffelei hat also bereits praktische Folgen für jeden Europäer. Der Willkür sind Tür und Tor geöffnet. Gegen die Macht der Behörden ist der Rechtsweg ausgeschlossen.

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Bevor ein Passagier seinen Flug in die USA antreten kann, wird er von den US-Behörden noch einmal überprüft. Erfüllt er nicht die Voraussetzungen der Amerikaner, bekommt er keine Bordkarte. (Foto: DWN)

Bevor ein Passagier seinen Flug in die USA antreten kann, wird er von den US-Behörden noch einmal überprüft. Erfüllt er nicht die Voraussetzungen der Amerikaner, bekommt er keine Bordkarte. (Foto: DWN)

Die täglich neuen Enthüllungen über die flächendeckende Daten-Schnüffelei hat lassen die Bürger weithin ratlos zurück. Viele sagen: „Was soll’s? Ich habe nichts zu verbergen. Und in dem Datenmüll findet am Ende ohnehin keiner etwas.“

Das ist eine Illusion.

Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten haben Kenntnis von einem Fall, der zeigt, dass die US-Behörden mit wenigen Schritten missliebige Bürger aussortieren und schikanieren können.

Ein Reisender machte kürzlich eher zufällig eine interessante Entdeckung.

Der Mann hatte einen Flug auf einer Lufthansa Maschine von Frankfurt/Main nach Washington gebucht.

Als er am Vortag einchecken wollte, verweigerte das Lufthansa-Buchungssystem die Möglichkeit, eine Bordkarte auszudrucken. Der Passagier wurde aufgefordert, sich am Schalter zu melden. Nach mehreren erneuten Versuchen rief der Passagier beim Kundenservice der Lufthansa an. Er schilderte den Vorfall und sagte, dass er das nicht verstehe – er sei ein Vielflieger und habe noch nie Probleme gehabt, die Bordkarte auszudrucken.

Darauf kam es zu folgendem Dialog mit einer ausgesprochen freundlichen Dame von der Lufthansa (sinngemäße Wiedergabe anhand von Notizen des Passagiers):

Lufthansa: „Ja, das tut uns leid, aber wir können da nichts machen, das liegt an den Amerikanern.“

Passagier: „Ja wie, an den Amerikanern? Ich wollte meine Bordkarte ausdrucken. Das ist doch nicht Sache der Amerikaner!“

Lufthansa: „Es tut mir wirklich sehr leid, und ich verstehe, dass das sehr unangenehm ist, aber ich kann ihnen da wirklich nicht helfen. Bitte melden Sie sich am Gate.“

Passagier: „Aber ich habe ja keine Bordkarte, heißt das, dass ich jetzt zwei Stunden früher dort sein muss?“

Lufthansa: „Sie sollten schon früher dort sein, offiziell sind es zwei Stunden.“

Passagier: „Können Sie mich nicht einchecken?“

Lufthansa: „Das kann ich leider nicht. Es gibt pro Flug eine gewisse Anzahl von Passagieren, die von den Amerikanern ausgewählt werden, die dann erst am Flughafen ihre Bordkarte bekommen können. Sie sind aber schon eingecheckt, das sehe ich im System.“

Passagier: „Aha, und nach welchen Kriterien wählen die Amerikaner aus?“

Lufthansa: „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Vielleicht sind es Leute, die den Amerikanern in irgendeiner Weise aufgefallen sind, wir wissen es nicht. Die Auswahl treffen die Amerikaner. Es ist bei jedem Flug eine gewisse Anzahl.“

Passagier: „Ich wüsste nicht, warum ich den Amerikanern aufgefallen sein sollte. Können mich die Amerikaner also sperren, indem sie im Lufthansa-Buchungssystem nachschauen, wer fliegen will?“

Lufthansa: „Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Die Auswahl wird von den Amerikanern direkt getroffen. Aber machen Sie sich keine Sorgen, in der Regel geht das immer ganz problemlos vor sich.“

Passagier: „Heißt das also, dass die Amerikaner direkt in Ihr Buchungssystem schauen können und dann jeden sperren können, wenn sie wollen?“

Lufthansa: „Ja, die Amerikaner können das direkt machen. Aber machen Sie sich keine Sorgen, das ist alles reine Routine, und Sie brauchen sich überhaupt keine Sorge wegen des Flugs zu machen.“

Dem Passagier war trotz der ermunternden Worte der Lufthansa-Mitarbeiterin etwas mulmig zu Mute. Er hatte direkt nach der Ankunft ein wichtiges Meeting in Washington und wollte nicht unbedingt von den amerikanischen Sicherheitsbehörden am Flughafen aussortiert werden.

Darauf unternahm der Passagier einen weiteren Versuch, online einzuchecken – diesmal jedoch über das Mobiltelefon.

Dort erhielt er eine neue Information: Als er sich die Bordkarte auf das Handy schicken lassen wollte, erschien in einem Dialogfenster die Nachricht: „Sie haben keine gültige Einreiseerlaubnis in die USA.“

Nachdem der Passagier eine halbe Stunde vor dem Einchecken noch einmal seine ESTA-Nummer und Gültigkeit herausgesucht hatte, fiel ihm die letzte Möglichkeit ein: Er könnte sich beim Eingeben der Nummer seines Reisepasses vertippt haben.

Und tatsächlich: Nachdem der Passagier die Nummer des Reisepasses erneut eingegeben hatte (besonders langsam, um ja nichts falsch zu machen, ging das Einchecken mit einem Mal reibungslos über die Bühne.

Das bedeutet: Die US-Sicherheitsbehörden gleichen offenbar die ESTA-Nummern bereits im Buchungssystem der Lufthansa mit den Angaben der Passagiere ab. Der Passagier hatte nach eigenen Angaben seine ESTA-Nummer noch nie an die Lufthansa gegeben – die einzigen, die diese Nummer kennen, sind die Amerikaner. Nur sie können sie abgleichen. Demnach muss eine Schnittstelle zwischen der Datei der TSA (Transporation Security Administration, der US-Transportbehörde) und dem Buchungssystem der Lufthansa bestehen.

Die Lufthansa teilte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten mit, dass die Amerikaner tatsächlich die Daten der Passagiere bekommt:

Lufthansa stellt, wie alle anderen Airlines auch, den amerikanischen Behörden vor dem Abflug in die USA Passagierdaten zur Verfügung. Sollte es seitens der amerikanischen Behörden zu Nachfragen kommen, kann es sein, dass vor Abflug eine erneute Überprüfung der Passagierdaten erforderlich ist.“ Es sein jedoch „selbstverständlich, dass das Verfahren mit den entsprechenden EU-Richtlinien und Gesetzgebungen konform geht“.

Hier bezieht sich die Lufthansa auf das zu Unrecht in Vergessenheit geratene „Abkommen zur Weitergabe von Fluggastdaten“ zwischen der EU und den USA. Dieses Abkommen wurde im Frühjahr 2012 mit großer Mehrheit vom Europäischen Parlament verabschiedet worden.

Das Gesetz war völlig unnötig. Denn wie der Reisejournalist Edward Hasbrouck in einem Interview sagte, hätte die USA diese Daten bereits nach dem 11. September 2001 hatten die Amerikaner „einen direkten Draht zu den Computerreservierungssystemen wie Amadeus in Deutschland und Sabre in den USA – und sie können jederzeit alle diese Daten abfragen, ohne dass die Betroffenen davon erfahren. Das aber verletzt europäisches Datenschutzrecht.“

Dieser unrechtmäßige Zustand wurde durch den Beschluss des Europäischen Parlaments legalisiert. Und die Amerikaner machen offenbar im praktischen Alltag regen Gebrauch von ihren unbegrenzten Möglichkeiten,

Dieses Abkommen ist eine Schande, für die die Abgeordneten eigentlich mit einem lebenslangen Reiseverbot belegt werden müssten. Denn im Abkommen wurde zu geltendem Recht, dass die Daten ohne Anlass gesammelt und 15 Jahre lang gespeichert werden dürfen. Zu den erfassten Daten gehören Name, Anschrift, Telefonnummer, Email-Adresse, Kreditkartennummer, Serviceleistungen an Bord wie die Menü-Auswahl oder zollfreie Ware und die Buchungen für Hotels und Mietwagen.

Der Grüne Datenschutzexperte Jan Philipp Albrecht, erklärte damals:

„Die heutige Entscheidung von Konservativen und Sozialdemokraten für das Fluggastdatenabkommen mit den USA ist ein weiterer Schritt in den Überwachungsstaat. Zum ersten Mal seit zehn Jahren hatte das Europäische Parlament die Chance, die langjährige und anlasslose Rasterfahndung und Vorratsdatenspeicherung aller USA-Reisenden zu stoppen, doch die Mehrheit hat sie nicht genutzt.“

Wie die Entwicklung zeigt, haben die Amerikaner die Datenerfassung mittlerweile doch in einem erstaunlichen Maß professionalisiert. Sie sind dank all der Schnüffel-Ergebnisse der NSA in der Lage, perfekte Profile der EU-Bürger zu erstellen. Und bei diesem Profiling geht es, wie der Fall des Lufthansa-Passagiers zeigt, nicht um die Möglichkeit, sondern um die tatsächlich bereits praktizierte Kontrolle jedes einzelnen Passagiers während des Eincheck-Vorgangs.

Natürlich ist dieser Eingriff in die Privatsphäre der Lufthansa sehr unangenehm. Ein Sprecher wollte den von den DWN geschilderten Vorgang nicht kommentieren, dementierte aber auch ausdrücklich nicht, dass die TSA direkten Zugang in das Buchungssystem der Lufthansa hat. Seine Stellungnahme: „In diesen sicherheitsrelevanten Themen machen wir nur allgemeine Angaben.“

Im Jahr 2012 waren die flächendeckenden Schnüffeleien der US-Geheimdienste noch nicht öffentlich bekannt. Daher glaubte jedermann, dass die Amerikaner eben die Daten von den Airlines bekommen, und sich dann drum kümmern müssen, wie sie damit umgehen.

Heute wissen wir: Es wird alles und jedes ausspioniert, Internet, Emails, Telefonate. Selbstverständlich ohne Anlass, ohne Begründung, ohne Information der Betroffenen.

Das war alles in der DDR nicht anders.

Was heute jedoch entscheidend anders ist: Mit den modernen Computer-Technologien ist es kein Arbeitsaufwand mehr, Daten zu „matchen“, das heißt, in Sekunden ein Profil von jedem Bürger zu erstellen. Im System können dann die Daten – wieder in Sekundenschnelle – abgeglichen werden. Wenn jemand häufig auf Websites unterwegs ist, auf denen über Terrorismus berichtet wird, zehn Emails schreibt, wo neuralgische Begriffe vorkommen (Eis-Bombe, Die Kinder machen schon wieder Terror!, Ich habe ein Attentat auf Dich vor: Leih mir Deine Freundin!, Hannes hat einen Bart wie Osama bin Laden) – dann kann jemand als Terrorverdächtiger erfasst werden – und er wird auch bei der Lufthansa keinen Sitzplatz mehr bekommen.

In den USA stehen längst eine Million Bürger auf einer berüchtigten Liste – sie gelten als Terror-Verdächtige. Ihnen werden Flüge verwehrt, weil die US-Schnüffler auch den US-Airlines direkt im Buchungssystem herumpfuschen können.

Das ist im Grunde das Problem der Amerikaner. Wenn die Bürger das stört, müssen sie in Washington auf die Straße gehen.

Die Europäer wurden jedoch von jenen aufs Kreuz gelegt, die vom Steuergeld der Bürger leben: Den EU-Abgeordneten. Diese hatten 2012 mit der ihnen eigenen Ignoranz und Oberflächlichkeit einer Regelung zugestimmt, die ihnen danach völlig aus den Händen geglitten ist. Im Jahr 2012 hatte der CSU-Mann Manfred Weber noch in bemerkenswerter Naivität gesagt:

„Wenn jemand in die Vereinigten Staaten reist, dann werden die Daten übermittelt. Und die EU-Kommission hat künftig das Recht, in Amerika nachzuschauen, was sie mit unseren Daten machen und ob sie auch die Spielregeln, die wir vereinbart haben, einhalten.“

Wie das Lufthansa-Beispiel zeigt, geht es hier nicht mehr um „Spielregeln“. Es geht um ein völlig außer Kontrolle geratenes System, in dem die Politiker Pappkameraden sind, ohne jegliche Bedeutung.

Die Bürger dagegen sind einem gefährlichen Apparat ausgeliefert, in dem Willkür, Schikane und die Verfolgung von politisch Andersdenkenden durch technische Schnittstellen zwischen staatlichen Behörden und privaten Unternehmen ansatzlos möglich sind.

Es ist daher naiv, zu glauben, dass die Bürger die Überwachung nichts angeht.

Die Falle kann jederzeit zuschnappen. Dann sieht es schlecht aus, weil sich jeder exakt in der Lage befindet, die Franz Kafka in einem Buch „Der Prozess“ geschildert hat. Dort fragt sich der Protagonist Franz, warum er verhaftet wurde, und er erhält Antworten, wie die NSA, TSA oder CIA nicht treffender geben könnten:

„,Die Hauptfrage ist, von wem bin ich angeklagt? Welche Behörde führt das Verfahren? Sind Sie Beamte? Keiner hat eine Uniform, wenn man nicht Ihr Kleid‘ – hier wandte er sich an Franz – ,eine Uniform nennen will, aber es ist doch eher ein Reiseanzug. In diesen Fragen verlange ich Klarheit, und ich bin überzeugt, dass wir nach dieser Klarstellung voneinander den herzlichsten Abschied werden nehmen können.‘ Der Aufseher schlug die Zündhölzchenschachtel auf den Tisch nieder. ,Sie befinden sich in einem großen Irrtum‘, sagte er. ,Diese Herren hier und ich sind für Ihre Angelegenheit vollständig nebensächlich, ja wir wissen sogar von ihr fast nichts. Wir könnten die regelrechtesten Uniformen tragen, und Ihre Sache würde um nichts schlechter stehen. Ich kann Ihnen auch durchaus nicht sagen, dass Sie angeklagt sind oder vielmehr, ich weiß nicht, ob Sie es sind. Sie sind verhaftet, das ist richtig, mehr weiß ich nicht. Vielleicht haben die Wächter etwas anderes geschwätzt, dann ist es eben nur Geschwätz gewesen. Wenn ich nun aber auch Ihre Fragen nicht beantworte, so kann ich Ihnen doch raten, denken Sie weniger an uns und an das, was mit Ihnen geschehen wird, denken Sie lieber mehr an sich. Und machen Sie keinen solchen Lärm mit dem Gefühl Ihrer Unschuld, es stört den nicht gerade schlechten Eindruck, den Sie im übrigen machen. Auch sollten Sie überhaupt im Reden zurückhaltender sein, fast alles, was Sie vorhin gesagt haben, hätte man auch, wenn Sie nur ein paar Worte gesagt hätten, Ihrem Verhalten entnehmen können, außerdem war es nichts für Sie übermäßig Günstiges.‘“

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