Kriegs-Interessen der Großmächte holen Zypern aus der Staats-Pleite

Amerikaner und Briten brauchen Zypern, wenn sie Nordafrika und den Nahen Osten kontrollieren wollen. Am Samstag stimmten die Russen einer Umschuldung seines Milliarden-Kredits an Zypern zu. Daraufhin verweigerten die Zyprioten den Amerikanern die Erlaubnis, von Zypern aus Kampfeinsätze gegen Syrien zu fliegen. Kurz danach machte Obama seinen Rückzieher. Der Insel-Staat profitiert auch wirtschaftlich von den geostrategischen Ambitionen der Großmächte – und spielt die Kontrahenten offenbar geschickt gegeneinander aus.

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Der britische Stützpunkt Akrotiri auf Zypern. Von hier wollten die Amerikaner ihre Cruise Missiles nach Syrien schicken: Die Zyprioten sagten im Gegenzug für eine Umschuldung durch die Russen: Nejt! (Foto: fergusmurraysculpture.com)

Der britische Stützpunkt Akrotiri auf Zypern. Von hier wollten die Amerikaner ihre Cruise Missiles nach Syrien schicken: Die Zyprioten sagten im Gegenzug für eine Umschuldung durch die Russen: Nejt! (Foto: fergusmurraysculpture.com)

Die Gefahr eines Staatsbankrotts sei gebannt, sagte Zyperns Präsident Nikos Anastasiadis am Samstag. Als Grund nannte er die geostrategisch wichtige Lage des Landes als Schwelle zum Nahen Osten. Zypern werde kein neues Hilfsprogramm mehr benötigen und will bereits vor der geplanten Zeit an die Finanzmärkte zurückkehren.

„Natürlich gibt es noch Schwierigkeiten. Aber die werde man meistern. Wir werden unseren Verpflichtungen nachkommen“, sagte Anastasiadis dem Handelsblatt am Freitag. Neben Haushaltsdisziplin und Reformen, die den Weg aus der Rezession ebnen sollen, nannte Zyperns Präsident die geostrategisch wichtige Lage des Landes als „Schwelle zum Nahen Osten“, die für den Finanzplatz von Bedeutung sei.

Die Geostrategie rettet Zypern aus der größten Not: Noch vor einem Jahr war das Land so gut wie pleite. Nun profitiert das Land von seiner Lage im Mittelmeer. Wegen der großen Unsicherheit im Nahen Osten und in Nordafrika wollen alle Militärmächte auf der Insel tätig werden.

Zypern liegt genau zwischen den Kontinenten Europa, Asien und Afrika.

„Zypern hat großes geostrategisches Potential für alle Länder mit globalen Ambitionen, wie etwa die USA“, schreibt der türkische Politologe Said Yilmaz in einer Analyse des Landes: „Das Land ist ein geostrategisches Massezentrum, weil vor dort die wichtigen Öl- und Gas-Lieferungen vom Mittelmeer bis zum Persischen Golf und zur Kaspischen See kontrolliert werden können.“

Daher haben alle Weltmächte Truppen auf Zypern stationiert und verwenden die Insel als Brückenkopf nach Nordafrika und in den Nahen Osten.

Akrotiri ist eine von zwei großen britischen Militärstützpunkten der Royal Air Force in Zypern und souveränes britisches Territorium. Zypern war einst britische Kolonie und liegt nur 160 Kilometer von Syrien entfernt. Das Kommando der United States Air Force weiter entfernt, nämlich nämlich in Rammstein in Deutschland. Doch können die Amerikaner Akrotiri ebenfalls für ihre Truppen verwenden. Am Freitag waren dort Kampfdrohnen und Bomber gelandet, die gegen Syrien eingesetzt werden können (hier).

Die Franzosen können die zypriotischen Häfen nutzen, etwa den Flugzeugträger Charles de Gaulle, den die Franzosen im Kampfeinsatz gegen Syrien entsenden wollen.

Möglichweise haben jedoch die günstige Lage und die wirtschaftlichen Probleme Zyperns dazu beigetragen, dass US-Präsident Barack Obama seinen Alleingang gegen Syrien abblasen musste. Die russische Nachrichtenagentur ITAR-TASS meldete am Samstag, dass Russland Zypern bei der Restrukturierung seiner Schulden unterstützen werde: Die Zyprioten schulden den Russen noch 2,5 Milliarden Euro. Die Rückzahlung dieses während der Euro-Krise gewährten Kredits wurde von den Russen nun auf eine neue, wesentlich günstigere Basis gehoben: Die Russen senkten den Zinssatz mit einer halbjährigen Laufzeit auf 2,5 Prozent.

Die Bedingung, die die Russen jedoch stellten, dürfte Obamas Kampfeslust deutlich vermindert haben: Die Umschuldung werde nur über die Bühne gehen, wenn Zypern den Amerikanern und Briten die rote Karte für einen Militäreinsatz zeigt. Prompt verkündete Außenminister Ioannis Kasoulides am Samstag, dass Zypern nicht für militärische Operationen gegen Syrien verwendet werden dürfe.

Die Russen versuchen mit dieser Maßnahme, ihren Einfluss auf der Insel zurückzugewinnen. Am Höhepunkt der Euro-Krise hatte Moskau die Zyprioten mit ihrem Hilferuf nach mehr Geld brutal auflaufen lassen (hier). Darauf hatte die EU Zypern gezwungen, mit einer Zwangsabgabe seine Banken zu retten. Diese Maßnahme traf vor allem russische Oligarchen, die ihr Geld auf der Insel geparkt hatten. Putin tobte damals und warf der EU die Missachtung von Recht und Gesetz sowie die Enteignung russischer Staatsbürger vor.

Ohne einen unbeschränkten Zugriff auf Zypern ist ein Militärschlag der Amerikaner gegen Syrer zwar nicht unmöglich, aber doch deutlich erschwert. Die Ankündigung der Zyprioten, den Amerikanern den freien Zugang zu den Militärbasen auf der Insel zu verweigern, dürfte den US-Militärs erhebliches Kopfzerbrechen bereitet haben. Die Militärs hatten ohnehin schon schwere Bedenken gegen die Militär-Aktion (mehr hier).

Außenminister Kasoulides sagte am Samstag, dass Zypern seine Rolle nicht in kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern in der humanitären Hilfe sehe: Das Land sei bereit, vorübergehend bis zu 10.000 Flüchtlinge täglich für jeweils 48 Stunden aufzunehmen.

Bis zur endgültigen Entscheidung über den Militärschlag gegen Syrien dürfte Zypern weiter von den Begehrlichkeiten aller Konfliktparteien profitieren.

Das Land wird sich jedes Entgegenkommen teuer bezahlen lassen.

Die wirtschaftliche Lage Zyperns hat sich zwar um keinen Deut verbessert.

Doch das kleine Land wird versuchen, aus dem Krieg der Großen ein Geschäftsmodell zu entwickeln.

Bei Geschäftsmodellen kennen sich die Zyprioten schließlich aus – sehr zum Leidwesen von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der als Hardliner gegen die Schwarzgeld- und Niedrigzins-Praktiken Zyperns am lautesten gewettert hatte.

Im Wettbewerb um den Meistbietenden im Kriegsfalle spielt Schäuble jedoch keine Rolle.

Dieses Match heißt Putin gegen Obama.

Und es längst noch nicht ausgemacht, wer dieses Match gewinnt.


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