Israelische Militärs warnen vor US-Angriff: Tausende zivile Todesopfer befürchtet

Israelische Militärs warnen US-Präsident Obama vor einem Militärschlag. Er würde tausende zivile Todesopfer fordern. Der BND und die Franzosen präsentieren Beweise für die Schuld Assads. Folgt Obama den Geheimdiensten, wäre er der erste Friedens-Nobelpreisträger, der als Oberbefehlshaber einer Supermacht in den Krieg zieht.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic
US-Präsident Barack Obama wäre der erste Friedens-Nobelpreisträger der Geschichte, der als Oberbefehlshaber in einen Krieg zieht. (Foto: White House)

US-Präsident Barack Obama wäre der erste Friedens-Nobelpreisträger der Geschichte, der als Oberbefehlshaber in einen Krieg zieht. (Foto: White House)

Die Woche der Entscheidung hat begonnen.

Wird US-Präsident Obama den Befehl zum Angriff auf Syrien geben?

Die Geheimdienste Deutschlands und Frankreichs legen Beweise vor: Sie sollen belegen, dass Assad hinter den Giftgas-Angriffen steht.

Das würde Krieg bedeuten.

Hochrangige israelische Militärs dagegen warnen die Amerikaner. Ein Militär-Einsatz könne für die Zivilbevölkerung in Syrien eine Katastrophe auslösen.

Die französische Zeitung „Le Figaro“ publizierte am Montag Informationen aus einem Dossier des französischen Geheimdienstes. In dem Papier tragen die Franzosen eine Argumentationslinie vor, die beweisen soll, dass es nur Baschar al Assads Truppen gewesen sein können, die hinter dem Giftgas-Angriff auf die syrische Bevölkerung stehen.

Der Bericht hält fest, dass es nur „die Regierungstruppen gewesen sein können“, die den Angriff ausgeführt haben. Es sei „sehr unwahrscheinlich“, dass die Rebellen einen derartigen Angriff ausgeführt haben. Der französische Geheimdienst habe „47 Original-Videos“ ausgewertet. Demnach seien „mindestens 281 Tote“ identifiziert worden. Dies decke sich mit den Berichten der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die „mindestens 355 Tote“ gezählt habe. Die Angaben verschiedener „Quellen“, denen zufolge „etwa 1.500“ Tote zu beklagen seien, werden „von den Modellen gestützt, die unsere Experten über die Auswirkungen eines solchen Angriff auf die Bevölkerung der betroffenen Ortschaften entwickelt wurden“.

Der französische Geheimdienst analysierte die „Taktik“ von zwei früheren, kleineren Giftgas-Einsätzen aus dem Frühjahr. Demnach seien Hubschrauber eingesetzt worden, nachdem die betreffenden Gebiete unter Artillerie-Beschuss geraten waren.

Eines der Hauptargumente der Franzosen ist, dass Syrien solche Chemiewaffen wie Sarin sowie Raketen vom Typ Scud besitzen und dass Syrien niemals die Konvention zur Ächtung der Verwendung von Chemiewaffen unterzeichnet hätten.

Der Bundesnachrichtendienst BND spielte dem Spiegel Informationen zu, die den Einsatz der Chemiewaffen durch das Assad-Regime ebenfalls belegen.

Der Spiegel schreibt:

„Der Bundesnachrichtendienst (BND) unterstützt die Einschätzung der Amerikaner, dass das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad hinter den Giftgas-Angriffen auf Vororte von Damaskus am 21. August steckt. In geheim eingestuften Unterrichtungen für Sicherheitspolitiker sagte BND-Präsident Gerhard Schindler, ein eindeutiger Beweis fehle zwar. Nach einer eingehenden Plausibilitätsanalyse aber gehe sein Dienst davon aus, dass das Regime Täter sei.“

Als geradezu bahnbrechenden Beweis („die neuen BND-Erkenntnisse könnten in den kommenden Tagen an Brisanz gewinnen“) führt der Spiegel sodann an:

„Schindler präsentierte auch einen bisher unbekannten Beweis: So hörte der BND ein Gespräch eines hochrangigen Vertreters der libanesischen Miliz Hisbollah mit der iranischen Botschaft ab. Dabei soll der Funktionär der Hisbollah, die traditionell an der Seite Assads steht und ihn militärisch unterstützt, den Giftgaseinsatz eingeräumt haben. Der Funktionär habe gesagt, Assad seien die Nerven durchgegangen, mit dem Befehl für den Giftgaseinsatz habe er einen großen Fehler gemacht.“

Dem Spiegel zufolge könne „das vom BND abgehörte Telefonat“ die Beweisführung der Amerikaner „entscheidend anreichern“.

US-Präsident Barack Obama arbeitet in dieser Woche mit Hochdruck daran, den Kongress von der Notwendigkeit eines Militärschlags zu überzeugen. Die Washington Post berichtet von einem Treffen Obamas mit zwei wichtigen republikanischen Senatoren, John McCain und Lindsey Graham. Nachdem Obama zugesagt hatte, dass es keinen Einsatz von Bodentruppen geben werde, sollen sich beide Parteiführer im Grundsatz mit einem Militärschlag einverstanden erklärt haben.

Die bisherigen amerikanischen Beweise hatte Außenminister John Kerry am Freitag präsentiert (hier). Sie beziehen sich ausschließlich auf anonyme Quellen aus den „Sozialen Medien“ wie Twitter und Facebook, auf nicht genannte NGOs und Interviews, die der Geheimdienst in Syrien geführt hat.

An den Beweisen fällt auf, dass sie vor allem bereits bekannte Tatsachen beschreiben: Dass Syrien über Chemiewaffen und Raketen verfügt ist ebenso wenig neu wie die Berichte der „Ärzte ohne Grenzen“.

Bemerkenswert ist die Vorstellung, dass als entscheidend nun ein abgefangenes Telefonat ausgerechnet eines Hisbollah-Kämpfers sein soll. Die Hisbollah ist eine seit Jahren vom Iran und Syrien unterstützte Terror-Gruppe, die aus dem Südlibanon vor allem Israel bekämpft. Dass die Amerikaner nun die Aussage eines Mitglieds einer Terror-Organisation, von deren Brutalität die israelische Zivilbevölkerung ein trauriges Lied singen kann, zum entscheidenden Beweis für eine Militär-Aktion nehmen sollte, ist eine seltsame Volte in der Geschichte.

Auffällig ist in diesem Zusammenhang eine Diskussion innerhalb der EU: Die EU hatte sich in den vergangenen Monaten beharrlich geweigert, die Hisbollah offiziell als „Terror-Organisation“ einzustufen. Erst im Juli wurde der militärische Arm der Hisbollah auf eine entsprechende Liste gesetzt und die Assets der Hisbollah eingefroren. Die Hisbollah reagierte auf die Maßnahme mit Hohn und Spott gegenüber Brüssel. Ihr Führer Hassan Nasrallah sagte nach der EU-Entscheidung, dass den „Widerstands-Kämpfern“ nicht schaden werde, weil die Hisbollah kein Geld auf europäischen Banken habe. Die künftige Regierung der Hisbollah im Libanon werde aus Mitgliedern des militärischen Arms bestehen – weil die EU mit ihrer ausgesprochen dilettantischen Politik gesagt hatte, sie wolle weiter mit den politischen Führern der Hisbollah im Gespräch bleiben.

Es ist unklar, ob es auf EU-Seite schon damals Hinweise gab, dass die Amerikaner die Hisbollah zur Beseitigung Saddam Husseins in naher Zukunft instrumentalisieren könnte. Diese These könnte das Zögern der EU erklären, warum die Hisbollah bis zuletzt von der schwarzen Liste verschont werden sollte.

Dass ausgerechnet die Amerikaner in diesem Tohuwabohu des Nahen Ostens den Überblick behalten sollten, wird in Israel bezweifelt. Der Chef des israelischen Militär-Geheimdienstes Amos Yadlin sagte der Times of Israel, dass eine nicht durchdachte Militär-Aktion der USA islamistische Gruppen geradezu ermuntern würde, sich chemischer Waffen zu bemächtigen, um sie für ihre Ziele einzusetzen. Yadlin glaubt, dass die Amerikaner die Verzögerung des Angriffs nutzen würden, um noch mehr Truppen um Syrien zusammenzuziehen. Der Flugzeugträger Nimitz ist bereits in Marsch gesetzt worden (hier).

Eine militärische Aktion erfordert nach Einschätzung der Israelis zwingend den Einsatz von US-Bodentruppen. Davor aber sollten die Amerikaner jedoch ablassen, sagte der ehemalige stellvertretende Mossad-Chef Amiram Levin: „Wenn die Amerikaner die syrischen Chemiewaffen bombardieren wollen, so müssen sie dies mit einem Flächenbombardement machen. Diese würde tausende zivile Todesopfer fordern, weil die Folgen der Explosion der Chemiewaffen verheerend und völlig unkontrollierbar sind.“ Daher empfiehlt Levin den Amerikanern, die Militäraktion abzublasen. Seine Einschätzung deckt sich mit der führender US-Militärs, die sich bisher massiv gegen einen Krieg gegen Syrien sträuben – weil ihnen eine klare Strategie der Obama-Administration fehlt (mehr hier).

US-Präsident Obama wird sich nun entscheiden müssen, wessen Rat er folgen will.

Er hat die Wahl zwischen einem vom BND aufgeschnappten Telefonat eines Hisbollah-Mannes und der Einschätzung eines kriegserprobten israelischen Top-Militärs und ehemaligen Mossad-Mannes.

Unter normalen Umständen wäre Obama die Entscheidung vermutlich nicht allzu schwer gefallen.

Aber dieser Krieg wird, wenn er denn wirklich kommt, unter außergewöhnlichen Umständen stattfinden: Es wäre der erste Krieg der Weltgeschichte, der von einem Friedens-Nobelpreisträger als Oberbefehlshaber geführt wird.

*** Bestellen Sie den täglichen Newsletter der Deutschen Wirtschafts Nachrichten: Die wichtigsten aktuellen News und die exklusiven Stories bereits am frühen Morgen. Verschaffen Sie sich einen Informations-Vorsprung. Anmeldung zum Gratis-Newsletter hier. ***


media-fastclick media-fastclick