Das Märchen vom China-Wunder: „Regelrecht betrügerische Manipulation“

Die chinesischen Wirtschafts-Zahlen sind offenbar massiv gefälscht. Das hat der Ökonom Christopher Balding nun erstmals in einer wissenschaftlichen Untersuchung belegt. Investoren in China sollten sich warm anziehen.

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José Manuel Barroso, Herman Van Rompuy, Jiabao Wen: Blindes Verständnis, blinder Glaube. (Foto: consilium)

José Manuel Barroso, Herman Van Rompuy, Jiabao Wen: Blindes Verständnis, blinder Glaube. (Foto: consilium)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie waren die Reaktionen der chinesischen Behörden auf Ihre Anschuldigungen?

Christopher Balding: Meines Wissens nach gab es keine offiziellen Reaktionen oder Aussagen zu dem Thema. Die Reaktion von Kollegen und der chinesischen Presse war freundlich. Ich sage das deshalb, weil es in China als gegeben angesehen wird, das ökonomische und finanzielle Daten fehlerhaft und manipuliert sind. Mit anderen Worten, jeder hier hat vorher schon geglaubt, was ich geschrieben habe, auch wenn niemand es bisher so ausgearbeitet hat wie ich.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Westliche Volkswirtschaften haben massiv in China investiert. Wie waren die Reaktionen von westlichen Ökonomen?

Christopher Balding: Es gab ein gesteigertes Interesse von nicht-chinesischen Ökonomen und Institutionen. Es gab schon lange Verdachte, was chinesische Wirtschaftsdaten betrifft, aber ich denke diese Studie war die erste, die das Ausmaß des Betrugs in offiziellen Daten bloßstellt und belegt.

Ökonom Christopher Balding wundert sich, dass alle das Märchen von der Erholung in China glauben.

Ökonom Christopher Balding wundert sich, dass alle das Märchen von der Erholung in China glauben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Investoren auf der ganzen Welt begründen ihre Entscheidungen auf der Richtigkeit der offiziellen Wirtschaftsdaten. Was sind die Implikationen für die Weltwirtschaft, wenn ihre Aussagen zu treffen sollten. Ist China noch immer der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft oder basiert das alles nur auf Täuschung?

Christopher Balding: China ist ohne Frage stark gewachsen, aber ich denke es gibt eine starke Diskrepanz zwischen realem Wachstum und offiziellem Wachstum. Ich persönlich glaube, dass es ein signifikant höheres Risiko in der chinesischen Wirtschaft gibt, als weitläufig geglaubt wird.

Die beiden Sektoren, die ich anhand dieses Beispiels von statistischer Manipulation für am verwundbarsten halte, sind Rohstoff-Unternehmen und der Einzelhandel. Das chinesische Wirtschaftswachstum hat die weltweite Nachfrage von Rohstoffen angeheizt, speziell Rohstoffe im Bauwesen wie Kupfer oder Eisen, aber auch viele andere. Jeder Rückgang der Nachfrage wird enorme Effekte auf die globalen Märkte haben. Des Weiteren sind Kennzahlen wie Konsumausgaben und frei verfügbares Einkommen deutlich langsamer gestiegen als die Löhne oder das Bruttoinlandsprodukt. Das ist ein Hinweis darauf, dass die chinesischen Haushalte und Konsumenten nicht in den Genuss der Früchte des offiziellen Wirtschaftswachstums kommen. Zudem haben viele Einzelhändler und Konsumgüter-Firmen echte Probleme Geld zu verdienen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Denken Sie, dass diese Art statistischer Tricks auch in anderen Ländern gängige Praxis ist (z.B. in den USA, der europäischen Union, Russland, etc.), um die wahren Inflationsraten zu verschleiern und die offiziellen BIP-Zahlen zu schönen?

Christopher Balding: Das wird eine komplizierte Antwort, aber lassen Sie es mich versuchen. Erstens denke ich, dass es wichtig ist zwischen legitimen methodischen Debatten über die Berechnung von Inflation (ob Sie es glauben, oder nicht, die existieren wirklich, und zwar mit klugen und rationalen Menschen auf beiden Seiten!) und regelrechtem Betrug zu unterscheiden. Die chinesischen Zahlen für Wohnkosten sind regelrecht betrügerische Manipulation. Der Unterschied von acht Prozent zu 300 Prozent ist zu groß, um durch einen Rundungsfehler erklärt zu werden. Europäische und amerikanische Fragen zur Inflation sind methodische Debatten zur Berechnung.

Zum Beispiel: Wie beeinflussen Veränderungen bei schwankenden Gütern wie Lebensmitteln oder Energie die größeren Kennzahlen des Warenkorbs, die nicht schwankend sind? Es gibt ehrliche und rationale Debatten darüber. Ein anderes Beispiel: Spiegelt der Warenkorb tatsächlich Veränderungen im Lebensstil durch geringere Beschäftigung und die daraus resultierenden verringerten Ausgaben für Transport und Kleidung wider?

Für größere Bestandteile amerikanischen Warenkorbs kann ich sagen, dass sie die Veränderungen widerspiegeln. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine methodischen Bedenken über die Art der Berechnung und Erhebung dieser Daten gäbe, die zu Unterschieden zwischen der offiziellen und der realen Rate führen könnten. Dennoch muss ich erneut betonen, dass das ein anderes Thema ist als die betrügerische Manipulation der Daten, die wir in Chinas Wohnkosten beobachten können.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was sind Ihre Eindrücke der jüngsten chinesischen Bankenkrise? Ist sie eine Bedrohung für die Weltwirtschaft oder wird sie durch die westlichen Medien größer gemacht als sie tatsächlich ist?

Christopher Balding: Um ehrlich zu sein, ich halte das für ein viel größeres Thema als es in der Presse – sogar der westlichen Presse – dargestellt wird. Es gibt enormen finanziellen Druck in der chinesischen Regierung, im Unternehmens- und im Haushaltssektor. Die chinesische Stahlindustrie hat Verbindlichkeiten in Höhe von fast 500 Milliarden US-Dollar und hat im ersten halben Jahr gerade einmal Profite in Höhe von 350 Millionen US-Dollar eingefahren.

Unabhängige Daten deuten darauf hin, dass in den meisten chinesischen Städten die Rate von Hauspreisen zu Einkommen weit über 20 liegt. Dieselbe Rate lag in den USA in San Francisco im Jahr 2008, kurz vor Ausbruch der Hypothekenkrise, bei elf. Ich könnte ihnen noch viele weitere Beispiele nennen, die auf den enormen finanziellen Druck hinweisen, unter dem China zurzeit steht. Was mich am meisten überrascht, angesichts dieser Daten und meiner Studie, ist, dass so viele Leute die Geschichte aus Peking über eine angebliche wirtschaftliche Erholung glauben.

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