Steinbrück erklärt Stinkefinger: „Wollte alle in der SPD ansprechen“

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat erklärt, warum er im SZ-Magazin den Stinkefinger gezeigt hat: Es sei ihm um ein Symbol gegangen, dass alle in der SPD verstehen. Er wollte den Wirtschaftsflügel ebenso ansprechen wie die Chaoten - beide verwenden den Stinkefinger gerne zur politischen Selbstdarstellung.

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Der Stinkefinger von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im SZ-Magazin war keine obszöne Geste in Richtung Angela Merkel, seiner Kritiker oder gar der Wähler: Steinbrück sagte, er habe mit der Geste seinen bisher wichtigsten Versuch unternommen, alle Flügel in der SPD anzusprechen. Es sei für die SPD ausgesprochen schwierig, die verschiedenen radikalen Gruppierungen in er Partei mit einer einheitlichen Sprache zu erreichen.

Ihm sei im besonderen an der Aussöhnung der Wirtschafts-Radikalen mit den vermummten Radikalen gelegen.

Steinbrück beruft sich bei seiner Erklärung, die der NSA in einer Email vorliegt, auf eine alte Tradition der Sozialdemokratie. Der Stinkefinger gilt seit dem 13.10.2000 (man beachte das Datum!) als wichtige Mitteilungs-Form des wirtschaftsliberalen Flügels der SPD: An diesem Tag hatte der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Wolfgang Clement, einer Gruppe von Jugendlichen bei der Expo Hannover mit dieser einfachen Geste den Zusammenhang von Politik und Wählervolk im Zeitalter der dominanten Finanzmärkte erläutert. Clement war damals von einem Jugendlichen gefragt worden, welche Werte im Zusammenspiel von Banken und Politik besonders wichtig seien. Der Jugendliche hatte die Frage im Jugend-Jargon formuliert. Er hatte Clement zugerufen: „Wer bist’n Du?“ Auf diese einfache Frage wollte Clement eine einfache Antwort geben.

Steinbrück sagte nun in der geheimen Email an die NSA, dass ihm damals bewusst geworden sei, dass man dem Wahlvolk stets in einer leicht fasslichen, verständlichen Sprache antworten solle.

Er habe Clements Argument aus zwei Gründen übernehmen wollen: Zum einen wollte er dem Wirtschafts-Flügel der SPD signalisieren, er sei einer von ihnen. Clement gilt als einer der erfolgreichsten Wirtschaftspolitiker der Bundesrepublik. Clement war nach seiner politischen Laufbahn unter anderem Aufsichtsrat bei RWE, Versatel, DuMont Schauberg, Landau Media, Dussmann, der börsennotierten Wohnungsgesellschaft Deutsche Wohnen und beim Zeitarbeiter-Unternehmen DIS Deutscher Industrie Service.

Steinbrück gab in seiner Erklärung gegenüber der NSA an, dass er ausdrücklich nicht an seine Karriere nach der Politik denke. Auch wenn Clement mit seiner volksverbundenen Sprache offenbar bei der Wirtschaft großen Anklang gefunden habe und nach seinem Ausscheiden aus der Politik viele schönen Aufsichtsrats-Mandate bekommen habe, habe er, Steinbrück, an einen historischen Brückenschlag gedacht.

Der Stinkefinger, so Steinbrück an die NSA weiter, sei ein beliebtes Ausdruckmittel von linksextremen Chaoten und Randalierern. Diese verwenden den Stinkefinger gerne bei gewalttätigen Demonstrationen gegen die NPD. Steinbrück sei der Auffassung, dass man diese Truppe nicht der Linken überlassen könne. Die SPD müsse Heimat für alle politischen Gruppen bieten – schließlich sei sie eine Volkspartei.

Weil dies an den Wahlergebnissen immer weniger zu erkennen sei, habe er sich bewusst zu der Wahl des Stinkefingers als Symbol der Einheit der deutschen Sozialdemokratie entschlossen.

Die Wahl des Ausdrucks sei außerdem kein Alleingang gewesen: Schon bei einem legendären TV-Auftritt hatte Steinbrück versucht, durch einen Tränen-Ausbruch bei der WDR-Moderatorin Bettina Böttinger in eigener Sache zum Kandidaten der Herzen zu werden (mehr zu diesem Versuch – hier). Die Genossen aus dem Partei-Präsidium hatten diesen Auftritt als ideologisch nicht ausreichend bezeichnet. Wesentlich besser sei die neue Einfachheit beim jüngsten Auftritt der Genossin Andrea Nahles zum Ausdruck gekommen, die im Bundestag ein Lied von Pippi Langstrumpf angestimmt habe (Video am Ende des Artikels). Man sei im erweiterten Parteivorstand zur Auffassung gekommen, dass die Initiative von Nahles zwar in die richtige Richtung gehe, um das Volk von der technokratischen Sprache Angela Merkels und Guido Westerwelles zu befreien.

Doch habe eine Blitz-Umfrage der Kampagne der SPD ergeben, dass 87 Prozent der 10- bis 14-Jährigen Pippi Langstrumpf nicht mehr kennen.

Daher sei dem Kanzlerkandidaten empfohlen worden, kurz vor der Bundestags-Wahl noch einmal den Finger die Hand auszustrecken, um alle potentiellen SPD-Sympathisanten zu erreichen.

Ärger gibt es für Steinbrück trotzdem: Der Gründer der Spaß-Partei „Die Partei“, der freie Mitarbeiter des ZDF, Martin Sonnenborn, sagte ebenfalls in einer von der NSA abgefangenen Email, er werde gegen Steinbrück klagen. Sie wirft dem Kanzler-Kandidaten vor, er habe sich mit dem Stinkefinger des Plagiats schuldig gemacht. Sonnenborn: „Es darf links von uns keine Spaß-Partei geben.

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