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Wer wirklich regiert: Österreichs Version von Goldman Sachs heißt Raiffeisen

Am Sonntag wählen die Österreicher einen neuen Nationalrat. Nicht zur Wahl stehen die, die das Geschehen im Land eigentlich bestimmen: Die Raffeisen-Gruppe zieht die Fäden in Politik und Wirtschaft. Folgerichtig soll auch die neue Wirtschaftsministerin von der Bank kommen. Ein Mann hat den Marsch durch die Institutionen perfektioniert. Von ihm kann sogar Jörg Asmussen noch etwas lernen.

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Am Sonntag wählt Österreich. Nicht zur Wahl stehen diese Herren: Johann Strobl, Walter Rothensteiner und Johannes Schuster vom Vorstand der Raiffeisen Zentralbank. (Foto: RZB/Peter Rigaud)

Am Sonntag wählt Österreich. Nicht zur Wahl stehen diese Herren: Johann Strobl, Walter Rothensteiner und Johannes Schuster vom Vorstand der Raiffeisen Zentralbank. (Foto: RZB/Peter Rigaud)

Raiffeisen war in Österreich einmal eine revolutionäre Idee: Eine Bank der Bauern, eine Genossenschaft, die den kleinen Leuten am Land dienen wollte.

Von diesem Idealbild existiert heute nur noch die Fassade.

Raiffeisen steht in Österreich für Tradition und genossenschaftliche Organisation. Abgesehen von diesem sorgfältig gepflegten Bild ist die Bank heute jedoch in erster Linie eines: ein international tätiger Konzern. Raiffeisen ist die größte Unternehmens-Gruppe Österreichs.

Neben dem Bank-Geschäft verfügt die Gruppe über Beteiligungen in fast allen wichtigen Branchen, darunter im Tourismus, in der Nahrungsmittel-Industrie, bei Versicherungen und Immobilien. In den Medien ist Raiffeisen eine Krake, die überall mitmischt und doch oft keine Spuren hinterlässt. So gehört die Tageszeitung Kurier der Raiffeisen-Bank und bei anderen Medien baut die Gruppe in fast gespenstischer Weise ihren Einfluss aus: Vor wenigen Wochen wurde ein Raiffeisen-Manager Chef des katholischen Verlags Styria – und dementierte sofort, dass das irgendetwas zu bedeuten habe. Das Merkwürdige: Der Mann hat keinerlei Medienerfahrung. Der Verlag gibt die Kleine Zeitung heraus, die größte Bundesländerzeitung in Österreich.

An Raiffeisen führt in Österreich kein Weg vorbei.

Das Besondere an Raiffeisen: Die Bank befährt nicht nur alle Straßen des Wirtschafts-Lebens. Sie kontrolliert sie auch. Das Unternehmen hat eine ausgesprochene Meisterschaft entwickelt, strategisch wichtige Posten in Politiker und Verwaltung zu besetzen.

Raiffeisen hat in Österreich das Triple geschafft: Die Bank ist eine wirtschaftliche, eine politische und eine gesellschaftliche Macht – die keiner kontrollieren kann, weil sie keiner kontrollieren will.

Raiffeisen geht bei seinem Marsch durch die Institutionen Generalstabs-mäßig vor. Keine Regierung kommt ohne die Nähe zum Konzern aus. Vertreter von Raiffeisen sitzen überall und auf allen wichtigen Ebenen. Das gilt für die Ebene der Bundesländer genauso wie für den Nationalrat, der am Sonntag neu gewählt wird (mehr hier).

Geht es nach dem Willen von Raiffeisen, soll die Raiffeisen-Managerin Michaela Steinacker, neue Wirtschaftsministerin werden. Diese Besetzung hat Tradition: Schon die ehemaligen Finanzminister Josef Riegler und Josef Pröll kamen aus dem Raiffeisen-Umfeld.

Steinacker ist die Nummer 2 auf der ÖVP-Bundesliste. Sie war zuletzt Vorstand der Raiffeisen Holding Niederösterreich-Wien, in der sämtliche Bank-, Industrie- und Medienbeteiligungen des Unternehmens zusammenlaufen. Trotz ihres Wechsels in die Politik wird sie dem Konzern erhalten bleiben. Erst kürzlich hat Steinacker ihren neuen Job als Generalbevollmächtigte für Immobilien bei „Raiffeisen Evolution“ angetreten. In der eigens für sie geschaffenen Position soll sie „das Unternehmen strategisch steuern und Portfolios analysieren“.

Sollte es mit dem Wahlsieg der ÖVP nichts werden, dann wird Steinacker eben „nur“ einfache Nationalratsabgeordnete. Eine Unvereinbarkeit mit ihrer Bank-Tätigkeit sieht Raiffeisen nicht.

Aus der Raiffeisen-Ecke kommt aber noch eine viel interessantere Karriere. Der Werdegang von Michael Höllerer zeigt, wie man sich durch die Institutionen bewegt.

Er ist eine Art österreichischer Asmussen.

Eigentlich ein Super-Asmussen, denn von Höllerer könnte sogar Asmussen noch etwas lernen.

Höllerer ist durch und durch Raiffeisen-Mann. Bei der Bank lernt er Ende der 90er-Jahre das Geschäft mit dem Geld. Sein Weg führt ihn schon bald in die Politik: Im Bundesministerium für Finanzen (BMF) wird er einer der Top-Mitarbeiter. Bis 2002 bleibt er im Ministerium.

Und hinterlässt markante Spuren.

Höllerer ist maßgeblich an der Ausarbeitung eines Gesetzes zur Neuordnung der Bankenaufsicht beteiligt. Und nutzt die von ihm gestalteten Regeln, um sie auch gleich persönlich umzusetzen: Als im Jahr 2002 die neu geschaffene Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) entsteht, wandert Höllerer gleich mit.

Die Behörde zu ihrem Ursprung:

Am 1. April 2002 erfolgte dann die Vereinigung der im Bundesministerium für Finanzen angesiedelten Banken-, Versicherungs- und Pensionskassenaufsicht mit der Bundeswertpapieraufsicht (BWA) zur neuen Behörde. Bei ihrer Neuordnung löste sich die Aufsicht von ihrer bis dahin in weiten Bereichen üblichen sektoralen (Sparkassen, Genossenschaftsbanken, Aktienbanken und Bankiers …) Gliederung und entschied sich für einen funktionalen Aufbau, der sich an den Kernfunktionen des Finanzsystems orientiert.“

Der 1. April als Gründungsdatum ist ein sehr unglücklicher Zufall.

Der Raiffeisen-Banker schreibt die Gesetze für die Kontrolle, und wird dann selbst Kontrolleur.

Höllerer kann nun die eigene Bank beaufsichtigen, ob sie die Gesetze einhält, die er mit entworfen hat. Zugleich kann er die Konkurrenten der Raiffeisen beaufsichtigen und erfährt von Amts wegen, wie es um diese steht.

Höllerer hat selbstverständlich absolut neutral und unabhängig gearbeitet und in keiner Sekunde auch nur daran gedacht, seinem ehemaligen Arbeitgeber einen Vorteil zu verschaffen.

Nachdem Höllerer das Bankenwesen in Österreich reguliert hatte, kehrte er im Februar 2006 in die Praxis zurück. Höllerer wurde Vorstandssekretär bei der Raiffeisen Zentralbank (RZB).

Doch er kann sich nicht lange dort ausruhen: Die österreichischen Banken gerieten 2008 in den Sog der internationalen Finanzkrise. Sie hatten zu viel riskiert am Kasino-Tisch. Einigen drohte der Crash wegen der Exzesse in der „US Subprime Muppet Show“.

Auch in Österreich war Ende 2008 die Finanz-Krise ausgebrochen. Die Muppet-Show im Subprime-Kasino war aufgeflogen, Schecks in Milliarden-Höhe waren nicht gedeckt.

Auch die Raiffeisen-Banken waren in Not. Wie in Deutschland die Landesbanken, waren auch in Österreich die staatsnahen Banken besonders bedroht.

Die Hütte brannte lichterloh, wie überall auf der Welt. Überall wurden Krisenmanager aus den Banken in die Politik gerufen. In Amerika wechselte Hank Paulson von Goldman Sachs auf den Posten des Finanzministers.

Doch die österreichischen Banken hatten Glück, allen voran Raiffeisen.

Amerika hat Paulson.

Österreich hat Höllerer.

Was Goldman für Amerika, ist Raffeisen für Österreich.

Der Mann, der bei Raiffeisen als Manager wirkte, die Gesetze geschrieben und deren Befolgung überwacht hatte, wurde nun, in der Stunde höchster Not, zum obersten Banken-Retter der Republik befördert.

Finanzminister Josef Pröll Ende 2008 holte Höllerer in sein Kabinett. Pröll kommt aus Niederösterreich. Er ist Neffe des dort regierenden Ministerpräsidenten (Landeshauptmann) Erwin Pröll. Niederösterreich ist Raffeisen-Kernland.

Höllerer soll in der Regierung dafür sorgen, dass die Banken gerettet und Schaden von Raiffeisen abgewendet wird.

Höllerer übernahm im Finanzministerium tatsächlich die Verhandlungen über die Bankenrettung. Er entwickelte das Konzept für die Teilverstaatlichung der maroden Österreichischen Volksbanken (ÖVAG), an denen natürlich auch Raiffeisen beteiligt ist. aus. Eine Milliarde Euro an Partizipationskapital erhielt das Institut von den österreichischen Steuerzahlern. Da die Bank in den Folgejahren kein positives Betriebsergebnis erreichte, musste sie für dieses Kapital keine Dividende zahlen. 2012 musste der Staat schließlich 700 Millionen Euro aus Steuergeldern abschreiben.

Bei der Verhandlung über die Notverstaatlichung der Skandal-Bank Hypo Alpe Adria war Höllerer Ende 2009 einer der Hauptakteure. Die Bankenrettung hat den österreichischen Steuerzahler schon bisher Milliarden gekostet, ein Ende der Zahlungen ist nicht abzusehen. Noch im Wahlkampf musste die Regierung weitere drei Milliarden Euro zuschießen, um den Crash zu verhindern. Im schlimmsten Fall kann die Bank den österreichischen Steuerzahler bis zu 5,4 Milliarden Euro kosten.

Zum Zeitpunkt seines Eintritts ins Finanzministerium Ende 2008 verhandelte die Raiffeisen Zentralbank mit dem Ministerium gerade über eine staatliche Hilfe von 1,75 Milliarden Euro. Noch wenige Monate zuvor hatte Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad erklärt, die RZB werde sicher keinen Gebrauch von staatlichen Kreditangeboten machen. Tatsächlich holte man sich dann mehr Steuergeld ab als jede andere österreichische Bank.

Neben der erfolgreichen Zuteilung von Steuergeldern an die maroden Banken war Höllerer im Finanzministerium für alle Gesetzesinitiativen zuständig, die den Finanzmarkt betrafen. Kaum ein Bank-Politiker hat in Österreich in den vergangenen Jahren so viel Einfluss auf die Gesetzgebung ausgeübt wie Höllerer.

Der Finanzsprecher der Grünen, Werner Kogler, sah in der Postenbesetzung eine „Unvereinbarkeit“ und unterstellte eine „schiefe Optik“. Der Grüne, einer der wenigen, die es wagen, Kritik an Raiffeisen zu äußern, wollte schon damals wissen, ob Höllerer von Raiffeisen „verleast“ wurde oder über ein „Rückfahrticket“ zum Unternehmen verfüge. Den ersten Vorwurf weist Raiffeisen zurück, zum zweiten schweigt die Bank. Man rede nicht öffentlich über Verträge. Die Verhandlungen um das Staatsgeld hatte Höllerers Ex-Chef Rothensteiner geführt – zwar direkt mit Minister Pröll „auf Augenhöhe“, so ein Sprecher damals.

Höllerer – ein Diener zweier Herren?

Mitnichten: Beide Herren gehören zur Familie.

Sie tauschen einander aus, stützen einander, helfen einander.

Keiner kann fallen, weil die Familie überall ist.

Pröll kam nach seiner Zeit als Finanzminister bei der Firma Leipnik-Lundenburger unter. Die Firma gehört zum Raiffeisen-Imperium.

Höllerer blieb vorerst in der Politik. Schließlich war die Finanzkrise noch nicht zu Ende. Unter Prölls Nachfolgerin Maria Fekter diente er dem Staat als oberster Bankenexperte. In ihrem Kabinett war er zuständig für Finanzmärkte, den Kapitalmarkt, Beteiligungen und Internationale Finanzinstitutionen. Fekter vertritt in Fragen der Euro-Rettung ähnliche Positionen wie Wolfgang Schäuble. Noch vor einigen Jahren hatte sie erklärt, dass die Griechenland-Rettung ein gutes Geschäft für die Österreicher sei.

Der Raiffeisen-Mann im Hintergrund dürfte zustimmend genickt haben.

Doch weil die Banken wegen der verschiedenen Skandale immer mehr unter Druck geraten und das Internationale Finanz-Kasino wegen latenter Crash-Gefahr nur noch mäßig vergnüglich ist, wandte sich Raiffeisen einem neuen Geschäftfeld zu.

Die Erfahrungen, die Raiffeisen im weltweiten Finanzkasino gesammelt hat, halfen dem Unternehmen auch im richtigen Leben: Dem Glücksspiel-Monopol.

In einer parlamentarischen Anfrage aus dem September 2012 forderte die Opposition Aufklärung über mögliche Interessenkonflikte bei der Vergabe von Glücksspiel-Lizenzen. Das Finanzministerium hatte damals die Konzessionen für den Betrieb der österreichischen Kasinos neu ausgeschrieben. Die Bedingungen dieser Ausschreibung wären offensichtlich auf das bestehende Geschäftsmodell der Casinos Austria zugeschnitten worden, hieß es in einer entsprechenden parlamentarischen Anfrage. Die Verbindung zu Raiffeisen: Über eine Beteiligungsgesellschaft hält die Raiffeisen-Gruppe in etwa ein Drittel der Aktien der Casinos Austria AG. Dazu gehört auch eine 10,7 Prozent-Beteiligung genau jener Tochter der RZB, in deren Vorstand heute Ex-Finanzminister Pröll sitzt.

Kurz nach Ende der Ausschreibungsfrist für die Glücksspiel-Lizenzen war Höllerer Mission in der Politik erfüllt.

Tu felix Casino Austria.

Er wechselte im Sommer 2012 als RZB-Generalsekretär zurück zu Raiffeisen. Dort ist er nun die „rechte Hand“ von RZB-Chef Walter Rothensteiner und wird von ihm als Nachfolger aufgebaut.

Dort wird ihm zu Gute kommen, dass er auf seinen verschiedenen Stationen gute professionelle Kontakte knüpfen konnte. So bleibt Höllerer bei Raiffeisen informiert, was in der Politik gerade läuft.

Bestens informiert dürfte Höllerer aber nicht nur über Entwicklungen im Finanzministerium und bei den Banken sein, sondern nach wie vor auch über die Finanzmarktaufsicht, seinem zweiten, ehemaligen Arbeitgeber. Höllerers nunmehrige Frau, Marion Göstl, war seit Anfang 2010 in der FMA Leiterin der Abteilung „Aufsicht über systemrelevante Kreditinstitute und Kreditinstitutsgruppen“. Sie war in dieser Position auch für Entscheidungen zur Raiffeisen zuständig. So segnete ihre Abteilung im Oktober 2010 die Gründung der Raiffeisen Bank International AG (RBI) ab. Diese Tochtergesellschaft der RZB übernahm damals das österreichische Investment-Geschäft der Bankengruppe, sowie das umfangreiche Engagement in Zentral- und Osteuropa. Im Mai 2012, kurz vor Bekanntwerden von Höllerers Wechsel zur RZB, ging Göstl in Mutterschaftsurlaub.

Höllerer lehnte eine Stellungnahme zu diesen interessanten Themen ab. Er ließ den Deutschen Wirtschafts Nachrichten jedoch von einem RZB-Sprecher ausrichten: Es habe nie eine Rückkehr-Klausel gegeben, die Höllerer ein Comeback bei der Raiffeisen garantiert hätte. Diese hätte ihn hingegen 2006 von der FMA abgeworben, der Finanzminister im Jahr 2009 wiederum von der Raiffeisen, und die Raiffeisen 2012 dann vom Finanzministerium. Dass Höllerer sowohl an der Ausverhandlung der staatlichen Kapitalhilfen für die RZB, als auch für vier weitere Banken beteiligt war, bestätigte der Sprecher. Auf die Frage ob Höllerer die Vorwürfe bezüglich einer möglichen Unvereinbarkeit für nachvollziehbar hält, schrieb der Sprecher lapidar: „Nein.“

Für Werner Kogler, Finanzsprecher der Grünen im Nationalrat, liegt die Unzulässigkeit hingegen auf der Hand: „Höllerer war der fachliche Hauptverhandler, sowohl bei der Bankenrettung als auch bei der Neuregelung des österreichischen Bankgeheimnisses wenige Monate später.“ Ähnliche Beispiele gebe es mehrfach, vor allem auf unterer Beamten-Ebene. „Die Dreifaltigkeit aus Raiffeisen, Finanzbeamten und ÖVP kontrolliert fast den gesamten Banken-Bereich“, so Kogler.

Höllerers Nachfolger als Finanzmarkt-Beauftragter im Finanzministerium, Stefan Lienhart, hat übrigens ebenfalls eine Raiffeisen-Vergangenheit. Den umgekehrten Weg nahm beispielsweise Martin Hauer, der im Ministerium sowohl unter Pröll als auch unter Fekter Kabinettschef war. Er wurde direkt danach zum Generalsekretär bei der Raiffeisen Landesbank Niederösterreich/Wien gemacht, einer der einflussreichsten Landesbanken unter dem Raiffeisen-Dach. Im Bundesland Oberösterreich ist der ehemalige Raiffeisen-Chef Ludwig Scharinger eine Legende. Sie nannten ihn den Bauernkönig. Das Magazin Datum berichtete im Jahr 2006: „Durchschnittlich 2,8 Handshakes braucht der gebürtige Mühlviertler, um im Schneeballprinzip 9.000 österreichische Manager zu erreichen.“ Zu seiner aktiven Zeit kam er auf 34 Einträge im Firmenbuch der Republik.

Die zahlreichen Verbindungen von Raiffeisen zum Gesetzgeber und zur österreichischen Bundesregierung zeigen exemplarisch, wie sich die Finanzindustrie heute vielfach die Grundlagen ihrer Geschäftstätigkeit strukturiert. Clemens Staudinger, Autor des kürzlich veröffentlichten „Schwarzbuch Raiffeisen“ drückt es im Gespräch mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten so aus: „Die ÖVP gehört nicht Raiffeisen. Und Raiffeisen gehört nicht der ÖVP. Aber was ich als passendes Bild empfinde ist jenes der kommunizierenden Gefäße. Es gibt die Interessen der zwei verschiedenen Institutionen. Wenn die aufeinander treffen, dann werden sie meist vom anderen umgesetzt. Nicht immer, aber meistens.“

Österreich mag im Fußball den Deutschen nicht das Wasser reichen.

In der Sportart der Unterwanderung Finanz-Migration in die staatlichen Einrichtungen ist zumindest Raiffeisen Weltmeister.

Da kann sogar Jörg Asmussen noch etwas lernen.

Und das will was heißen.

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Schäuble stoppt Banken-Rettung mit Steuergeldern in Italien
Schäuble stoppt Banken-Rettung mit Steuergeldern in Italien
Deutschland hat vorerst eine Bankenrettung in Italien auf Kosten der Steuerzahler verhindert. Bundesfinanzminister Schäuble besteht darauf, dass zuerst die Gläubiger beteiligt werden müssten. Die italienische Zentralbank nimmt die Krise sehr ernst und bereitet sich auf eine größere Operation vor.
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Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit seinem italienischen Kollegen Pier Carlo Padoan. (Foto: dpa)

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble mit seinem italienischen Kollegen Pier Carlo Padoan. (Foto: dpa)

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat die geplante Rettung von italienischen Banken durch den Steuerzahler verhindert. Bloomberg berichtet, dass Deutschland klargemacht habe, dass die von der EU beschlossenen Bail-In-Regeln angewandt werden müssten. Bloomberg beruft sich auf deutsche Regierungskreise. Demnach habe die Bundesregierung gefordert, dass zuerst die Gläubiger der Banken an Verlusten beteiligt werden müssten. Danach sei eine Abwicklung auch mit Hilfe von Steuergeldern möglich.

Der unabhängige Finanzexperte Achim Dübel von Finpolconsult, der unter anderem die EU-Kommission in der Banken-Krise beraten hat, analysiert den Vorgang:

„Es kann keine Bankenunion – geplant mit privatem Backup – geben, in der die Investoren in Banken nicht für deren Verluste haften. Auch wegen der schon jetzt weit offenen Vergemeinschaftungskanäle dieser Rettungen über EZB und ESM muss das in einer Währungsunion so erfolgen. Es ist dabei vollkommen egal, wer diese Gläubiger sind.

Zur Befriedigung der Betrogenen und Unerfahrenen haben wir das Zivilrecht und den Verbraucherschutz. Das wird den BMF-Juristen bekannt sein. So ist man auch in Spanien vorgegangen, zumindest teilweise.

In Italien werden nicht nur ungesicherte Bankbonds, die aus ,steuerlichen‘ Gründen massenhaft an Kleinanleger verkauft wurden, gerettet, sondern selbst explizit nachrangige Bankbonds.

Der italienische Schritt würde innerhalb des Euros automatisch zu einer Erhöhung der erwarteten deutschen Staatsschuld führen, wenn nämlich, wie absehbar, Italien sich die dauernden Rettungsaktionen nicht mehr leisten kann.

Ein ,sudden stop‘ – ausgelöst durch eine fehlgeschlagene Auktion von Staatsschulden mit anschließendem Investorenrun, ist bei solchen schubweisen Erhöhungen von Staatsschulden, denen keine oder nur fragwürdige Aktivawerte gegenüberstehen, jederzeit denkbar.

Die Kanäle der Vergemeinschaftung sind offen. Sie erfolgt bereits jetzt über die EZB-Käufe von Staatsanleihen, sodann über verstärkte EZB-Repo-Operationen von in Schwierigkeiten kommenden Banken, und schließlich über den ESM, der sicher im italienischen wie im spanischen und griechischen Fall die Investorenrettung finanzieren würde.

Die Modelle sind der griechische Bankenrettungsfonds und eine ESM-Finanzierung von dessen Verlusten – offiziell 35 Milliarden Euro, davon 25 Milliarden für die vier Großbanken.

Jeweils mit der Fiktion einer Staatshaftung, die nichts anderes ist als ein Verschieben von finanzpolitischen Lasten auf die kommende Generation, die feststellen wird, dass es diese nationale Haftung mangels Masse nicht gibt.

Mit dieser finanzpolitischen Drohkulisse für Deutschland ist es klares Mandat des deutschen BMF, gegen eine derartige Verschiebung von privaten Schulden auf den Staatssektor in Italien vorzugehen.“

Italiens Premier Renzi hat nach der Ablehnung der Rettung bereits einen Rückzieher gemacht: Italien wird seinen Banken nach Angaben von Ministerpräsident Matteo Renzi auch ohne neue Ausnahmen von EU-Regeln helfen können. Er habe auf dem EU-Gipfel keine Änderung der geltenden Vorschriften gefordert, sagte Renzi am Mittwoch nach Ende des EU-Gipfels in Brüssel. Hilfe für die Banken sei auch im bisherigen gesetzlichen Rahmen für die Bankenunion möglich. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte, sowohl der Stabilitätspakt als auch die Regeln der Bankenunion böten ausreichende Flexibilität, um bei spezifischen Problemen in einzelnen EU-Ländern reagieren zu können. Es gebe keine Notwendigkeit für neue Regeln. „Wir können ja nicht alle zwei Jahre die Dinge wieder neu machen“, sagte sie.

Renzi hatten nach der Austritts-Entscheidung der Briten bereits am Montag in Berlin auf Probleme italienischer Banken verwiesen. Er kritisierte seine Vorgängerregierungen, weil diese anders als die Regierungen anderer EU-Staaten etwa die Frage der Rekapitalisierung der Banken noch nicht angegangen seien. Eine Sprecherin der EU-Kommission wies in Brüssel darauf hin, dass man sich das italienische Vorgehen genau anschaue. Es stimme, dass die Brexit-Entscheidung einen negativen Effekt auf italienische Banken gehabt habe. Allerdings lasse sich dies auch in anderen Ländern beobachten.

Allerdings stellt sich die italienische Zentralbank offenbar auf eine größere Operation ein: Der Gouverneur der Banca d’Italia, Ignazio Visco, sagte der Zeitung Il Sole 24 Ore, dass die Zentralbank alle Instrumente nützen werde, um die Stabilität des italienischen Banken-Systems zu sichern.

Merkel lehnt große Reform der EU ab
Merkel lehnt große Reform der EU ab
Bundeskanzlerin Merkel will trotz des möglichen Austritts von Großbritannien keine weitreichende Reform der EU, welche Änderungen der Verträge nötig machen würde. Merkel will eine kleine Reform mit weniger Bürokratie und schnellen Entscheidungen.
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Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch beim EU-Gipfel ohne Großbritannien. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch beim EU-Gipfel ohne Großbritannien. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in Brüssel nach dem ersten EU-Gipfel ohne Großbritannien gegen eine Reform der Union ausgesprochen, die Vertragsänderungen erfordert. Es werde keine Änderung der Verträge geben. „Wir können mit den Verträgen arbeiten“, sagte Merkel mit Blick auf den Lissabonner EU-Vertrag Statt dessen solle sich die Eu den Themen künftig „einfach und unbürokratisch“ annähern. Merkel erneuerte ihre Position, dass es bis zum offiziellen Austrittsansuchen keine Verhandlungen mit Großbritannien geben werde. Warum das Vereinigte Königreich dann am EU-Gipfel nicht teilnehmen durfte, erschließt sich dem neutralen Beobachter nicht.

Ob der Artikel 50 nach dem Lissaboner Vertrag überhaupt aktiviert wird ist unklar. Die EU hat mit London vereinbart, dass eine Entscheidung darüber erst im September fallen werde. In Großbritannien haben bereits zwei Abgeordnete erklärt, mit einer Kampagne für ein neues Referendum beginnen zu wollen:

Geraint Davies von Labour und der Walliser Jonathan Edwards sind, so Reuters in seinem englischsprachigen Dienst, der Auffassung, dass eine so schwerwiegende Entscheidung eine „Bestätigung“ durch das Volk brauche.

Die 27 Regierungen der EU wollen nach dem Brexit-Schock erst einmal den Sommer abwarten und peilen für September eine umfassendere Debatte über die Lehren aus Austrittsvotum der Briten an. Eine politische Reflexion zur Zukunft der Staatengemeinschaft werde beim informellen Gipfel am Mittwoch in Brüssel begonnen, heißt es im Entwurf der Abschlusserklärung für das Treffen der 27 Staats- und Regierungschefs, die der Nachrichtenagentur Reuters am Mittwoch vorlag. „Wir kommen auf dieses Thema beim informellen Treffen im September in Bratislava zurück“, heißt es weiter. „Die Europäer erwarten von uns bessere Ergebnisse, wenn es darum geht, Sicherheit, Wohlstand und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu liefern.“ Laut EU-Diplomaten ist das Treffen in der slowakischen Hauptstadt für Mitte September angepeilt. Die Slowakei übernimmt im Juli für sechs Monate die EU-Ratspräsidentschaft. Die britische Regierung ist zu dem Treffen nicht eingeladen.

Gabriel nennt EU-Vorgehen zu Ceta „unglaublich töricht“
Gabriel nennt EU-Vorgehen zu Ceta „unglaublich töricht“
Vizekanzler Sigmar Gabriel kritisiert die EU-Kommission wegen der Entscheidung, CETA nicht durch die nationalen Parlamente abstimmen zu lassen. Allerdings hatten vor Jahre alle EU-Staaten die Kommission mit den Verhandlungen beauftragt. Auch während der Verhandlungen kamen niemals grundsätzliche Einwände aus den…
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Sigmar Gabriel, hier mit Hannelore Kraft, bei einer SPD-Regionalkonferenz. (Foto: dpa)

Sigmar Gabriel, hier mit Hannelore Kraft, bei einer SPD-Regionalkonferenz. (Foto: dpa)

Der Streit zwischen den Mitgliedsstaaten und der EU findet einen neuen Schauplatz: Obwohl von allen EU-Regierungen einstimmig beauftragt und während der Verhandlungen begleitet, attackieren die EU-Staaten nach dem Brexit-Schock die EU-Kommission: Zuerst verlangte Polen den Rücktritt von Jean-Claude Juncker, dann sagte David Cameron, die falsche EU-Politik in der Flüchtlingskrise sei der Grund für den Austritt gewesen.

Nun hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel die EU-Kommission kritisiert, weil sie die nationalen Parlamente über das ausgehandelte EU-Freihandelsabkommen mit Kanada (Ceta) nicht mitentscheiden lassen will. „Die EU-Kommission will beim Freihandelsabkommen mit Kanada mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Gabriel am Mittwoch zu Reuters. „Jetzt zu beschließen, dass die nationalen Parlamente zu diesem Handelsabkommen nichts zu sagen haben, ist unglaublich töricht.“

Gabriel nannte sich selbst einen „Befürworter guter Handelsabkommen“. Die EU-Kommission falle aber allen Gutwilligen in den Rücken und mache ihnen die Arbeit noch schwerer. „Das dumme Durchdrücken von CETA würde alle Verschwörungstheorien zu den geplanten Freihandelsabkommen explodieren lassen“, warnte er. Zudem bringe das Vorgehen von Kommissionschef Jean-Claude Juncker und seiner Behörde das ohnehin in einer Sackgasse steckende Freihandelsabkommen TTIP mit den USA noch weiter in Schwierigkeiten. „Kein Mensch wird noch glauben, dass es bei dem Abkommen mit den USA TTIP nicht genauso laufen wird“, sagte er. In einem anderen Interview sagte GAbriel laut Reuters: „Wenn die EU-Kommission das bei Ceta macht, ist TTIP tot“, sagte er.

Ohne ein Votum des Bundestages werde es kein deutsches Ja zu dem Abkommen mit Kanada geben. „Was immer die EU-Kommission beschließt: in Deutschland entscheidet der deutsche Bundestag“, erklärt er. Ohne ein Ja des Bundestages werde er „auf keinen Fall Ceta zustimmen“, sagte der SPD-Vorsitzende.

Gabriel reagierte damit auf die Ankündigung von Juncker, dass Ceta-Abkommen mit Kanada nur vom Europäischen Parlament ratifizieren zu lassen und keine Zustimmung der nationalen Parlamente einzuholen. Juncker pocht auf die Zuständigkeit der Kommission gegenüber den nationalen Regierungen in Handelsfragen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ihm in Sachen Bundestagsentscheidung widersprochen. Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass die EU-Kommission eine andere Rechtsauffassung habe. Auch Österreichs Bundeskanzler Christian Kern warnte die EU-Kommission vor einem Hauruckverfahren bei den beiden Handelsvereinbarungen, mit dem sie ihre Glaubwürdigkeit unterminieren würde.

Cameron: Falsche Flüchtlings-Politik hat zum Austritt geführt
Cameron: Falsche Flüchtlings-Politik hat zum Austritt geführt
Der britische Premier Cameron hat die falsche Flüchtlingspolitik der EU für den Austritt Großbritanniens verantwortlich gemacht. Die Angst vor einer unkontrollierten Masseneinwanderung habe am Ende den Ausschlag gegeben. Die Tatsache, dass London massiv in jene Kriege verwickelt ist, die zu…
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Bundeskanzlerin Angela Merkel diskutiert mit David Cameron beim Gipfel den Austritt Großbritanniens aus der EU. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit David Cameron beim Gipfel. (Foto: dpa)

Der britische Premier David Cameron hat beim EU-Gipfel die Flüchtlingskrise als den Hauptgrund für die Entscheidung der Briten angegeben. Cameron sagte, er habe das Referendum verloren, weil die EU es verabsäumt habe, die Sorgen der Bürger in Migrationsfragen ernst zu nehmen. Die zunehmenden Spannungen in der Flüchtlingskrise unmittelbar vor dem Referendum hätten letzten Endes den Ausschlag gegeben, sagte Cameron laut FT. Sie seien die „treibende Kraft“ für das Votum gewesen, weil sich die Bürger vor einer Massen-Einwanderung gefürchtet hätten. Die Frage der Personenfreizügigkeit werde auch in den Brexit-Verhandlungen eine zentrale Rolle spielen.

Die EU gibt Großbritannien Zeit bis September, um offiziell den Austritt aus der EU zu erklären. Die EU-Staats- und Regierungschefs hätten „Verständnis dafür, dass etwas Zeit nötig ist, bis sich der Staub legt“, sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk nach dem EU-Gipfel am Dienstag. Der scheidende Premier David Cameron zeigte sich zufrieden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, für sie sei der Brexit unumkehrbar.

Die Briten hatten am Donnerstag bei einer Volksabstimmung überraschend mit knapp 52 Prozent für den Austritt aus der EU gestimmt. Cameron hatte darauf seinen Rücktritt bis September angekündigt. Erst ein neuer Premier soll dann der EU offiziell mitteilen, dass Großbritannien die EU verlassen will. Damit würden auf zwei Jahre angelegte Austrittsverhandlungen beginnen.

Die EU-Staats- und Regierungschefs hofften weiter, dass die Austrittserklärung „so schnell wie möglich“ erfolge, sagte Tusk, nachdem der Brexit seit Tagen für Turbulenzen an den Finanzmärkten sorgt. Eine Frist für die Austrittserklärung wurde London aber nicht gesetzt.

In den Schlussfolgerungen des Gipfels fand sich nur ein einziger kurzer Satz zum Brexit: „Der Premierminister des Vereinigten Königreichs hat den Europäischen Rat über den Ausgang des Referendums im Vereinigten Königreich informiert.“

EU-Präsident Jean-Claude Juncker sagte, er könne diejenigen nicht verstehen, „die für den Austritt geworben haben, und dann vollkommen unfähig sind, uns zu sagen, was sie wollen“. Er sei davon ausgegangen, dass die Brexit-Befürworter „einen Plan“ hätten.

Juncker bestätigte, dass Cameron beim Abendessen vor allem die Einwanderung aus der EU für das Brexit-Votum verantwortlich machte. Er selbst glaube aber nicht, dass dies der Fall sei, sagte der Luxemburger. Juncker machte Cameron für das Ergebnis mitverantwortlich: „Wenn man den Menschen jahrelang, jahrzehntelang sagt, dass mit der EU etwas nicht stimmt, muss man nicht überrascht sein, wenn die Wähler das glauben.“

Sie sehe „keinen Weg, um dies nochmal umzukehren“, sagte Merkel. Alle täten gut daran, „die Realitäten zur Kenntnis zu nehmen“. „Wunschdenken“ sei nicht angebracht, sagte sie zu Hoffnungen, es könne einen „Exit vom Brexit“ geben.

Der Premier selbst sagte auf seinem letzten Gipfel, er bedauere nicht, die Volksabstimmung angesetzt zu haben: „Es war richtig, das zu tun.“ Das Ergebnis bedauere er natürlich.

Bei seinem letzten Gipfel-Abendessen mit seinen EU-Kollegen äußerte Cameron die Hoffnung, dass Großbritannien auch in Zukunft „engstmögliche Wirtschaftsbeziehungen“ zur EU haben werde, wie ein britischer Regierungsvertreter sagte. „Schlüssel“ dafür sei aber aus seiner Sicht, dass die EU das Recht auf Freizügigkeit reformiere.

Wie die künftigen Beziehungen Großbritanniens zur EU aussehen werden, ist völlig offen. London hofft, den Zugang zum EU-Binnenmarkt so weit wie möglich zu erhalten.

Frankreichs Präsident François Hollande sagte beim Gipfel, dafür müsse Großbritannien aber „einen Preis in jeder Beziehung bezahlen“. Dazu gehöre auch der Erhalt der Freizügigkeit. „Man kann nicht Kapital-, Waren- und Dienstleistungsfreiheit haben und dann für Personen sagen ‚bleibt zuhause‘.“ Es gebe „vier Freiheiten oder keine“.

Vor dem Gipfel hatte der Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage im Europaparlament seinen Sieg ausgekostet. „Jetzt lachen Sie nicht mehr“, triumphierte der Chef der EU-feindlichen United Kingdom Independence Party (UKIP) und prophezeite. „Das Vereinigte Königreich wird nicht der letzte Mitgliedstaat sein, der die Europäische Union verlässt“.

Putin besucht Deutsche Schule in Moskau: Lernt aus der Geschichte!
Putin besucht Deutsche Schule in Moskau: Lernt aus der Geschichte!
Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Deutsche Schule in Moskau besucht, an der auch seine beiden Töchter unterrichtet werden. Putin wollte mit dem Besuch offenbar ein Zeichen seiner Verbundenheit mit Deutschland setzen.
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Russlands Präsident Wladimir Putin beim Besuch der Deutsche Schule in Moskau. (Foto: dpa)

Russlands Präsident Wladimir Putin beim Besuch der Deutsche Schule in Moskau. (Foto: dpa)

Putin sprach mit deutschen und russischen Schülern, den Teilnehmern eines Geschichtsprojekts zum Zweiten Weltkrieg. «Es ist sehr wichtig, dass russische und deutsche Schüler über die Vergangenheit reden, um in die Zukunft zu gehen».

Begonnen hatte Putin seine kurze Rede auf Deutsch: «Ich bin sehr froh, dass ich alle Anwesenden begrüßen darf.» Wenige Tage nach dem 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1941 sendete er ein politisches Freundschaftssignal mit persönlichem Hintergrund.

Für Putin bedeutet die Deutsche Schule in Moskau ein Stück Familiengeschichte. Nicht nur Kinder deutscher Firmenvertreter, Diplomaten und Korrespondenten werden dort unterrichtet. Viele russische Eltern, die an deutscher Bildung interessiert sind, melden ihre Kinder an der Privatschule im Südwesten Moskaus an.

Auch Putin schickte seine Töchter Maria und Katharina auf die Deutsche Schule. Als er im Jahr 2000 Präsident wurde, kamen die Mädchen aus Sicherheitsbedenken seltener. Doch sie wurden extern unterrichtet und waren immer wieder bei Schulkonzerten oder Festen zu sehen.

André Reichel war damals Klassenkamerad von Maria, nun ist er Musiklehrer und mitverantwortlich für das Geschichts- und Versöhnungsprojekt. Deutsche Schüler aus Moskau und aus Bad Salzungen (Thüringen) sowie russische Schüler aus Rschew in Nordwestrussland nehmen teil. Sie besuchen gemeinsam die Soldatenfriedhöfe von Rschew, wo 1942/43 eine verheerende Schlacht getobt hatte. «Erinnern, Gedenken, Versöhnen» ist das Motto der knapp 50 Schüler.

Die Lehrer hätten Putin vor wenigen Wochen eingeladen – aber ohne große Hoffnung, sagte Reichel der dpa. Doch vor zwei Tagen sei plötzlich eine Zusage aus dem Kreml gekommen. «Das ist wie ein Sechser im Lotto», freut sich der Musiklehrer. «Wir haben es bis zuletzt nicht geglaubt», sagt auch Schulleiter Uwe Beck.

Der Kremlchef sagte an der Schule: «Russland und Deutschland haben stets prosperiert, wenn sie zusammengearbeitet haben.»

Ein Schüler fragte Putin nach den Grundlagen der deutsch-russischen Beziehungen. «Das Wichtigste ist Vertrauen», antwortete der Präsident laut dpa.

Polen erkennt deutsch-französische Führung in der EU nicht an
Polen erkennt deutsch-französische Führung in der EU nicht an
Der EU droht eine neue Konflikt-Linie: Die polnische Regierungschefin Szydlo lehnt eine deutsch-französische Führung der EU ab. Polen werde den von Paris und Berlin anvisierten Weg einer stärkeren Integration der EU nicht mitgehen. Auch andere Osteuropäer wollen nicht mitziehen. Erste…
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Die polnische Ministerpräsidentin Beata Szydlo und Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch in Berlin. (Foto: dpa)

Die polnische Ministerpräsidentin Beata Szydlo und Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch in Berlin. (Foto: dpa)

Polens Ministerpräsidentin Beata Szydlo sieht den deutsch-französischen Motor innerhalb der EU nach dem Brexit-Votum der Briten deutlich geschwächt. Sie glaube nicht, dass das deutsch-französische Duo nun noch in der Lage sei, „etwas Neues für die Europäische Union zu erreichen“, sagte die Politikerin am Montag dem Fernsehsender TVP Info.

Paris und Berlin seien der Ansicht, dass die Integration der EU vertieft werden müsse, fuhr Szydlo fort. „Wir sagen: Nein, diesen Weg können wir nicht weiter beschreiten.“ Die Briten hätten diese Vision der EU mit ihrem Votum am vergangenen Donnerstag zurückgewiesen. Die EU brauche stattdessen „neue Gesichter, eine neue Vision und eine neue Konzeption“.

Gegen eine weitere EU-Integration hatte sich zuvor bereits der polnische Außenminister Witold Waszczykowski ausgesprochen. Am Montag sagte er nach einem Treffen mit Kollegen in Warschau, Polen werde bei dem am Dienstag beginnenden Brüsseler EU-Gipfel einige „radikale Vorschläge“ präsentieren. Dazu gehöre unter anderem die Forderung, dass der Europäische Rat, also die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder, die entscheidende Rolle in der EU spielen müsse und nicht die Kommission.

Unterdessen reagierten einige EU-Oststaaten skeptisch auf die Forderung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seinem französischen Kollegen Jean-Marc Ayrault nach einer engeren Zusammenarbeit der EU in den Bereichen Sicherheit, Verteidigung und Migration. In einem gemeinsamen Papier hatten die beiden Minister unter anderem „weitere Schritte in Richtung einer Politischen Union in Europa“ vorgeschlagen.

Der tschechische Außenminister Lubomir Zaoralek sagte dazu in Prag, es ergebe derzeit keinen Sinn, über eine „rasche oder überstürzte Integration zu sprechen“. Das wäre eine „dumme Antwort“ auf das, was in Großbritannien passiert sei. Es sei klar geworden, dass die Öffentlichkeit hinter diesen Integrationsprozessen hinterherhinke.

Steinmeier und Ayrault hatten sich am Montag in Prag mit ihren Kollegen der Visegrad-Staaten Tschechien, Polen, Ungarn und der Slowakei getroffen. Zaoralek sagte, die vier östlichen EU-Mitglieder hätten Vorbehalte gegenüber einer gemeinsamen Sicherheitspolitik.

Der Vorsitzende der polnischen Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski, will Großbritannien nach dem Brexit-Votum die Rückkehr in die Europäische Union ermöglichen. Als erster europäischer Führungspolitiker vertrat Kaczynski am Montag bei einem Besuch in Bialystok die Ansicht, die Briten sollten Gelegenheit erhalten, bei einem zweiten Referendum den Beschluss über den Austritt aus der EU vom vergangenen Donnerstag zurückzunehmen. Der Austritt Großbritanniens aus der EU sei „sehr schlecht“, fügte Kaczynski hinzu.

Das alte „fatale Prinzip“, nach dem es „mehr Europa geben muss, wenn etwas nicht funktioniert“, müsse aufgegeben werden, forderte Kaczynski. Dieses Prinzip sei darauf hinausgelaufen, dass es immer „mehr Integration, mehr Macht für Brüssel, das heißt für Berlin und Paris, vor allem für Berlin“ gegeben habe, sagte Kaczynski. Die immer engere politische und wirtschaftliche Integration könne „in einer Katastrophe enden“.

Kaczynski gehört nicht der Regierung von Ministerpräsidentin Beata Szydlo an, gilt aber als zentraler Entscheidungsträger der polnischen Führung. In einer ersten Reaktion auf das Brexit-Votum hatte er am Freitag ein Modell auf der Basis der „Nationen, der Nationalstaaten“ vorgeschlagen.

Kaczynski kritisierte die Rolle, die der aus Polen stammende EU-Ratspräsident Donald Tusk in der Debatte um den Brexit gespielt habe, als „ausgesprochen finster“. Tusk müsse „ganz einfach von der europäischen Bühne verschwinden“, sagte Kaczynski.

 

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