Nach Fukushima: Sorge wegen Sicherheit der europäischen Atom-Anlagen

Während die Lage im zerstörten Reaktor in Fukushima die Welt-Öffentlichkeit zunehmend besorgt, wachsen auch die Bedenken über Atom-Anlagen in Europa: Das Bundesamt für Strahlenschutz berichtet, dass sich die Lagerbedingungen in Asse laufend verschlechtern. Im slowenischen Krsko fürchtet man nach den jüngsten Erdbeben in Niederösterreich um die Sicherheit. Im tschechischen Temelin halten die Betreiber trotz Bedenken am Ausbau des dortigen AKW fest.

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Die Lage im japanischen Fukushima sorgt für große Sorgen weltweit, weil die Lage im zerstörten Block des dortigen Kernkraftwerks offenbar außer Kontrolle geraten ist. Die Rettungsversuche zeigen: Wenn es bei einer Atom-Anlage zu einem Unfall kommt, dann gibt es kein Lehrbuch, wie eine Katastrophe abgewendet werden kann (mehr hier).

Doch man muss gar nicht erst nach Japan gehen.

Auch in Europa gibt es ernste Probleme.

Asse, Niedersachsen: Lange wurde darüber geschwiegen, in welch schlechtem Zustand das Atommüllendlager Asse bei Wolfenbüttel, Niedersachsen ist. Vor kurzem hatte sich ein 20 Kubikmeter großer und 40 Tonnen schwerer Gesteinsbrocken aus der Decke gelöst, der Vorfall wurde erst bei einer routinemäßigen Kontrolle entdeckt. Insgesamt befinden sich 126.000 Fässer mit radioaktivem Müll in dem ehemaligen Kali- und Salzbergwerk, eingelagert in den Jahren 1967 bis 1978. Dass Wasser in das Bergwerk dringt, ist seit 1988 bekannt.

Im Februar dieses Jahres hat der Bundestag ein fraktionsübergreifendes Gesetz zur schnelleren Rückholung von Atommüll im Endlager Asse beschlossen, da die Zeit drängt. Doch der Asse-Betreiber, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), rechnet damit, dass frühestens im Jahr 2033 mit der Rückholung der kontaminierten Atommüllfässer begonnen werden kann, berichtet die Frankfurter Rundschau. Die Kosten für den Transport in ein neues Endlager werden auf 4 Milliarden Euro geschätzt. Besonders gefährlich: Die Lagerbedingungen haben sich in den vergangenen drei Jahren massiv verschlechtert, gab die Entsorgungs- und Strahlenschutzkommission des Bundes bekannt. Wenn am Zeitplan festgehalten werden soll, muss das Endlager noch mindestens zwanzig Jahre ohne Zwischenfall halten.

Temelin, Tschechien: Nur 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt befindet sich das Atomkraftwerk Temelin. Aus dem größten Kraftwerk Tschechiens sind mehr als 130 Störfälle bekannt. Gleich mehrmals traten viele tausend Liter radioaktives Wasser aus, einzelne Blöcke mussten ebenfalls außer Betrieb genommen werden. Im Jahr 2008 wurde bei einem Wechsel der Brennelemente ein Ventil aufgrund eines Bedienungsfehlers eines Mitarbeiters geöffnet. Erst 48 Stunden später wurde dieser Zwischenfall bekannt. Dennoch planen die Eigentümer (CEZ) einen weiteren Ausbau des Atomkraftwerkes. Mehrere Aufforderungen von Seiten Bayerns und Österreichs, Temelin zu schließen, wurden zurückgewiesen. Gutachten, die vorgelegt wurden, und die zu dem Ergebnis kamen, dass Temelin durchaus signifikante Schwächen hat, wurden mit Gegen-Gutachten gekontert.

Nun wurde die Entscheidung über den geplanten Ausbau von Betreiberseite um zwei Jahre verschoben. Das könnte auch daran liegen, dass der französische Atom-Konzern Areva nun Klage gegen den zu 70 Prozent staatlichen Tschechischen Energiekonzern (CEZ) eingereicht hat. Die Franzosen wurden im Oktober 2012 aus dem Auswahlverfahren ausgeschlossen, der Auftrag belief sich auf einen Wert von 7,72 Millionen Euro. An dem Auftrag zum Kraftwerksausbau sind noch zwei weitere Bewerber interessiert: Westinghouse, ein US-Konzern, und das tschechisch-russische Konsortium MIR 1200, berichtet die Wiener Zeitung. Angesichts der sinkenden Strompreise tauchen in letzter Zeit auch von tschechischen Politikern Zweifel auf, ob ein Ausbau des Atomkraftwerkes rentabel wäre.

Krsko, Slowenien: Das 1981 erbaute Atomkraftwerk war das einzige Kernkraftwerk Jugoslawiens, heute gehört es Kroatien und Slowenien gemeinsam. Aufgrund seiner Lage in einem Erdbebengebiet gilt es als besonders umstritten. Nach der Katastrophe in Fukushima hat Greenpeace Slowenien eine Studie in Auftrag gegeben, die bestätigt, dass das Atomkraftwerk einem starkem Erdbeben nicht standhalten könnte. Die Wiener Umweltanwaltschaft äußert ebenfalls schwere Bedenken zur seismischen Stabilität des Kraftwerkes Krsko. Obwohl die eigentliche Laufzeit für das Kernkraftwerk 40 Jahre betragen sollte, wurde nun eine Verlängerung bis 2043 beantragt. Über einen zweiten Reaktor wird von Betreiberseite aus nachgedacht.

2008 kam es im Primärkreislauf zu einen Unfall, die EU-Kommission löste europaweit Alarm aus. Kühlmittel war ausgetreten und die Reaktorleistung daraufhin gedrosselt worden. Sechs Stunden später wurde der Reaktor komplett runtergefahren und abgeschaltet, um nach der Unfallursache forschen zu können.

Im benachbarten Österreich schrillen angesichts der Ereignisse in Fukushima alle Alarmglocken. Der niederösterreichische Energie-Landesrat Stephan Pernkopf warnt vor einer Laufzeitverlängerung:

„Die angedachte Laufzeitverlängerung beim slowenischen Atomkraftwerk Krsko ist gerade nach der Katastrophe von Fukushima absolut unverantwortlich! Seit 30 Jahren stellt dieser Meiler in einem Erdbebengebiet ein Risiko dar… Zudem soll auch ein Neubau mit einer Laufzeit über das Jahr 2100 hinaus geplant sein. Geht man nach den Experten, ist es nur eine Frage der Zeit bis in dieser Region ein stärkeres Erdbeben auftritt. Slowenien verspielt hier eine große Chance und gefährdet darüber hinaus noch alle Nachbarstaaten. Dass aber an diesem ungeeigneten Standort, mit hoher Erdbebengefahr, auch noch ein neues Kernkraftwerk entstehen soll, ist nicht nachvollziehbar und unverantwortlich. Wir werden gemeinsam mit der Bundesregierung alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um dem entschieden entgegen zu treten.“

In Niederösterreich ist man in dieser Frage besonders sensibel: Erst am Mittwoch hatte es im Nordosten Österreichs ein Erbeben der Stärke 4,2 gegeben. Es folgten mehrere Nachbeben, wie die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZMAG) in Wien mitteilte.


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