Taifun „Danas“ nähert sich der Atom-Ruine von Fukushima

Japanische Meteorologen haben die Ankunft des tropischen Wirbelsturms Danas für das Gelände des Atomkraftwerks von Fukushima für den 10. Oktober vorhergesagt. Die Sicherungsmaßnahmen auf dem Gelände sind dilettantisch. Als Arbeiter sind in Fukushima Billig-Löhner eingesetzt. Die Betreiber-Firma Tepco ist nicht in der Lage, den Reaktor unter Kontrolle zu bringen. Im beschädigten Gebäude lagern 1.300 hochgefährliche Brennstäbe.

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Auf dem Blog Fukushima Diary findet sich am Dienstag eine lapidare Nachricht:

„Wie der meteorologische Dienst Japans mitteilt, wird Taifun Nummer 24 „Danas“ die Ablage von Fukushima am 10. Oktober 2013 erreichen. Gegenwärtig befindet sich der Taifun in der Nähe von Okinawa. Er zieht mit 30 km/h in Richtung des Nord-Ostens von Japan. Der Druck beträgt 935hPa. Der Meteorologische Dienst klassifiziert den Sturm als „sehr stark“. Seit Mitte September konnte Tepco nicht verhindern, dass die Wassertanks überlaufen, wenn ein Taifun an der Anlage vorbeizog.“

Auf dem „Tagebuch von Fukushima“ betätigt sich der 27jährige Zivil-Ingenieur Iori Mochizuki als Chronist der Ereignisse in Fukushima.

Die Sturmwarnung bereitet Mochizuki Sorgen. Denn erst vor wenigen Tagen hat er Fotos gepostet, wie dilettantisch die Betreiberfirma Tepco die havarierte Anlage von Fukushima Daiichi sichert: Mit Plastik-Planen und Sandsäcken.

So sichern die japanische High-Tech-Experten den zerstörten Reaktor von Fukushima: Mit Plastik-Planen (links) und Sandsäcken. (Fotos: Fukushima Diary)

So sichern die japanische High-Tech-Experten den zerstörten Reaktor von Fukushima: Mit Plastik-Planen (links) und Sandsäcken. (Fotos: Fukushima Diary)

In dem schwerbeschädigten Unit 4 lagern 1.300 zum Teil schwer beschädigte Brennstäbe. Wenn das Gebäude weiter beschädigt wird und die Brennstäbe einander berühren, kann es zu einer nuklearen Katastrophe kommen, die 15.000mal stärker ist als der Atombombenabwurf von Hiroshima (hier).

Wissenschaftler sagen: Die Brennstäbe müssen raus, sofort (hier).

Japans Premier Shinzu Abe hat die Welt-Gemeinschaft um Hilfe gebeten (hier).

Yale-Professor Charles Perrow, der eine Studie über die Vertuschungen von Hiroshima bis Fukushima geschrieben hat, analysiert in der Huffington Post:

„Die Zustände im Unit 4 sind verheerend. Die Brennstäbe müssen kontinuierlich gekühlt werden und dürfen einander nicht berühren. Wenn es zu einem Unglück kommt, müssten alle umliegenden Gebiete einschließlich Tokios evakuiert werden. Wenn die insgesamt 6.357 Brennstäbe auf der ganzen Anlage nicht dauerhaft gekühlt werden, würde es zu einer Kernspaltung kommen. Dies würde die gesamte Menschheit bedrohen, für tausende Jahre.“

Am Montag gab Tepco bekannt, dass ein Arbeiter versehentlich die Kühlung im Reaktor 1 ausgeschaltet hatte. Er hatte irrtümlich auf den Ausschalt-Knopf gedrückt. Die Sicherungssysteme hätten sich eingeschaltet. Drei Stunden später war die Kühlung wieder in Gang gekommen. Doch die Wasser- und Gaspumpen liefen immer noch über das Back-Up-System. Tepco teilte mit, dass es kein eigenes Handbuch für die Steuerung der Kühlung gäbe. Die Inspektoren seien nicht ausreichend ausgebildet, um jene Anlage ordnungsgemäß zu bedienen, welche normalerweise nicht in einem Kernkraftwerk verwendet wird.

Über die Arbeiter, die zur Rettung von Fukushima eingesetzt werden, schrieb der deutsche Physiker Sebastian Pflugbeil in den Blättern für deutsche und internationale Politik:

„Ein spezielles und sehr tragisches Kapitel ist der Einsatz billiger Arbeitskräfte für die Drecksarbeiten in Fukushima. Die Rekrutierung solcher Arbeiter und deren Vermittlung an das Kernkraftwerk Fukushima (und andere KKW) erfolgt als einträgliches Geschäft auch durch die Yakuza, die japanische Mafia. Sie werben unter anderem Obdachlose von Parkbänken an oder verpflichten zahlungsunfähige Schuldner zur Erbringung dieser Arbeiten. Der japanische Journalist Suzuki Tomohiko war im Sommer 2011 mehrere Wochen bis zu seiner Enttarnung als Arbeiter in Fukushima tätig und hat seine Beobachtungen in einem erschütternden Buch beschrieben. Tomohiko befasst sich seit Jahren mit den Yakuza und zeigt ihre engen Verflechtungen mit der japanischen Nuklearindustrie auf. In Fukushima wird mittlerweile auf Plakaten davor gewarnt, sich für solch gefährliche Einsätze anwerben zu lassen. Bereits 1979 hat Kunio Horie nach Einsätzen in drei japanischen KKW die Arbeit der ,genpatsu gipsys‘ oder „tsukai sute genpatsu rôdôsha“, der ,AKW-Wegwerfarbeiter‘, in beeindruckender Weise beschrieben. Diese bislang viel zu wenig diskutierte Schattenseite der Kernenergienutzung betrifft im Übrigen nicht nur Fukushima und Japan. Auch in der Bundesrepublik werden Leiharbeiter in Kernkraftwerken eingesetzt. Sobald ihr Strahlenpass voll ist, nimmt man die nächsten Leiharbeiter – oder einen neuen Strahlenpass. Es wäre nämlich schlichtweg zu teuer, die qualifizierte Stammbelegschaft bei Arbeiten mit hoher Strahlenbelastung zu ,verbrennen‘.“

Aus Kostengründen sollen also Einweg-Sklaven die größte Katastrophe der Menschheit verhindern.

Das ist an Zynismus nicht zu überbieten.

Der Weg, den der Taifun Danas nehmen wird. (Grafik: wunderground.com)

Der Weg, den der Taifun Danas nehmen wird. (Grafik: wunderground.com)

Über den Taifun Danas schreibt das Wetterportal accuweather.com:

„Der Sturm ist im Vergleich zu anderen Stürmen im West-Pazifik in diesem Jahr kleiner. Trotzdem müssen sich die Regionen, die von dem Taifun betroffen sein werden, auf möglicherweise lebensgefährliche Fluten und Stürme einstellen.

Bewohner, über deren Regionen Danas hinwegziehen wird, sollten Vorbereitungen für Stromausfälle und strukturelle Schäden durch den Sturm einstellen.

Mineralwasser, Batterien und nicht verderbliche Lebensmittel sind einige Dinge, die die Bewohner an sicheren Orten lagern sollten, wenn sie sich auf den Sturm vorbereiten.“

In Fukushima werden ungeschulte Leiharbeiter den zerstörten Reaktor sichern, während Danas über die Ruine hinwegzieht.

Ein Handbuch für den Betrieb der Energie-Versorgung wird ihnen vom Betreiber Tepco nicht zur Verfügung gestellt.

Zur Live Webcam von TBS hier.

Mehr zur Lage in Fukushima:
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Hilferuf Japans an die Weltgemeinschaft
Die enorme Gefahr der Brennstäbe in einer Ruine
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Das zerstörte Atomkraftwerk von Fukushima in einer Aufnahme einer Live Web Cam des japanischen Fernsehens. (Foto: TBS News)

Das zerstörte Atomkraftwerk von Fukushima in einer Aufnahme einer Live Web Cam des japanischen Fernsehens. (Foto: TBS News)

Der Taifun Danas wird über den zerstörten Reaktor von Fukushima ziehen. (Grafik: Google)

Der Taifun Danas wird über den zerstörten Reaktor von Fukushima ziehen. (Grafik: Google)


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