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Fukushima: Olympia-Veranstalter ignorieren Warnungen, halten an Tokio fest

Bürgerrechtler haben an den Austragungsorten für die Olympischen Spiele in Tokio deutlich erhöhte Werte von Radioaktivität gemessen. Sie schickten die Berichte an das IOC und alle nationalen olympischen Komitees. Sie erhielten kein Antwort. Auch heute sieht der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) keinen Grund, sich Sorgen zu machen: „Die Spiele wurden vergeben, that's it.“

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Die internationale olympische Unterhaltungs-Industrie besteht auf der Durchführung der Olympischen Spiele in Japan.

Daran soll auch die immer unübersichtlich werdende Lage im außer Kontrolle geratenen, zerstörten Kernkraftwerk von Fukushima nichts ändern.

Das Internationale Olympische Komitee und die nationalen Komitees gehen davon aus, dass alles gut wird und keinerlei Gefährdung der Sicherheit für die Athleten und die Fans vorliegt.

Es ist denkbar, dass die erstaunliche Gleichgültigkeit gegenüber einer der größten und unzweifelhaft unberechenbarsten Umwelt-Katastrophen der Neuzeit darin begründet ist, dass die Olympia-Industrie gewarnt wurde.

Doch sie hat die Warnungen, die Spiele nach Tokio zu vergeben, in den Wind geschlagen.

In Japan gibt es zwei Formen der Messung: Die offizielle durch die japanische Regierung und jene, die von Bürgern durchgeführt wird – weil sie den Zahlen der Regierung nicht trauen.

Diese Bürgerrechts-Gruppe um den 70jährigen Takehiko Tsukushi ist seit der Katastrophe von Fukushima rund um die Uhr unterwegs, um der Wahrheit über die tatsächlichen Gefahren von Fukushima auf die Spur zu kommen.

Die Bürgerrechtsgruppe stellte nach zweiwöchigen Untersuchungen im April und Mai dieses Jahres deutlich erhöhte Radioaktivität an zahlreichen olympischen Sportstätten in Tokio fest. An einigen Stellen wurden sogar die ohnehin eher hohen Grenzwerte überschritten, die von der Verwaltung des Großraumes Tokios selbst festgelegt wurden. Die Spiele wurden am 7. September 2013 an Tokio vergeben.

Die stärkste Belastung wurde demnach vor dem Yumenoshima-Stadion gemessen. Im Stadion inklusive der zwölf angrenzenden Baseball-Felder sollen nach Umbauten die Reitwettbewerbe ausgetragen werden. Der gemessene Wert betrug dort 0,484 Mikrosievert pro Stunde in einem Abstand von fünf Zentimetern über dem Boden, berichtet Asahi Shimbun.

Vergleichsweise hohe Werte wurden auch auf dem Gelände der Sporthalle Tokio (Tischtennis) und der Sporthalle Yoyogi (Handball) gemessen. Allerdings konnten nicht alle 37 Sportstätten aufgesucht werden – zum Teil wegen Bauarbeiten, zum Teil, weil diese Stätten zu weit weg von Tokio liegen.

Nachdem die Verwaltung in Tokio keinerlei Reaktion auf den Bericht an den Tag legte, schickte die Bürgerrechtsinitiative ihre Erkenntnisse im Juni an das Internationale Olympische Komitee (IOC), den Präsidenten dieser erlauchten Gruppe, Jacques Rogge, sowie an 200 nationale olympische Verbände.

Das Echo war niederschmetternd. Asahi Shimbun berichtet: „Die Gruppe hat von keiner einzigen Organisation jemals eine Antwort bekommen.

Takehiko Tsukushi sagte der Zeitung: „Weder die japanische Regierung noch die Stadtverwaltung von Tokio hat die Athleten oder die Zuseher rund um die Welt darüber informiert, dass es besorgniserregende Daten über eine mögliche Verstrahlung an den Sportstätten gibt. Wenn das wirklich so ist, fühlte ich, dass es unsere moralische Verantwortung als Bürger ist, die Messungen durchzuführen und die Leute zu informieren – gleichgültig, ob sie für oder gegen die Spiele in Tokio sind.“

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) begründete sein Verhalten auf Nachfrage der Deutschen Wirtschafts Nachrichten so: „Die Spiele wurden vergeben, that’s it.“ Man erhalte immer im Vorfeld von Olympischen Spielen Informationen von Bürgerrechts-Gruppen, die gegen die Austragung in ihrer Heimat sind. Dem könne man nicht nachgehen – weil es eben immer Proteste gibt. Im übrigen sei der DOSB nicht zuständig: „Sollte sich am Austragungsort etwas ereignen, das Einfluss auf die Spiele haben könnte, ist das Internationale Olympische Komitee zuständig und nicht die Nationalen Olympischen Komitees.“

Die verschlossenen Augen des DOSB in Sachen Atomkraft sind erstaunlich: Generalsekretär des Verbandes ist Michael Vesper, Grünen-Politiker der ersten Stunde. Als Bauminister von Nordrhein-Westfalen sagte Vesper 2009 im Deutschlandfunk: „Denn wenn der Pfad erst mal als Sackgasse sichtbar wird, dann kommt es gar nicht so sehr darauf an, wie lang diese Sackgasse noch ist. Dann wird jeder versuchen, frühzeitig rauszukommen und mit anderen Energieerzeugungsmethoden Geld zu machen.“

Das war 1999.

Anfang September wurde Thomas Bach, der Präsident des DOSB, zum Nachfolger von Jacques Rolle als Präsident des IOC gewählt. Er sei sich der Verantwortung des Amtes bewusst, es mache ihn demütig, sagte Bach nach seiner Wahl.

Bach hat nun die Möglichkeit, beim IOC etwas zu ändern – zum Beispiel die traditionelle Widerstands-Fähigkeit gegen kritische Einwände, die in der Vergangenheit meist als Majestäts-Beleidigungen abgetan wurden.

Das IOC pflegt sich erfahrungsgemäß nicht sehr intensiv mit Kritikern an den Austragungsorten von Spielen auseinanderzusetzen. Kritik wird als Querulantentum abgetan oder als Verrat am globalen Vaterland diskreditiert, dessen Außengrenzen und Spielregeln die Herren der Spiele definieren.

Die Kritiker sind meist lokale Umweltschützer. Eher selten melden sich im Vorfeld Wirtschafts-Fachleute, was den Organisatoren in die Hände spielt. Denn meist bleibt von den Spielen für die Staaten, die sie ausgerichtet haben, nichts Zählbares. Die Olympischen Spiele in Athen waren für Griechenland wirtschaftlich ein Desaster. Der globale Wander-Zirkus hinterließ dem Krisen-Land nichts als Schulden (hier).

Für die internationalen Veranstalter von Olympischen Spielen zählt jedoch vor allem der wirtschaftliche Erfolg für die Mitglieder im großen Club: Es soll ein Festival für die Sponsoren werden, eine prächtige Schau zur Ehre der Funktionäre, ein Welt-Spektakel, bei dem die Profite möglichst im geschlossenen Kreis der olympischen Profiteure bleiben: Ausrüster, die Funktionäre, Sponsoren, lokale Sport-Oligarchen. Nachhaltige Spiele sind unbekannt.

Daher können sich die Vertreter des Internationalen Olympischen Komitees mit der Frage, ob man in Japan nach Fukushima überhaupt Spiele abhalten kann, nicht ernsthaft beschäftigen: Sie würden das Big Business beschädigen, von dem sie alle leben.

Das IOC sagt auf Nachfrage den Deutschen Wirtschafts Nachrichten, ob man denn nicht Bedenken habe, die Spiele angesichts der äußert unsicheren Entwicklung in Fukushima und der erhöhten Werte in Tokio in Japan abzuhalten: „Das IOC hat von den japanischen Behörden die Zusicherung erhalten, dass Tokio und die Umgebung sicher sind. Wir haben keinen Grund zu glauben, dass sich das in den nächsten sieben Jahren ändern wird.“

Eine Dekontamination, also die Abtragung einer Erdschicht, ist erforderlich ab einem Wert von 0,23 Mikrosievert, so habe es die Verwaltung von Tokio selbst festgelegt. Nach eigenen Angaben habe man im Juni 2011 Messungen durchgeführt und die Luftbelastung an 100 Stellen getestet, aber keine auffälligen Gebiete ausgemacht.

Somit gebe es für die Verwaltung auch keinen Grund zu handeln.

„Wir haben keinen Grund zu glauben, dass sich das in den nächsten sieben Jahren ändern wird.“

Andere Verwaltungen, wie die Präfektur von Saitama im Großraum Tokio, erklärten wiederum ausdrücklich, man werde eigene Messungen durchführen, um dem Bericht über erhöhte Strahlungswerte nachzugehen.

Obwohl das IOC und alle nationalen Verbände die beunruhigenden Berichte der Messungen durch die Bürgerrechtler ignoriert hatten, konnten sie wegen der internationalen Medien-Berichte über Fukushima das Thema vor der Vergabe der Olympischen Sommerspiele an Japan nicht ganz unter den Tisch kehren.

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe versprach schließlich in seiner 45-minütigen Rede, dass „die Lage in Fukushima unter Kontrolle“ sei. Und „es hat und wird niemals eine Gefahr für Tokio bestehen“.

Im Anschluss an die Präsentation fragte Gerhard Heilberg, IOC-Mitglied aus Norwegen, nach weiterführenden technischen Argumenten. Daraufhin verbürgte sich Abe nochmals persönlich für die Sicherheit in Tokio, es gebe „kein Problem und es wird in Zukunft auch keines geben“.

Der Blogger Jens Weinreich dazu im Spiegel: „In der Geschichte der Wahrheitsverdrehungen und Versprechen bei Olympiabewerbungen werden die Aussagen von Shinzo Abe am Samstag vor der 125. IOC-Vollversammlung wohl einen Spitzenplatz einnehmen.“

Der Kinderarzt Alex Rosen sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten zu dieser Garantie: „Das würde ja bedeuten, dass der japanische Premier der Welt persönlich garantieren kann, dass es in Japan in den kommenden Jahren kein Erdbeben, keine Stürme und keine Flutwellen mehr geben wird.“

Wie sich die Lage in Fukushima wirklich entwickelt, ist leicht anhand der Berichte aus der Region und den Urteilen von unabhängigen Fachleuten zu eruieren (mehr dazu hier).

Der japanische Premier Abe, der noch wenige Wochen zuvor die Sicherheit der Spiele garantiert hatte, hat die Weltgemeinschaft zu Hilfe gerufen – weil Japan allein mit den Folgen von Fukushima nicht fertig wird (hier).

Der Schaden, den die Katastrophe jetzt schon angerichtet hat, wird mit etwa 500 Milliarden Dollar beziffert – vorausgesetzt, dass ab jetzt nichts mehr passiert.

Eine ansatzweise verlässliche Eindämmung der Katastrophe würde hunderte Millionen, wenn nicht Milliarden kosten, sagte der Physiker Sebastian Pflugbei den Deutschen Wirtschafts Nachrichten.

Die Kandidatur Tokios für die Olympischen Spiele stützt sich auf einen fest angelegten „Reserve-Fonds“ von 4,5 Milliarden Dollar, berichtete die FAZ.

Wer setzt in der zur Globalisierung verdammten Menschheit eigentlich die Prioritäten?

The games must go on.

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Eine unheilige Allianz zerbricht: Obama auf Distanz zu den Saudis
Eine unheilige Allianz zerbricht: Obama auf Distanz zu den Saudis
US-Präsident Obama geht zum Ende seiner Amtszeit auf Distanz zu den Saudis: Die US-Regierung hat die Auslieferung von Streubomben an Saudi-Arabien gestoppt. Der Grund seien Berichte über hunderte zivile Opfer im Jemen. Die Maßnahme ist das bisher deutlichste Zeichen, dass…
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Obama traf sich am 21. April in Riad mit den Mitgliedern des Golf-Kooperationsrats, um über demokratische Reformen zu sprechen. (Foto: dpa)

Obama traf sich am 21. April in Riad mit den Mitgliedern des Golf-Kooperationsrats. (Foto: dpa)

Nach Berichten über die steigende Zahl ziviler Opfer im Jemen hat die US-Regierung einem Fachmagazin zufolge den Verkauf von Streubomben an Saudi-Arabien ausgesetzt. Die Zeitschrift „Foreign Policy“ berichtete am Wochenende unter Berufung auf US-Behördenvertreter, Washington habe stillschweigend die Lieferung von Streubomben an das sunnitische Königshaus eingefroren.

Damit setzen die USA das bisher deutlichste Zeichen, dass die Allianz mit der islamistischen Theokratie wohl nicht mehr von langer Dauer sein dürfte. Beobachter sehen in Strategie des Königshauses, den Ölpreis nicht mehr stützen zu wollen, Anzeichen einer Vorbereitung auf das Exil. US-Präsident hatte bei seinem Besuch in Riad die Demokratisierung Saudi-Arabiens gefordert.

Saudi-Arabien führt eine Militärallianz an, die im Jemen seit März 2015 Luftangriffe auf vom Iran unterstützte Huthi-Rebellen und ihre Verbündeten fliegt. Die Rebellen liefern sich in dem Land Kämpfe mit regierungstreuen Truppen. Der Krieg ist unzweifelhaft völkerrechtswidrig, weil er ohne UN-Mandat geführt wird.

Ein Vertreter der US-Regierung sagte auf Anfrage von AFP, den Behörden seien die Berichte über den Einsatz von Streubomben durch die von Saudi-Arabien geführte Koalition im Jemen bekannt, „auch in Gebieten, in denen Zivilisten leben“. „Wir nehmen diese Sorgen sehr ernst und sind auf der Suche nach weiteren Informationen“, fügte er hinzu.

Dem Bericht von „Foreign Policy“ zufolge zeigt sich darin erstmals das Unbehagen der US-Regierung über Bombenangriffe, bei denen nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten hunderte Zivilisten getötet oder verletzt wurden, darunter auch Kinder. Demnach reagierte die Regierung auch auf zunehmende Kritik von Kongressabgeordneten.

Streubomben setzen hunderte kleinere Bomben frei, viele Blindgänger explodieren erst Jahre später. Die Bomben sind laut einer internationalen Konvention aus dem Jahr 2008 geächtet. Weder Saudi-Arabien noch die USA unterzeichneten jedoch die Konvention. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) entstanden durch den Einsatz von Streubomben durch saudi-arabische Truppen im Jemen „Minenfelder“.

Die USA hatten Saudi-Arabien in der Vergangenheit für mehrere Millionen Dollar Streubomben und andere militärische Ausrüstung verkauft.

Poroschenko ernennt früheren Nato-Generalsekretär zum Berater
Poroschenko ernennt früheren Nato-Generalsekretär zum Berater
Im Donbass stehen die Zeichen auf Eskalation. Am Sonntag haben Unbekannte auf OSZE-Beobachter geschossen. Präsident Poroschenko hat den früheren Nato-Generalsekretär Rasmussen zum Berater ernannt. Die USA dringen auf eine Verlängerung der EU-Sanktionen gegen Russland.
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Anders Fogh Rasmussen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. (Foto: dpa)

Anders Fogh Rasmussen mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. (Foto: dpa)

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat per Erlass den früheren Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen zum Berater ernannt, meldet Radio Free Europa. Der vormalige dänische Regierungschef war von 2009 bis 2014 Chef des westlichen Bündnisses. Der russische Verteidigungspolitiker Wladimir Komojedow meinte, die Ernennung werde nicht zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland beitragen. Rasmussen, der mittlerweile auch für den dänischen Reeder Maersk arbeitet, soll die Regierung in Kiew in militärischen und ökonomischen Fragen beraten.

Das Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU enthält auch ein umfassendes militärisches Kapitel. Demnach sollen als Militär-Standards bis 2020 auf Nato-Standards umgestellt werden. Für die US-Rüstungsindustrie ist die Ukraine ein interessanter Markt, zumal sie sich nach Aussagen der Regierung in Kiew faktisch im Krieg mit Russland befindet.

Kurzfristig soll Rasmussen die EU davon überzeugen, dass die Sanktionen gegen Russland verlängert werden müssen. Die USA haben auf dem G7-Gipfel die westlichen verbündeten auf diese Linie eingeschworen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte in Japan gesagt, dass sie derzeit keinen Anlass sähe, dass die Sanktionen aufgehoben werden könnten. In der EU wächst allerdings der Widerstand, weil der Schaden für die europäische Wirtschaft erheblich ist. Zuletzt bezeichnete der griechische Premier Tsipras die Sanktionen als das falsche Mittel. Anlass war der Besuch des russischen Präsidenten Putin in Athen. Allerdings wollten die Griechen schon vor der zuletzt verfügten Verlängerung ein Veto, zogen jedoch in letzter Sekunde zurück. Griechenland ist pleite und hat als Nato-Land wenig außenpolitischen Spielraum.

Rasmussen soll, so der staatliche deutsche Sender Deutsche Welle, die EU davon überzeugen, dass es in der Ukraine große Fortschritte gäbe. Die EU hat bereits Milliarden an Steuergeldern in die Ukraine gepumpt. Rasmussens Argumentation, so die DW, soll dahingehend aufgebaut werden, dass die Fortschritte nur mit einer Verlängerung der Sanktionen gesichert werden könne.

Parallel zu den politischen Schachzügen ist im Donbass eine neue Destabilisierung zu beobachten: Die OSZE hat am Sonntag gemeldet, dass ihre Beobachtermission in der Ukraine beschossen wurde. Unklar bleibt, wer hinter den Schüssen steckt. Die Kämpfe zwischen Rebellen und Regierungstruppen sind erneut ausgebrochen.

Angesichts neuer Gefechte im Kriegsgebiet Ostukraine hat die Führung in Kiew vor einer Verschärfung der Lage im Donbass gewarnt. Bei Kämpfen mit prorussischen Separatisten seien fünf Soldaten getötet worden, sagte ein ukrainischer Militärvertreter am Sonntag. Präsidialamtssprecher Andrej Lyssenko sagte, die Spannungen hätten zuletzt zugenommen.

Die Rebellen im Gebiet Luhansk warfen dem Militär vor, ungeachtet des Minsker Friedensplans Kriegsgerät im Frontbereich zu verlegen.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) kritisierte den Beschuss einer Beobachter-Patrouille vom Freitag. Die Gruppe sei im Gebiet Donezk mit Handfeuerwaffen angegriffen worden, sagte Ertugrul Apakan, Chef der Beobachter-Mission. Niemand sei verletzt worden. „Ich verurteile die Gewalt gegen Menschen und Ausrüstung, die helfen, objektive und unparteiische Informationen über die Lage in der Ukraine zu beschaffen“, teilte Apakan mit. Er sagte nicht, wer auf die OSZE geschossen hatte.

„Derartige Angriffe auf die zivile, unbewaffnete Beobachtermission sind völlig inakzeptabel“, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Deutschland hat dieses Jahr den OSZE-Vorsitz inne. Er forderte Sicherheitsgarantien für die Beobachter. Eigentlich gilt im Donbass eine Waffenruhe, die aber seit Monaten brüchig ist.

Russland-Sanktionen werden zum Problem für Bayern
Russland-Sanktionen werden zum Problem für Bayern
Die Sanktionen gegen Russland bringen Bayern als das wirtschaftlich stärkste deutsche Bundesland unter besonderen Druck. Der Grund: Die Milchbauern sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Nun sollen die Steuerzahler der EU und aus Deutschland einspringen.
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Horst Seehofer am 3. Februar zu Besuch bei Wladimir Putin in Moskau. (Foto: dpa)

Horst Seehofer am 3. Februar zu Besuch bei Wladimir Putin in Moskau. (Foto: dpa)

Nach Angaben des Deutschen Bauernverbands treffen die Russland-Sanktionen vor allem die bayrischen Milchbauern. Bayern ist der größte Milchproduzent Deutschland. Doch die Bundesregierung ist der Ansicht, dass nicht die Sanktionen, sondern ein Überangebot an Milch die Preise drücken würde.

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) fordert eine sofortige Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Russland. „Die Sanktionen schaden Russland ebenso wie den Mitgliedstaaten der EU – auch und vor allem Bayern“, zitiert das Oberbayrische Volksblatt den VBW-Chef Bertram Brossardt. Nach Angaben des Deutschen Bauernverbands (DBV) sollen die Sanktionen der Hauptgrund für den Milchpreisverfall sein, was wiederum vor allem Bayern trifft.

Die Augsburger Allgemeine berichtet, dass Bayern mit 34.000 Milchbauern der wichtigste Milchproduzent Deutschlands ist. Doch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt unterstützt die Sanktionen gegen Russland. Auslöser des Milchpreisverfalls sei vor allem, dass die deutschen Milchbauern bei einem hohen Milchpreis ihre Kapazitäten erweitert und somit ein Überangebot auf dem Markt entstanden sei, zitiert die NOZ Schmidt.

Zuvor hatte Ludwig Börger, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Milchwirtschaft (VDM) und Leiter des Referates Milch beim Deutschen Bauernverband (DBV), im Interview mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten gesagt, dass Russland ein wichtiger Käse-Importeur sei und Deutschland zu den wichtigsten Käseproduzenten weltweit gehöre.

Auf einem Milchgipfel bei Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in Berlin sollen am Montag Hilfen für die Bauern beschlossen werden, die unter den derzeit niedrigen Milchpreisen leiden (Pk 13.30 Uhr). Schmidt hat bereits Bürgschaften, Kredite sowie steuerliche Erleichterungen für die Landwirte angekündigt, jedoch noch keine Summe genannt. Der Lebensmitteleinzelhandel soll zudem die Preise im Kühlregal wieder heraufsetzen.

EU-Agrarkommissar Phil Hogan hat den unter einem Preiseinbruch leidenden Milchbauern weitere Hilfen der Gemeinschaft in Aussicht gestellt. „Die Kommission hat sämtliche ihr zur Verfügung stehenden gesetzlichen Mittel … genutzt und wird auch künftig alles tun, um den europäischen Bauern unter die Arme zu greifen“, sagte der Ire dem Tagesspiegel. In diesem Jahr habe die EU bereits 218.000 Tonnen Magermilch zu Festpreisen aufgekauft. Er werde vorschlagen, die Obergrenze für den Ankauf von Erzeugnissen zu Festpreisen auf 350.000 Tonnen anzuheben. Im vergangenen Jahr habe es Stützungsmaßnahmen für rund 2,8 Millionen Tonnen Milch, Butter und Käse gegeben. Das habe ganz erheblich dazu beigetragen, dass die Milchpreise nicht noch weiter gefallen seien.

Zahl der Berufspendler in Deutschland stark gestiegen
Zahl der Berufspendler in Deutschland stark gestiegen
Die Flucht in den Westen hält unter Arbeitnehmern offenbar immer noch an. Ostdeutsche Arbeitnehmer arbeiten zunehmend von ihrem Wohnort entfernt. Die Entscheidung zum Pendeln wird von den meisten aber nicht freiwillig getroffen.
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Blick aus dem Cockpit eines Autos auf den Berufsverkehr in Köln. (Foto: dpa)

Blick aus dem Cockpit eines Autos auf den Berufsverkehr in Köln. (Foto: dpa)

Die Zahl der Berufspendler ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. 2015 gab es gut drei Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die ihren Arbeitsort nicht in dem Bundesland hatten, in dem sie wohnten. 1999 waren es nur knapp 2,2 Millionen Arbeitnehmer. Noch immer pendeln wesentlich mehr Ostdeutsche zum Arbeiten in die westlichen Bundesländer als umgekehrt.

Die Passauer Neue Presse berichtet über diese Entwicklung und bezieht sich dabei auf Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA), die diese auf Anfrage von Linksfraktionsvize Sabine Zimmermann zur Verfügung stellte. Im vergangenen Jahr pendelten demnach 398.384 ostdeutsche sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in den Westen, 1999 waren es 307.907. Aus Westdeutschland kamen im Jahr 2015 etwa 134.500 Beschäftigte zum Arbeiten in den Osten, so die AFP.

„Der Druck, im Beruf mobil zu sein und weite Wege zum Arbeitsplatz zurückzulegen, hat in den letzten Jahren unvermindert angehalten“, sagte Zimmermann der Zeitung. Preis der erhöhten Mobilität sei zunehmender Stress bis hin zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. „Der hohe Pendlerüberschuss von Ost nach West ist immer noch Ausdruck der Flucht vor Arbeitslosigkeit und Niedriglöhnen in den neuen Bundesländern“, sagte die Linken-Politikerin.

Pendler müssen Stress reduzieren

Laut Dr. Steffen Häfner, Chefarzt der Abteilung für Verhaltensmedizin und Psychosomatik an der CELENUS Deutschen Klinik für Integrative Medizin und Naturheilverfahren in Bad Elster, ist jeder ein Pendler, „der täglich mehr als 45 Minuten für eine Strecke benötigt, also mehr als 1,5 Stunden pro Tag unterwegs ist“. Im Gespräch mit der AOK zählt er unter anderem die häufigsten Gesundheitsbeschwerden dieser Personengruppe auf:

„Nacken-, Schulter- und Rückenschmerzen, Müdigkeit, Gelenk- und Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Völlegefühl, Erschöpftheit, Mattigkeit und Schwindelgefühl sind die häufigsten Beschwerdekomplexe. Vor allem im Winterhalbjahr müssen die Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel mit mehr Infektionen rechnen. Hinzu kommt Schlafmangel, da Pendler meist früher aufstehen müssen. In der Folge kommt es zu Tagesmüdigkeit und Konzentrationsmangel.“

Nach Ansicht des Mediziners sind sich viele Pendler ihrer Situation jedoch gar nicht bewusst. Viele würden den Zeitaufwand unterschätzen. Das wiederum führe dazu, dass man nur noch wenig oder keine Zeit habe, sich um seine Gesundheit zu kümmern. Alle Freizeitaktivitäten müssten aufs Wochenende verlagert werden, das dann hoffnungslos überfrachtet werde.

Wer nicht umziehen kann, dem rät der Arzt einige Regeln zu befolgen, um den Stress zu reduzieren.Neben dem rechtzeitigen Losgehen, sei es vor allem wichtig, die Zeit mit Sinn zu erfüllen. „ Wer öffentliche Verkehrsmittel benutzt, kann lesen, handarbeiten oder womöglich noch arbeiten, um dann zu Hause gleich die Freizeit genießen zu können“, so der Fachmann. „Für Autofahrer können CDs oder Hörbücher die Fahrt angenehmer gestalten. Gespräche mit Mitfahrern in Fahrgemeinschaften können die Zeit verkürzen. Allerdings ist die Belastung für den Fahrer bei Fahrgemeinschaften höher als bei Einzelfahrern, weil er zusätzlich die Verantwortung für die Mitfahrer hat. In Fahrgemeinschaften sollte deshalb jeder einmal mit Fahren dran sein.“

Deutscher Mittelstand ist wegen Weltpolitik sehr skeptisch
Deutscher Mittelstand ist wegen Weltpolitik sehr skeptisch
Viele mittelständische Unternehmen beurteilen ihre derzeitige Geschäftssituation deutlich positiver als die Entwicklung in den kommenden sechs Monaten. Das führt dazu, dass zwar zwei Drittel der Unternehmen erneut investieren möchten, es sich dabei aber vor allem um Investitionen zum Erhalt handelt.…
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Quelle: VR Mittelstandsumfrage Herbst 2015; Mehrfachnennungen möglich.

Quelle: VR Mittelstandsumfrage Herbst 2015; Mehrfachnennungen möglich.

Wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten wie in Brasilien, Venezuela und auch Russland gehen auch an den deutschen Mittelständlern nicht vorbei. Schließlich ist auch von China derzeit nicht mit größeren Wachstumsimpulsen zu rechnen. Entsprechend kritisch schauen viele Unternehmen in die zweite Jahreshälfte. Der aktuelle Mittelstandsindikator der DZ Bank steht momentan bei lediglich 26,7 Punkten – so niedrig wie zuletzt vor drei Jahren.

Die optimistischste Branche im Mittelstand ist derzeit das Ernährungsgewerbe. „Dies ist insbesondere auf den soliden Konsum der privaten Haushalte im Inland und die in diesem Jahr merklich steigenden Supermarktumsätze zurückzuführen“, heißt es in der aktuellen Mittelstandsstudie.

Das spiegelt sich auch bei den geplanten Investitionen wieder. 78 Prozent der Unternehmen planen zwar, in den kommenden sechs Monaten weiter zu investieren, doch während beispielsweise in der Agrarwirtschaft die niedrigste Investitionsbereitschaft herrscht, ist sie in der Ernährungsbranche – vor allem in der Chemie – mit Abstand am größten. Hier wollen sogar 90 Prozent der Mittelständler investieren. Dies sei der höchste Wert seit Bestehen unserer Umfrage. „Hauptursache für dieses Ergebnis dürften die anhaltend niedrigen Preise für Rohöl und das Erdöldestillat Naphta („Rohbenzin“) sein, das der bedeutendste Rohstoff für die Chemieindustrie ist.“

Entsprechend finden sich geplante Kapazitätsausbau-Maßnahmen noch am ehesten in der Chemie (61 Prozent). In den anderen Branchen investiert man vorsichtiger. Hier geht es größtenteils um Erhaltungsinvestitionen und Ersatzinvestitionen. Und je größer das mittelständische Unternehmen ist, umso eher ist es auch bereit, zu investieren.

Hintergrund für die überwiegend vorsichtigen Investitionen des deutschen Mittelstandes ist aber auch der anhaltende Niedrigzins. Die EZB will eigentlich mit der Niedrigzinspolitik die Kreditvergabe an Unternehmen erleichtern und erhöhen. In Deutschland hat dies aber nicht zu einer entsprechend erhöhten Kreditnachfrage bei den Unternehmen geführt. „Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen während der Finanzmarktkrise und des dementsprechend gestiegenen Eigenkapitalanteils finanziert sich ein immer größerer Teil des Mittelstands aus dem eigenen Cash-flow heraus.“ 73 Prozent der Mittelständler gaben dies an.

Darüber hinaus hatte die EZB-Politik sogar negative Folgen für den Mittelstand gehabt. 43 Prozent der Unternehmen gaben an, dass dadurch ihre Zinseinnahmen aus Anlagen gesunken seien. Nur etwa ein Drittel profitiert von Kostensenkungen, die die niedrigen Zinsen verursacht haben. Und noch weniger planen explizit mehr Investitionen aufgrund der Niedrigzinspolitik.

Flüchtlinge kommen wieder: Österreich bereitet Notstand vor
Flüchtlinge kommen wieder: Österreich bereitet Notstand vor
Die österreichische Bundesregierung arbeitet mit Hochdruck an der Einführung des Notstandes: Die Zahlen der Flüchtlinge steigen wieder. Die Regierung will um jeden Preis verhindern, dass die FPÖ weiter Auftrieb erhält.
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Der designierte Bundespräsident Van der Bellen mit dem Amtsinhaber Heinz Fischer. Die Regierung bereitet sich auf einen neuen Notstand vor. (Foto: dpa)

Der designierte Bundespräsident Van der Bellen mit dem Amtsinhaber Heinz Fischer. (Foto: dpa)

Nach dem Wechsel des Bundeskanzlers waren die österreichischen Medien voll des Lobes für den neuen Mann an der Spitze der Regierung. Christian Kern überzeugte mit der Kritik an der bisherigen Regierung. Er sagte, die Parteien hätten „machtversessen und zukunftsvergessen“ agiert. Viele Beobachter konstatierten sogar eine neue „Aufbruchstimmung“. Doch der Erfolg der FPÖ bei der Bundespräsidentenwahl hat die Regierung aufgeschreckt: Die FPÖ erhielt allein fast so viele Stimmen wie der von allen anderen Parteien und den gesellschaftlichen Gruppierungen aus Kunst, Wirtschaft und Kirche unterstützte Grüne Alexander Van der Bellen. Es reichte gerade noch einmal zu einem hauchdünnen Vorsprung – eine in Europa einmalige Entwicklung.

Doch der Aufbruch scheint schon wieder vorüber zu sein. Das zentrale Thema kehrt in die Realität zurück: Der Wiener Standard meldet, dass die Zahlen der Flüchtlinge und Migranten wieder stark steigen. Die geplante Obergrenze von 37.500 scheint nicht zu halten, die Zeitung rechnet mit 50.000 neuen Asylanträgen – und da sind die Sommermonate noch gar nicht besonders berücksichtigt.

Daher laufen laut Standard die Vorbereitungen auf die Ausrufung des Notstandes durch die Regierung. Dazu muss die Regierung eine Verordnung erlassen, mit der faktisch das Asylrecht außer Kraft gesetzt wird. Voraussetzung ist, „dass die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der Schutz der inneren Sicherheit gefährdet sind“. Der Standard schreibt, dass die „involvierten Ministerien bereits Argumente sammeln“, warum dieser Fall ausgerufen werden muss.

Das Vorgehen ist bei Verfassungsjuristen und Menschenrechtsorganisationen höchst umstritten: Denn faktisch können Schutzsuchende ohne Ansehen des Einzelfalls dann abgewiesen werden. Die Bundesregierung verhandelt nach Standard-Aussage bereits mit den Nachbarstaaten, um Flüchtlinge und Migranten ohne Verfahren zurückzuschicken.

Auch der neue Bundeskanzler Kern lässt demnach keinen Zweifel, dass der Notstand ausgerufen werden müsse, wenn die Obergrenze erreicht ist.

Die hektischen Aktivitäten der im ersten Wahlgang bei der Bundesregierung schwer geschlagenen Regierungsparteien SPÖ und ÖVP haben ihren Grund in einer geradezu panischen Angst vor einem weiteren Zulauf für die FPÖ. Die Partei führt schon jetzt in allen Umfragen. Zahlreiche Vorfälle mit Migranten und Asylbewerbern wurden von den Medien in epischer Breite geschildert, was die Verunsicherung in der Bevölkerung naturgemäß gesteigert hat. Für die Regierungsparteien steht die Abwehr der Flüchtlinge an oberster Stelle, um doch noch in letzter Minute den Machtverlust an die FPÖ zu verhindern.

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