Der Fluch der Schattenbanken: Zentralbanker mit düsterer Vorahnung

Der britische Zentralbanker Paul Tucker schlägt ausgerechnet an seinem letzten Arbeitstag bei der Bank of England Alarm: Die Schattenbanken könnten außer Kontrolle geraten und das Weltfinanzsystem gefährden. Er sagt Schattenbanken - und meint womöglich Goldman Sachs. Ein Stück, wie von Shakespeare.

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Wer regiert die Banken-Welt?

Schattenbanken machen 50 Prozent des gesamten Weltfinanzmarkts aus. Dennoch werden sie weder beaufsichtigt noch reguliert. Die Regulierungsbehörden überall auf der Welt müssten ihre Aufgaben bei der Überwachung von Hedgefonds und Schattenbanken weiter forcieren, fordert der britische Zentralbanker Paul Tucker.

Paul Tucker?

Es ist sehr interessant, dass Tucker sich an seinem letzten Arbeitstag bei der Bank of England mit einer brisanten Warnung zu Wort meldet.

Ausgerechnet Tucker: Der Zentralbanker war als Kronprinz des scheidenden BOE-Chefs Mervyn King angetreten und als Bettvorleger von Goldman Sachs geendet. Weil Tucker in den Manipulations-Skandal um den Libor verwickelt war, wurde ihm die Krone verwehrt. Er musste seinen vorgewärmten Platz an der Sonne der angelsächsischen Finanzwelt dem ehemaligen kanadischen Notenbank-Gouverneur Mark Carney überlassen.

Mark Carney kommt von Goldman Sachs.

Profiliert sich Tucker bei seinem Abgang als Whistle-Blower? Will er zum Edward Snowden der Finanz-Branche werden? Oder will er sich gar an seinem Rivalen, dem Goldman Carney rächen?

Die Schattenbanken sind der wichtigste Bestandteil des internationalen Finanzsystems. Sie genießen eine privilegierte Behandlung, weil dort die wirklich großen Vermögen verwaltet vermehrt werden.

Zu den Schattenbanken gehören Finanzinstitute, die bankenähnliche Aufgaben übernehmen. So vergeben sie etwa Kredite, ohne selbst eine Banklizenz zu besitzen. Kurzum: Zu den Schattenbankenakteuren gehören jene, die im Kreditgeschäft tätig, aber offiziell keine Banken sind. Unter den Begriff der Schattenbanken fallen sogenannte Geldmarktfonds und auch bestimmte Hedgefonds, Private-Equity-Firmen und Versicherungsgesellschaften. Geldmarktfonds sind identisch mit Investmentfonds, die mit Kurzzeitgeldern wie Termingelder, Kreditverträgen und verzinslichen Wertpapieren mit Laufzeiten unter einem Jahr handeln, ohne den organisierten Kapitalmarkt in Anspruch zu nehmen.

Tatsächlich sind fast alle global agierenden Banken an irgendwelchen Schattenbanken beteiligt.

Allen voran natürlich auch Goldman Sachs.

Die oberste Zentralbank, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), hat das genehmigt.

Über Schattenbanken läuft die Veredelungs-Maschinerei der internationalen Gelddrucker: Der Derivate-Handel.

Es gibt keine Kontrolle.

Es gibt keine Transparenz.

Schattenbanken sind dazu da, um Risiken zu verstecken. Sie tun das ganz legal – und die Derivate und die dahinter steckenden Vermögen im Crash-Fall als bevorzugte Gläubiger in Sicherheit zu bringen (mehr zu diesem eindrucksvollen Konzept – hier).

Paul Tucker weiß das natürlich alles: Beim Libor-Skandal war er auffällig geworden, weil er angeblich Barclays zur Manipulation angestiftet hatte.

Und ausgerechnet Tucker ruft nun nach der Sitten-Polizei.

Die Regulierungsbehörden überall auf der Welt müssten ihre Aufgaben bei der Überwachung von Hedgefonds und Schattenbanken entschlossen vorantreiben, sagt Tucker in der Financial Times.

Es sei „absolut katastrophal“ wenn die ohnehin wirtschaftliche Fragilität der Banken auch noch durch Schattenbanken und Hedgefonds infrage gestellt würden.

Zudem zog Tucker ausdrücklich eine Parallele zwischen der gegenwärtigen Situation und der letzten Finanzkrise. 2004, nach dem Dotcom-Crash, war die Risikobereitschaft auf der Suche nach hohen Renditen wegen der niedrigen Zinsen enorm gestiegen.

„Der Westen ist dabei, die letzte Krise zu reparieren, doch die westliche Welt muss sehr vorsichtig sein, dass sie derzeit nicht noch eine neue Krise braut. Denn das ist genau dasselbe, was im ersten Teil des letzten Jahrzehnts passiert ist“, sagte Tucker im Hinblick auf den Dotcom-Crash, der geradewegs in die Finanzkrise 2007-2009 führte.

Im Juni dieses Jahres hatte die Bank of England vor dem Platzen der größten Anleihe-Blase in der Geschichte gewarnt. Diese Blase bei den Staatsanleihen sei von den Zentralbanken durch massives Geld-Drucken bewusst aufgeblasen worden. Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ließ erst kürzlich vor einer Bedrohung warnen (mehr hier).

Zuletzt hatte auch Ex-US-Finanzminister Henry M. Paulson vor einem neuen Crash gewarnt. Als Grund nannte er unter anderem: „Wir sind den Markt der Schattenbanken nicht angegangen“.

Der globale Schattenbankensektor wird auf etwa 70 Billionen Dollar geschätzt. Nach Angaben von EU-Kommissar Michel Barnier stehen Schattenbanken für rund 50 Prozent des Weltfinanzmarktes.

Deshalb möchte die EU nun, dass die Geldmarktfonds, die ihren Investoren einen garantierten Rückkaufwert für ihre Anteile am Fonds gewähren (CNAV), in Zukunft drei Prozent ihres Kapitalstocks als Puffer bereithalten, berichtet die FAZ.

Dass dies bei weitem nicht ausreicht, kritisiert indessen Sven Giegold, grünes Mitglied im Europaparlament: „Denn die Wertverluste sind in einer schweren Krise ungleich größer als drei Prozent. In einer neuen Krise wären die Geldmarktfonds Brandbeschleuniger.“ Zudem, so bemängelte er, sollen die neuen, von der EU-Kommission angedachten Regeln, erst nach drei Jahren in Kraft treten.

Die Stanford-Finanzprofessorin Anat Admati, eine der heftigsten Kritikerinnen des uferlosen Schulden-Kasinos (hier), nennt eine noch viel realistischere Zahl: Die Banken müssen eigentlich zwischen 20 und 30 Prozent Eigenkapital vorhalten, sagte sie aus Bloomberg TV und in ihrem neuen Buch.

Die Tatsache, dass nun die Zentralbanken und der Ex-Goldman Paulson die Alarmglocke betätigen, deutet auf einen kleinen System-Fehler hin.

Denn selbst, wenn die Banken ihre Risiko-Geschäfte auf die Schattenbanken verlagern und sich amit vorübergehend in Sicherheit wähnen, eines wissen sie nicht: Welche Bank kann es nach Bear Sterns, Lehman, Dexia, HRE als nächste erwischen?

Gut möglich, dass bei der extremen Intransparenz, dem Hochgeschwindigkeits-Trading und der Verflechtung sogar Goldman den Überblick verloren hat.

Das könnte Tucker wissen.

Vielleicht möchte da einer im Fallen seine Todfeinde mitreißen.

In England ist das alles möglich: England hat Shakespeare (Italien die große Oper – hier).

Bei Shakespeare nehmen die Tragödien oft die Ausmaße von regelrechten Massakern an.

Keiner überlebt.

Vieles ist absolut unvorhersehbar, weil alle miteinander verfeindet sind.

Das gilt auch für die Investment-Banken.

Es würde Shakespeare alle Ehre machen, wenn es auch bei dieser Tragödie am Ende den Richtigen Falschen erwischt.


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