Deutsche Bank: Ein Sittenbild des chronischen Versagens

Keine Trickserei in der Banken-Szene, wo die Deutsche Bank nicht involviert ist: Staatsanwälte, Aufsichtsbehörden, die Polizei und Gericht sind Stammkunden der einstigen Vorzeige-Bank Deutschlands geworden. Allein in Italien sind 600 Klagen wegen schädlicher Zins-Wetten anhängig. Ein Chronik des Versagens.

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Mutmaßliche Bilanztricksereien, Hypothekenklagen, Zinsmanipulationen, der Kirch-Streit – die Deutsche Bank taumelt von einem Rechts-Streit in den nächsten. Die Rückstellungen dafür belaufen sich inzwischen auf mehr als vier Milliarden Euro.

Die Chronik des Versagens ist beklemmend:

* 31. Oktober 2013: Der US-Immobilienfinanzierer Fannie Mae reicht im Zinsskandal Klage gegen die Deutsche Bank und acht andere internationale Großbanken ein und fordert insgesamt mehr als 800 Millionen Dollar Schadenersatz. Fannie erklärt, die Firma habe bei Zins- und Hypothekengeschäften Geld verloren, weil es bei der Festlegung des zugrundeliegenden Interbanken-Satzes Libor über Jahre Tricksereien gegeben habe. Die Deutsche Bank äußert sich nicht dazu.

* 29. Oktober 2013: Die Vermutung der Aufseher weltweit, auf dem billionenschweren Devisenmarkt habe es ebenfalls Tricksereien gegeben, prallt auch an der Deutschen Bank nicht ab. Im Quartalsbericht räumen die Frankfurter ein, es gebe Auskunftsersuchen bestimmter Behörden: „Die Bank unterstützt diese Untersuchungen, die sich jeweils in einem frühen Stadium befinden.“

* 11. September 2013: Vier Händler, die wegen Euribor und Libor entlassen worden waren, müssen wieder eingestellt werden. Die Bank selbst habe den Interessenkonflikt heraufbeschworen, der zu den Entlassungen geführt habe, urteilt das Frankfurter Arbeitsgericht.

* 06. August 2013: Der Verdacht auf Tricksereien bei einem viel beachteten Marktindex für Swap-Geschäfte (Isdafix) ruft neben den US-Regulierern auch die deutsche Finanzaufsicht BaFin auf den Plan. Sie fordert Informationen von deutschen Geldhäusern an, darunter auch die Deutsche Bank. Das Institut äußert sich nicht dazu.

* 13. Juni 2013: Die Deutsche Bank muss im Rechtsstreit mit den Erben des Medienunternehmers Leo Kirch einen weiteren Dämpfer hinnehmen. Während das Geldinstitut noch per Beschwerde gegen ein Schadenersatzurteil des Münchener Oberlandesgerichts vorgeht, will das Gericht schon die konkrete Höhe des Schadens festlegen. Im Juli einigen sich beide Streitparteien auf einen Gutachter, der binnen eines Jahres die Höhe des von der Bank verursachten Schadens ermitteln soll.

* 18. April 2013: Aus Regierungskreisen verlautet, dass die Finanzaufsicht BaFin die seit dem Sommer 2012 laufende Libor-Sonderprüfung bei der Deutschen Bank noch einmal intensiviert. Es gebe Zweifel an der internen Untersuchung des Instituts, die unter anderem Co-Chef Anshu Jain und den restlichen Vorstand entlastet habe. Die Aufsicht untersucht, wer wann und wie viel von den mutmaßlichen Manipulationen wichtiger Referenzzinssätze wusste und ob es organisatorische Mängel gab.

* 4. April 2013: Aus Finanz- und Aufsichtskreisen wird bekannt, dass Bundesbank und BaFin eine Sonderprüfung bei der Deutschen Bank wegen mutmaßlicher Bilanztricksereien während der Finanzkrise gestartet haben. Im Raum steht der Vorwurf, das Institut habe damals ein milliardenschweres Derivate-Portfolio zu hoch bewertet. Die Bank weist die Vorwürfe zurück. Die deutschen Aufseher reisen im Frühsommer auch in die USA, um dort mit Hauptbelastungszeugen zu sprechen.

* 20. Dezember 2012: Es wird bekannt, dass die Münchner Staatsanwaltschaft die Frankfurter Zentrale der Deutschen Bank durchsucht hat. Dabei geht es um die bereits bekannten Prozessbetrugs-Vorwürfe gegen ehemalige Vorstände des Instituts im Zusammenhang mit dem Schadensersatzprozess der Familie des verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch. Materialien wurden beschlagnahmt, Festnahmen gab es nicht. Die Bank weist den Vorwurf, der sich unter anderem gegen die Ex-Chefs Rolf Breuer und Josef Ackermann richtet, erneut zurück.

* 19. Dezember 2012: Ein Gericht in Mailand verurteilt die Deutsche Bank neben drei anderen Banken, weil sie Zinswetten mit der Verwaltung der italienischen Finanzmetropole eingegangen waren, die die Stadt letztlich übervorteilten. Die Bank hat Berufung angekündigt. Klagen von rund 600 weiteren Kommunen in Italien sind noch anhängig.

* 14. Dezember 2012: Das Oberlandesgericht München stellt fest, dass die Deutsche Bank den Kirch-Erben Schadensersatz zahlen muss. Das Kreditinstitut und sein früherer Chef Rolf Breuer seien mitverantwortlich für die Pleite des Kirch-Konzerns 2002, erklärt der Richter. Der Schaden soll in einem Gutachten ermittelt werden. Ein Vergleich, nach dem die Bank rund 800 Millionen Euro gezahlt hätte, war im März gescheitert. Die Bank kündigt später an, die Entscheidung vor dem Bundesgerichtshof anzufechten.

* 12. Dezember 2012: Rund 500 bewaffnete Polizisten sowie Steuerfahnder durchsuchen den Hauptsitz der Bank in Frankfurt und andere Büros. Die Großrazzia steht in Zusammenhang mit Ermittlungen wegen Steuerbetrugs im Handel mit CO2-Zertifikaten. Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen und Finanzchef Stefan Krause gehören zu den 25 Mitarbeitern der Bank, gegen die in der Affäre wegen schwerer Steuerhinterziehung ermittelt wird. Einige Mitarbeiter müssen vorübergehend in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen dürften nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft mehrere Monate dauern. Ein Jahr zuvor waren sechs Händler von Brokerhäusern wegen des millionenschweren Umsatzsteuerkarussells zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

* 10. Dezember 2012: Die Affäre um mutmaßliche Bilanztricksereien in der Finanzkrise holt die Deutsche Bank ein. In mehreren Interviews meldet sich einer der Hauptbelastungszeugen zu Wort, der frühere Risikoanalyst Eric Ben-Artzi. Er wirft dem Institut vor, hochkomplexe Wertpapiere in einem bis zu 130 Milliarden Dollar schweren Derivateportfolio zwischen 2007 und 2010 zu hoch bewertet zu haben. Hätte die Bank die tatsächlichen Marktwerte abgebildet, wäre sie damals „in sehr viel schwächerer Verfassung“ gewesen. Das Geldhaus weist die Vorwürfe zurück. Die Bewertung sei richtig gewesen, das umstrittene Portfolio inzwischen zu einem Großteil abgebaut.

Aufsichsrats-Chef Achleitner blickt nach vorne: Man wolle die Deutsche Bank in die Welt-Liga der Banken führen (hier).

Alfred Herrhausen hat in einem Spiegel-Interview einmal gesagt: „Wir sind alle miteinander verbunden, und wenn eine große Bank zusammenbricht, hat das natürlich einen Einfluß auf uns alle. Aber das weiß auch jeder. Deswegen ist das Bemühen darauf gerichtet, ein solches Fallissement nicht zuzulassen…Wir haben, glaube ich, in der Zukunft mehr als in der Vergangenheit risikobewußt zu sein und risikobewußt zu handeln.“

Das war 1987.

Seine Worte sind verhallt.

Ungehört.

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