Pleite der Hausbank: Bank-Kunden und Sparer haben rechtlich das Nachsehen

Der EZB-Stresstest ist vor allem ein gefundenes Fressen für die internationalen Investment-Banken: Sie erhalten wertvolle Informationen über die Konkurrenten. Schwache Banken können über Nacht in die Pleite getrieben werden. Bank-Kunden sollten den Prozess genau beobachten: Trifft es ihre Bank, sind die Bank-Kunden die Verlierer.

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Zielstrebig betreibt EZB-Chef Mario Draghi die Neuordnung der Banken-Szene in Europa. Mit dem Stresstest der EZB soll ein erster Schritt gesetzt werden.

Doch wem nützt der Test eigentlich?

Draghi sagt, er wolle das gestörte Vertrauensverhältnis zwischen Banken in der Eurozone und internationalen Anlegern wieder herstellen. Mario Draghi dringt darauf, Transparenz für internationale Investoren herzustellen. „Transparenz ist das vorrangige Ziel“, sagte er. Die Banken in Europa hätten zwar in den fünf Jahren seit der Finanzkrise schon viel getan, um ihre Bilanzen zu bereinigen. Sie hätten 225 Milliarden Euro Kapital eingesammelt und weitere 275 Milliarden Euro an Staatshilfen erhalten. Draghi: „Wir erwarten, dass die Überprüfung das Vertrauen des privaten Sektors in die Banken der Euro-Zone und in die Qualität ihrer Bilanzen stärken wird.“

124 Banken und Bankengruppen in der Eurozone –darunter befinden sich 24 deutsche Banken – sollen sich bis November nächsten Jahres einer Prüfung unterziehen, bevor die EZB die Bankenaufsicht antritt.

Wenn Mario Draghi, der ehemalige Goldman-Banker von Transparenz spricht, muss man hellhörig werden.

Wer profitiert von der „Transparenz“?

Man darf sich die Banken-Szene nicht als eine einheitlich Gruppe vorstellen, die geschlossen dieselben Interessen vertritt.

Unter den Banken herrscht ein mörderischer Konkurrenz-Kampf. Wenn Banken pleitegehen, dann haben immer andere Banken die Finger im Spiel: Die Banken-Szene ist ein Haifisch-Becken, in dem sich alle gegenseitig belauern (mehr dazu und zu den konkreten Kampf-Methoden – hier).

Banken können einander über Nacht zu Fall bringen: Bei den großen Pleiten der vergangenen Jahre lief es immer nach demselben Schema ab: Einige große Banken haben einem Konkurrenten über Nacht die Liquidität abgedreht.

Das kann innerhalb von wenigen Stunden geschehen.

Der Interbanken-Markt existiert nicht mehr: Die Banken leihen einander offiziell kein Geld mehr, weil sie einander nicht trauen. Zugleich sind die Banken über die Schattenbanken in völlig undurchsichtiger Weise miteinander verflochten.

Sie wetten miteinander, gegeneinander, gegen die Kunden. Dort machen sie das große Geld.

Kredite an die Realwirtschaft sind zum Nebenkriegsschau-Platz geworden. Das unsichere Klima hat dazu geführt, dass die Banken immer vorsichtiger werden mit Krediten an die reale Welt. Das spüren im Moment zum Beispiel die Kommunen: Sie bekommen kaum noch Geld von den Banken.

Das große Rad wird anderswo gedreht.

Wichtig sind die Derivate – also die Wetten: Sie bringen die größten Profite und laufen in einem völlig intransparenten, unregulierten Markt.

Am besten sind Wetten, bei denen man nicht auf gut Glück vorgehen muss, sondern Insider-Wissen hat.

Hier kommt nun Mario Draghis Transparnz ins Spiel.

Der Stresstest wird den großen Investment-Banken ungeahnte Einblicke in die Portfolios und Bilanzen der Banken und damit über den Zustand der Banken in der Eurozone verschaffen.

Der Stress-Test ist für die Banken wie eine von Steuergeldern finanzierte Due Diligence. Eine Due Diligence ist die Überprüfung eines anderen Unternehmens im Fall eines Kaufs oder einer Übernahme. Das Unternehmen wird auf Herz und Nieren geprüft. Der Käufer erhält Einblick in die Geheimnisse, die Schwachstellen und die Werthaltigkeit der Assets eines anderen Unternehmens.

Für die Investment-Banken hat die Due Diligence des Stresstests gleich zwei Vorteile: Zum einen wird klar, welche Bank ein Übernahme-Kandidat ist. Das bedeutet Geschäft für die Investment-Banken: Sie sind die Broker, die solche Übernahmen durchführen. Sie profitieren am Verkauf. Sie profitieren auch von jeder Pleite: Denn irgendwer muss die Aufräumarbeiten durchführen.

Noch interessanter ist jedoch die Möglichkeit, gegen schwache Banken zu spekulieren.

Kommt es im Verlauf der Bankenprüfungen zur Rekapitalisierung einer Bank, um deren „Überlebensfähigkeit“ zu sichern, unter der Voraussetzung, dass das Geldhaus ein tragfähiges Geschäftsmodell besitzt, so bietet dies wiederum genügend Raum für Spekulationen, da in diesem Fall die Bilanzen der Bank offenliegen und die EZB den Bilanzen gewissermaßen ein Güte-Siegel verpasst haben.

Weiterer Vorteil: Die Altlasten der Banken müssen erst einmal abgeschrieben oder auf Kosten der Steuerzahler beseitigt werden.

Die Banken haben ihre Derivate längst in Schattenbanken verlagert. Schattenbanken sind mit den Geschäftsbanken eng verwoben oder sind gar Teil von Bankengruppen. Sie werden nicht geprüft. Ihre Wertpapiere stehen dem Markt weiter zur Verfügung. Wenn es einer anderen Bank gelingt, eine Schattenbank der Konkurrenz anzugreifen, hat sie bevorzugten Gläubiger-Status: Sie kann also den Konkurrenten ganz legal enteignen, wenn das Timing stimmt.

Mit den Derivaten haben die Banken eine Art Lebensversicherung abgeschlossen: Im Crash-Fall sind sie bevorzugt.

Anleger, Bank-Kunden und Steuerzahler werden sich wundern, wo ihr Geld geblieben ist.

Die Kunden werden, wie bei MF Global, feststellen, dass ihr Geld weg ist.

Die Banken-Neuordnung in Europa bietet den internationalen Banken vielfältige Möglichkeiten, die Tresore leerzuräumen.

Sie werden sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Im Gegenteil: Sie arbeiten genau auf die Tage X, Y und Z hin.

Goldman Sachs, Barclays, JP-Morgan, der Hedgefonds Silver Point Capital und BlackRock stehen bereit: Sie wollen die Neuordnung. Die großen internationalen Banken wollen von dieser Neuordnung profitieren. Auch die Deutsche Bank will mitmischen: Genau deshalb hat die Bank angekündigt, im Investment-Banking stärker werden zu wollen. Die Deutsche Bank will in der Welt-Liga mitspielen.

Sie will zu den großen Haien gehören, die fressen – nicht zu den kleinen, die gefressen werden.

„Bis zum Platzen der Immobilienblase war es eine andere Welt, ein Paradies der Narren, aber mit ziemlich vielen Narren darin“, sagte Marcus Agius, ehemaliger Aufsichtsratschef von Barclays.

Nun ist Konsolidierung in Europa angesagt: Hier gibt es, um im Bild zu bleiben, noch zu viele Narren.

In Europa gibt es einem Bericht der European Banking Federation zufolge etwas mehr als 8.000 Kreditinstitute. Innerhalb der letzten Dekade hat sich diese Zahl bereits von etwa 9.500 deutlich reduziert, aber gemessen an der Realwirtschaft ist der Bankensektor in Ländern wie Zypern, Malta und Luxemburg immer noch viel zu groß. „Grundsätzlich hat Europa zu viele Banken“, sagte Jürgen Fitschen, Chef der Deutschen Bank, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (mehr dazu hier).

Selbst wenn nun nur 124 Banken geprüft werden: Der Blick in die Bücher der Mitbewerber und vor allem die Einschätzung der EZB über den tatsächlichen Zustand der Banken gibt den Haien auch die Möglichkeit, die Geschäftsbeziehungen der Mitbewerber zu bewerten.

Goldene Zeiten für all jene, die aus Informationen Geld machen können.

Die Banken wollen beim großen Fressen nichts dem Zufall überlassen.

Wissen ist Macht, vor allem beim Wetten.

Da trifft es sich gut, dass einige Player sich schon dort positioniert haben, wo das Wissen offengelegt und interpretiert wird.

Für Goldman Sachs wird die Konsolidierung der Banken in Europa ein Heimspiel: Mit Mario Draghi und Mark Carney sitzen zwei Goldmänner an den Schalthebeln der europäischen Zentralbanken.

JP Morgan sagt: Das Ziel ist, so viel Rendite wie möglich, so wenig Risiko wie nötig. JP Morgan nennt dies den „heiligen Gral“.

Der Banken-Stresstest führt die Investment-Banken in den Vorhof des Grals. Sie werden wissen, was in Europa läuft. Und sie werden die Schwächsten ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.

Haben sie einmal einen Konkurrenten ausgemacht, der wankt, geht es schnell.

Ganz schnell.

Für die Bank-Kunden ist die Entwicklung von großer Bedeutung: Ihre Bank kann das nächste Opfer sein. Dann werden sie, die Kunden, zahlen.

Denn das Geld ist, wenn eine Bank pleitemacht, längst weg.

Zu beobachten ist dies dieser Tage in Detroit: Dort haben die Großbanken UBS und Bank of America den bevorzugten Gläubigerstatus bei der Pleite der Stadt erhalten.

Das bedeutet: Die Banken bekommen im Pleite-Fall auf jeden Fall eine bessere Quote als die Rentner.

Wenn das im Fall einer Pleite einer Stadt die Blaupause ist, dann ist es erst recht die Blaupause im Fall von Banken-Pleiten.

Die Gläubiger-Banken werden eine bessere Quote bekommen als die Bank-Kunden.

Das betrifft einzelne Kunden mit Einlagen von mehr als 100.000 Euro genauso wie Pensions-Fonds oder staatliche oder gemeinnützige Einrichtungen.

Es wird im Zuge der Neuordnung der europäischen Banken-Landschaft zu Pleiten kommen, darüber besteht kein Zweifel.

Die Banken haben sich durch ausgefeilte Verträge in eine sichere Position gebracht.

Die Bank-Kunden und die Steuerzahler dagegen wird es kalt erwischen.

Der Stress-Test der EZB wird, wenn man ihn genau analysiert, so etwas wie ein Fahrplan sein.

Den sollten die Bürger genau studieren.

Denn beim Fahrplan gilt naturgemäß: Wer zu spät kommt, den bestraft der Fahrdienstleiter.

Es gilt, Mario Draghi in den kommenden Wochen genau auf die Finger zu schauen.


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