Reaktionen auf die EZB: Von „Enteignung“ bis „Rückenwind“

Die Banken zeigten sich in ersten Reaktionen hocherfreut über die überraschende Zinssenkung: Nun gäbe es wieder mehr Liquidität im Markt - und damit mehr Spielgeld für riskante Wetten. Die Real-Wirtschaft ist dagegen beunruhigt: Denn sie zahlt die Zeche.

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Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat sich in weiser Voraussicht der EZB-Entscheidung substantielleren Themen zugewandt: Er liest im Kasino nur noch das Feuilleton und den Sportteil der FAZ. (Foto: FAZ)

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat sich in weiser Voraussicht der EZB-Entscheidung substantielleren Themen zugewandt: Er liest im Kasino nur noch das Feuilleton und den Sportteil der FAZ. (Foto: FAZ)

Die Europäische Zentralbank (EZB) senkt ihren Leitzins überraschend auf das Rekordtief von 0,25 Prozent. Das teilte die Notenbank am Donnerstag nach einer Sitzung des EZB-Rats in Frankfurt mit. Am Finanzmarkt hatten zuletzt manche Investoren auf diesen Schritt spekuliert. Die EZB reagiert damit auf den jüngsten Rückgang der Teuerung in den 17 Euro-Ländern. Die Inflationsrate war im Oktober auf 0,7 Prozent gefallen und lag damit deutlich unter der EZB-Zielmarke.

Hier die ersten Reaktionen:

GEORG FAHRENSCHON, PRÄSIDENT DES SPARKASSEN-VERBANDES.

Realwirtschaftliche Auswirkungen wird die heutige Zinssenkung nicht haben, für die Sparer ist sie sogar das falsche Signal: Niedrigzinsen führen zu dauerhaften Verlusten der Sparer, die quasi einer Enteignung gleichkommen, weil sie bei ihren Anlagen negative Realzinsen hinnehmen müssen. Das führt zu erheblichen Lücken in der Altersvorsorge – und das bei einer dramatisch alternden Gesellschaft. Gut ist, dass die EZB den Satz für die Einlagenfazilität nicht mitgesenkt hat. Experimente mit Negativzinsen würden wir nicht für angemessen halten:

GERHARD SCHICK, MdB, FINANZSPRECHER DIE GRÜNEN:

Die EZB sendet heute ein mächtiges Signal an all jene auch in Deutschland, die meinen, das Schlimmste der Krise sei überstanden. Leider ist das Gegenteil der Fall: Aufgrund einer dahin dümpelnden Wirtschaft in vielen Staaten und Sektoren der Eurozone sowie der konkreten Gefahr einer aufkommenden Deflation senkt die Zentralbank nach fünf Jahren Niedrigzinspolitik den Leitzinssatz erneut. Das zeigt: Die nationale Brille, die viele in Deutschland bei der Betrachtung der Krise in Europa noch immer aufhaben, ist fatal. Sie verhindert, dass strukturelle Schritte hin zu einer Lösung der Krise gegangen werden und verlagert das Problem weiter auf die EZB, der nichts anderes übrig bleibt, als den Leitzins auf nahe Null zu senken. Diese Haltung ist auch für Deutschland gefährlich: Denn die Gefahr von Blasen etwa im Immobiliensektor wird dadurch nicht kleiner. Und wer weiterhin von einer Inflationsgefahr spricht und deshalb die EZB kritisiert, hat angesichts einer Inflationsrate im Euro-Raum von zuletzt gerade einmal 0,7% offenbar trotz der Erfahrungen der letzten Jahre nichts verstanden.

MARCEL FRATZSCHER, PRÄSIDENT DIW-INSTITUT BERLIN:

Ich hatte erwartet, dass die Zinssenkung erst im Dezember kommen würde. Ich würde allerdings nicht zuviel von dieser Entscheidung erwarten, insbesondere was die Finanzierungsbedingungen für die Unternehmen betrifft. Es ist eher ein symbolisches Signal an Märkte, dass die EZB gewillt ist und auch die Instrumente hat, mit der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung und dem stark gesunkenen Inflationsdruck umzugehen. Die Zinssenkung ist in gewisser Hinsicht auch eine schlechte Nachricht: Es ist das Eingeständnis, dass sich die Wirtschaft schwächer entwickelt hat als erhofft.

Hinzu kommt, dass die Inflationsentwicklung deutlich unter das angestrebte Niveau gefallen ist. Der sehr niedrige Inflationsdruck ist kurzfristig kein Problem und für die Krisenländer im wirtschaftlichen Anpassungsprozess nicht schädlich. Ein Problem würde entstehen, wenn sich die Inflationserwartungen aus ihrer Verankerung lösen sollten. Dafür gibt es derzeit keine Anzeichen.

MICHAEL KEMMER, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER DES BANKENVERBANDS:

Angesichts des schon seit Längerem sehr niedrigen Zinsniveaus werden die konjunkturellen Effekte der heutigen Zinssenkung der EZB allenfalls sehr gering ausfallen. Mittel- bis längerfristig nehmen die Risiken der Niedrigzinspolitik weiter zu – insbesondere die Gefahr von falschen Risikoeinschätzungen, verzerrten Investitionsentscheidungen und Vermögenspreisblasen.

Zudem ist es richtig, dass die EZB ihren Einlagezins unverändert bei Null gelassen hat. Mit einem negativen Einlagezins – also einer Gebühr für das Halten von Liquidität bei der EZB – hätte sich die Notenbank auf ein sehr schwieriges und ungewisses Terrain begeben.

CARSTEN KLUDE, AKTIENSTRATEGE MM WARBURG:

Für die Aktienmärkte haben wir weiter die beste aller Welten: Wir bekommen noch mehr Liquidität, für die Konjunktur gibt es noch mehr Rückenwind.

Wir haben nicht damit gerechnet. Aber das Argument eines zunehmenden Deflations-Risikos ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Frage ist, was die Zinssenkung jetzt bringt. Bestimmt ist es ganz gut für die Peripherie-Anleihen, und auch die Banken sollten davon profitieren.

EUGEN KELLER, METZLER BANK:

Die Zinsentscheidung der EZB kam schon überraschend. Viele haben doch eher damit gerechnet, dass die Zentralbanker – wenn überhaupt – die Märkte erst einmal auf eine Senkung vorbereiten. Doch der Schritt zeigt, dass die Not offenbar groß ist. Die EZB will nicht warten, bis die Preise weiter fallen.

THOMAS GITZEL, CHEFVOLKSWIRT VP BANK:

Die EZB ist für Überraschungen gut. Die Währungshüter kürzen den Leitzins um 25 Basispunkte auf 0,25 Prozent. Die zuletzt deutlich gefallen Teuerungsrate auf 0,7 Prozent hat wohl die Währungshüter in Frankfurt aufhorchen lassen. Doch auch die stark fallende Überschussliquidität im Eurosystem wird von den Währungshütern mit Argusaugen beobachtet. Darüber hinaus kommt auch noch eine anhaltend schwache Kreditvergabe in den schuldengeplagten Ländern der Euro-Zone hinzu. Ob allerdings eine Leitzinssenkung das adäquate Mittel ist, um Abhilfe zu schaffen, darf bezweifelt werden. Umso mehr stellt sich die Frage, ob die EZB in den kommenden Monaten noch mit weiteren Maßnahmen nachlegen wird.

HOLGER SCHMIEDING, BERENBERG BANK:

Es ist eine leicht überraschende Entscheidung. Vor allem überrascht der Zeitpunkt. Es zeigt, dass die EZB die Gefahr einer möglichen Deflation sehr ernst nimmt. Das Signal ist an die Währungsmärkte gerichtet: Die EZB ist nicht an einem noch stärkeren Euro interessiert. Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden jedoch sehr begrenzt bleiben, die Zinsen sind ohnehin niedrig.

Wahrscheinlich wird die EZB jetzt sagen, dass sie ihr Pulver noch nicht verschossen hat. Es wäre sinnvoll, dem Markt die Hoffnung zu lassen, dass sie nachlegen könnte, wenn es sein müsste. Wir rechnen aber nicht damit, dass das nötig sein wird.

THOMAS AMEND, HSBC TRINKAUS:

Vom Zeitpunkt her war das schon überraschend, wenn auch die EZB diesen Schritt als Option bereits kommuniziert hatte. Auslöser könnten die Inflationszahlen sein, die doch deutlich von dem entfernt sind, was die EZB anstrebt. Der realwirtschaftliche Effekt kann in Frage gestellt werden, aber die Entscheidung hat einen starken psychologischen Effekt.

ALEXANDER SCHUMANN, CHEFVOLKSWIRT DIHK:

Die Gefahr einer Deflation besteht nicht. Der gebremste Preisanstieg in der Euro-Zone gibt keinen Anlass zu einer weiteren Lockerung der Zinsschraube: Die niedrige Inflation wird stark durch Einmaleffekte in den Krisenstaaten und durch den aktuellen Rückgang bei den Mineralölpreisen geprägt. Was die Eurozone braucht, ist eine konsequente Fortsetzung der Strukturreformen. Die bereits getroffenen Maßnahmen zeigen langsam Wirkung.

Probleme mit immer mehr Zentralbankgeld zuzudecken, erhöht nur das Risiko, dass der Reformeifer erlahmt. Hinzu kommt die Gefahr von Blasen. Schon jetzt leidet die breite Akzeptanz bei Sparern und Anlegern für den EZB-Kurs. Während geldpolitische Akutmaßnahmen auf dem Höhepunkt der Krise sinnvoll waren, hat dieses Instrument jetzt seine Grenze erreicht.

JÖRG KRÄMER, CHEFVOLKSWIRT COMMERZBANK:

Es ist nicht überraschend, dass die EZB handelt – sondern dass sie schon heute gehandelt hat. Sie hat nicht auf die Veröffentlichung der Inflations- und Konjunkturprognosen ihrer Ökonomen gewartet. Das bestätigt, wie ausgeprägt die Neigung im EZB-Rat ist, die Zinsen zu senken.

Für die Realwirtschaft macht das keinen Unterschied. Aber: Die EZB zementiert mit ihrem Schritt zusätzlich die Erwartungen, dass die Zinsen langfristig nahe Null liegen werden. Damit zementiert sie die Jagd nach Rendite. Davon profitieren die Anleihen der Krisenländer, die jetzt gesucht werden dürften.

Für Deutschland sind die Zinsen viel zu niedrig. Gerechtfertigt wäre ein Niveau von 3,0 bis 3,25 Prozent. Investitionen und Häuserpreise werden weiter steigen. Das Risiko einer Immobilienpreisblase sehe ich aber kurzfristig nicht.

JÖRG ZEUNER, CHEFVOLKSWIRT KFW:

Ich begrüße die heutige Zinssenkung der EZB. Dies ist die richtige Reaktion auf die zu niedrige Inflation im Euroraum. Mittlerweile ist die Inflationsrate weit von der EZB-Zielmarke entfernt. Ein schwaches oder gar stagnierendes Nominalwachstum erhöht die Konsolidierungslast in den Peripherieländern und erschwert die Schuldentragfähigkeit zusätzlich. Auch mit Blick auf den Wechselkurs und die immer noch fragile Konjunkturlage im Euroraum ist eine weitere geldpolitische Stimulierung angemessen.

ALEXANDER KRÜGER, CHEFVOLKSWIRT BANKHAUS LAMPE:

Das ist eine Überraschung. Das war nicht unbedingt aus Kommentaren der EZB-Mitglieder herauszulesen.

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