Kampf ums Überleben stürzt die Philippinen in die Anarchie

Fünf Tage nach dem verheerenden Taifun "Haiyan" mit mehr als 2000 Toten versinken die Philippinen immer tiefer im Chaos. In einigen Katastrophengebieten der Insel Leyte herrschten am Mittwoch fast anarchische Zustände: In dem Dorf Abucay unweit der fast völlig zerstörten Stadt Tacloban lieferten sich Sicherheitskräfte Feuergefechte mit bewaffneten Zivilisten, wie der Lokalsender ANC berichtete. Menschen plünderten Geschäfte und Lagerhäuser auf der Suche nach Lebensmitteln und Trinkwasser. Lebensnotwendige Vorräte gingen zur Neige und die internationale Hilfe ließ vielerorts weiter auf sich warten.

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In Tacloban buddelten Überlebende der Sturm-Katastrophe Wasserleitungen aus und bohrten sie an, nur um endlich etwas zu trinken zu haben. „Wir wissen nicht, ob es sicher ist. Wir müssen es abkochen. Aber wenigstens haben wir etwas“, sagte der 38-jährige Christopher Dorano.

In Alangalang im Norden von Leyte wurden acht Menschen unter der einstürzenden Wand eines staatlichen Reisspeichers begraben. Plünderern gelang es nach Angaben der Behörden, 33.000 Säcke Reis zu je 50 Kilogramm wegzukarren.

Auch von anderen Teilen der Insel gab es Berichte über Plünderungen. Lagerhäuser des Lebensmittelkonzerns Universal Robina und der Pharmafirma United Laboratories seien ebenso ausgeräumt worden wie eine Reisfabrik, sagte der Leiter der örtlichen Handelskammer. Das Fernsehen zeigte Aufnahmen von Soldaten, die in Tacloban in die Luft schossen, um Plünderer zu vertreiben.

Lagerhäuser stünden mittlerweile leer, deswegen gingen die Menschen jetzt auf einzelne Häuser los, sagte Taclobans Stadtverwalter Tecson John Lim der Nachrichtenagentur Reuters. Doch er äußerte auch Verständnis: „Das Plündern ist kein Verbrechen. Es geht um Selbsterhaltung.“

Die Bewohnerin Rachel Garduce sagte, in ihrem verwüsteten Viertel würden gerade einmal drei Kilo Reis und ein Liter Wasser verteilt – pro Tag und pro Haushalt. Das reiche nicht. Ihre Tante aus der Hauptstadt Manila 580 Kilometer im Norden sei unterwegs mit Vorräten. „Wir hoffen, dass sie nicht überfallen wird.“

Haiyan war am Freitag mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 380 Kilometern pro Stunde über die Philippinen gepeitscht. Der Sturm gilt als der schwerste Taifun, der jemals auf Land traf (mehr hier).

Das Ausmaß der Katastrophe ist immer noch nicht klar, da viele Gebiete nach wie vor von der Außenwelt abgeschnitten sind. Präsident Benigno Aquino schraubte die jüngsten Totenzahlen drastisch herunter. Lange hatte es geheißen, dass mehr als 10.000 Menschen umgekommen sein könnten. Derzeit gehe die Regierung eher von 2.000 bis 2.500 Opfern aus. Offiziell war am Mittwoch von 2.275 Toten und noch 84 Vermissten die Rede.

Doch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen bezweifelten, dass es dabei bleibt. „Wahrscheinlich werden die Zahlen höher ausfallen“, sagte die Generalsekretärin des philippinischen Roten Kreuzes, Gewndolyn Pang. Die Organisation geht vorläufig von 22.000 Vermissten aus, wobei einige davon womöglich inzwischen ausfindig gemacht wurden. Mehr als 670.000 Menschen mussten nach UN-Angaben wegen des Sturms ihre Behausung aufgeben.

Die internationale Hilfe lief langsam an. Zahlreiche Staaten beteiligten sich, darunter auch Deutschland. Im Laufe der Woche wurde ein Flugzeugträger der USA, einem der engsten Verbündeten der Philippinen, in der Region erwartet. Doch zerstörte Straßen, Brücken und Landeplätze sowie widrige Wetterumstände machten es den Helfern schwer, in die Katastrophengebiete vorzudringen.

Auch die Krankenhäuser schienen völlig überfordert. Auf einer Bank in einer Klinik in Tacloban saß eine Frau mit einem toten Baby im Arm, eingewickelt in eine schwarze Jacke. Das Kind sei vor Haiyan krank geworden. Doch nach dem Sturm habe es keine Medizin gegeben. Ihr fünfmonatiges Kind habe Krämpfe bekommen und sei gestorben. Dem Fernsehsender ABS-CBN sagte sie: „Niemand hilft uns.“

Noch spärlicher fiel die Unterstützung auf Leytes Nachbarinsel Cebu aus. Hier passten die gesamten Hilfsgüter für 70.000 Bedürftige auf die Ladefläche eines einzigen Kleinlasters: Eine halbe Palette Wasserflaschen und fünf Kartons Lebensmittel mit dem Logo einer privaten Wohltätigkeitsorganisation. Bürgermeister Celestio Martinez Jr. sagte resigniert: „Irgendwie wurden wir übersehen.“

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