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Hochtief: Das Ende einer deutschen Industrie-Legende

Dem deutschen Bau-Konzern Hochtief droht der Sturz ins Bodenlose. Tausende Entlassungen stehen bevor. Die Spanier mussten die Hochtief-Aktien an eine spanische Bank verpfänden - um sich mit weiteren Schulden über Wasser zu halten. Dass Hochtief in dieser Situation ist, verdankt der Konzern einem seltsamen SPD-Netzwerk. Die Seilschaft habe sie verraten und den Spaniern ans Messer geliefert, sagen die Arbeiter in Essen. Doch die Genossen mit dem Instinkt für die großen Deals streben nun anderswo ganz nach oben.

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Der SWR zeigte im Januar 2011 einen kurzen Stimmungsbericht aus dem Essener Bauunternehmen Hochtief. Das Unternehmen war zwei Monate zuvor in einer feindlichen Übernahme an die spanische ACS gefallen.

Der Betriebsrat war durch den damaligen IG Bau-Chef Klaus Wiesehügel ausgetrickst worden: Gemeinsam mit ehemaligen Kanzleramts-Staatssekretär und nunmehrigen Lobbyisten Hans Martin Bury reiste der IG Bau-Chef nach Madrid und verhandelte mit den Spaniern, dass für alle Mitbestimmungsthemen nicht mehr der Betriebsrat, sondern direkt die IG-Metall zuständig sein werde. Wiesehügel konnte den Vertrag als Erfolg verkaufen: Entlassungen wurden ausgeschlossen – bis ins Jahr 2013. Wiesehügel, damals auch Aufsichtsrat von Hochtief, brüstete sich damit, dass „die Übernahme nicht auf dem Rücken der Hochtief-Beschäftigten ausgetragen wird“.

Nun schreiben wir 2013.

Der neue Chef der Spanier Marcelino Fernández Verdes zieht im Konzern einen brutalen Sparkurs durch. Das „Projekt Mercure“ sieht eine radikale Schrumpfkur vor. Am Mittwoch kündigte Fernández Stellenstreichungen in Europa an. Zu diesem Zweck wurde mit der IG Bau ein Tarifvertrag unterzeichnet. Wie viele Mitarbeiter gehen müssen, ist noch unklar. Betriebsbedingte Kündigungen können erst 2014 ausgesprochen werden. Beobachter erwarten mindestens 1.000 Stellenstreichungen, die vor allem Deutschland betreffen werden.

Fernández kämpft gegen die Zeit: Denn es steht schlecht um ACS. Der Baukonzern verbuchte nach Angaben vom Donnerstag in den ersten neuen Monaten des Jahres einen Umsatzrückgang von 1,5 Prozent auf 28 Milliarden Euro, während der bereinigte Gewinn um gut vier Prozent auf 2,2 Milliarden Euro schmolz. Die Spanier hoffen, dass ihnen die wertvollen Teile von Hochtief Geld in die Kassen spülen. Es gibt keine Strategie mehr für Hochtief – der Essener Konzern ist zum Sparschwein für die Spanier geworden, das geschlachtet werden muss.

ACS steckt in einer schweren Krise: das Unternehmen hat sich seit Jahren übernommen, hat alles gekauft, was ihm zwischen die Finger kam – und immer mit Schulden. ACS soll seine Bilanzen gefälscht haben, weshalb die Bafin die Übernahme zunächst nicht genehmigen sollte. Im Sommer berichtete El Pais, dass ACS auch in den Korruptions-Skandal der Konservativen verwickelt ist. Im August musste ACS die Hochtief-Aktien an die BBVA-Bank verpfänden, um an neue Kredite zu kommen.

Wenn ACS nicht auf die Beine kommt, dann kann die Bank die Anteile an Hochtief verkaufen. Wahrscheinlichstes Szenario dann: Die Aktien fallen in die Hände von Finanz-Investoren, die den Konzern so schnell als möglich zerschlagen werden.

Das will ACS natürlich verhindern, um selbst noch möglichst viel von den Verkaufserlösen einsacken zu können.

Die Spanier haben bereits zahlreiche Tochter-Unternehmen abgestoßen. Hochtief ist bald nur noch eine Hülle. Ein ehemaliger Hochtief-Manager sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten: „ACS ist es von Anfang an nur um die Zerschlagung gegangen. Die Spanier interessieren sich nur für die Auslandstöchter des Konzerns. Der Standort Deutschland ist für sie unbedeutend. Sie haben die Übernahme benutzt, um sich als hoch verschuldetes Unternehmen eine gesunde, profitable Firma zu schnappen – und sich auf diese Weise zu sanieren. Die haben Hochtief gebraucht, um die eigene, marode Bilanz aufzubessern.“

Das bestätigt auch ein auf Übernahmen spezialisierter Jurist im SWR.

Die besten Facharbeiter verlassen das Unternehmen in Scharen, wie man sogar in der Mitarbeiter-Zeitung ganz unverhohlen lesen kann. Wer kann, sucht sich einen neuen Job. Die Arbeiter sind gefragt, weil sie gut sind.

Doch der schwierige Bau-Markt hat nicht für alle eine zweite Chance parat.

Die Arbeiter in Essen fühlen sich verraten. Viele sind immer noch verbittert: Man habe sie damals eiskalt ausgespielt, führende Genossen hätten sie ins Messer laufen lassen, klagen sie hinter vorgehaltener Hand.

Ihre Wut gilt nicht nur dem IG Bau-Chef Wiesehügel, der den Betriebsrat düpiert und ins Abseits gestellt hatte.

Sie rätseln über die Rolle einer SPD-Seilschaft, die bei der Übernahme von Hochtief durch die Spanier eine undurchsichtige Rolle gespielt haben.

In Diensten von ACS war der vormalige Staatsminister im Bundeskanzleramt unter Gerhard Schröder, Hans Martin Bury. Bury hatte seien Karriere bei der Volksbank Ludwigsburg begonnen und landete nach seiner Zeit als SPD-Politiker als Managing Director bei Lehman Brothers.

Lobbypedia schreibt:

„2005 stieg Bury als Managing Director bei dem deutschen Tochterunternehmen vom Investmenthaus Lehman Brothers ein. Dort kümmerte er sich u. a. um die Geschäfte mit der öffentlichen Hand. Nach dem Fiasko in der Finanzwirtschaft, das auch Lehman Brothers den Ruin bescherte, war es ausgerechnet Bury, der von der SPD zur Arbeitsgruppe ,Mehr Transparenz und Stabilität auf den Finanzmärkten“ hinzugezogen wurde. Das 27-köpfige Gremium unter dem Vorsitz von Peer Steinbrück wurde mit der Aufgabe betraut, ein Banken-Rettungspaket zu erarbeiten. Der entworfene 14-Punkte-Plan enthielt u. a. die Zielvorgabe einer strengeren Reglementierung riskanter Finanzprodukte und einer besseren Bankenkontrolle.“

Nach der Lehman-Pleite ging Bury kurzzeitig zur Investmentbank Nomura. Ein im Landkreis Ludwigsburg angestengtes Parteiausschluss-Verfahren überstand Bury unbeschadet. Der altgediente SPD-Funktionär Eberhard Kleinmann beschuldigte Bury, Genossen mit Lehman-Zertifikaten geschädigt zu haben. Der SPD-Vorstand des Ortsvereins Bietigheim-Bissingen lehnte den Ausschluss ab und erklärte: „Der Ortsverein ist froh, das langjährige Mitglied des Bundestags…unter seinen Mitgliedern zu haben.“

Bury heuerte 2009 beim Berliner Lobby-Unternehmen Hering Schuppener an. Diese Firma war von den Spaniern beauftragt, für die Kontakte zu Politik und Regulatoren in Deutschland zu sorgen – um die Hochtief-Übernahme auch gegen den Widerstand der Arbeiter in Deutschland durchzuziehen. Wiesehügel sagte im SWR, dass die Übernahme ohne Bury für die Spanier schwer geworden wäre. Er habe das Vertrauen der Spanier hergestellt.

Bury konnte mit seinen Kontakten offenbar helfen. Das Handelsblatt berichtete:

„Offiziell hält man sich bei Hering Schuppener mit Details über die Rolle Burys bei dem Deal zurück. Aber in Berlin ist es ein offenes Geheimnis, dass der frühere SPD-Politiker wieder einmal seine Drähte zu den Gewerkschaften glühen ließ, als der Betriebsrat von Hochtief noch eisern gegen die Übernahmepläne der Spanier opponierte. Zu diesem Zeitpunkt schloss IG-Bau-Chef Klaus Wiesehügel einen smarten Deal mit ACS, der ihm und der Gewerkschaft einen Sitz im Aufsichtsrat des künftigen Unternehmens sowie den Erhalt aller Rechte garantierte. Der Betriebsrat schäumte. Die Abwicklung im Hintergrund trägt Burys Handschrift, ebenso die diskrete Werbung für das spanische Angebot bei der anfangs skeptischen BaFin und dem Bundesfinanzministerium.“

Doch solche eine umstrittene Übernahme braucht mehrere Helfer. Die Beratungsgesellschaft Hering Schuppener ist ein großes, hochprofessionelles Unternehmen. Hier arbeiten nur Leute, die über exzellente Kontakt verfügen.

Im dem Unternehmen, das ACS in Deutschland den Zugriff auf Hochtief politisch ermöglichte, wirkte Henriette Peucker als Leiterin des Berliner Büros. Peucker war von der Deutschen Börse gekommen. Davor war sie Investment-Bankerin bei Schroders und der Citigroup in London tätig. Ihren Job bei der Frankfurter Börse hatte sie aufgegeben, weil die Öffentlichkeit ihrem damaligen Lebensgefährten Befangenheit unterstellte.

Der Politiker, um den es geht und der heute ihr Ehemann ist, heißt Jörg Asmussen.

Jörg Asmussen war zum Zeitpunkt der Hochtief-Übernahme durch die Spanier Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. In dieser Funktion war er zuständig für die Börsenaufsicht Bafin.

Die Bafin musste die Übernahme von Hochtief genehmigen.

Was Beobachter im November 2010 stutzig machte: Die Bafin schien dazu zu tendieren, die Übernahme abzulehnen. An einem Freitag schlug eine Vorabmeldung des Spiegel, die die dpa verbreitete, wie eine Bombe ein. Darin hieß es:

„Die Übernahme des größten deutschen Baukonzerns Hochtief den spanischen Großaktionär und Konkurrenten ACS steht nach Spiegel Informationen auf der Kippe. Wie das Nachrichtenmagazin berichtet, hat die deutsche Finanzaufsicht Bafin schwerwiegende Bedenken. Daher wolle die Behörde das ACS-Angebot für Hochtief offenbar ablehnen.

Nach Spiegel-Angaben stört sich die Bafin an den Risiken bei der Finanzierung der Übernahme durch ACS. So sei der Konzern in Spanien wegen Bilanzfälschung verklagt worden. Probleme mache auch eine Klage spanischer Kleinaktionäre, die eine Kapitalerhöhung bei ACS für ungültig erklären lassen wollen. Dazu erklärte die ACS-Sprecherin, dass die Kapitalerhöhung mit 99,5 Prozent der Stimmen beschlossen worden sei.“

In Essen kam erstmals leise Hoffnung auf: Die Hochtief-Mitarbeiter hatten sich von der Politik in der Übernahme-Schlacht im Stich gelassen gefühlt. Während Gewerkschafts-Boss Wiesehügel in Madrid verhandelte, demonstrierten die Arbeiter in Berlin.

Sollte sich das Blatt zu ihren Gunsten wenden? Sollte das schuldenfreie Unternehmen dem Schicksal entkommen, von einem extrem verschuldeten, in Rechtsstreitigkeiten verwickelten Mitbewerber geschluckt zu werden?

Die Hoffnung währte nur bis Montag.

Am Montag gab die Bafin nach mehreren Verschiebungen schließlich bekannt: ACS kann Hochtief übernehmen.

Der Spiegel berichtete:

„Die BaFin erklärte, sie habe von ACS erhebliche Nachbesserungen des Übernahmeantrags verlangt. Das Angebot sei entsprechend korrigiert und am Montag präsentiert worden. Alle Forderungen seien damit erfüllt.“

Niemand weiß, was an dem Wochenende vorgefallen ist. Welche Informationen hatte der Bafin-Aufseher Asmussen? Was wusste ACS von den möglichen Bedenken der Bafin? Hat jemand den Spaniern gesteckt, was sie noch vorbringen müssen, um eine Abfuhr zu verhindern? Wie war es möglich, die teilweise schwerwiegenden Bedenken der Bafin übers Wochenende auszuräumen? Welche Rolle spielten die Lobbyisten in dieser kritischen Phase? Gab es Kontakte zwischen Hering Schuppener und Asmussen? Gab es eine politische Einwirkung auf die Bafin, die half, mögliche Bedenken zu zerstreuen?

Ein ehemalige Hochtief-Manager fragt: „Ist es eigentlich mit Grundsätzen der Corporate Governance vereinbar, dass die Ehefrau des oberstes Aufsehers die Lobbyarbeit für genau jene Übernahme macht, die der Aufseher genehmigen muss?“

All diese Fragen sind heute hinfällig. Die Ankündigungen des ACS-Chefs Fernández lassen darauf schließen, dass das Ende von Hochtief als stolzem, eigenständigen deutschen Unternehmen von Anfang an geplant war.

Der Hochtief-Kenner Harald Schumacher schildert in der WirtschaftsWoche, wohin die Reise für Hochtief gehen dürfte:

„Lampe-Analyst Gabriel empfiehlt trotzdem, die Papiere jetzt abzustoßen: ,Was bleibt am Ende übrig von Hochtief? Ein immer noch riskantes Europa-Baugeschäft.‘

In zwei bis drei Jahren, prophezeit Gabriel, ,ist dann die Zentrale in Essen fällig, und ACS wirft sie als Ballast ab‘. Auch Hochtief-Insider glauben nun die langfristige ACS-Strategie zu erkennen, nach der seit der feindlichen Übernahme im Mai 2011 vergebens gefragt wird. Laut einem plausiblen Flurfunk-Szenario passt Fernández in der jetzigen ersten Phase die Hochtief-Strukturen an die der ACS-Bautochter Dragados an. Die hat Fernández drei Jahre geleitet.

Wegen des Schrumpfkurses wird bald, so glauben besorgte Hochtiefler, in Europa die Schlagkraft für große Projekte fehlen. Dann erscheint es logisch, Hochtief mit Dragados zu vereinen. Fernández könnte die Spanier kaufen – zum Beispiel mit Erlösen aus Bereichsverkäufen, durch Aktientausch oder über Kredite, die Hochtief selbst aufnimmt. Der Preis müsste dann nur hoch genug sein, um die Kasse der hoch verschuldeten ACS zu füllen.“

Die Geschichte von Hochtief zeigt, dass Unternehmen im globalen Schulden-Kasino oftmals nur einen Sinn haben: Gute Unternehmen werden zum Spielball eines Geflechts von Politikern, Funktionären, Lobbyisten, Managern und Banken. Sie können sich nicht einmal dadurch retten, indem sie gut wirtschaften, im Gegenteil: Je erfolgreicher, desto interessanter werden sie für die Haie, die keine Werte für die Gesellschaft schaffen.

Diese Haie und ihre willigen Helfer jonglieren so lange, bis ihre Taschen gefüllt sind.

Die Arbeiter, die für Hochtief rund um die Uhr arbeiten, sind Statisten.

In einem Spiel, bei dem das Geld im ewigen Kreislauf gehalten wird und sich dabei immer weiter von jenen entfernt, die es durch ihre harte Arbeit eigentlich verdient hätten.

Dass Leistungsträger aus der SPD bei dieser Umverteilung im Fall Hochtief offenbar eine entscheidende Rolle gespielt haben, muss für die Arbeiter in Essen eine sehr bittere Pille sein.

Klaus Wiesehügel, den Peer Steinbrück in sein Schattenkabinett berufen hat, hofft unterdessen immer noch, in der Großen Koalition Arbeitsminister zu werden. Man habe ihm das versprochen, sagte der IG Bau-Chef und Spanien-Versteher vor einigen Wochen, und es gäbe noch keine gegenteiligen Aussagen von der Parteispitze.

Dennoch stehen seine Chancen auf eine Karriere ganz oben an der Spitze der Arbeiterbewegung schlecht.

Nicht, weil ihm die Genossen seine Rolle bei der Hochtief-Übernahme vorwerfen.

Es geht um knallharte Machtfragen.

Sigmar Gabriel möchte den Posten selbst übernehmen.

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Kampf in der Auto-Industrie: Deutschland gegen Italien
Kampf in der Auto-Industrie: Deutschland gegen Italien
Zwischen Deutschland und Italien zeichnet sich in Industrie-Konflikt ab. Es geht im Kern um die Automobilstandorte in Europa. Deutschland versucht, VW zu schützen - die Italiener dürften sich für Fiat in die Bresche werfen.
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Bundeskanzlerin Merkel und Italiens Matteo Renzi, bei der Parade in Rom. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Merkel und Italiens Matteo Renzi, bei der Parade in Rom. (Foto: dpa)

Zwischen Deutschland und Italien zeichnet sich ein Konflikt um die Standorte der Automobilindustrie ab. Die FT berichtet, dass sich der italienische Fiat-Konzern in den deutschen Ermittlungen zu angeblich abweichenden Abgaswerten noch unkooperativ zeigt. Der Konzern teilt am Montag mit, dass sich das Unternehmen an alle EU-Regeln halte und dass die italienischen Regulatoren zuständig seien und nicht die deutschen.

Fiat-Chrysler hat allerdings allen Grund zur Nervosität: Mit minus 5,11 Prozent zeigten sich die Papiere von Fiat Chrysler an der New Yorker Börse NYSE am Montag sehr schwach.

Im Streit um die Abgaswerte bei Fiat hat das deutsche Bundesverkehrsministerium am Montag die italienischen Behörden für weitere Konsequenzen eingeschaltet. Konkret geht es um den Verdacht, dass die Abgasreinigung bei einigen Fiat-Modellen nach einer bestimmten Zeit heruntergeregelt wird.

Die FT berichtet, dass Deutschland Italien drohe, den Verkauf der Fiat-Chrysler Modelle in Deutschland zu untersagen, wenn die Abgaswerte tatsächlich nicht den EU-Normen entsprechen.

Nach Bekanntwerden möglicher Unregelmäßigkeiten bei der Abgasreinigung von Fiat-Modellen hatte das Bundesverkehrsministerium den italienischen Behörden Messergebnisse zu Fiat-Fahrzeugen übermittelt. „Die italienischen Typzulassungsbehörden sind aufgefordert, die Ergebnisse zu bewerten und Maßnahmen zu ergreifen“, erklärte ein Ministeriumssprecher am Sonntag in Berlin laut AFP. Fiat hatte eine Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden vergangene Woche abgelehnt und sich auf eine alleinige Zuständigkeit der nationalen Kontrolleure berufen.

Hintergrund sind Tests bei Dieselfahrzeugen in- und ausländischer Hersteller, die das Bundesverkehrsministerium nach Bekanntwerden der Abgas-Affäre bei Volkswagen angeordnet hatte. Dabei waren auch bei Fiat Unregelmäßigkeiten bei der Abgasbehandlung festgestellt worden.

Laut Bild-Zeitung soll Fiat Chrysler bei Abgastests mit einer illegalen Software betrogen haben. Mehrere Prüfungen durch das Kraftfahrt-Bundesamt bestätigten demnach den Verdacht, dass in den Fahrzeugen die Abgasreinigung jeweils nach 22 Minuten vollständig abschalte.

Hintergrund ist das Eingeständnis des Bundesverkehrsministeriums, wonach bei Abgasmessungen 30 von 53 untersuchten Automodellen auffällig hohe CO2-Werte aufwiesen. Eine Veröffentlichung der Ergebnisse lehnt das Ministerium jedoch bisher unter Hinweis auf noch laufende weitere Untersuchungen ab.

Der Konflikt illustriert die zunehmenden Spannungen in der europäischen Automobilindustrie. Es geht um die Verteidigung von Marktanteilen in einem sich rasch wandelnden technologischen Umfeld. In guten Zeiten waren die Risse noch nicht sichtbar geworden: Doch seit Jahren beschweren sich die italienischen Auto-Hersteller über das heftige Lobbying der Deutschen bei der EU. Daher hatten Italiener und Franzosen die Enthüllungen der VW-Affäre mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis genommen.

Deutschland könnte nun mit dem Angriff auf Italien versuchen, aus der Defensive zu kommen und den Schaden aus der VW-Affäre zu begrenzen.

Konflikt mit Merkel: SPD will bei Glyphosat nicht einknicken
Konflikt mit Merkel: SPD will bei Glyphosat nicht einknicken
Wenn es nach der SPD geht, wird es keine Verlängerung für das Pestizid Glyphosat in der EU geben. Bundeskanzlerin Merkel ist für die Zulassung – und muss nun in der Koalition möglicherweise ein Machtwort sprechen.
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SPD-Mitglieder Sigmar Gabriel und Barbara Hendricks vollen bei Glyphosat, dem Pestizif von Monsanto, nicht nachgeben. (Foto: dpa)

Sigmar Gabriel und Barbara Hendricks. (Foto: dpa)

Die SPD geführten Bundesminister bleiben bei ihrem Nein zu einer Zulassungsverlängerung für das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Zunächst müsse grundsätzlich geklärt sein, ob die Chemikalie krebserregend sei oder nicht, sagte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Dienstag in Berlin. Sie wundere sich, warum Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) noch nicht Stellung bezogen habe zu der Frage, ob Glyphosat gesundheitsgefährdend sei oder nicht, sagte die Ministerin.

Die EU-Kommission hatte die Mitgliedstaaten aufgefordert, bis Dienstag ihre Haltung zur Wiederzulassung mitzuteilen. Deutschland wird sich bei der Abstimmung über die Glyphosat-Genehmigung enthalten, wenn es in der Frage keine Einigkeit zwischen den Ministerien gibt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Agrarminister Christian Schmidt (CSU) haben sich für die Wiederzulassung ausgesprochen. Bei einer Enthaltung Deutschlands ist eine Mehrheit für die Wiederzulassung in der EU unsicher.

Rückschlag: USA können bei niedrigen Gas-Preisen nicht mit Russland mithalten
Rückschlag: USA können bei niedrigen Gas-Preisen nicht mit Russland mithalten
Die US-Strategie, Russland aus dem europäischen Energiemarkt zu verdrängen, ist bisher offenbar nicht von Erfolg gekrönt. Die niedrigen Preise machen den Weltmarkt für die Amerikaner unattraktiv. Sie produzieren zu teuer – und können daher mit den Preisen der Russen nicht…
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Vize-Präsident Joe Biden mit Präsident Barack Obama. (Foto: dpa)

Vize-Präsident Joe Biden mit Präsident Barack Obama. (Foto: dpa)

Die Gaspreise befinden sich in einem langfristigen Abwärtstrend. (Grafik: ariva.de)

Die Preise für Gas befinden sich in einem langfristigen Abwärtstrend. (Grafik: ariva.de)

Amerikanische Gasproduzenten versuchen, etablierten Anbietern wie Russland, Katar und Australien weltweit Marktanteile streitig zu machen. Möglich wurde dies durch die Fördermethode Fracking, bei der das Erdgas mithilfe einer Chemikalienmischung aus der Erde gelöst wird. Dem Vorstoß liegen auch geopolitische Ziele der USA zu Grunde: So soll die Abhängigkeit Europas von russischem Gas reduziert werden, um den politischen Einfluss Moskaus zurückzudrängen.

Dem amerikanischen Expansionswunsch sind jedoch hohe Hürden gesetzt und nennenswerte Erfolge blieben bislang aus, wie die Nachrichtenplattform oilprice.com schreibt. Zwar hat die EU-Kommission unlängst ihren Willen bekräftigt, verflüssigtes Gas aus den USA importieren zu wollen und erste Schiffsladungen sind inzwischen auch in Europa eingetroffen, eine breit angelegte Export-Offensive dürfte jedoch an den aktuellen Marktbedingungen scheitern.

Ebenso wie auf dem Ölmarkt herrscht auch bei Gas ein hohes Überangebot und die Preise sind dementsprechend niedrig. Auf Sicht eines Jahres sind sie um rund 30 Prozent gesunken, in den vergangenen fünf Jahren sogar um rund 50 Prozent. Entsprechend schwer fällt es der im internationalen Vergleich relativ kostenintensiven Fracking-Industrie, Vorstöße zu machen, die nicht sofort durch Preissenkungen der etablierten Konkurrenten gekontert werden könnten.

Erschwerend kommt hinzu, dass die US-Produzenten ihr Gas zuerst verflüssigen müssen, um es dann per Schiff an seinen Zielort zu bringen – was den Kostennachteil noch vergrößert. Der russische Gazprom-Konzern hingegen kann das Gas direkt durch Pipelines an seinen Bestimmungsort in Europa oder Asien leiten.

In den USA entsteht gegenwärtig eine Infrastruktur für die Verflüssigung und Verschiffung von Gas. Hoffnungen, dass diese Investitionen durch steigende Gaspreise gerechtfertigt werden, haben sich bisher nicht erfüllt – obwohl in den vergangenen drei Monaten analog zum Erdöl eine leichte Erholung einsetzte. Die Barclays Bank geht in einer Analyse von einem dauerhaften Überangebot in Europa und entsprechend tiefen Preisen aus. „Wenn die europäischen Gaspreise noch weiter fallen wird es für US-Gas unmöglich sein, mit den gegenwärtigen Anbietern zu konkurrieren, welche ein gut ausgebautes Pipeline-System nutzen, um Gas günstiger als per Schiff nach Europa zu bringen“, schreibt oilprice.com.

Erdogan lässt Merkel abblitzen: Kein Nachgeben im Krieg gegen Terror
Erdogan lässt Merkel abblitzen: Kein Nachgeben im Krieg gegen Terror
Der türkische Präsident Erdogan hat Bundeskanzlerin Merkel klargemacht, dass er zu keinerlei Konzessionen im Krieg gegen den Terror bereit sei. Die EU will weiter auf einer Entschärfung der türkischen Terror-Gesetze beharren. Merkel räumte ein, dass die Visafreiheit bis zum Juni…
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Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan am Montag in Istanbul. Erdogan will im Kampf gegen den Terror nicht nachgeben. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan am Montag in Istanbul. (Foto: dpa)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich bei einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag in Istanbul unnachgiebig gezeigt, was die Veränderung der umstrittenen Anti-Terror-Gesetze anlangt. Die Zeitung Hürriyet berichtet: „Erdogan machte bei dem Treffen deutlich, dass die Türkei unter keinen Umständen zu Konzessionen im Kampf gegen den Terrorismus bereit sei. Merkel zeigte Verständnis für diese Haltung.

Er forderte sowohl in der Flüchtlings-Frage als auch beim Kampf gegen ISIS eine gerechte Lastenverteilung. Merkel und Erdogan kamen darin überein, das der EU-Türkei-Deal seine ersten Früchte bringe und der illegale Zustrom zurückgehe. Zudem beschlossen sie angesichts der Luftschläge des Assad-Regimes auf Aleppo stärker zusammenzuarbeiten.“

Merkel hatte am Montag an dem World Humanitarian Summit in Istanbul teilgenommen. Merkel würdigte die türkischen Anstrengungen und lobte, dass die Türkei die meisten Bedingungen für das Flüchtlingsabkommen mit der EU umgesetzt habe. Der Erfolg sei daran abzulesen, dass nur noch wenige Flüchtlinge in Griechenland ankämen und es in der Ägäis kaum noch zu Todesfällen komme.

Vor ihrer Türkei-Reise hatte Merkel der Zeitung Türkiye gesagt: „Ich kenne Erdogan seit Jahren. Ich schaue mir die Versprechungen an und sehe, dass sie alle von der Türkei eingehalten wurden. Der Deal ist im Interesse aller Seiten. Die Türkei ist ein wichtiger Partner und Nachbar der EU.“

Auf Nachfrage, was sie von Erdogans Kritiken an der EU hält, antwortete die Kanzlerin: „Es ist nicht mein Metier, psychologische Analyse zu betreiben. Die Türkei hat in den vergangenen Jahren einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung verzeichnet. Der türkische Staatschef hat einen großen Anteil daran.“

Der türkische Sender NTV berichtet, dass Merkel bei ihrem Besuch auf die 72 Kriterien hingewiesen habe, die wichtig sind für die Visaliberalisierung für Türken.

„Ich habe Staatschef Erdogan gesagt, dass die Türkei ein starkes Parlament braucht. Ich habe auch ganz offen die Wichtigkeit der Gewaltenteilung und die Unabhängigkeit der Medien betont. Die Aufhebung der Immunität von ein Viertel der Abgeordneten finde ich besorgniserregend und habe das auch so kundgetan“, zitiert Fortune Türkiye Merkel.

Das Treffen zwischen Erdogan und Merkel soll etwa eine Stunde gedauert haben, meldet die Milliyet.

Die EU und Bundeskanzlerin Angela Merkel sehen keine Möglichkeit mehr, die Visafreiheit für Türken bis Ende Juni einzuführen – setzen aber weiter auf das vereinbarte Flüchtlingsabkommen. „Ich habe den Eindruck, dass dieses Abkommen in beiderseitigem Interesse ist“, sagte Merkel am Montag in Istanbul nach einem Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Ähnlich äußerte sich Erdogans Büro. Die EU-Bedingung, dass die Türkei ihre Anti-Terror-Gesetze anpasst, bleibt aber umstritten.

Die EU-Kommission ließ am Montag deshalb den Zeitpunkt der Visafreiheit für Türken in der EU offen. „Wahrscheinlich ist das Datum nicht so wichtig, so lange wir es richtig machen“, sagte am Montag der Chefsprecher der Kommission, Margaritis Schinas. Die Beratungen dazu dauerten an, und die EU-Kommission werde sicherstellen, dass alle Voraussetzungen für die Aufhebung der Visumspflicht erfüllt würden. In den vergangenen Wochen hatte die Behörde stets betont, sie wolle die Visafreiheit bis Ende Juni in trockenen Tüchern haben. Die Bundesregierung rechnet einem Bericht der „Bild“-Zeitung zufolge erst 2017 mit der Visafreiheit für türkische Bürger.

Nach heftiger Kritik aus der CSU verteidigte Merkel das Abkommen erneut. Dieses verpflichtet die Türkei, die nach Griechenland über die Ägäis kommenden Flüchtlinge zurückzunehmen. Im Gegenzug nimmt die EU direkt syrische Flüchtlinge aus der Türkei auf und zahlt in zwei Schritten bis zu sechs Milliarden Euro für die Versorgung der Flüchtlinge. Zudem wird der Türkei Visafreiheit gewährt, wenn es alle Anforderungen der EU erfüllt. Bisher sind nach Angaben der EU-Kommission im Rahmen der Vereinbarungen von März 441 Migranten aus Griechenland in die Türkei zurückgebracht worden. Zugleich habe die EU 280 Syrer direkt aus der Türkei aufgenommen.

Merkel sagte erneut zu, in einem späteren Schritt syrische Kontingentflüchtlinge aus der Türkei aufzunehmen. Erdogans Vorwurf, die EU habe nachträglich die Forderung nach einer Änderung der Anti-Terror-Gesetze aufgestellt, konterte sie aber mit dem Hinweis, dass die Kriterien für die Visafreiheit bereits im November 2013 von beiden Seiten einvernehmlich festgelegt worden seien. In der Bundesregierung wurde darauf verwiesen, dass dies von Erdogan selbst ausgehandelt worden sei.

Erschwert wird die Debatte durch das Vorgehen des Präsidenten gegen die türkische Opposition. Das türkische Parlament hatte vorige Woche die Aufhebung der Immunität von mehr als hundert Abgeordneten beschlossen, die mehrheitlich der prokurdischen HDP und der ebenfalls oppositionellen CHP angehören. Sowohl Merkel als auch der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, äußerten sich besorgt darüber.

Brasilien: Regierung startet Privatisierung von Unternehmen
Brasilien: Regierung startet Privatisierung von Unternehmen
Der brasilianische Übergangspräsident Temer will seine Amtszeit nutzen, um wichtige Teile der Industrie zu privatisieren. Roadshows in New York, London und anderen Finanzzentren sollen ausländische Investoren nach Brasilien locken. Doch Temer stößt auf unerwartete, personelle Probleme.
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Massen-Demo gegen Übergangspräsident Temer in Belo Horizonte. Temer plant eine Privatisierung von Teilen der Industrie. (Foto: dpa)

Massen-Demo gegen Übergangspräsident Temer in Belo Horizonte. (Foto: dpa)

Brasiliens Interimsregierung treibt Pläne für die Privatisierung von staatlich kontrollierten Firmen voran. Angedacht seien eine Reihe von Treffen mit potenziellen Investoren, auf denen für die Unternehmen geworben werden solle, sagte ein Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Brasilien wolle mit dem Verkauf von Anteilen die leeren Staatskassen füllen, um das Rekord-Defizit senken zu können.

Unter der Leitung von Außenminister José Serra und Regierungsberater Moreira Franco solle es möglicherweise Roadshows in New York, London und anderen Finanzzentren geben, sagten fünf mit der Sache vertraute Personen. Die Treffen seien für Mitte Juli vorgesehen, sagten zwei Insider.

Die Verkaufsliste sei noch in der Mache. Bislang plane die Regierung, Anteile an einer Tochter des Ölproduzenten Petróleo Brasileiro und an dem Energieversorger Furnas Centrais Elétricas abzustoßen, ebenso einige Teile des Flughafenbetreibers Infraero, sagten mit den Plänen vertraute Personen.

Berater Moreira zufolge werden Roadshows als notwendiger Schritt angesehen, um bei Investoren zu werben, aber auch die rechtlichen und regulatorischen Hintergründe zu erläutern. Er machte keine Angaben zu einem Zeitplan und äußerte sich nicht zu den Anteilen, die verkauft werden sollen. Ziel sei es, Jobs im Land zu schaffen. Zwei Insidern zufolge könnten sich die Erlöse in den nächsten beiden Jahren auf zehn bis 20 Milliarden Dollar belaufen. Brasilien kämpft mit einer steigenden Arbeitslosigkeit, einem enormen Haushaltsdefizit und einer fast zweistelligen Inflationsrate.

Übergangspräsident Michel Temer will die Arbeitslosigkeit senken und die Staatsausgaben zurückfahren. Er amtiert als Staatsoberhaupt, seit Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff wegen Korruptionsvorwürfen suspendiert wurde.

Doch Temer dürfte Schwierigkeiten haben, seine Pläne rasch umzusetzen: Kaum im Amt, ist die brasilianische Übergangsregierung von der Petrobras-Korruptionsaffäre eingeholt worden. Romero Jucá, Planungsminister unter dem seit Mitte Mai amtierenden Übergangspräsidenten Michel Temer (PMDB), kündigte am Montag an, sich ab Dienstag freistellen zu lassen. Grund ist ein von der Zeitung „Folha de São Paulo“ zuvor veröffentlichter Mitschnitt eines kompromittierenden Telefongesprächs, das Jucá im März mit dem Politiker und ehemaligen Chef der Ölgesellschaft Transpetro, Sergio Machado, führte.

In dem Telefonat spricht sich Senator Jucá von der rechtsliberalen Partei der demokratischen Bewegung (PMDB) dafür aus, einen „Pakt“ zur Amtsenthebung der Staatspräsidentin Dilma Rousseff von der gemäßigt linken Arbeiterpartei (PT) zu schließen. Dadurch ließen sich auch die Ermittlungen zum Petrobrasskandal beenden, erklärt Jucá. Sowohl er als auch Machado werden in der Affäre verdächtigt.

Jucá übernahm kürzlich von Temer den PMDB-Vorsitz. Die Partei war Juniorpartner in der PT-geführten Koalitionsregierung, bis Temer mit aller Macht den Sturz der Präsidentin betrieb und diese am 12. Mai vom Senat tatsächlich vorläufig ihres Amtes enthoben wurde.

In die Korruptionsaffäre um den brasilianischen Ölkonzern Petrobras sind Politiker und Geschäftsleute gleichermaßen verwickelt. Von 2004 bis 2014 sollen mehr als zwei Dutzend Firmen, zumeist große Baukonzerne, Schmiergelder an Petrobras gezahlt haben, um an lukrative Aufträge zu kommen. Petrobras zahlte ebenfalls Bestechungsgeld, unter anderem an Politiker. Die regierende Arbeiterpartei soll bis zu 200 Millionen Dollar an Schmiergeldern von dem Staatskonzern erhalten haben. Insgesamt geht es in der Affäre um rund vier Milliarden Dollar.

Vor seinem Amtsantritt hatte Temer in Washington mit einflussreichen US-Senatoren über einen Machtwechsel in Brasilien gesprochen. Es ging dabei vorrangig um die Interessen der US-Konzerne in Brasilien.

US-Stratege Friedman: Die Nato besteht weiter, auch wenn die EU zerfällt
US-Stratege Friedman: Die Nato besteht weiter, auch wenn die EU zerfällt
Der Geostratege George Friedman hält die Idee einer EU-Armee für ein Fantasie-Gebilde. Die Europäer sind zu zerstritten und wiegen sich in der Illusion, dass es keine Bedrohung gäbe. Eine EU-Armee wäre nur unter deutscher Führung möglich - eine für die…
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Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. (Foto: dpa)

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: US-Präsident Obama sagte bei seinem letzten Deutschland-Besuch, dass die EU bei den eigenen Rüstungsausgaben etwas selbstgefällig gewesen sei. Er fordert eine Erhöhung des Verteidigungsbudgets der EU-Staaten. Wie würde sich das auf die Nato auswirken, wenn seinem Wunsch Folge geleistet wird?

George Friedman: Die Nato teilt die Krankheit der EU. Der NATO fehlt es an einem Konsens darüber, was nötig ist. Zudem fehlt es der NATO in der EU und in den USA an der notwendigen Unterstützung oder einer Führungsrolle. Kürzlich hat sie Montenegro erlaubt, dem Bündnis beizutreten. Ich denke nicht, dass sich die Europäer – auch in Bezug auf ihre Mitgliedschaft – über ihre Verpflichtungen im Klaren sind. Die USA hingegen kennen ihre Verpflichtungen. Das ist das fundamentale Problem. Die NATO ist ein Militärbündnis. Viele europäische Länder haben keine wirklichen Armeen. Europa hat 200 Millionen Menschen mehr als die USA und ein größeres BIP. Es sollte eine militärische Kraft haben, die mindestens dem der Amerikaner ebenbürtig ist. Doch das werden die Europäer nicht machen. Deshalb glaube ich, dass die USA überdenken werden, ob die NATO im nationalen Interesse der USA  ist. Ich denke, dass die Europäer amerikanische Einmischung in Fragen der europäischen Sicherheit für selbstverständlich halten. Dies ist meiner Meinung nach ein großer Fehler. Die Bereitschaft der USA, die Sicherheit Montenegros ohne gleichwertige Anstrengungen der Europäer zu garantieren, untergräbt die Unterstützung für die Nato in einer dramatischen Art und Weise.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Auf der einen Seite stehen wir vor einer Zersplitterung der EU, aber auf der anderen Seite appellieren Obama und auch einige europäische Politiker an die Einheit in Europa.

George Friedman: Was Politiker wollen und was passiert, sind zwei verschiedene Dinge. Die EU ist nicht mehr angepasst an die Bedürfnisse und Interessen vieler seiner Mitglieder. Südeuropa befindet sich in einer Phase der Depression. Der Osten hat Angst vor Russland. Großbritannien denkt an den Brexit, weil es wenig Vertrauen in die europäischen Institutionen und nicht daran glaubt, dass diese die britischen Bedürfnisse berücksichtigen. Grundlegende Veränderungen in der Funktionsweise der EU werden benötigt. Aber die meisten Nationen, insbesondere Deutschland, sind nicht bereit sind, zu erkennen, dass die Art und Weise wie die EU organisiert wurde, der eigentliche Defekt ist. Das liegt daran, weil es den Nationen in der EU relativ gut ging. Einige wiederum sahen ihre Bedürfnisse nicht erfüllt. Es spielt wirklich keine Rolle, was die Politiker sagen. Es zählt nur, was sie wirklich tun. Und die Europäer sind durch ihre Vielfalt gelähmt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was wird mit der EU geschehen, wenn die EU-Mitgliedsstaaten ihre Rüstungsausgaben tatsächlich erhöhen?

George Friedman: Dann würde Europa eine starke Armee haben. Und deshalb werden sie – davon gehe ich aus – damit beginnen, die Verantwortung für die Bedrohungen um sich herum zu übernehmen. Das aktuelle Muster läuft so, dass die Europäer mehr Aktionen fordern, die USA dieser Aufforderung folgen und Verantwortung übernehmen und die Europäer sich dann über die „amerikanische Härte“ kritisieren. Wenn die Europäer eine dynamische militärische Kraft entwickeln, wird sich die Dynamik ändern. Die Europäer werden keine großen Verpflichtungen für eine signifikante militärische Größe eingehen. Aber viel wichtiger ist, dass es keine integrierte EU-Armee geben wird. Die Idee von einer EU-Armee gehört in die Fantasiewelt. Einige Länder, wie Polen, werden Geld ausgeben, aber Portugal nicht. Es gibt keinen Zustand, in dem Europa gemeinschaftlich auf die Verteidigung setzt. Einzelne Länder werden dies tun, aber nicht die EU als Ganzes.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die USA fordern von der EU, dass sie die finanzielle Belastung im Rahmen der Nato teilt. Doch diese militärische Aufrüstung muss einen Gegner haben. Wer soll der Gegner sein?

George Friedman: Jedes Mitglied der NATO ist verpflichtet, ausreichend Militär zu betreiben und zu führen, um den strategischen Interessen der Nato zu dienen. Natürlich hat die Nato an dieser Stelle keine sinnvolle Strategie für Russland oder den Nahen Osten. Aber wir sollten nicht vergessen, dass die EU nur eine wirtschaftliche Vereinbarung ist. Die militärische Kooperation steht hier nicht im Vordergrund. Die USA erwarten weder ein EU- noch ein Nato-Engagement. Stattdessen setzen die USA auf bilaterale Abkommen, wie mit Polen oder Rumänien.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie würden die Beziehungen zwischen der Nato und einer EU-Armee sein?

George Friedman: Nochmal, ich denke nicht, dass es eine EU-Armee geben wird. Die EU kämpft um ihr Überleben. Sie wird keine integrierte militärische Kraft haben. Für die Nato hingegen sind die Regeln eindeutig. Die einzelnen Länder sind Mitglieder und jeder muss einen bestimmten Teil seines Budgets für die NATO bereitstellen. Das hat wirklich nichts mit der EU zu tun. Die Zusammenarbeit läuft über Deutschlands oder Italiens Vertragsverpflichtungen gegenüber der NATO.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ist es aber prinzipiell möglich, eine EU-Armee zu gründen, die völlig unabhängig von der NATO agiert?

George Friedman: Natürlich ist es möglich. Das hat etwas damit zu tun, verbindliche EU-Regeln aufzustellen, denen die Mitglieder auch wirklich Folge leisten. Es ist möglich, aber es wird nicht passieren. Nachdem wir ja gesehen haben, wie die EU mit den wirtschaftlichen Fragen umgegangen ist, wird kein Land seine Sicherheit der EU übertragen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie wird Russland auf die Erhöhung der Rüstungsausgaben der EU-Staaten reagieren?

George Friedman: Russland wird harte Aussagen treffen. Russland steht vor ernsten wirtschaftlichen Problem und gelangt an seine Grenzen bei den Verteidigungsausgaben. Das bedeutet aber auch, dass Russland keine militärische Antwort hat. Die Russen werden wütend sein und Drohungen aussprechen. Doch Russland kann militärisch nicht viel machen. Länder wie Deutschland hingegen wollen einen Konflikt vermeiden, falls dies möglich ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Bundesregierung unterstützt die Idee der Gründung einer EU-Armee. Deutschland will eine führende Rolle bei dieser Angelegenheit spielen. Was bedeutet das für Kontinentaleuropa, wenn man bedenkt, dass Deutschland das europäische Gravitationszentrum ist?

George Friedman: Wenn dies tatsächlich stattfinden sollte, wird es eine Armee unter deutscher Kontrolle sein. Und genau das ist der Grund, warum es nicht dazu kommen wird. Können sie sich vorstellen, dass Frankreich oder Polen eine derartige Entwicklung begrüßen würde? Die Polen, Franzosen und andere EU-Staaten würden wollen, dass Deutschland eine untergeordnete Rolle im Rahmen einer EU-Armee spielt. Das wiederum würden die Deutschen nicht akzeptieren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Nun befinden sich mehrere Staaten in der Finanz- und Wirtschaftskrise. Ist es finanziell überhaupt möglich, dass diese Nationen ihre Verteidigungsbudgets erhöhen können?

George Friedman: Ja, es ist möglich. Das ist keine Frage des Könnens, sondern des Wollens. Denken sie an Anfang 2000. Damals gab es keine Krise und die EU-Staaten wollten trotzdem ihre Rüstungsausgaben nicht erhöhen. Es gibt Annahmen, die die europäische Verteidigung betreffen. Eine davon ist die Überzeugung, dass Europa keine Sicherheitsbedrohungen hat. Die andere ist die Überzeugung, dass die USA allein die Verantwortung für Sicherheitsfragen übernehmen werden. Weder die eine noch die andere Annahme ist gültig.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sind die osteuropäischen und baltischen überhaupt fähig, ihre Rüstungsausgaben über zwei Prozent des BIPs zu erhöhen?

George Friedman ist Vorsitzender und Gründer der Firma Global Futures. (Foto: G. Friedman)

George Friedman ist Vorsitzender und Gründer der Firma Global Futures. (Foto: G. Friedman)

George Friedman: Ich habe die Polen gefragt, ob sie ihre Rüstungsausgaben im Jahr 1935 auf 20 Prozent des BIPs erhöht hätten, wenn sie gewusst hätten, welcher Horror auf sie zwischen 1939 bis 1989 wartete? Die Antwort war natürlich, dass sie es gemacht hätten, wenn sie es gewusst hätten. Damals glaubten sie, dass Frankreich und Großbritannien sie retten würde, oder dass Deutschland und die Sowjets keine so große Bedrohung seien. Israel und Saudi-Arabien haben beide massiven Verteidigungsbudgets, weil sie verstehen, was passieren könnte. Das Hemmnis die Rüstungsausgaben in Europa zu erhöhen, besteht darin, dass die Europäer der Fantasie folgen, dass seit dem Ende des Kalten Kriegs keine Bedrohung mehr vorhanden sei und die jahrhundertelangen Konflikte vorbei seien. Das ist absurd, aber das ist die Ansicht der Europäer. Es gibt keine wirtschaftliche Hürde, damit die Europäer ihre Rüstungsausgaben erhöhen. Es liegt ein Fehler in der Wahrnehmung der Europäer vor.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Rolle wird die Türkei spielen, die auch Mitglied der Nato und ein EU-Beitrittskandidat ist?

George Friedman: Es ist das Glück der Türkei, dass sie aus der EU ausgeschlossen wurde. Sonst würde das Land das Schicksal der südeuropäischen Staaten teilen. Es wird zwar über den EU-Beitritt diskutiert werden. Doch es wird keinen EU-Beitritt geben. Tatsache ist, dass die Türkei eines der stärksten Armeen in Europa hat. Sie verfügt über eine erhebliche Armee. Es ist ein Nato-Mitglied und wie alle anderen Nato-Staaten richtet sie ihre Rüstungsausgaben für die kollektive Verteidigung nach ihren eignen Interessen. Die Türkei bekommt relativ wenig militärische Unterstützung von den europäischen Staaten. Daran wird sich auch nichts ändern.

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George Friedman ist Vorsitzender und Gründer der Firma Global Futures, die auf geopolitische Prognosen spezialisiert ist. Davor war Friedman Vorsitzender der globalen nachrichtendienstlichen Firma Stratfor, die er im Jahr 1996 gegründet hatte. Er ist der Autor von sechs Büchern, zu denen auch die New York Times Bestseller „The Next Decade and The Next 100 Years“ und „Flashpoints: The Emerging Crisis in Europe“ gehören.

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