Hochtief: Das Ende einer deutschen Industrie-Legende

Dem deutschen Bau-Konzern Hochtief droht der Sturz ins Bodenlose. Tausende Entlassungen stehen bevor. Die Spanier mussten die Hochtief-Aktien an eine spanische Bank verpfänden - um sich mit weiteren Schulden über Wasser zu halten. Dass Hochtief in dieser Situation ist, verdankt der Konzern einem seltsamen SPD-Netzwerk. Die Seilschaft habe sie verraten und den Spaniern ans Messer geliefert, sagen die Arbeiter in Essen. Doch die Genossen mit dem Instinkt für die großen Deals streben nun anderswo ganz nach oben.

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Der SWR zeigte im Januar 2011 einen kurzen Stimmungsbericht aus dem Essener Bauunternehmen Hochtief. Das Unternehmen war zwei Monate zuvor in einer feindlichen Übernahme an die spanische ACS gefallen.

Der Betriebsrat war durch den damaligen IG Bau-Chef Klaus Wiesehügel ausgetrickst worden: Gemeinsam mit ehemaligen Kanzleramts-Staatssekretär und nunmehrigen Lobbyisten Hans Martin Bury reiste der IG Bau-Chef nach Madrid und verhandelte mit den Spaniern, dass für alle Mitbestimmungsthemen nicht mehr der Betriebsrat, sondern direkt die IG-Metall zuständig sein werde. Wiesehügel konnte den Vertrag als Erfolg verkaufen: Entlassungen wurden ausgeschlossen – bis ins Jahr 2013. Wiesehügel, damals auch Aufsichtsrat von Hochtief, brüstete sich damit, dass „die Übernahme nicht auf dem Rücken der Hochtief-Beschäftigten ausgetragen wird“.

Nun schreiben wir 2013.

Der neue Chef der Spanier Marcelino Fernández Verdes zieht im Konzern einen brutalen Sparkurs durch. Das „Projekt Mercure“ sieht eine radikale Schrumpfkur vor. Am Mittwoch kündigte Fernández Stellenstreichungen in Europa an. Zu diesem Zweck wurde mit der IG Bau ein Tarifvertrag unterzeichnet. Wie viele Mitarbeiter gehen müssen, ist noch unklar. Betriebsbedingte Kündigungen können erst 2014 ausgesprochen werden. Beobachter erwarten mindestens 1.000 Stellenstreichungen, die vor allem Deutschland betreffen werden.

Fernández kämpft gegen die Zeit: Denn es steht schlecht um ACS. Der Baukonzern verbuchte nach Angaben vom Donnerstag in den ersten neuen Monaten des Jahres einen Umsatzrückgang von 1,5 Prozent auf 28 Milliarden Euro, während der bereinigte Gewinn um gut vier Prozent auf 2,2 Milliarden Euro schmolz. Die Spanier hoffen, dass ihnen die wertvollen Teile von Hochtief Geld in die Kassen spülen. Es gibt keine Strategie mehr für Hochtief – der Essener Konzern ist zum Sparschwein für die Spanier geworden, das geschlachtet werden muss.

ACS steckt in einer schweren Krise: das Unternehmen hat sich seit Jahren übernommen, hat alles gekauft, was ihm zwischen die Finger kam – und immer mit Schulden. ACS soll seine Bilanzen gefälscht haben, weshalb die Bafin die Übernahme zunächst nicht genehmigen sollte. Im Sommer berichtete El Pais, dass ACS auch in den Korruptions-Skandal der Konservativen verwickelt ist. Im August musste ACS die Hochtief-Aktien an die BBVA-Bank verpfänden, um an neue Kredite zu kommen.

Wenn ACS nicht auf die Beine kommt, dann kann die Bank die Anteile an Hochtief verkaufen. Wahrscheinlichstes Szenario dann: Die Aktien fallen in die Hände von Finanz-Investoren, die den Konzern so schnell als möglich zerschlagen werden.

Das will ACS natürlich verhindern, um selbst noch möglichst viel von den Verkaufserlösen einsacken zu können.

Die Spanier haben bereits zahlreiche Tochter-Unternehmen abgestoßen. Hochtief ist bald nur noch eine Hülle. Ein ehemaliger Hochtief-Manager sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten: „ACS ist es von Anfang an nur um die Zerschlagung gegangen. Die Spanier interessieren sich nur für die Auslandstöchter des Konzerns. Der Standort Deutschland ist für sie unbedeutend. Sie haben die Übernahme benutzt, um sich als hoch verschuldetes Unternehmen eine gesunde, profitable Firma zu schnappen – und sich auf diese Weise zu sanieren. Die haben Hochtief gebraucht, um die eigene, marode Bilanz aufzubessern.“

Das bestätigt auch ein auf Übernahmen spezialisierter Jurist im SWR.

Die besten Facharbeiter verlassen das Unternehmen in Scharen, wie man sogar in der Mitarbeiter-Zeitung ganz unverhohlen lesen kann. Wer kann, sucht sich einen neuen Job. Die Arbeiter sind gefragt, weil sie gut sind.

Doch der schwierige Bau-Markt hat nicht für alle eine zweite Chance parat.

Die Arbeiter in Essen fühlen sich verraten. Viele sind immer noch verbittert: Man habe sie damals eiskalt ausgespielt, führende Genossen hätten sie ins Messer laufen lassen, klagen sie hinter vorgehaltener Hand.

Ihre Wut gilt nicht nur dem IG Bau-Chef Wiesehügel, der den Betriebsrat düpiert und ins Abseits gestellt hatte.

Sie rätseln über die Rolle einer SPD-Seilschaft, die bei der Übernahme von Hochtief durch die Spanier eine undurchsichtige Rolle gespielt haben.

In Diensten von ACS war der vormalige Staatsminister im Bundeskanzleramt unter Gerhard Schröder, Hans Martin Bury. Bury hatte seien Karriere bei der Volksbank Ludwigsburg begonnen und landete nach seiner Zeit als SPD-Politiker als Managing Director bei Lehman Brothers.

Lobbypedia schreibt:

„2005 stieg Bury als Managing Director bei dem deutschen Tochterunternehmen vom Investmenthaus Lehman Brothers ein. Dort kümmerte er sich u. a. um die Geschäfte mit der öffentlichen Hand. Nach dem Fiasko in der Finanzwirtschaft, das auch Lehman Brothers den Ruin bescherte, war es ausgerechnet Bury, der von der SPD zur Arbeitsgruppe ,Mehr Transparenz und Stabilität auf den Finanzmärkten“ hinzugezogen wurde. Das 27-köpfige Gremium unter dem Vorsitz von Peer Steinbrück wurde mit der Aufgabe betraut, ein Banken-Rettungspaket zu erarbeiten. Der entworfene 14-Punkte-Plan enthielt u. a. die Zielvorgabe einer strengeren Reglementierung riskanter Finanzprodukte und einer besseren Bankenkontrolle.“

Nach der Lehman-Pleite ging Bury kurzzeitig zur Investmentbank Nomura. Ein im Landkreis Ludwigsburg angestengtes Parteiausschluss-Verfahren überstand Bury unbeschadet. Der altgediente SPD-Funktionär Eberhard Kleinmann beschuldigte Bury, Genossen mit Lehman-Zertifikaten geschädigt zu haben. Der SPD-Vorstand des Ortsvereins Bietigheim-Bissingen lehnte den Ausschluss ab und erklärte: „Der Ortsverein ist froh, das langjährige Mitglied des Bundestags…unter seinen Mitgliedern zu haben.“

Bury heuerte 2009 beim Berliner Lobby-Unternehmen Hering Schuppener an. Diese Firma war von den Spaniern beauftragt, für die Kontakte zu Politik und Regulatoren in Deutschland zu sorgen – um die Hochtief-Übernahme auch gegen den Widerstand der Arbeiter in Deutschland durchzuziehen. Wiesehügel sagte im SWR, dass die Übernahme ohne Bury für die Spanier schwer geworden wäre. Er habe das Vertrauen der Spanier hergestellt.

Bury konnte mit seinen Kontakten offenbar helfen. Das Handelsblatt berichtete:

„Offiziell hält man sich bei Hering Schuppener mit Details über die Rolle Burys bei dem Deal zurück. Aber in Berlin ist es ein offenes Geheimnis, dass der frühere SPD-Politiker wieder einmal seine Drähte zu den Gewerkschaften glühen ließ, als der Betriebsrat von Hochtief noch eisern gegen die Übernahmepläne der Spanier opponierte. Zu diesem Zeitpunkt schloss IG-Bau-Chef Klaus Wiesehügel einen smarten Deal mit ACS, der ihm und der Gewerkschaft einen Sitz im Aufsichtsrat des künftigen Unternehmens sowie den Erhalt aller Rechte garantierte. Der Betriebsrat schäumte. Die Abwicklung im Hintergrund trägt Burys Handschrift, ebenso die diskrete Werbung für das spanische Angebot bei der anfangs skeptischen BaFin und dem Bundesfinanzministerium.“

Doch solche eine umstrittene Übernahme braucht mehrere Helfer. Die Beratungsgesellschaft Hering Schuppener ist ein großes, hochprofessionelles Unternehmen. Hier arbeiten nur Leute, die über exzellente Kontakt verfügen.

Im dem Unternehmen, das ACS in Deutschland den Zugriff auf Hochtief politisch ermöglichte, wirkte Henriette Peucker als Leiterin des Berliner Büros. Peucker war von der Deutschen Börse gekommen. Davor war sie Investment-Bankerin bei Schroders und der Citigroup in London tätig. Ihren Job bei der Frankfurter Börse hatte sie aufgegeben, weil die Öffentlichkeit ihrem damaligen Lebensgefährten Befangenheit unterstellte.

Der Politiker, um den es geht und der heute ihr Ehemann ist, heißt Jörg Asmussen.

Jörg Asmussen war zum Zeitpunkt der Hochtief-Übernahme durch die Spanier Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. In dieser Funktion war er zuständig für die Börsenaufsicht Bafin.

Die Bafin musste die Übernahme von Hochtief genehmigen.

Was Beobachter im November 2010 stutzig machte: Die Bafin schien dazu zu tendieren, die Übernahme abzulehnen. An einem Freitag schlug eine Vorabmeldung des Spiegel, die die dpa verbreitete, wie eine Bombe ein. Darin hieß es:

„Die Übernahme des größten deutschen Baukonzerns Hochtief den spanischen Großaktionär und Konkurrenten ACS steht nach Spiegel Informationen auf der Kippe. Wie das Nachrichtenmagazin berichtet, hat die deutsche Finanzaufsicht Bafin schwerwiegende Bedenken. Daher wolle die Behörde das ACS-Angebot für Hochtief offenbar ablehnen.

Nach Spiegel-Angaben stört sich die Bafin an den Risiken bei der Finanzierung der Übernahme durch ACS. So sei der Konzern in Spanien wegen Bilanzfälschung verklagt worden. Probleme mache auch eine Klage spanischer Kleinaktionäre, die eine Kapitalerhöhung bei ACS für ungültig erklären lassen wollen. Dazu erklärte die ACS-Sprecherin, dass die Kapitalerhöhung mit 99,5 Prozent der Stimmen beschlossen worden sei.“

In Essen kam erstmals leise Hoffnung auf: Die Hochtief-Mitarbeiter hatten sich von der Politik in der Übernahme-Schlacht im Stich gelassen gefühlt. Während Gewerkschafts-Boss Wiesehügel in Madrid verhandelte, demonstrierten die Arbeiter in Berlin.

Sollte sich das Blatt zu ihren Gunsten wenden? Sollte das schuldenfreie Unternehmen dem Schicksal entkommen, von einem extrem verschuldeten, in Rechtsstreitigkeiten verwickelten Mitbewerber geschluckt zu werden?

Die Hoffnung währte nur bis Montag.

Am Montag gab die Bafin nach mehreren Verschiebungen schließlich bekannt: ACS kann Hochtief übernehmen.

Der Spiegel berichtete:

„Die BaFin erklärte, sie habe von ACS erhebliche Nachbesserungen des Übernahmeantrags verlangt. Das Angebot sei entsprechend korrigiert und am Montag präsentiert worden. Alle Forderungen seien damit erfüllt.“

Niemand weiß, was an dem Wochenende vorgefallen ist. Welche Informationen hatte der Bafin-Aufseher Asmussen? Was wusste ACS von den möglichen Bedenken der Bafin? Hat jemand den Spaniern gesteckt, was sie noch vorbringen müssen, um eine Abfuhr zu verhindern? Wie war es möglich, die teilweise schwerwiegenden Bedenken der Bafin übers Wochenende auszuräumen? Welche Rolle spielten die Lobbyisten in dieser kritischen Phase? Gab es Kontakte zwischen Hering Schuppener und Asmussen? Gab es eine politische Einwirkung auf die Bafin, die half, mögliche Bedenken zu zerstreuen?

Ein ehemalige Hochtief-Manager fragt: „Ist es eigentlich mit Grundsätzen der Corporate Governance vereinbar, dass die Ehefrau des oberstes Aufsehers die Lobbyarbeit für genau jene Übernahme macht, die der Aufseher genehmigen muss?“

All diese Fragen sind heute hinfällig. Die Ankündigungen des ACS-Chefs Fernández lassen darauf schließen, dass das Ende von Hochtief als stolzem, eigenständigen deutschen Unternehmen von Anfang an geplant war.

Der Hochtief-Kenner Harald Schumacher schildert in der WirtschaftsWoche, wohin die Reise für Hochtief gehen dürfte:

„Lampe-Analyst Gabriel empfiehlt trotzdem, die Papiere jetzt abzustoßen: ,Was bleibt am Ende übrig von Hochtief? Ein immer noch riskantes Europa-Baugeschäft.‘

In zwei bis drei Jahren, prophezeit Gabriel, ,ist dann die Zentrale in Essen fällig, und ACS wirft sie als Ballast ab‘. Auch Hochtief-Insider glauben nun die langfristige ACS-Strategie zu erkennen, nach der seit der feindlichen Übernahme im Mai 2011 vergebens gefragt wird. Laut einem plausiblen Flurfunk-Szenario passt Fernández in der jetzigen ersten Phase die Hochtief-Strukturen an die der ACS-Bautochter Dragados an. Die hat Fernández drei Jahre geleitet.

Wegen des Schrumpfkurses wird bald, so glauben besorgte Hochtiefler, in Europa die Schlagkraft für große Projekte fehlen. Dann erscheint es logisch, Hochtief mit Dragados zu vereinen. Fernández könnte die Spanier kaufen – zum Beispiel mit Erlösen aus Bereichsverkäufen, durch Aktientausch oder über Kredite, die Hochtief selbst aufnimmt. Der Preis müsste dann nur hoch genug sein, um die Kasse der hoch verschuldeten ACS zu füllen.“

Die Geschichte von Hochtief zeigt, dass Unternehmen im globalen Schulden-Kasino oftmals nur einen Sinn haben: Gute Unternehmen werden zum Spielball eines Geflechts von Politikern, Funktionären, Lobbyisten, Managern und Banken. Sie können sich nicht einmal dadurch retten, indem sie gut wirtschaften, im Gegenteil: Je erfolgreicher, desto interessanter werden sie für die Haie, die keine Werte für die Gesellschaft schaffen.

Diese Haie und ihre willigen Helfer jonglieren so lange, bis ihre Taschen gefüllt sind.

Die Arbeiter, die für Hochtief rund um die Uhr arbeiten, sind Statisten.

In einem Spiel, bei dem das Geld im ewigen Kreislauf gehalten wird und sich dabei immer weiter von jenen entfernt, die es durch ihre harte Arbeit eigentlich verdient hätten.

Dass Leistungsträger aus der SPD bei dieser Umverteilung im Fall Hochtief offenbar eine entscheidende Rolle gespielt haben, muss für die Arbeiter in Essen eine sehr bittere Pille sein.

Klaus Wiesehügel, den Peer Steinbrück in sein Schattenkabinett berufen hat, hofft unterdessen immer noch, in der Großen Koalition Arbeitsminister zu werden. Man habe ihm das versprochen, sagte der IG Bau-Chef und Spanien-Versteher vor einigen Wochen, und es gäbe noch keine gegenteiligen Aussagen von der Parteispitze.

Dennoch stehen seine Chancen auf eine Karriere ganz oben an der Spitze der Arbeiterbewegung schlecht.

Nicht, weil ihm die Genossen seine Rolle bei der Hochtief-Übernahme vorwerfen.

Es geht um knallharte Machtfragen.

Sigmar Gabriel möchte den Posten selbst übernehmen.


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