Straf-Zinsen für Sparer: Finanz-Eliten wollen Bargeld abschaffen

Die Niedrig-Zins-Politik der Zentralbanken ist gescheitert: Nun kursiert eine neue Idee, wie die Bürger gezwungen werden können, ihr Geld in den Konsum zu stecken: Die Zentral-Banken könnten Negativ-Zinsen einführen. Dies funktioniert nur in einer Gesellschaft ohne Bargeld. Der IWF fordert bereits seit Jahren die Abschaffung des Bargelds. Erste Staaten ergreifen Maßnahmen. In den USA hat nun Obama-Berater Larry Summers die neue Strategie angedeutet.

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Seit Jahren versuchen die Zentralbanken, mit niedrigen Zinsen Wachstum in die immer trägeren Weltmärkte zu bringen.

Das Experiment ist grandios gescheitert.

Larry Summers, enger Berater von US-Präsident Barack Obama, hat nun auf einer vielbeachteten Veranstaltung des IWF erstmals angedeutet, dass es auch weniger als Null geben könnte: Die bisherigen Maßnahmen des Gelddruckens hätten nicht funktioniert, sagte Summers (Video am Ende des Textes).

Summers:

„Stellen Sie sich eine Situation vor, in der alle Zinsen deutlich unter Null gefallen sind. Das konventionelle makroökonomische Denken hinterlässt uns mit einem sehr ernsten Problem. Wir können uns zwar alle vorstellen, dass man die Zinsen für Staatsanleihen für immer auf einem sehr niedrigen Niveau halten können. Doch es ist viel schwieriger, außergewöhnliche Maßnahmen für immer zu ergreifen, aber das zugrunde liegende Problem bleibt für immer vorhanden.“

Summers meint damit, dass die Geldvermehrung dauerhaft ihren Zweck verfehlen könnte – nämlich die Erzeugung von Wachstum und damit die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Es geht um unkonventionelle Gedanken.

Im Tagesanzeiger kommt der Blog NMTM zu einem ähnlichen Ergebnis: Wird die Wirtschaft nur noch von den Zentralbanken und ihrer Zinspolitik gesteuert, sind Negativ-Zinsen der logische nächste Schritt.

Der Business Insider hat Summers‘ Gedanken zu Ende gedacht – und kommt damit der Intention auf die Spur.

Das Magazin schreibt:

„Die Notenbank kann die Leitzinsen nicht unter Null bringen, weil die Leute dann das Geld horten würden, anstatt es auf die Bank zu bringen.“

Daher sieht der Business Insider als eine Lösung die Abschaffung des Bargelds:

„Wir könnten uns in Richtung einer bargeldlosen Gesellschaft entwickeln, in der alles Geld nur noch elektronisch existiert. Dadurch würde es unmöglich, das Geld außerhalb einer Bank zu horten. Die Notenbank könnte dann die Zinssätze unter Null drücken, wodurch die Leute angespornt würden, mehr Geld auszugeben.“

Hier wird konkret, wie die aktuelle Finanzkrise gelöst werden könnte: Mit der vollständigen Abschaffung des Bargelds würde praktisch eine Straf-Steuer für alle Sparer eingeführt. Der IWF hat bereits im Jahr 2004 in einem bemerkenswerten Papier die konkreten Folgen durchgespielt: Unter dem Titel „Geldpolitik, geldpolitische Felder und finanzielle Entwicklungen mit elektronischem Geld“ beschäftigt sich der IWF interessanter Weise ausgerechnet mit dem Zusammenhang von „e-money“ und der Rolle der Zentralbanken: Die Zentralbanken würden durch die flächendeckende Abschaffung des Bargelds nicht überflüssig. Das bedeutet: Das Welt-Finanzsystem würde nicht etwa dezentralisiert, sondern die Kontrolle der Geldflüsse würde effizienter.

2004 war der IWF noch skeptisch und äußerte Zweifel, dass sich die bargeldlose Gesellschaft „sogar auf lange Sicht“ durchsetzen werde. Doch im Prinzip sah der IWF schon damals eine große Chance, das aktuelle Finanz-System durch die Abschaffung des Bargelds zu stabilisieren:

„Die Innovationen von Zahlung und Zahlungsabwicklungen können die Geschwindigkeit von finanziellen Transaktionen beschleunigen. Dadurch können sie möglicherweise den Gebrauch von liquiden Mitteln effizienter gestalten, was nur zu begrüßen ist.“

In der Praxis sind die damals eher theoretischen Überlegungen bereits viel fortgeschrittener: Die Times of Israel berichtet von konkreten Planungen der Regierung, das Bargeld dramatisch zu reduzieren: „Der Traum der Regierung von einer bargeldlosen Gesellschaft ist kein Hirngespinst – er ist schon eine Realität und praktisch unausweichlich.“ In Schweden werden sogar die Rentner bereits gezwungen, ihr Bargeld aufzugeben (mehr hier). Die SPD hat alle Deutschen aufgefordert, ihr Geld zur Bank zu bringen (hier).

Eine zentrale Rolle spielt bei dem Vorhaben Google: Mit der neuesten Version von Google Wallet ist es heute schon möglich, dass Arbeiter ihre Löhne über das Mobiltelefon ausbezahlt bekommen. Die großen Telekommunikations-Unternehmen AT&T, T-Mobile und Verizon betreiben mit Isis ein ähnliches Programm.

C-Net berichtet, dass der Milliardär Richard Branson (Virgin) in ein „geheimnisvolles Startup“ namens Clinkle investiert hat, durch welches die Leute Zahlungen von Handy zu Handy erledigen können.

Die gesellschaftliche Akzeptanz für die Abschaffung des Bargelds soll durch wissenschaftliche Studien hergestellt werden: Die Tufts Universität hat errechnet, dass die US-Gesellschaft jährlich 200 Milliarden Dollar verliert – durch fehlende Steuereinnahmen und Gebühren von Kreditkarten.

McKinsey hat in einer Studie berechnet, dass jeder Deutsche 200 Euro im Jahr für sein Bargeld bezahlt. Die Steinbeis-Universität will ermitteln haben, dass die deutsche Gesellschaft bei „einer Abkehr von Münzen und Scheinen bis zu 35 Milliarden Euro“ jährlich sparen könnte. Die FAZ, die über diese Untersuchungen berichtet, erklärt, dass Bargeld eigentlich ein Unding sei:

„Theoretisch wäre es für alle – Handel, Banken und Privatleute – am günstigsten, wenn es nur noch Kartenzahlung gebe. Möchte man verstehen, warum das so ist, muss man den Bargeldkreislauf verstehen. Dieser ist total widersinnig: Der Kunde holt Geld von der Bank, um damit in einem Geschäft zu bezahlen. Das Geschäft nimmt dieses Geld wieder und lässt es dann aufwändig zur Bank zurück transportieren, die es dann wieder zum Kunden bringt – ein wenig effizienter Kreislauf, der auf allen Ebenen mit Kosten verbunden ist.“

Das mag rein rechnerisch stimmen.

Doch die Betrachtung übersieht den wichtigsten Aspekt von Geld: Geld ist Vertrauen, das wusste schon Goethe.

Und in einem Finanz-Umfeld, in dem täglich neue Betrügereien, Manipulationen und Tricksereien mit dem Geld der Kunden ans Tageslicht kommen, sind die Kunden gut beraten, maximales Misstrauen walten zu lassen.

Der Verhaltensforscher Dan Ariely sagte dem Magazin Wired, dass Bargeldlosigkeit leichter zum Betrug verleitet und geradezu mit Unehrlichkeit in Verbindung gebracht werden kann. Es sei leichter, ethische Grenzen zu überschreiten, wenn das Geld, das man verschiebt, real gar nicht existiert. Der Taschendieb hat also immer noch eher ein schlechtes Gewissen als eine Bank, die hemmungslos mit den Einlagen der Kunden zockt.

Ariely:

„Wir befinden uns auf dem Weg in eine Situation, in der es für Leute viel, viel leichter wird, ihre Unehrlichkeit rational zu rechtfertigen.“

Im Zusammenhang mit der vom IWF neulich lancierte Zwangsabgabe zum Abbau der Staatsschulden (mehr dazu hier) ist die beschleunigte Abschaffung von Bargeld der logische nächste Schritt.

Vorausgesetzt, man betrachtet die Zentralbanken als die wichtigsten Regierungen der Welt, erspart die Abschaffung des Bargelds bei gleichzeitiger Einführung von Negativ-Zinsen den Herren des globalen Finanzsystems den mühsamen Umweg über nationalstaatliche Regierungen. Diese müssen die Zwangs-Abgabe eintreiben – ein möglicher Weise mühsames Unterfangen, wie der IWF selbst einräumt.

Die Kombination von Negativ-Zinsen auf Spareinlagen mit der Abschaffung von Bargeld dagegen verschafft dem Finanz-System den direkten Zugriff auf den Sparer: Es hat gar keine Alternativen mehr, als sein Geld entweder schleunigst auszugeben – oder er verliert es über die Negativ-Zinsen.

Mit diesen Überlegungen wird die Bezahlung der global angehäuften Schulden tatsächlich alternativlos für den Bürger. Er muss nicht einmal mehr enteignet werden, um sein Erspartes loszuwerden.

Diese futuristisch klingende Entwicklung ist durchaus real: Durch komplizierte bürokratische Schikanen wie etwa die Umstellung auf SEPA, werden die Unternehmen in die Falle gelockt: Warum die Gehälter noch mühsam überweisen, wenn es mit einer SMS auch geht. Ist diese Art der Überweisung erst einmal Standard, gibt es kein Zurück mehr.

Dave Ramsey, Berater für persönliche Finanzen, schlägt etwas ganz Anderes vor: Damit die Bürger nicht in die Schuldenkrise geraten, sollten sie ihr Geld für die verschiedenen Ausgaben eines Monats in Briefumschläge stecken und von ihrem Budget nur verbrauchen, was in dem Umschlag ist.

Das ist eine gute Idee.

Sie ist nicht nur vernünftig, sondern auch politisch korrekt: Auf diese Weise sichert sich der Einzelne ab, indem er den Banken erhebliche Beträge zum Zocken entzieht.

So wird persönliche Disziplin zu einem Akt des zivilen Ungehorsams.

Das System lebt nämlich von der Nachlässigkeit der Bürger.

An dieser Stelle kann der Einzelne das System ändern.

Mit überschaubarem Aufwand, jedoch ungeheurer Wirkung.

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