Ökonom: „Europa steuert auf eine Katastrophe zu“

Europa hat sich in der Krise nicht geändert. Das EU-Chaos lähmt den Kontinent. Wir taumeln in eine Katastrophe. Zu viele Brüche gefährden Europa: Staaten gegen Staaten, Alt gegen Jung, Staat gegen Privat. Die Unterschiede in der Euro-Zone sind größer geworden statt kleiner. Ganz schnell kann der Flickenteppich reißen - mit unabsehbaren Folgen.

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Thomas Cole, Der Lauf des Imperiums - Zerstörung. Das Gemälde des amerikanischen Malers aus dem Jahr 1836 spielt auf die Zerstörung Roms durch die Vandalen an. Es befindet sich im Besitz der New York Historical Society. (Foto: NYHS)

Thomas Cole, Der Lauf des Imperiums – Zerstörung. Das Gemälde des amerikanischen Malers aus dem Jahr 1836 spielt auf die Zerstörung Roms durch die Vandalen an. Es befindet sich im Besitz der New York Historical Society. (Foto: NYHS)

„Es ist ziemlich erschreckend“, zitiert CNBC Roger Nightingale, Ökonom bei RDN Associates. In den letzten fünf Jahren habe sich nichts verändert. Die Staaten der Eurozone steckten in gewaltigen Schwierigkeiten. „Sie steuern meines Erachtens auf eine Katastrophe zu.“

Roger Nightingale glaubt, dass Europa so gut wie nichts getan habe, um aus der Krise herauszukommen. Tatsächlich streiten Regierungen, EU und EZB immer noch über die Banken-Rettungen, als schrieben wir den ersten Tag der Krise. Nightingale kritisiert die Leistung Mario Draghis als Krisenmanager heftig: Draghi habe nichts für die Gemeinschaft getan, wenn man einfachen Bürgern in Europa spricht, bekäme man das überall zu hören. Dass die Regierungen froh sind, dass Draghi ihnen die Arbeit abnimmt, hält Nightingale für keine große Leistung.

Die Europäer hätten mit Schadenfreude auf die USA geblickt, anstatt sich selbst krisensicher zu machen. Daher seien die Europäer immer noch viel verwundbarer als die Amerikaner.

Die am Freitag veröffentlichten Wirtschaftsdaten für Deutschland zeigen, dass die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal 1,1 Prozent größer war als ein Jahr zuvor. Zudem kletterte der ifo-Geschäftsklima-Index, der auf einer Umfrage unter 7.000 einheimischen Firmen beruht, im November auf 109,3.

Die deutsche Industrieproduktion und der Dienstleistungssektor waren im November stärker als erwartet. Der Vorsprung Deutschland vor dem Rest der Eurozone wächst weiter.

Die Eurozone als ganze wuchs im dritten Quartal nur noch um 0,1 Prozent nach 0,3 Prozent im zweiten Quartal. Die zweitgrößte Wirtschaftskraft, Frankreich, schrumpfte. Die Schulden im Nachbarland wachsen viel stärker als hierzulande (mehr hier).

Angesichts des zurückgehenden Wachstums senkte die EZB im November die Leitzinsen auf das Rekordtief von 0,25 Prozent. Sogar Negativzinsen werden bei EZB-Chef Mario Draghi derzeit diskutiert (mehr hier).

Volker Wieland, Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung, sagte am Freitag, dass in Deutschland, dem wichtigsten Wachstumsmotor der Eurozone, Wirtschaft und politische Stabilität gefährdet seien.

„Wie die meisten Beobachter, sagen wir voraus, dass das Wachstum im kommenden Jahr steigen wird. Dahinter steckt die Ansicht, dass private Investitionen und privater Konsum relativ niedrig gewesen sind und weiter steigen sollten – doch es gibt noch eine Menge Unsicherheiten.“

Die größte Unsicherheit resultiert jedoch aus der Erkenntnis, dass die Euro-Zone in der Krise nicht zusammengewachsen, sondern gespalten wurde. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit zeigt, dass es nicht nur eine Spaltung zwischen dem Norden und dem Süden, sondern auch eine zwischen den Generationen gibt. Die dritte große Bruchlinie verläuft zwischen Staatssektor und Privatwirtschaft.

In allen Segmenten haben Politiker und Zentralbanker rein opportunistisch agiert: Sie haben versucht, den Rentnern das Schlimmste zu ersparen – weil dies die größte Wählergruppe ist. In den jeweiligen Staaten lässt sich bei heute keiner in die Karten schauen – sie agieren nationalistischer als je zuvor: Die neuen Haushalte von Italien, Frankreich und Spanien sind so lückenhaft, dass die EU-Kommission daraus keine Schlüsse ziehen kann.

Alle Regierungen arbeiten natürlich tendenziell für die Interessen des Staatsapparats: Das zeigt sich besonders drastisch in Griechenland: Die Regierungen sorgen für ihre Clans, um wiedergewählt zu werden.

Dieser Befund, der sich nun auch durch die makroökonomischen Zahlen belegen lässt, macht klar: Das Schlimmste steht uns erst noch bevor.

Der Friede an den Märkten trügt. Er ist mit billigem Geld erkauft.

Europa ist nicht krisensicher. 

Das wissen vor allem jene, die gegen Europa spekulieren.

Die Vandalen der Finanzmärkte sinnen auf einen günstigen Zeitpunkt.

Dann fällt Rom, und nicht nur Rom.


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