Gesundheits-Apokalypse droht: Antibiotika verlieren Wirkung

Der massive Einsatz von Antibiotika in Medizin und Landwirtschaft führt dazu, dass Bakterien mutieren und resistent werden. Innerhalb nur einer Generation könnten alle vorhandenen Antibiotika wirkungslos werden. Wissenschaftler sehen in dieser Entwicklung die größte Gefahr der Zukunft für die westlichen Gesellschaften.

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Ein Chirurg bindet den Arm einer Frau nach einem Aderlass ab. Gemälde von Jacob Toorenvliet aus dem Jahr 1666. Muss die Medizin im zivilisierten Westen von vorne beginnen? (Foto: Wellcome Library)

Ein Chirurg bindet den Arm einer Frau nach einem Aderlass ab. Gemälde von Jacob Toorenvliet aus dem Jahr 1666. Muss die Medizin im zivilisierten Westen von vorne beginnen? (Foto: Wellcome Library)

Die Wirkung von Antibiotika gegen Infektionskrankheiten geht massiv zurück. Denn die Bakterien mutieren und werden resistent. Wissenschaftler warnen: Nicht die Schulden-Krise, nicht der Klima-Wandel – das Ende der Wirksamkeit von Antibiotika ist die größte Gefahre für die westliche Welt. In der FT, nicht gerade bekannt für alarmistische Töne, fragt Gillian Tett, ob wir die Apokalypse der Antibiotika vermeiden können. Tett ist irritiert, dass sich die breite Öffentlichkeit mit dieser immer drängender werdenden Frage bisher nicht beschäftigt hat.

Sie hält diese Ignoranz für einen schweren Fehler.

Vor sieben Jahrzehnten begannen die Ärzte im Westen damit, Antibiotika wie Penicillin im großen Stil einzusetzen, um Infektionen zu bekämpfen. Die Leute haben sich an diese Wundermedizin gewöhnt, zitiert die FT Sally Davies, Professorin für Medizin und Beraterin der britischen Regierung.

In ihrem neuesten Buch schreibt Davies, dass die Bakterien, die mithilfe der Antibiotika bekämpft werden, mutieren und resistent werden. Dies sei auf den massiven Einsatz von Antibiotika zurückzuführen, mitunter auch auf Missbrauch.

Innerhalb einer Generation könnten die vorhandenen Antibiotika wirkungslos werden. Die moderne Medizin könnte die Fähigkeit verlieren, viele Krankheiten und Infektionen zu bekämpfen.

Davies rechnet vor, dass schon heute jedes Jahr 25.000 Menschen in Europa sterben, weil Bakterien resistent gegen Antibiotika geworden sind. In den USA ist die Situation ähnlich. „Das ist dieselbe Zahl von Todesfällen [wegen Antibiotika-Resistenzen] wie die Zahl der Verkehrstoten“, sagt Davies.

Die Öffentlichkeit hat das Problem nicht erkannt, obwohl die Zahlen zur Antibiotika-Resistenz öffentlich verfügbar sind. Kürzlich warnte das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, dass eines der stärksten Antibiotika, Carbapenem, seine Wirkung zu verlieren droht (mehr hier).

Davies sagt, es sei äußerst schwer, den Leuten die Gefahr bewusst zu machen. Es hat allerdings einige Maßnahmen gegeben. Einige Krankenhäuser haben ihre Hygiene verbessert und dadurch die Verbreitung resistenter Keime eingeschränkt.

Verschieden Staaten bemühen sich zudem, den Einsatz von Antibiotika in Medizin und Landwirtschaft zu senken, um die Bildung von Resistenzen verringern. Westliche Agrarunternehmen mischen dem Tierfutter große Mengen Antibiotika bei. In den USA werden 80 Prozent der Antibiotika in der Landwirtschaft eingesetzt.

Die Pharmakonzerne stellen heute keine neuen antibakteriellen Medikamente her. Denn die Wirksamkeit neuer Antibiotika lässt zu schnell nach. Davies sagt:

Seit 1987 ist kein neues Antibakterium mehr entwickelt worden (…) zum Teil deshalb, weil die Unternehmen nicht mehr genug Geld mit antimikrobiellen Substanzen verdienen, um Investitionen in die Forschung zu rechtfertigen.“

Künftige Generationen werden ohne das lebensrettende Medikament auskommen müssen. Denn die Politik erweist sich als unfähig, die Gefahr abzuwenden. Es drohen drastisch hohe Todeszahlen.

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