Verwirrte Botschaft aus dem Elfenbeinturm: GroKo ist Wort des Jahres

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat das Wort GroKo zum Wort des Jahres gewählt. Eine seltsame Wahl: Denn dieses Wort hat kaum ein Deutscher jemals ausgesprochen. Es ist ein Medien-Kürzel. Vielleicht sollte die Gesellschaft dem Volk für die Entscheidung aufs Maul schauen, anstatt ihre Weisheiten nur aus den Medien zu beziehen. Großer Schwachsinn (GroSchwa), wie wir meinen.

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Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat das Wort GroKo zum Wort des Jahres gewählt.

Die Gesellschaft begründet die Wahl:

Das Kurzwort, meist mit dem auffälligen großen »K« im Wortinneren, steht für die neue »Große Koalition«. Das Thema hat das Wahljahr beherrscht. Das Wort zeigt in seinem Anklang an »Kroko« bzw. »Krokodil« eine halb spöttische Haltung gegenüber der sehr wahrscheinlichen Koalition aus CDU/CSU und SPD auf Bundesebene und hat die Presse bereits zu neuen Bildungen wie GroKo-Deal animiert.

Diese Entscheidung ist GroSchwa (großer Schwachsinn), wie wir meinen: Denn kein Mensch hat das Wort im Jahr 2013 jemals ausgesprochen. Vor Beginn der Koalitionsverhandlungen wurde das Wort nicht einmal in den Medien verwendet.

Die geschriebene Abkürzung GroKo mag in irgendwelchen bürokratischen Polit-Zirkel häufig verwendet worden sein. Wenn einer der Damen und Herren der Gesellschaft für deutsche Sprache einmal auf einen Marktplatz in einem durchschnittlichen deutschen Dorf gegangen wäre und gefragt hätte, ob die Bürger mit dem Wort GroKo etwas anfangen können, hätten die Sprachtheoretiker gesehen, dass sie längst schon in einer Medien-Blase schwimmen – deren Sprache mit der Sprache der Leute nichts mehr zu tun hat.

Die gesamte Liste zeigt eine Weltfremde, die erstaunlich ist:

1. GroKo
2. Protz-Bischof
6. Ausschließeritis
7. Generation Sandsack
3. Armutseinwanderung
8. Ausländermaut
4. Zinsschmelze
9. falsche Neun
5. Big Data
10. »Freund hört mit«

Die Jury sollte weniger Zeitung lesen und fernsehen, sondern Feldforscher aussenden, die über Social Media und mit leibhaftigen Menschen sprechen. Dann würden die Experten einen Eindruck bekommen, wie sich die deutsche Sprache wirklich entwickelt.

Eine reine Medien-Reflexion dagegen verzettelt sich in der Welt der Sprachhülsen und Allgemeinplätze einer blutleeren, abgehobenen Parallel-Welt. Diese Sprache ist eine Kunstsprache. Eine um Qualität bemühte Gesellschaft für die deutsche Sprache sollte über den Medien stehen – gerade, weil sie zu großen Teilen vom Steuerzahler finanziert wird!

Die deutsche Sprache ist langlebiger als die Schlagzeile über das Wort des Jahres.

Die Gesellschaft will, dass die Worte eine Art Jahreschronik darstellen.

Das ist dieses Jahr misslungen: Die Worte sind ein Panoptikum aus dem Elfenbein-Turm einer artifiziellen Kommunikations-Maschinerie.

Als solche freilich sind sie vielsagend.  

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Die Begründung der Jury:

Für sehr viele sprachliche Kreationen hat im Jahr 2013 auch die katholische Kirche gesorgt. So gelangte auf Platz 2 der als Protz-Bischof weit über die Grenzen des Bistums Limburg bekannt gewordene Franz-Peter Tebartz-van Elst.

Auf Platz 3 steht sozusagen als Gegenpol zu Protz und Prunk die Armutseinwanderung, einerseits aus Krisengebieten in Afrika nach Europa, andererseits innerhalb Europas aus Ländern wie Rumänien und Bulgarien, aus denen sich viele Menschen auf die Suche nach einer besseren Zukunft in Deutschland oder einem anderen wohlhabenden Land machen.

Aber auch in den wohlhabenderen EU-Staaten machen sich viele Menschen Sorgen, weil die Eurokrise kein Ende nehmen will. Im Fokus der Medien standen in diesem Jahr oft die Folgen der Geldpolitik für die Bürgerinnen und Bürger, denen die Maßnahmen der EZB sinkende Sparzinsen oft unter der Inflationsrate bescheren und somit auf Platz 4 unserer Liste für eine Zinsschmelze sorgten.

Ein Thema, von dem sich viele Menschen eigentlich nicht betroffen fühlten, war die Überwachung ihrer persönlichen Daten durch Geheimdienste. Im Zuge der NSA-Affäre rückte in diesem Jahr stark ins allgemeine Bewusstsein, wie sich das Überwachen, Zusammentragen und Zusammenführen von Daten, Big Data (Platz 5), auch auf das Leben jedes Einzelnen auswirken kann.

Auf Platz 6 steht ein Wort, das in innenpolitischen Zusammenhängen sehr häufig verwendet wurde: Ausschließeritis. Die Bildung erinnert an Bezeichnungen von Krankheiten, die ja häufig auf -itis enden, und beschreibt im übertragenen Sinne auch so etwas wie eine politische Krankheit: Wenn eine Partei ihre eigenen (Ver-)Handlungsmöglichkeiten dadurch beschränkt, dass sie schon vor den Wahlen bestimmte Bündnisse kategorisch ausschließt, leidet sie an: Ausschließeritis, was im Jahr 2013 zunehmend als zu überwindendes Übel angesehen wurde.
Auch in diesem Jahr gab es in Deutschland wieder Unwetter mit großer Zerstörungskraft, unter anderem die Flut in Bayern und östlichen Bundesländern. Im Unterschied zu den letzten großen Überschwemmungen formierte sich in diesem Jahr mit Hilfe von Social Media neben der offiziellen Hilfe eine »Welle« der Solidarität vor allem durch junge Menschen, die als Generation Sandsack (Platz 7) schnell dort half, wo große Not war.

Ein besonderes Aufregerthema in der Politik und in der Bevölkerung war dieAusländermaut auf Platz 8, die im Wahlkampf für großes Gezerre sorgte. Zwar sollten deutsche Autofahrer (und mithin Wähler) dadurch beruhigt werden, dass sie als Einheimische ja nicht für die Benutzung deutscher Autobahnen zur Kasse gebeten würden, aber die Diskussion um die formale und juristische Umsetzung dürfte uns – ob Aus- oder Inländer – im kommenden Jahr weiterhin beschäftigen.

Ein Blick sowohl in die jüngere sportliche Vergangenheit als auch voraus in das Jahr der Fußball-WM 2014: Platz 9 belegt – die falsche Neun. Diese strategische Spielweise ohne klassischen Mittelstürmer hat die spanische Nationalmannschaft zum Welt- und Europameisterschaftssieg geführt und wird mittlerweile von vielen Vereinsmannschaften praktiziert. Taktisch ist die so genannte falsche Neun also offenbar nicht so falsch, wie die Bezeichnung vermuten lässt.

Die NSA-Affäre war wohl eines der Ereignisse, die das Jahr 2013 am meisten geprägt haben. In Abwandlung des Slogans »Feind hört mit« aus dem Dritten Reich, der in der DDR auf ironische Weise auch auf die Stasi angewendet wurde, erfreute sich die Variante »Freund hört mit« (Platz 10) – in diesem Fall bezogen auf US-amerikanische und britische Geheimdienste – in den Medien großer Beliebtheit.

Zur Methode schreibt die Gesellschaft:

Die Wörter des Jahres 2013 wurden am 13. Dezember 2013 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bekannt gegeben. Wie in den vergangenen Jahren wählte die Jury, die sich aus dem Hauptvorstand sowie den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gesellschaft zusammensetzt, aus diesmal knapp 2500 Belegen jene zehn Wörter und Wendungen, die den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt und das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben sprachlich in besonderer Weise begleitet haben.

Nicht die Häufigkeit eines Ausdrucks, sondern seine Signifikanz bzw. Popularität stehen bei der Wahl im Vordergrund: Auf diese Weise stellen die Wörter eine sprachliche Jahreschronik dar, ihre Auswahl ist dabei jedoch mit keinerlei Wertung oder Empfehlung verbunden.

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