Ariel Sharon: Kriegsherr, Falke, Friedens-Aktivist

Ariel Sharon ist tot. Er war eine der prägenden Figuren Israels. Sein Leben symbolisierte den Spannungsbogen, in dem sich der Jüdische Staat seit seiner Gründung befand: Vom Kampf mit der Waffe für das eigene Volk - bis zur Sehnsucht nach Frieden, die sich bis heute nicht erfüllt hat.

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Ariel Scharon war Feldherr vieler Schlachten und ein Politiker mit vielen Gesichtern: Kämpfer und nicht selten Sieger in allen Kriegen seit der Staatsgründung Israels, avancierte der 1928 im damaligen britischen Mandatsgebiet und heutigem Israel geborene Sohn weißrussischer Einwanderer schon in jungen Jahren zu einer der bestimmendsten und kontroversesten Figuren Israels.

Protegiert von Staatsgründer David Ben-Gurion machte sich Scharon einen Namen als ebenso brillanter wie rücksichtsloser Kriegsherr. „Ein israelischer Cäsar“ lautet entsprechend der Titel einer Scharon-Biografie. Im Sechstagekrieg von 1967 war es Scharons Einheit, die den Sinai eroberte, im Yom-Kippur-Krieg von 1973 war es abermals der schon aus dem Ruhestand zurückgerufene Panzergeneral Scharon, der durch die Überquerung des Suez-Kanals auf eigene Faust dem von den arabischen Nachbarn zur Vernichtung des jüdischen Staates angezettelten Krieg eine entscheidende Wende gab. Dieser Coup brachte Scharon weit über das nationalistische Lager hinaus Respekt und Verehrung ein. Der Mythos von Scharon als Retter und Beschützer des jüdischen Staates war endgültig zementiert. Für seine arabischen Feinde war Scharon dagegen schlichtweg ein Staatsterrorist.

Seine kompromisslose Härte und sein Hang zu unkontrollierbaren Alleingängen kostete den nicht allein wegen seiner massigen Figur „Bulldozer“ genannten General mehr als einmal die Karriere. Als 1982 christliche Milizen in den libanesischen Flüchtlingslagern Sabrah und Schatila unter den Augen der israelischen Besatzer Massaker an Hunderten Zivilisten verübten, musste Scharon als Verteidigungsminister zurücktreten. Eine Kommission gab ihm eine persönliche Mitverantwortung an dem Verbrechen. Scharon selbst nannte dies später sein „Kainsmal“.

Doch so wie Scharon sich von zahlreichen privaten Rückschlägen – sein elfjähriger Sohn wurde bei einem Unfall mit einem ungesicherten Gewehr auf seiner Farm erschossen, seine erste Frau starb bei einem Autounfall, seine zweite Frau erlag einem Krebsleiden – immer wieder erholte, so rappelte er sich auch von politischen Niederlagen stets wieder auf. Nach und nach bekleidete er zahlreiche Ministerposten und nutzte sie alle für seine Sache: Als Landwirtschaftsminister forcierte er massiv den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten – auch das trug zum Spitznamen „Bulldozer“ bei. Unvergessen sein provokanter Ausspruch als Außenminister 1998 kurz vor neuen Verhandlungen in den USA über eine künftige Landaufteilung: An die Adresse der Siedler sagte er, sie sollten „rennen und sich soviel Land wie möglich greifen, um die Siedlungen zu vergrößern. Alles, was wir jetzt nehmen, wird später unser bleiben, alles, was wir nicht nehmen, geht an sie (die Palästinenser).“

Doch es war derselbe Scharon, der sich nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten 2001 mit seiner konservativen Likud-Partei überwarf, sie gar verließ, weil er den einseitigen und bedingungslosen Rückzug Israels aus dem ebenfalls 1967 eroberten Gaza-Streifen wollte, inklusive der Aufgabe aller Siedlungen dort. Ein radikalerer Kurswechsel war kaum vorstellbar, und Scharon nannte seine Entscheidung in der historischen Parlamentssitzung darüber im Oktober 2004 „unerträglich schwer.“ In seiner gesamten Laufbahn als Soldat und Politiker habe er niemals eine so schwierige Entscheidung zu treffen gehabt. „Als jemand, der in allen israelischen Kriegen gekämpft und aus eigener Erfahrung gelernt hat, dass wir ohne Stärke keine Chance auf ein Überleben in dieser Region haben, die keine Gnade mit den Schwachen kennt, habe ich doch auch aus Erfahrung gelernt, dass das Schwert allein diesen bitteren Streit in diesem Land nicht entscheiden kann“, sagte Scharon. Der bedingungslose Abzug aus Gaza könne „uns auf dem Pfad des Friedens mit den Palästinensern und unseren anderen Nachbarn“ voranbringen, so die Worte des einstigen Scharfmachers. Zuviel für seinen innerparteilichen Gegenspieler, den damaligen Finanzminister Benjamin Netanjahu. Der heutige Regierungschef trat wenige Monate später aus Protest gegen Scharon zurück. Scharon seinerseits verließ kurz nach dem Gaza-Abzug den Likud und kündigte seinen Rücktritt sowie Neuwahlen an, bei denen er an der Spitze seiner neuen Bewegung „Kadima“ (Vorwärts) antreten würde. Die Wahl im März 2006 gewann Kadima mit großem Abstand und mehr als doppelt so vielen Mandaten wie der Likud. Doch die Früchte dieses Triumphes konnte Scharon nicht mehr einfahren. Schon kurz nach der Kadima-Gründung hatte er 2005 einen kleineren Schlaganfall erlitten. Im Januar 2006 erlitt er starke Hinblutungen. Seitdem lag er im Koma. Die Amtsgeschäfte übernahm sein Stellvertreter Ehud Olmert, der ihm auch im Amt nachfolgte.

Mit Scharon verlor Israel einen der letzten Politiker jener Gründergeneration, die über die Autorität verfügten, extrem schwierige Entscheidungen wie Zugeständnisse für einen Nahost-Frieden glaubhaft durchzusetzen. Als letzter dieser Generation wird der 90-jährige Präsident Schimon Peres nicht müde, für eine Zweistaatenlösung zu werben. Es war der frühere „Falke“ Scharon, der den Friedensnobelpreisträger Peres 2006 nach 60-jähriger Mitgliedschaft in der Arbeitspartei zum Übertritt in seine Kadima überzeugt hatte.

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