Türkei: Investoren verlieren das Vertrauen in Erdoğan

Die internationalen Kapitalgeber zweifeln an der Fähigkeit der türkischen Regierung, die Lage im Land unter Kontrolle zu bringen. Der türkische Premier Erdoğan bemüht sich unterdessen in Brüssel um Schadensbegrenzung.

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Die türkische Zentralbank sieht sich immer stärkerem Druck von immer mehr Stressfaktoren ausgesetzt. Seit Monaten versucht die Bank, die Auswirkung des angekündigten fiskalischen Rückzuges der Federal Reserve Bank einzudämmen. Auch die Korruptionsaffäre hat verheerende Auswirkungen auf die türkischen Märkte.

Vergangene Woche fiel die Lira von einem Rekord-Tief zum nächsten. Die Währung notierte gegenüber dem Dollar bei 2.2515 Einheiten. Gleichzeitig steigt die Staatsverschuldung auf ein in anderthalb Jahren nicht erreichtes Hoch. Dies bedeutet einen Fall von zehn Prozent seit dem Beginn der Korruptionsaffäre. Damit ist die Lira die unzuverlässigste aller bedeutenden Währungen.

Die bisherige Devisenmarkt-Intervention hat bislang keine durchschlagende Effekte gezeigt. Eine Devisenmarkt-Intervention ist ein Eingriff der Zentralbank zur Stützung einer Währung mithilfe des Verkaufs fremder Währungen.

Die Korruptionsaffäre wirkt sich nach einer Analyse Delphine Strauss’ für die Financial Times ebenfalls aus: Ausländische Investoren verlieren das Vertrauen in das vom türkischen Staat geschaffene Rahmenumfeld. Wenn durch Versetzungen und Entlassungen von Polizeichefs, Richtern und Staatsanwälten der rechtstaatliche Rahmen gefährdet ist, erhöht sich das Risiko für Investitionen. In diesem Zusammenhang steht auch die Ankündigung von Fitch, bei einer Verschlimmerung der innenpolitischen Situation das Rating für die Türkei herabzusetzen.

„Die gegenwärtige Schlacht um die Unabhängigkeit der Justiz und über Korruption ist zentral wichtig für das zukünftige Business-Umfeld, für Investment und wahrscheinlich auch für die zukünftige Bewertung von Entwicklung und Wachstum“, so Tim Ash, Ökonom der Standard Bank.

Die schwierige Lage rührt unter anderem daher, dass Analysten wie Ash eine Erhöhung des Leitzinses fordern, der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan aber genau dies als ein Zurückweichen türkischer Interessen gegenüber angeblichen Verschwörern deutet und dies folglich der türkischen Zentralbank nicht erlaubt.

Aber Ash steht nicht allein. „Wahrscheinlich keine dieser (bisherigen, Anm. d. Red.) Maßnahmen (…) werden an der materiellen Lücke türkischer Anlagen etwas ändern“, so Wirtschaftsstrategen von Brown Brothers Harriman.

Einige türkische Analysten wie Tevfik Aksoy von Morgan Stanley sind jedoch zuversichtlich, dass die Zentralbank angesichts immer höherer Inflation bald gezwungen sein wird, die Zinsen zu erhöhen. Sie warteten nur auf eine Entspannung der innenpolitischen Lage.

„Es gibt keine Garantie dafür, dass weitere Verwicklungen auf der politischen Bühne nicht in zusätzlicher Abschwächung der Währung münden und letztlich jede Bemühung konterkarieren“, so Aksoy.

Analysten der Berater-Firma Global Source behaupten, fernab jeglicher Politik könnte sich die Zentralbank auch bewusst für eine schwächere Lira und mit der folgerichtigen höheren Inflation entscheiden, weil dies als das kleinere Übel gegenüber steigenden Zinsen gesehen wird.

Letztlich beantwortet sich die Frage nach der Zweckmäßigkeit der beiden Lösungsansätze danach, wie die Investoren darauf reagieren. Allerdings ist ebenfalls entscheidend, wie lange mögliche negative Effekte auf die türkische Wirtschaft wirken.

Dazu sagt Türker Hamzaoğlu, ein Ökonom der Bank of America Merrill Lynch, dass die Ökonomie „die Chance hätte, diesen Schock zu verkraften, sofern sich die Turbulenzen als flüchtig erweisen“. Nur eine langanhaltende Inflations-Krise könnte sowohl die Bilanz der Unternehmen verschlechtern als auch die Kapitalflucht beschleunigen.

Bis jetzt speist sich die Schwäche der Währung im Wesentlichen durch türkische Firmen und Banken sowie von Haushalten, die aufgrund des Vertrauensverlustes in Dollar flüchten. Murat Üçer von Global Source behauptet, dass „Problem der Lira erwächst aus Einwohnern, die sich sehr wenig für Schwellenmärkte und politische Kriegsführung in Ankara interessieren. Sie wollen einfach nur gutes Geld für ihre Ersparnisse haben.“

Noch ist laut der türkischen Zentralbank der Anteil an ausländischen Investoren an türkischem Kapital nur mäßig gefallen – von 66 Prozent im Mai zu 62 Prozent nach neuesten Daten. Im Mai hatte die Fed ihrenWechsel hin zu einer defensiveren Fiskalpolitik angedeutet.

In den vergangenen Jahren versuchte die Türkei Werbevorstöße in Richtung nahöstliche und asiatische Investitionen. Jegliche Versuche zur Anlockung und Erhaltung von Investitionen würden jedoch durch eine Panik der Investoren zunichte gemacht. Starke Schwankungen in der Währung könnten den kritischen Grund für diese Panik darstellen.

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