Türkei: Erneut schwere Ausschreitungen in Istanbul

Zwei Tage nach dem Tod des 15-jährigen Berkin Elvan kam es erneut zu gewaltsamen Protesten. Grund ist der Tod eines jungen Mannes in der vergangenen Nacht. Die genauen Umstände sind bisher völlig unklar.

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Auch am Donnerstag ist es in Istanbul zu Auseinandersetzungen gekommen. Diesmal gerieten zwei Gruppierungen im Stadtteil Kasımpaşa aneinander. Die Stimmung heizte sich kurz vor der Beerdigung eines jungen Mannes auf, der am Rande einer Demonstration für das 15-jährige Gezi Park Opfer Berkin Elvan erschossen wurde.

Am Nachmittag hatten sich Tausende in Kasımpaşa versammelt, um gemeinsam nach Okmeydanı zu marschieren. Dort war der 22-jährige Burak Can Karamanoğlu im Zuge einer Schießerei, die am späten Mittwochabend gegen 22.30 Uhr zwischen zwei rivalisierenden Gruppen losgebrochen sein soll, getötet worden. Bei dem Vorfall wurden zwei weitere junge Männer verletzt.

„Ein junger Mann, der als Burak Can Karamanoğlu identifiziert wurde, starb infolge eines Streites, der schließlich in einem Kampf mündete und in dem auch Schusswaffen zum Einsatz kamen“, zitiert die türkische Zeitung Hürriyet eine Erklärung des Gouverneurs von Istanbul. Noch scheinen die exakten Umstände des Todes von Karamanoğlu nicht klar. Polizeibeamte sollen sich zur Tatzeit aber nicht dort aufgehalten haben.

Der Vater des Opfers wies Behauptungen, wonach es vor dem Zwischenfall einen Streit gegeben haben soll, jedoch zurück. Er selbst ist überzeugt, dass sein Sohn durch eine „verirrte Kugel“ starb, die von Demonstranten abgefeuert wurde. „In der Nachbarschaft, in der wir leben, passiert so etwas nicht“, sagte Halil Karamanoğlu den Reportern vor dem Gerichtsmedizinischen Institut, in dem die Autopsie seines Sohnes durchgeführt wurde. Das Ganze sei nur 200 Meter von seinem Wohnort entfernt geschehen. Eine Gruppe von Leuten sei vorübermarschiert, als die Lichter in den Straßen aus waren. Sein Sohn habe sich lediglich seinen Freunden angeschlossen, um die Proteste anzusehen. Arm in Arm hätten die Drei die Demonstranten vom Straßenrand aus beobachtet. Dann seien sie angegriffen worden. Das Ganze sei binnen fünf Minuten geschehen. Halil Karamanoğlu mahnte die Mengen während der Beerdigung seines Sohnes zur Zurückhaltung. Er habe weder mit den Rechten noch den Linken etwas zu schaffen.

Dursun Eker, ein Verwandter des Getöteten, stellt sich ebenfalls gegen die Version des Gouverneurbüros. Einen Kampf zwischen rivalisierenden Gruppen soll es nicht gegeben haben. Der 22-Jährige sei gestorben, nachdem Unbekannte in der Menge das Feuer eröffnet hätten. Ihm zufolge sollen der junge Mann und seine Begleiter auch keine Schlagstöcke bei sich gehabt haben, wie ebenfalls behauptet wurde.

Die Gegend, in der der 22-jährige ums Leben kam, gilt als eine der sensibelsten Areale der Stadt. Okmeydanı ist ein Arbeiterviertel, in dem Menschen aus verschiedenen Regionen und Religionen zusammen leben. Viele Aleviten haben dort ein Zuhause gefunden und viele linke Gruppen erfahren hier starke Unterstützung. In Kasımpaşa ist die Bevölkerung eher konservativ mit Verbindungen zu nationalistischen oder religiösen Gruppen. Von hier stammt auch der türkische Premier.

In der vergangenen Nacht kam es zu teils heftigen Ausschreitungen in der gesamten Türkei. Der exzessive Tränengas-Einsatz forderte auch ein Opfer in den Reihen der Polizei. Bei Ausschreitungen in der türkischen Provinz Tunceli erstickte der Beamte Ahmet Küçüktağ an den Folgen von Tränengas-Einwirkung.

Erdoğan gerät nur wenige Tage vor den Kommunalwahlen immer mehr unter Druck. Der Vater des am Dienstag verstorbenen 15-jährigen Gezi Park Opfers, Berkin Elvan, erhebt schwere Vorwürfe gegen ihn und verlangt, dass er den Mörder seines Sohnes umgehend präsentiere. Am Mittwoch trat der Premier in Mardin erneut verbal um sich, in dem er erklärte:

„Der Versuch, die Straßen 18 Tage vor den Wahlen in Brand zu stecken, ist keine demokratische Haltung. Ich appelliere an die Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften und NGOs, die solche Vorfälle provoziert haben, Verantwortung zu zeigen. Wer Probleme hat, der sollte sie am 30. März an der Urne lösen.

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