Studie: Grippemittel Tamiflu ist ein Placebo

Im Vergleich zu einem Placebo verkürzt Tamiflu eine Grippe-Erkrankung um genau einen halben Tag. Das Medikament sei „hinausgeworfenes Geld“, so die Studie internationaler Wissenschaftler. Die Bundesländer orderten es zu Hochzeiten der Schweinegrippe und blieben auf Tamiflu im Wert 240 Millionen Euro sitzen.

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Eine Gruppe internationaler Wissenschaftler bezweifelt die Wirksamkeit des Roche-Grippemedikaments Tamiflu. Das Medikament wirke nur schwach, erklärten Wissenschaftler des Forschungsnetzwerks Cochrane Review in einer Untersuchung, die am Donnerstag im British Medical Journal veröffentlicht wurde. Nebenwirkungen wie Schnupfen, Kopfschmerzen und Brechreiz seien bisher zu wenig beachtet worden. Der Roche-Konzern, der mit Tamiflu Milliarden-Umsätze machte, wies die Schlussfolgerungen der Wissenschaftler zurück. Tamiflu sei weltweit von 100 Aufsichtsbehörden geprüft worden. Es sei ein effizientes Medikament zur Behandlung und Vorbeugung von Grippe, erklärte der Basler Konzern. Die Wissenschaftler hätten nur 20 von insgesamt 77 Tamiflu-Studien berücksichtigt.

Das Medikament wurde bei Roche zu einem Umsatzrenner, nachdem 2003 in Hongkong das Vogelgrippe-Virus entdeckt wurde und 2009 die Angst vor einer Schweinegrippe-Pandemie umging. Viele Regierungen legten Notvorräte an. Allein die amerikanische Regierung kaufte Tamiflu für mehr als 1,3 Milliarden Dollar. Das sei hinausgeworfenes Geld gewesen, sagte der Oxford-Professor Carl Henegan. Die Daten würden zeigen, dass Tamiflu eine Grippe im Vergleich zu einem sogenannten Placebo-Mittel höchstens um gut einen halben Tag verkürze und Nebenerkrankungen wie Lungenentzündung und Ohreninfektionen nicht verhindere.

Auch die deutsche Regierung ließ sich damals von der Panik anstecken und orderte 34 Millionen Impfstoff-Dosen. Die Nachfrage war gering und die Impfstoffe verfielen. Die Bundesländer blieben auf Impfstoffen im Wert von 239 Millionen Euro sitzen und mussten obendrein noch für die Vernichtung aufkommen (mehr hier).

Nach der Umsatzspitze bei fast drei Milliarden Dollar im Jahr 2009 gingen die Verkäufe zurück. Im letzten Jahr nahmen die Basler mit Tamiflu umgerechnet noch gut 700 Millionen Dollar ein. Der nun veröffentlichten Studie ging ein mehrjähriger Streit voraus. Die Cochrane-Wissenschaftler warfen Roche vor, Tamiflu-Untersuchungsergebnisse zurückzuhalten. Ein Sprecher der Schweizer Medikamenten-Zulassungsbehörde sagte, es gebe „keinen akuten oder dringlichen Anlass“, die Anwendungsvorschriften für das Medikament zu ändern. Nach Ansicht der EU-Arzneimittelbehörde (EMA) ändert die Cochrane-Studie nichts daran, dass der Nutzen von Tamiflu die Risiken überwiegt.

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