Ökonom Bagus: „Massive Umverteilung von Sparern zu Schuldnern in Europa“

Der Ökonom Philipp Bagus glaubt, dass das Deflations-Gespenst in Europa vor allem im Interesse der Schulden-Staaten geschürt wird: In einer echten Deflation verlieren nämlich die Schuldner - sie wünschen sich daher eine Inflation. Nun soll in der Euro-Zone mehr Geld gedruckt werden, um die Umverteilung zu beschleunigen. Bagus glaubt, dass die Euro-Staaten den nächsten Schub der Krise nutzen werden, um die Schulden-Union durchzusetzen.

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Italiens Matteo Renzi und Griechenlands Antonis Samaras kommt das Gelddrucken der EZB zugute: Sie können weiter Schulden machen. (Foto: consilium)

Italiens Matteo Renzi und Griechenlands Antonis Samaras kommt das Gelddrucken der EZB zugute: Sie können weiter Schulden machen. (Foto: consilium)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten:Aus dem Umfeld von EZB und IWF wird immer häufiger die Gefahr einer Deflation in der Euro-Zone beschworen. Sehen Sie diese Gefahr?

Philipp Bagus: Sicherlich besteht die Möglichkeit, dass in einigen Bereichen, die Preise fallen. Produkte und Dienstleistungen könnten in der Tat billiger werden, vielleicht 1 oder 2 Prozent in diesem Jahr. In anderen Bereichen steigen die Preise jedoch, Energiepreise klettern, Immobilien in Deutschland verteuern sich und Aktienmärkte haussieren. Die Preisdeflation würde ich jedoch nicht abwertend als Gefahr bezeichnen. Für den Großteil der Bevölkerung wäre es eine Wohltat, wenn sich viele Dinge des täglichen Gebrauchs verbilligten. EZB und IWF sehen das natürlich anders. Sie haben eine andere Klientel, sie schauen vor allem auf die Interessen von überschuldeten Banken und Staaten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie kann eigentlich wirklich bestimmt werden, wann es eine Deflation gibt? Durch das unbegrenzte Gelddrucken aller Zentralbanken auf der Welt können die ja eigentlich alles behaupten…

Philipp Bagus ist Professor für VWL in Madrid. (Foto: Philipp Bagus)

Philipp Bagus ist VWL-Professor  in Madrid. (Foto: P. Bagus)

Philipp Bagus: Jede Messung einer Teuerungsrate ist letztlich willkürlich. Welche Dinge sollen in den Warenkorb, mit welchem Gewicht? Wann soll die Gewichtung geändert werden? Sollen Qualitätsänderungen berücksichtigt werden? Es gibt sehr viel Raum für Manipulationen. Generell wir die Gewichtung von Gütern, die teurer werden, einfach verringert, und imaginäre Preissenkungen in Form von Qualitätsverbesserungen verrechnet. Das nennt man dann wissenschaftlich Substitutionseffekt und hedonistischer Preisindex. Dazu kommt: Vermögenspreise werden normalerweise gar nicht berücksichtigt. Dafür sind im Statistischen Warenkorb Nahrungsmittel mit 10,3 Prozent und Stromkosten mit 2,6 Prozent gewichtet. Die meisten Normalbürger werden wohl mehr für Nahrungsmittel und Stromkosten ausgeben. Das ist alles, nur nicht wissenschaftlich. Im Grunde hat jeder Mensch seinen eigenen, sich stets ändernden Warenkorb.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wenn es sich um eine echte Deflation handelte – welche Folgen hätte diese?

Philipp Bagus: Deflation verstanden als allgemein fallende Preise ist gesamtwirtschaftlich gar nicht problematisch. Das sieht man auch im Technologiesektor, in dem seit Jahren, viele Preise fallen. Entscheidend ist nämlich, dass eine positive Gewinnspanne anfällt, was bei höheren und niedrigeren Preisniveaus möglich ist. Oft wird vergessen, dass in einer Preisdeflation nicht nur die Verkaufspreise fallen, sondern auch die Einkaufspreise (Kosten). Da die Kosten im Technologiesektor schneller fallen als die Verkaufspreise, floriert er. Stellen wir uns ein Unternehmen vor, dass dieses Jahr €100.000 Umsatz und €80.000 Kosten hat. Wenn nächstes Jahr der Umsatz auf €50.000 und die Kosten auf €40.000 fallen, dann läuft es auf das gleiche hinaus. Natürlich führt eine Preisdeflation zu einer Umverteilung, denn nicht alle Preise fallen gleich schnell. Unternehmen und Haushalte, deren Einkaufspreise (Ausgaben) schneller fallen als ihre Verkaufspreise (Einnahmen), profitieren in einer Preisdeflation. Unternehmen und Haushalte, deren Einkaufspreise (Ausgaben) langsamer fallen als ihre Verkaufspreise (Einnahmen), verlieren in einer Preisdeflation. Was der eine verliert, gewinnt der andere. Gesamtwirtschaftlich gibt es kein Problem.

Auch die Schuldner verlieren in einer Preisdeflation. Es wird schwieriger, die Schulden zu bedienen. Jedoch gewinnen die Gläubiger; die Kaufkraft ihrer Zinseinnahmen steigt. Und gehen die Schuldner Konkurs, übernehmen die Gläubiger die als Pfand hinterlegten Vermögenswerte. Geht beispielsweise ein Fabrikant ausschließlich wegen Überschuldung bankrott, können die Gläubiger das Unternehmen übernehmen und weiterführen. Die Gesellschaft insgesamt ist nicht ärmer. Die Fabrikhalle, die Maschinen, der Fuhrpark und das geschulte Personal verschwinden ja nicht durch den Eigentumswechsel.

Natürlich liegt es im Interesse der Schuldner, die in einer Preisdeflation verlieren, das Deflationsgespenst an die Wand zu malen und als Abhilfe eine Geldmengenerhöhung zu fordern. Und überschuldet sind heute viele, vor allem Banken und Staaten. Sie könnten in einer Preisdeflation leicht zusammenbrechen. Da wundert es nicht, dass vor allem die Regierungen Südeuropas die EZB zum Handeln auffordern. Sie solle die Deflationsgefahr mit einer neuen Geldschwemme bekämpfen. Die Regierungen verschweigen dabei natürlich, dass sie als Erstempfänger des neuen Geldes davon profitieren, auf Kosten von Sparern, Beziehern fester Einkommen und Geldnutzern. Die angebliche Deflationsgefahr wird also instrumentalisiert, um weiteres Geld-Drucken und damit eine massive Umverteilung mittels der Notenpresse auf Kosten der breiten Masse, der kleinen Leute, zu rechtfertigen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ist durch das viele künstliche Geld im Kreislauf eine wirksame Steuerung eigentlich noch möglich?

Philipp Bagus: Generell funktionieren Sozialismus und zentrale Planwirtschaft nicht. Auch nicht beim Geld. Ein Zentralkomitee soll den optimalen Zinssatz und die optimale Geldmenge bereitstellen und so die Wirtschaft steuern. Dabei ist der Zinssatz der für die volkswirtschaftliche Koordination wichtigste Preis. Ihn zentral zu manipulieren, führt zu großen Verwerfungen; die Finanzkrise bietet da vielseitigen Anschauungsunterricht. Zurzeit wandert das neu geschaffene Geld hauptsächlich an die Vermögenspreismärkte; es treibt Immobilienpreise und Aktienkurse. Die Finanzmarktspieler sind abhängig geworden von dem neuen Geld und den hohen Preisen. Das Banken- und Finanzsystem würde einen Crash nicht überstehen. Preisstürze erlauben die Notenbanken daher nicht, sondern pumpen immer weiteres Geld in die Märkte. Die Blasen verselbständigen sich. Fließt das Geld einmal massiv in die Realwirtschaft, werden auch die restlichen Preise der Volkswirtschaft nach oben schießen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Folgen wird das geplante Ankaufprogramm der EZB haben?

Philipp Bagus: Wird das Programm zum Ankauf von Wertpapieren in Höhe von 1 Billion Euro realisiert, können sich zunächst einmal die Glückspilze freuen, die ihre Papiere zu überhöhten Preisen an die EZB abstoßen können. Sie erhalten das neue Geld ja als erste. Generell werden die Finanzmarktakteure bei der neuen Geldspritze jubilieren. Denn das Geld wird an den Finanzmärkten erst mal auf breiter Front weiter die Preise hochtreiben, die Zinsen der Kleinsparer werden weiter künstlich gedrückt. Das neue Geld wirkt auch dem Restrukturierungs- und Finanzmarktverkleinerungsprozess entgegen. Die Finanzmärkte würden in ihrem aufgeblähten Niveau weiter stabilisiert. Die Luft soll ja nicht aus der Finanzmarktblase entweichen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Japan sehen wir aktuell, dass auch das wildeste Geld-Drucken nichts nutzt. Was müssen wir aus Japan lernen?

Philipp Bagus: Allgemein: Gelddrucken macht uns keinen Deut reicher. Im Besonderen: Die keynesianischen Rezessionsrezepte von defizitfinanzierten Staatsausgaben und expansiver Geldpolitik funktionieren nicht. Seit über 20 Jahren wird das gleiche probiert. Staatsdefizit und Gelddrucken. Immer wilder. Die Folge ist eine Zombiewirtschaft. Strukturen, Unternehmen und Banken werden künstlich mit neuem Geld am Leben erhalten. Wertvolle Ressourcen stecken in Fehlinvestitionen fest. Die Restrukturierung und vollständige Gesundung der japanischen Wirtschaft wird so ständig sabotiert. Nun gibt es in Japan einen riesigen Staatsschuldenberg, ein Handelsdefizit, und eine Wirtschaft, die vom immensen zukünftigen Geld-Druck-Orgien abhängig ist. Die perfekte Mischung für einen Vertrauensverlust in das Staatsgeld.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Offenbar brauchen etliche Banken noch mehr Geld. Kann weiteres billiges Geld Banken-Pleiten verhindern?

Philipp Bagus: Weiteres billiges Geld erlaubt es den Banken, die sich kurzfristig verschulden, um langfristig zu investieren, liquide zu bleiben. Sie können auf diese Weise die in ihren Bilanzen versteckten Leichen refinanzieren. Letztlich führt das billige Geld jedoch zu einer gefährlichen Abhängigkeit, neuen Fehlinvestitionen und Blasen. Und wenn die daraus resultierenden Verluste in der nächsten Krise offensichtlich werden, hat die Stunde der Wahrheit geschlagen. Dann werden Bank-Pleiten kaum noch zu verhindern sein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Südeuropa sinken die Preise, im Norden nicht. Welche Rolle spielt der Euro in diesem Ungleichgewicht?

Philipp Bagus: Schön wär´s. Ich lebe ja im Süden, in Spanien. Von sinkenden Preisen spüre ich nicht viel. Energie und Lebensmittel werden teurer, Löhne und Mieten sinken. Die Immobilien- und auch die Staatsblase in Spanien und anderen südeuropäischen Ländern sind in erster Linie auf die expansive Geldpolitik der EZB zurückzuführen. Der Euro hat diese Entwicklung noch verschärft. Denn die Gemeinschaftswährung hat die Zinsen im Süden massiv fallen lassen. Die Inflationserwartungen fielen, da ja die EZB als Kopie der harten Bundesbank verkauft wurde. Auch die Risikoaufschläge gingen im Süden zurück, da man davon ausging -heute wissen wir zu Recht-, dass im Härtefall die Südländer von Deutschland gerettet werden würden. Die für südländische Verhältnisse historisch niedrigen Zinsen entfachten einen gewaltigen Kreditboom. Im Zuge der Immobilien-, Finanz- und Staatsblasen stiegen Mieten und Löhne besonders stark. Dies wird nun langsam korrigiert. Mieten und Löhne fallen. In Deutschland, an dem der Kelch der Immobilienblase vorüberging, sind diese Anpassungen nicht notwendig.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Europa gibt es keine maßgeblichen politischen Kräfte, die den Euro in Frage stellen: Bedeutet das, dass die volle Währungsunion in der nächsten Phase durch eine massive Umverteilung (gemeinsame Schuldenhaftung) erzwungen werden wird?

Philipp Bagus: Wir sind ja schon in einer massiven Umverteilung: es geht von Sparern zu Schuldnern, von Nord nach Süd, von Geldnutzern zu Regierungen, von Besonnenen zu Unverantwortlichen, von der Realwirtschaft zur Finanzindustrie, von kleinen Leuten zu Plutokraten. Die gemeinsame Schuldenhaftung wird auch immer mehr zur Realität über den Umweg über Draghi´s Notenpresse. Aber es stimmt: Noch sind nicht alle Dämme gebrochen. Es gibt noch einen Weg zurück. Und die Gefahr besteht, dass die Reformbemühungen unzureichend bleiben und beim nächsten Krisenschub der Club Med unter der Führung Frankreichs die komplette Schuldenunion durchsetzt. Das wird dann wieder als alternativlos verkauft werden, denn sonst, so wird man uns drohen, würde das ganze Finanzsystem zusammenbrechen und uns alle in den Abgrund ziehen, unsere Ersparnisse wären verloren. Dem gilt es Widerstand zu leisten.

Philipp Bagus ist Professor für VWL an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Am 9. Mai erscheint im FinanzBuch Verlag sein neues mit Andreas Marquart verfasstes Werk „Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden – und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen.“ Sein Buch „Die Tragödie des Euro“ wurde in dreizehn Sprachen übersetzt. Mit David Howden hat er außerdem das Buch „Deep Freeze: Iceland’s Economic Collapse“ veröffentlicht. Seine wissenschaftlichen Arbeiten wurden mit dem „O.P. Alford III Prize in Libertarian Scholarship“, dem „Sir John M. Templeton Fellowship“, dem „IREF Essay Preis“ und dem „Ron Paul Liberty in Media Award“ ausgezeichnet.

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