Fifa versichert sich gegen Absage der WM in Brasilien

Die Fifa macht sich offenbar ernste Sorgen um die Fußball-WM in Brasilien: Der Fußballverband hat nun eine Versicherung für den Fall abgeschlossen, dass die WM abgesagt wird. Die Verantwortlichen beruhigen jedoch: Ein Totalausfall sei unwahrscheinlich. Den Brasilianern bringt die Durchführung der WM allerdings keinerlei wirtschaftliche Vorteile.

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Die Fußball-WM in Brasilien wird ein Fest der Mächtigen und Schönen – von der Fifa, den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern und den Konzernbossen, die sich gegenseitig die Tickets schenken. Den Brasilianern bringt die WM Natur-Zerstörung, eine touristische Heuschreckenplage und soziale Spannungen.

Doch die jüngsten Ausschreitungen (hier) haben die Fifa-Bosse verunsichert: Der Weltfußballverband Fifa hat für 900 Millionen Dollar eine Versicherung abgeschlossen – gegen eine Verschiebung oder einen Ausfall der WM in Brasilien. Die Police biete Schutz gegen Terrorismus, Naturkatastrophen, Epidemien, Kriege, Unfälle oder Unruhen, sagte ein Sprecher vor einigen Tagen der Nachrichtenagentur Reuters. Der Verband wappnet sich damit gegen eine Verschiebung oder Verlegung, fürchtet aber keinen Totalausfall. „Die Fifa entschied sich dagegen, das Stornorisiko abzudecken“, so der Sprecher. „Denn selbst wenn sich die Veranstaltung aus irgendeinem Grund verzögert, ist es extrem unwahrscheinlich, dass sie abgesagt wird.“ Sollte es dennoch dazu kommen, müsste dies durch die Reserven gedeckt werden.

Die Höhe des gesamten Versicherungsbedarfs für das Turnier in Brasilien ist nach Angaben der deutschen Versicherer noch nicht bekannt. Für die WM 2010 in Südafrika habe die Summe bei rund fünf Milliarden Euro gelegen. „So hoch wäre der finanzielle Schaden gewesen, wenn die WM komplett ausgefallen wäre“, erklärte der Branchenverband GDV. Damals hätten etwa 130 Fernsehsender geschätzt rund drei Milliarden Dollar für die TV-Rechte gezahlt. Der Wegfall der werbeträchtigen Fernsehübertragungen stelle das größte Risiko für den Veranstalter dar. Um mögliche Verluste beispielsweise durch Stromausfall, Satelliten- oder Übertragungsfehler bezahlen zu können, versichere man sich gegen solche Risiken. Aber auch Sponsoren, Reiseveranstalter, Fluggesellschaften oder Fanartikel-Hersteller wappneten sich für den Fall, dass die WM ausfalle.

Auch wenn die WM stattfinden dürfte, eine sichere Durchführung könnte auch an der Polizei scheitern: Die Polizisten wollen nämlich während der WM streiken. Sie sind aufgebracht, weil sie die Regierung schlicht belogen hatte. Doch den Polizisten geht es um ihre Löhne. Ihre Geduld sei am Ende, sagt der Sprecher der Polizeigewerkschaft Andre Melo: „Bei all diesen Großveranstaltungen, dem Confederation Cup oder dem Besuch des Papstes, hat uns die Regierung versprochen, dass sie sich mit uns verhandeln wird, wenn wir nicht streiken. Das ist noch immer nicht passiert. Jetzt ist für uns die Weltmeisterschaft das entscheidende Datum. Wenn es bis Ende Mai kein Angebot bekommen, werden wir während der WM streiken.“ (siehe Video am Beginn des Artikels)

Den Brasilianern selbst kann es egal sein, ob die WM stattfindet oder nicht. Sie haben, wie eine Untersuchung ergeben hat, so gut wie keine wirtschaftlichen Vorteile von dem globalen Kommerz-Spektakel.

Brasilien kann kein höheres Wirtschaftswachstum durch die Fußball-Weltmeisterschaft erwarten. „Die volkswirtschaftliche Bedeutung von solchen Mega-Events ist verschwindend gering“, fasste Ökonom Jörn Quitzau am Dienstag die Ergebnisse einer Untersuchung der Berenberg Bank und des Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI zusammen. Zwar profitierten kurzfristig Firmen aus der Sicherheits-, Gastronomie- oder Baubranche, es gebe aber keine dauerhaften Impulse für die Wirtschaft. Das hätten etwa nach den Olympischen Spielen in Griechenland 2004 oder der Fußball-WM in Südafrika 2010 erhobene Daten gezeigt. Bedeutsamer seien sogenannte weiche Faktoren: „Eine reibungslos organisierte WM kann gerade für Schwellenländer ein wichtiges Signal an potenzielle Investoren sein“, sagte HWWI-Volkswirt Henning Vöpel.

Auch das fußballbegeisterte Brasilien, dem eine hohe Inflation, soziale Ungleichheit und Korruption zu schaffen macht, verbindet große Hoffnungen mit dem Ereignis, das am 12. Juni angepfiffen wird. Das Land schätzt die Tourismuseinnahmen im Zuge der WM auf 5,5 Milliarden Dollar – zum Vergleich: der Karneval in Rio spült jährlich 3,2 Milliarden Dollar in die Tourismuskasse. „Die im Vorfeld eines Großereignisses erstellten Kosten-Nutzen-Analysen überzeichnen regelmäßig die positiven Effekte“, erläuterte Vöpel. Dagegen stünden geschätzte zehn Milliarden Dollar an Investition für die Fußball-WM, die auch in der brasilianischen Bevölkerung massiv kritisiert werden. Es werden stattdessen mehr Ausgaben für Bildung und Gesundheit gefordert.

Aber auch die Kosten für die WM seien wirtschaftlich nur von geringer Bedeutung, so Berenberg-Volkswirt Quitzau: Die zehn Milliarden Dollar entsprächen etwa einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts – die öffentlichen Ausgaben für Bildung und Gesundheit machten rund 15 Prozent aus.

Eine gut organisierte WM und ein entsprechender Erfolg der eigenen Mannschaft könne sicher Werbung für den Standort Brasilien sein und auch zu mehr Zusammenhalt und Stolz in der Bevölkerung beitragen – ähnlich habe Südafrika von der Fußball-WM profitiert. „Die Ausrichtung eines Großevents ersetzt aber keine gute Wirtschaftspolitik“, sagte Quitzau. Brasiliens Chancen auf den Titelgewinn seien jedenfalls größer als eine schnelle Lösung seiner wirtschaftlichen Probleme.

Im Moment dominiert allerdings die Angst vor weiteren Ausschreitungen.

Brasilien hat vor einigen Tagen damit begonnen, im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft seine Grenzen strenger zu überwachen. Bis zu 30.000 Soldaten werden nach Angaben des Verteidigungsministeriums eingesetzt, um für die Sicherheit bei der Meisterschaft zu sorgen, die im kommenden Monat in zwölf brasilianischen Städten beginnt. Heer, Marine und Luftwaffe würden Patrouille-Boote sowie Hubschrauber und Flugzeuge einsetzen, um den Schmuggel von Drogen und anderen Dingen an der 16.900 Kilometer langen Grenze zu unterbinden, erklärte das Ministerium. Über den Stadien würden während der Spiele Flugverbotszonen eingerichtet. Die größte Bedrohung gehe von neuerlichen Straßenprotesten und gewaltsamen Demonstrationen aus, erklärten die Behörden. Ein Terroranschlag sei nicht zu erwarten, da das Land keine Feinde habe.

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