Greenwald: „US-Dienste haben großes Interesse an Banking und Geldflüssen“

Der Journalist Glenn Greenwald hat erstmals angedeutet, dass die Amerikaner das europäische Finanzsystem ausspionieren. Man kann davon ausgehen, dass auch die Bundesbank, die EZB und alle deutschen Banken von den Amerikanern routinemäßig und rund um die Uhr angezapft werden. Das ist vor dem Banken-Stresstest von erheblicher Bedeutung.

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Die Spekulationen über die umfassende Tätigkeit der Geheimdienste waren in den vergangenen Monaten schon etwas ermüdend: Wen interessiert schon wirklich, was sich die Leute auf Facebook schicken? Auch Angela Merkels Handy wird seit eh und je routinemäßig abgehört – da braucht es keinen Geheimdienst.

Bisher gar nicht zur Sprache kam allerdings jener Bereich, der für die Amerikaner wirklich wichtig ist: das weltweite Finanzsystem. Nachdem durch die Unterlagen des Whistleblowers Edward Snowden bekannt wurde, dass die NSA weltweit in 80 US-Einrichtungen Horchposten installiert hatte, gab der Verfassungsschutz im September 2013 den Auftrag, aus einem Hubschrauber im Tiefflug Fotos vom Dach des US-Konsulats in Frankfurt zu schießen. Damit sollten mögliche Abhörtechniken der USA identifiziert werden.

Damals bereits hatte der Finanzjournalist Klaus Engelen darauf verwiesen, dass es für all jene Finanzinstitute gefährlich werden könnte, die nicht zu den Five-Eye-Staaten gehören und damit völlig schutzlos der US-Spionage ausgesetzt sind. Engelen schrieb damals in The International Economy, dass die Aufgabe von „Spionage-Organisation nicht nur das Aufspüren von Terroristen, sondern auch die Beschaffung von Informationen für die eigene Industrie in wettbewerbsintensiven Bereichen“ sei.

Hier wurde das erste Mal deutlich, welchen Zweck die NSA wirklich verfolgen könnte. Nun hat der Journalist Glenn Greenwald in einem Interview mit Züricher Tagesanzeiger angedeutet, dass die NSA – wie auch andere „US-Dienste“ – „großes Interesse an Banking und Geldflüssen“ zeigen. Obwohl genau über dieses Thema wenig in Greenwalds neuem Buch steht, sagte der Snowden-Freund nun: „Es gibt Hinweise in den Dokumenten, dass die NSA das Schweizer Banken­system ausspioniert. Erst muss man diese Unterlagen genauer auswerten.“

Greenwald verweist auf die Interessen der Amerikaner: „Die USA sagen, dass sie wirtschaftliche Informationen nicht an Unternehmen weiterleiten. Fakt ist, dass die NSA gezielt einzelne Branchen aushorcht, oft die Konkurrenten von US-Unternehmen. Man muss sehr naiv sein, zu glauben, das täten sie nicht, um wirtschaftliche Vorteile zu erlangen.“

Diese Erkenntnis dürfte des Pudels Kern sein: Während die Öffentlichkeit sich mit dem Problem der Bürgerrechte und des Datenschutzes ablenken lässt, kann die NSA völlig ungestört die internationalen Finanzmärkte ausspionieren. Erst kürzlich war bekannt geworden, dass die Amerikaner auch US-Anwaltskanzleien überwachen, die für ausländische Regierungen tätig sind (mehr hier).

Die Spionage im Wirtschaftsbereich ist deswegen so wichtig, weil ein Großteil der lukrativen Finanzprodukte nichts anderes als Wetten sind. Und wie wir bei der kroatischen Wettmafia im Fußball gesehen haben: Am besten läuft eine Wette, wenn man vorher weiß, was gespielt wird. Deswegen haben die Kroaten den Fußballern Geld gezahlt, damit sie freiwillig verlieren oder den Ball ins Tor lassen.

In der Finanzindustrie kann sich heute kaum noch ein großer Player eine falsche Wette leisten: Wegen der Babyboomer müssen die großen Pensionsfonds immer mehr Geld immer schneller an die Rentner auszahlen. Kein Vermögensverwalter will auf dem falschen Fuß erwischt werden.

Wenn Greenwald sagt, dass es Hinweise gäbe, dass die USA die Schweizer Banken ausspioniert, dann besteht kein Zweifel, dass die NSA auch die Bundesbank, die EZB und alle anderen europäischen Banken ausspioniert. So können die US-Banken Wetten auf Dinge abschließen, deren Ergebnis sie schon kennen.

Es ist zu vermuten, dass Greenwalds Andeutung erst der Anfang von weiteren, detailreichen Enthüllungen ist.

Es ist jedoch ebenso anzunehmen, dass die Spionage nach den Enthüllungen unvermindert weitergeht.

Sie gehört zum Geschäftsmodell eines durch und durch korrumpierten, globalen Finanzsystems.

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