NDR sendet „rechtspopulistisches“ Video: Deutsch-Türken fühlen sich diffamiert

Der NDR hat ein Anti- Erdoğan-Video produziert, mit dem primitive Vorurteile gegen Türken bedient werden. Die Verspottung von Erdoğans Namen gilt in rechtsextremen Kreisen als ein eindeutig anti-türkisches Code-Wort. Der bewusste Einsatz der Fäkalsprache im Zusammenhang mit türkischen Themen geht vor allem gebildeten jungen Deutsch-Türken gewaltig auf die Nerven.

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Der NRD hat aus Anlass des Erdoğan-Auftritts in Köln ein Video produziert, welches eindeutig „rechtspopulistische“ Züge trägt. Erstmals ausgestrahlt wurde das Video in der Sendung Extra 3.

Normalerweise bemühen sich die öffentlich-rechtlichen Sender, das multikulturelle Leben als Gewinn für Deutschland und Europa darzustellen. Parteien, die auch nur ansatzweise rassistische Töne erkennen lassen, werden zu Recht kritisiert. Gelegentlich schießt der eine oder andere Redakteur dabei über das Ziel hinaus und schiebt Personen oder Gruppen uns rechte Eck, die dort nicht hingehören.

Mit dem Erdoğan-Video hat der NDR nun selbst ordentlich danebengegriffen: „Ich fühle mich durch dieses Video persönlich beleidigt, obwohl ich politisch ein absoluter Erdoğan-Gegner bin“, sagte ein 26jähriger Berliner Deutsch-Türke den Deutschen Wirtschafts Nachrichten: „Ich kann es nicht mehr hören, wenn man krampfhaft einen türkischen Sound reinbringen will und dann so tut, als würden alle Deutsch-Türken ,isch‘ sagen.“ Und weiter: „Muss eigentlich alles, was mit der türkischen Kultur zu tun hat, mit einer Fäkalsprache gesagt werden? Ich habe den Eindruck, dass die Sprache von Akif Pirinçci bei einigen für original Türkisch gehalten werden.“

„Das sind primitive Klischees, wie sie eigentlich nur von den Rechten kommen“, sagte eine junge Germanistik-Studentin den DWN: „Es ist ja schön, dass die öffentlich-rechtlichen Sender jetzt auch deutsch-türkische Moderatorinnen einsetzen. Doch die Integration kann man nur fördern, wenn im Programm keine diffamierenden Untertöne zu finden sind“, sagte die praktizierende Muslima den DWN: „Ich kann mit Erdoğan überhaupt nichts anfangen und finde seine Politik schrecklich. Aber es ist einfach krank, alle Deutsch-Türken unterschwellig als dumme Schafe zu diffamieren, die sich nicht ausdrücken können.“

Der Grund der Empörung: Der NDR wollte lustig sein und produzierte ein Musik-Clip, das in seiner plumpen Machart so ziemlich alle anti-türkischen Ressentiments bedient, die man sich ausdenken kann.

Die Hintergrund-Musik ist an Wolfgang Petrys „Wahnsinn“-Song angelehnt. Doch schon dieser Kunstgriff ist ein Fehlgriff. Im Video heißt es immer wieder „Erdowahn“. Diese Verunstaltung des Namens des türkischen Premiers wird vor allem in rechtsextremen und ausdrücklich türkenfeindlichen Blogs verwendet. Rassismus-Forscher haben x-fach nachgewiesen, dass die Verstümmelung eines Namens meist latent rassistisch verstanden wird. Selbst wenn das von den NDR-Machern nicht so gemeint war, werden damit genau jene „rechtspopulistischen“ Vorurteile bedient, die die öffentlich-rechtlichen Sender sonst stets massiv anprangern.

Der Text im Wortlaut:

„Ich bin die Türki-Mürki-Mickey Mouse und hole Wasserwerfer gerne raus. Tränengas, das macht mir wahnsinnig Spaß. Die blöde Grube, die ist mir egal. Das ist Schicksal, passiert halt Mal. Gebt doch Ruh! Isch hör euch ehe nicht zu! Ich bin Wahnsinn, ich komme direkt aus der Hölle (…) Eiskalt bleib ich, wenn eure Kumpel krepieren. Erdowahnsinn! Isch scheiß auf eure Gefühle! (…) Wenn ihr wollt, trete isch gerne zurück, indem ich meinen Kumpel schick! Isch bin Wahnsinn, Reporter haltet die Fresse! (…) Eiskalt, kriegt ihr von mir ein Twitter-Verbot. Erdowahnsinn, ich liebe Schals und zwar viele! (…) Eure Wut ist für mich ein Witz, weil ich immer fest im Sattel sitz.“

Unsere Empfehlung an den NDR: Statt des inflationären Einsatzes der Moralkeule gegen andere sollten sich die öffentlich-rechtlichen Sender selbstverständlicher mit der Lebensrealität der „echten“ Deutsch-Türken beschäftigt: Es gibt viele großartige, gebildete und artikulationsfähige Leute, die man in Talk-Shows einladen kann (etwa anstelle der Abonnement-Gäste, deren einzige Qualifikation in ihrer Fähigkeit zur Empörung besteht). Man kann solche Produktionen vorher kurz bei Deutsch-Türken testen, um zu sehen, ob man sich vielleicht im Ton vergriffen hat.

Die Sender erhalten 8 Milliarden Euro an Zwangsgebühren jährlich.

Die Bürger erwarten, dass das Geld nicht zum anti-rassistischen Phrasendreschen verwendet wird.

Sondern dass die Sender Vorbilder auf dem Weg zu einer modernen Gesellschaft werden: Die Weltoffenheit im Umgang mit verschiedenen Kulturen, wie sie in klassischen Einwanderungsländern wie den USA, Kanada oder Australien längst selbstverständlich ist, ist eine klassisch öffentlich-rechtliche Aufgabe. Sie erfordert Bildung, Arbeit und Professionalität.

Krawall ist nicht das geeignet Mittel.
Der Schenkel-Klopfer ist der natürliche Feind der Integration.

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