Wie zu Kaisers Zeiten: Die Gesellschaft zerfällt in zwei Klassen

Das Vermögen konzentriert sich immer stärker in privatem Reichtum einer kleinen Gruppe der Bevölkerung. Um so länger Einkommen immer wieder zur Seite gelegt werden muss, um Vermögen zu bilden, umso weniger materielle Aufstiegsmöglichkeiten gibt es in der Gesellschaft. So wird Vermögen nur durch Zinsen statt aus Arbeit gebildet. Offensichtlich braucht es Kriege, große Krisen oder gar Revolutionen, um diese Entwicklung zu unterbrechen oder auch nur zu verlangsamen.

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Thomas Piketty hat in seinem neuen, international viel diskutierten Buch Capital in the Twenty-First Century“ die langfristige Entwicklung von Vermögen und Einkommen in mehreren westlichen Ländern untersucht. Dabei hat er die beiden Größen in ein Verhältnis gestellt. So zeigt sich, dass das Verhältnis seit Beginn des letzten Jahrtausends bis 1950 vor allem als Folge zweier Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre von 600 % auf nur noch 150 % abstürzte und dies Deutschland mehr als andere Länder traf. Doch seitdem ist das Verhältnis bis 2010 wieder auf 400 % angestiegen und liegt nun wieder auf dem Wert zu Kaisers Zeiten vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges (Abb. 18317). Das Vermögen ist also gemessen am jährlichen Einkommen viel größer geworden. Auch der Anteil der reichsten 10 % (vor Steuern und mit Kapitalgewinnen) liegt wieder wie zu Kaisers Zeiten (Abb. 10049).

Nach Pikettys Analyse wird sich diese Entwicklung weiter unbegrenzt fortsetzen und zu immer mehr Konzentration der Vermögen in privatem Reichtum einer kleinen Gruppe der Bevölkerung führen. Um so länger Einkommen immer wieder zur Seite gelegt werden muss, um Vermögen zu bilden, umso weniger materielle Aufstiegsmöglichkeiten gibt es in der Gesellschaft und umso mehr wird Vermögen durch Einkommen aus diesem Vermögen selbst statt aus Arbeit gebildet. Offensichtlich braucht es Kriege, große Krisen oder gar Revolutionen, um diese Entwicklung zu unterbrechen oder auch nur zu verlangsamen.

Tatsächlich hat sich der Wirtschaftszuwachs in Deutschland (und anderswo) in den letzten Jahrzehnten immer weiter gegen null abgeschwächt (Abb. 14871) und liegt damit erheblich unter der Profitrate des Vermögens. Hinzu kommt dann für die Beurteilung der Zukunft noch der kumulative Effekt verschiedener Zuwachsraten von BIP und Vermögen über längere Zeiträume: Innerhalb einer Generation von 30 Jahren würde bei einer Zuwachsrate des BIP von 1 % und einer des Vermögens von 3 % am Ende dieser Zeitphase das Vermögen um fast das 1,5-fache größer sein, die jährliche Wirtschaftsleistung dagegen nur um ein Drittel (Abb. 10048).

Gemessen an den Zeiten, als es in Deutschland noch eine Soziale Marktwirtschaft gab, ist die Aufspaltung hier über die letzten Jahrzehnte besonders weit fortgeschritten. Die Arbeitseinkommen haben seit dem Jahr 2000 fast nur stagniert oder sind nach Abzug der Inflation gesunken (Abb. 14849). Ihr Zuwachs ist erheblich unter dem Produktionsfortschritt geblieben (Abb. 17870) und weit unter dem Zuwachs in den Vergleichsländern (Abb. 18156). Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor in Westeuropa und befindet sich in der Spitzengruppe von vergleichbaren Ländern mit dem höchsten Anteil der in Arbeit Armen („working poor“ Abb. 18044). Es gibt bisher keinen Mindestlohn und, wenn er einmal kommt, wird er jahrelang erhebliche Ausnahmen haben und überhaupt viel zu niedrig sein, zumal er bis 2018 nicht an die Verbraucherpreisentwicklung angepasst werden soll.

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Deutschland ist zu einem Land geworden, in dem vor allem die Mittelklasse – das dynamische Herz jeder Gesellschaft – ständig schrumpft (Abb. 10044) und Aufstiegsmobilität nur noch in den Geschichtsbüchern existiert, ein Land, in dem die Lohndiskriminierung der Frauen die höchste in Westeuropa ist (W-Deutschland Abb. 14224) und zusätzliche Jobs für Frauen fast nur noch in Formen schlecht bezahlter atypischer Beschäftigung entstehen (Abb. 10035).

Auf der anderen Seite konzentriert sich der Reichtum. Hatte das oberste Zehntel der Haushalte 2002 noch einen Anteil von knapp 58 % am deutschen Nettovermögen, so kam es in der letzten Erfassung für 2007 schon auf knapp 67 % (Abb. 17355). Das Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen steigt seit vielen Jahren weit stärker steigt als das aus Arbeit (seit 2000 mit +37,4 % gegenüber nur -0,2 %, siehe oben Abb. 14849). Arbeitnehmer in leitender Stellung gehen immer mehr zur Selbstbedienung über, wobei sich ihre Arbeitseinkommen immer mehr von dem Durchschnittseinkommen aller Arbeitnehmer entfernen (Abb. 10002) und sich auch dadurch die soziale Spaltung vertieft.

Die soziale Spaltung wurde in Deutschland selbst von den Gewerkschaften unterstützt, indem sie jahrelang – qua Mitbestimmung an den Aufsichtsratstischen neben den Bossen sitzend – nur geringe Forderungen an diese stellten und Streiks vermieden. In Erinnerung ist noch der damalige Chef der IG Metall Zwickel, der die Abfindung von 90 Mio DM an den Ex-Mannesman-Boß Esser Arm in Arm mit DB-Chef Ackermann mit absegnete, oder der Betriebsratsvorsitzende der BASF und Gewerkschaftschef Robert Oswald, der sich öffentlich für die von ihm mit durchgewunkenen Supergehaltssteigerungen seines Unternehmerbosses auf weit über 3 Mio Euro (noch ohne Aktienoptionen) einsetzte.

Die Vermögensoberklasse, die ihr hörige Politik und die ihr gehörenden Medien denunzieren regelmäßig Forderungen nach mehr Einkommensgerechtigkeit als Teil einer Neiddiskussion, ein in anderen Ländern kaum zu beobachtender Mißstand. Die FDP konnte sich als Regierungspartei als eine der „Besserverdiener“ ausgeben und die noch verbliebene soziale Absicherung als Hängematte für Sozialschmarotzer beschimpfen. In „ZEIT online“ schreibt Sebastian Dullien vor einigen Tagen:„Über mehr Umverteilung zu diskutieren ist in Deutschland immer noch ein Tabu. Gut sichtbar wurde dies an der Debatte um den Umgang mit den prognostizierten Steuermehreinnahmen in den vergangenen Wochen. Forderungen aus Teilen der SPD, genau aus diesem Grund für einen Ausgleich der kalten Progression doch bitte den Spitzensteuersatz anzuheben, sind dagegen vom Tisch – fast so schnell, wie die Forderung nach Steuererhöhungen in den Verhandlungen zur großen Koalition im Papierkorb verschwand. Das Argument: Höhere Spitzensteuersätze sind Gift für Wirtschaft und Wachstum.

So ist Deutschland zu einem Führungsland in sozialer Aufspaltung geworden. In diesem Jahr musste die konservative OECD die Bundesregierung erneut auffordern, mehr gegen die wachsende Ungleichheit zu tun. Gabriel, der den Bericht entgegennahm, hatte dazu nicht mehr zu sagen als, er müsse sich das einmal ansehen.

 

Joachim Jahnke, geboren 1939, promovierte in Rechts- und Staatswissenschaften mit Anschluss-Studium an französischer Verwaltungshochschule (ENA), Mitarbeit im Kabinett Vizepräsident EU-Kommission, Bundeswirtschaftsministerium zuletzt als Ministerialdirigent und Stellvertretender Leiter der Außenwirtschaftsabteilung. Europäiscbuchhe Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London, zuletzt bis Ende 2002 als Mitglied des Vorstands und Stellvertretender Präsident. Seit 2005 Herausgeber des „Infoportals“ mit kritischen Analysen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung (globalisierungskritisch). Autor von 10 Büchern zu diesem Thema, davon zuletzt „Euro – Die unmöglich Währung“, „Ich sage nur China ..“ und „Es war einmal eine Soziale Marktwirtschaft“. Seine gesellschaftskritischen Analysen beruhen auf fundierter und langjähriger Insider-Erfahrung.

Sein Buch über das Ende der sozialen Marktwirtschaft (275 Seiten mit 176 grafischen Darstellungen) kann unter der ISBN 9783735715401 überall im Buch- und Versandhandel für 15,50 Euro bestellt werden, bei Amazon hier.

 


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