Kredit-Klemme: Die Billionen der EZB landen bei einer kleinen Finanz-Elite

Die EZB wird immer mehr zum Gefangenen ihrer eigenen Niedrigzins-Politik. Trotz des massiven Gelddruckens herrscht in Europa eine Kredit-Klemme. Wohin aber gehen die Billionen? Netzwerk-Analysen zeigen: Die Profiteure sind einige wenige große Unternehmen der global agierenden Finanz-Industrie. Je mehr Geld in den Markt gepumpt wird, umso massiver ist die Umverteilung von unten nach oben.

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Es hat den Anschein, als wolle die Europäische Zentralbank (EZB) nach der EU-Wahl die Karten auf den Tisch legen. Zunächst schockierte Mario Draghi die Öffentlichkeit mit einer handfesten Crash-Warnung (mehr dazu hier).

Doch zugleich warnt die EZB vor einer massiven Kredit-Klemme in der Eurozone.

Man fragt sich: Wohin gehen denn dann eigentlich die Billionen des künstlichen Geldes, die sämtliche Zentralbanken in den vergangenen Jahren faktisch unkontrolliert in die Märkte gepumpt haben?

Bei Mittelstand und bei der Mittelschicht scheint das Geld nicht angekommen zu sein.

Insgesamt vergaben die Banken im April nämlich 1,8 Prozent weniger Darlehen als im Vorjahresmonat, wie die Europäische Zentralbank (EZB) am Mittwoch mitteilte. Ein Hoffnungsschimmer zeigt sich lediglich beim Blick auf die ausgereichten Firmenkredite: Sie schrumpften zum Vorjahr um 2,8 Prozent, im März waren es noch 3,0 Prozent. „Mit den April-Daten bleibt dennoch der Druck auf die EZB hoch, sich stärker bei der Anregung der Kreditvergabe zu engagieren“, sagte Johannes Mayr von der BayernLB.

Laut EZB-Direktor Yves Mersch hält die Zentralbank für die kommende Woche ein Bündel von Maßnahmen parat. Wie Reuters von Insidern erfuhr, wird neben einer Senkung des Leitzinses von derzeit 0,25 Prozent auch erstmals ein Strafzins für Geld der Banken erwogen, das bei der EZB geparkt ist. Die Banken sollen damit dazu gebracht werden, ihre überschüssigen Mittel nicht mehr zu horten, sondern in die Kreditvergabe zu stecken. Zudem ist eine Geldspritze der EZB im Gespräch, die Finanzhäuser zielgerichtet zur Darlehensvergabe an Mittelständler nutzen sollen. Ein Großteil der 48 von Reuters befragten Ökonomen rechnet damit, dass die geballte Macht der drei Maßnahmen zusammen die Kreditklemme lösen kann. „Das würde maximale Wirkung entfalten“, sagte Frederik Ducrozet von Credit Agricole Corporate and Investment Bank.

Maximale Wirkung – doch für wen? Wenn die bisher in den Markt gepumpten Billionen nicht geholfen haben, warum sollte noch mehr künstliches Geld das Problem lösen? Den Ökonomen kann man nur bedingt vertrauen – sie haben die meisten Ereignisse in der Regel erst im Nachhinein erklärt.

Zentralbank-Chef Mario Draghi betonte Anfang der Woche auf der EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra, dass die Kreditklemme in einigen Euro-Ländern das Wirtschaftswachstum hemme. So gehört etwa Portugal neben Italien zu den Ländern in der Euro-Zone, in denen es bei der Darlehensvergaben am stärksten hakt. Die EZB treibt zudem die Sorge um, dass eine zu lange Phase niedriger Inflation dazu führen könnte, dass Firmen und Verbraucher in Erwartung eines Preisverfalls Ausgaben und Investitionen aufschieben.

Die BayernLB rechnet damit, dass die EZB die Banken noch länger großzügig mit Geld versorgt. So könnte sie den Instituten gegen Sicherheiten noch bis Mitte 2016 so viele Mittel zukommen lassen, wie diese nachfragen. Bislang ist diese sogenannte Vollzuteilung nur bis Mitte des Jahres gesichert. Beliebteste Sicherheit sind die Staatsanleihen, die von der EZB offiziell als risikolos klassifiziert wurden (weshalb die Banken auch ohne Zögern diese Papiere kaufen und somit den Schulden-Staaten den Schuldendienst erleichtern – mehr hier).

Tatsächlich ist das Ganze ein perfektes Schneeball-System: Die EZB verschenkt Geld. Die Banken können sich bei der EZB das billige Geld holen, dafür Staatsanleihen kaufen und diese dann als Sicherheiten für noch mehr billiges Geld hinterlegen. Mit dem Geld können die Banken dann global Assets kaufen oder sich an risikoreichen Spekulationen beteiligen.

Der IWF bekommt bereits kalte Füsse (hier), die Schulden-Staaten sind glücklich (hier).

Der Schweizer Physiker James Glattfelder hat nachgewiesen, wohin das Geld am Ende geht: Glattfelder hat anhand der Strukturanalyse von internationalen Konzernen und
ihren Eigentümerverhältnissen untersucht. Glattfelder hat 13 Millionen Daten identifiziert und daraus die Eigentümerverhältnisse von 43.000 global tätigen Konzernen verarbeitet. Sie haben 600.000 Bezugspunkte und 1.000.000 Verknüpfungen, die die Firmen untereinander haben, untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig. Eine winzige Gruppe von 0,123 Prozent der Eigentümer von internationale Konzernen (Trans National Corporations, TNC) kontrolliert 80 Prozent des Werts dieser 43.000 Konzerne. Es sind fast ausschließlich die großen Banken und Finanzinstitutionen in den USA und in Großbritannien. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang Glattfelders Vortrag mit dem Titel „Who controls the world?“ (Video am Ende des Artikels).

Die Kapitalerhöhungen werden, wie die Zeitung Schweiz am Sonntag vor einiger Zeit analysierte, „viel mehr genutzt, um sich noch stärker zu vernetzen“. Das Beispiel der Credit Suisse zeige dies: „Die Investoren, die das frische Geld einschiessen – wie die Qatar Investment Authority, die saudische Olayan-Gruppe, der Staatsfonds von Singapur oder der Vermögensverwalter Blackrock – sind selber Teil eines etwa 150 Unternehmen umfassenden, eng verknüpften Kerns der Weltwirtschaft.“

Glattfelders Kollege Stefano Battiston hat die Kreditvergabe durch die Fed an internationale Banken untersucht. Dabei zeigt sich, dass die 1.200 Milliarden Dollar, die an Rettungskrediten von der Fed zwischen 2008 und 2010 in Anspruch genommen wurden, zu drei Vierteln an 22 internationale Banken gegangen sind (mehr zur dadurch entstehenden, gefährlichen Vernetzung der Banken – hier).

Dieses Netzwerk ist stark und widerstandsfähig. Eine kleine Finanz-Elite profitiert von den Netzwerk-Effekten.

Das System ist jedoch brandgefährlich.

Denn wenn das Netz an einer unerwarteten Stelle reißt, wird es für alle kritisch. Die Folgen sind auch von jenen nicht mehr zu beherrschen, die die jahrelange Umverteilung forciert haben.

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Das neue Buch von DWN-Herausgeber Michael Maier.

Das neue Buch von DWN-Herausgeber Michael Maier.

DWN-Herausgeber Michael Maier stellt in seinem neuen Buch dar, dass die Konzentration des Reichtums bei einer kleinen Elite die Folge eines globalen Netzwerkeffekts ist. Je mehr Geld die Zentralbanken ins System pumpen, umso stärker profitieren einige wenige Konzerne und Banken. Die Folge: Eine massive Umverteilung von unten nach oben mit gravierenden Nachteilen für die Mittelschicht.

Michael Maier, Die Plünderung der Welt. Wie die Finanz-Eliten unsere Enteignung planen.

Das Buch ist überall im Buchhandel erhältlich. Beim Verlag kann es hier bestellt werden.

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