Schulden-Krise: Bilderberger wappnen sich gegen die Wut der Rentner

Die diesjährige Tagung der Bilderberger könnte sich auf Jean-Claude Juncker als neuen Präsidenten der EU einigen. Die Finanz- und Wirtschaftselite will eine Große Koalition in Brüssel installieren, um die wichtigste Frage der Gegenwart zu lösen: Wie kann in einer neuerlichen Finanzkrise verhindert werden, dass das weltweite Rentensystem zusammenbricht? Für Deutschland sondiert der Staatssekretär im Arbeitsministerium, Jörg Asmussen, die Lage.

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Ordnung muss sein: Das Marriott-Hotel in Kopenhagen bietet das richtige Ambiente für die Beratungen der diesjährigen Bilderberg-Konferenz. (Foto: Marriott)

Ordnung muss sein: Das Marriott-Hotel in Kopenhagen bietet das richtige Ambiente für die Beratungen der diesjährigen Bilderberg-Konferenz. (Foto: Marriott)

Die diesjährige Tagung der Bilderberger in Kopenhagen behandelt drei wichtige Themen: Wie kann verhindert werden, dass die EU auseinanderfliegt? Was geschieht mit den Rentnern, wenn es zu einem Finanz-Crash kommt? Und wie kann sichergestellt werden, dass sich die Bürger nicht im Internet zusammenrotten?

Im vorigen Jahr wurde EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso unterwiesen, wie er die zentrifugalen Kräfte in der EU so kanalisieren kann, dass die EZB mit viel billigem Geld die Lage stabilisieren kann (Bericht von der Konferenz 2013 – hier).

Dieses Jahr ist von der Kommission nur Vizepräsidentin Viviane Reding bei der Konferenz. Reding gilt als eine verlässliche Globalistin. So möchte sie das Vetorecht in der EU abschaffen (mehr hier), um die Macht der Nationalstaaten zu brechen.

In diesem Jahr fällt auf, dass David Cameron nicht mehr geladen ist. Statt dessen sind der Labour-Schattenminister Ed Balls anwesend, der auf der Teilnehmerliste interessanterweise als „Schatten-Finanzminister“ geführt wird. Vor den Tories ist die Staatssekretärin für Internationale Entwicklung, Justine Greening, bei der Konferenz: Sie gilt als eine der „saubersten“ Abgeordneten in Großbritannien.

Aus Frankreich ist überhaupt keine relevanter Politiker an Bord. Statt dessen vertritt das französische EZB-Mitglied Benoit Coeuré die Positionen seines Landes.
Diese Zusammensetzung lässt mehrere Rückschlüsse zu: Die Eliten aus Politik und Wirtschaft haben die herrschende politische Klasse in Frankreich komplett abgeschrieben.

Auch mit Italien rechnet keiner mehr: Aus Rom fehlen hochrangige Politiker. Stattdessen hat Mario Monti quasi die Rolle des Berichterstatters für Italien. Berufsbezeichnung im Programm: „Senator auf Lebenszeit“, wie es sich für einen echten Bilderberger gehört.

In Großbritannien wird der Machtwechsel erwartet: Die Bilderberger setzen auf Labour und die Reformkräfte bei den Konservativen in Großbritannien. Während Frankreich offenbar nur noch über die Geldpolitik der EZB und damit auf Kosten der deutschen Sparer gerettet werden kann, erwarten die Eliten, dass der Aufstieg von Nigel Farage und der Ukip in Großbritannien Labour zurück an die Macht spülen wird. Balls ist ein Typ, der Tony Blair nicht unähnlich ist: Alles andere als ein Klassenkämpfer, gilt der Harvard-Mann als ein moderner Finanz-Kapitalist.

Die Besetzung aus Großbritannien zeigt, dass man bei den Bilderbergern versuchen wird, die Front gegen die Anti-EU-Parteien in Form einer Großen Koalition in Brüssel zu errichten. Dafür dürfte auch sprechen, dass Springer-Boss Mathias Döpfner zu Beginn der Konferenz in einem namentlich gezeichneten Editorial in der Bild-Zeitung die Bestellung von Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident gefordert hatte. Angela Merkel, die noch drei Tage zuvor erbost gewesen war, dass die Parteien den rechtlich nicht existierenden „Spitzenkandidaten“ zum Willen des Volkes erhoben hatten, musste in einem grandiosen Umfaller öffentlich erklären, dass sie auch für Juncker sei – zeitgleich mit der Bild-Zeitung.

Juncker wird von den Finanzeliten gewünscht, weil er der perfekte Kandidat ist, um außerparlamentarische Interessen in die Entscheidungen in der EU zu erwirken: Er hat den Finanzplatz Luxemburg zu einer erstklassigen Steueroase gemacht und flog erst aus dem Job, als seine Machenschaften sogar den phlegmatischen Mandataren aus Luxemburg zu viel wurden. In der EU – besonders in den Niederlanden – gilt Juncker als extrem problematisch, und zwar wegen seines Lebenswandels. Sein Nachfolger als Euro-Gruppenführer, Jereon Dijsselbloem, nannte Juncker einen Trinker, was der Kandidat dementierte. Für die Finanz-Eliten ist ein solcher gesellschaftlicher Makel die perfekte Qualifikation: Juncker ist der ideale Kandidat, um den Status Quo zu sichern.

Sicherheit spielt für die Finanzeliten eine besondere Rolle. Unter der gestrengen Aufsicht von Deutschlands mächtigstem Finanzmann, dem Allianz-Chef Paul Achleitner, beraten die Manager aus Politik und Wirtschaft nämlich das drängendste Problem der aktuellen Politik: Die Frage, was mit den Renten geschieht, sollte das internationale Schneeball-System des künstlichen Geldes schneller zusammenbrechen als die Millionen Rentner das Zeitliche segnen. Der Tagesordnungspunkt 2, um den das ganze Bilderberger-Treffen kreist, lautet ziemlich schmucklos: „Wer wird für die demografische Entwicklung bezahlen?“ Denn den Managern ist eines klar: Sie haben der Öffentlichkeit zwar vor der EU-Wahl zahllose Märchen erzählt, doch tatsächlich haben sie eine eindeutige Antwort auf die Frage Nummer 1 der Tagesordnung: „Ist die wirtschaftliche Erholung nachhaltig?“

Die Antwort, die sich die Bilderberger hinter verschlossenen Türen geben werden, lautet: Es gibt keine Erholung. Es muss eine Bereinigung geben. Alle Anwesenden wissen, dass das Kernproblem der Weltwirtschaft nur mit Zwangsmaßnamen zu lösen ist.

In einer Demokratie ist ein solcher Prozess ohne Verluste für die Eliten kaum möglich. Daher scheuen die Bilderberger das Licht der Öffentlichkeit: Repräsentation, Recht und Gesetz, Gerechtigkeit, sozialer Ausgleich, Transparenz und Kontrolle – das sind ihre Werte nicht. In Kopenhagen wurden etliche Personen verhaftet, weil sie dem Marriott-Hotel der Bilderberger zu nahe und daher in Konflikt mit der Polizei gekommen waren.

Im Hinblick auf mögliche gravierende wirtschaftliche Verwerfungen beschäftigten sich die Eliten natürlich auch mit den Verlierern. Sie sind im Tagesordnungspunkt 6 beschrieben: „Die Zukunft der Demokratie und die Falle, in der die Mittelschicht steckt“.

Für die Mittelschicht oder gar den unabhängigen, institutionenkritischen Mittelstand werden die Eliten keine Lösung haben. Nicht weil sie ihnen keine Lösung anbieten wollten, sondern weil sie nicht können. Die Sorge der Eliten gilt den Rentnern. Die Ozeane aus billigem Kredit könnten auch über den Rentnern zusammenschlagen: Schon heute werden die Rentner wegen der niedrigen Zinsen enteignet. Als nächster droht der Zusammenbruch des Marktes für Lebensversicherungen (hier). Und wer in Aktien investiert hat, der wird mit Besorgnis die jüngste Crash-Warnung von Mario Draghi vernommen haben (mehr dazu hier).

Das Problem aller Regierungen: Die Rentner sind die wichtigste Wählergruppe. Mit ihnen will sich keine Regierung anlegen, weil sie sonst hinweggefegt wird. Die EU ist im besonderen aufgescheucht durch die Wahlerfolge der EU-Gegner. Die etablierten Parteien glauben, dass der Zustrom der Rentner Parteien wie den Front National oder die Ukip stark gemacht haben und wollen daher alle Maßnahmen ergreifen, um in ihrer wichtigsten Zielgruppe keine Unruhe aufkommen zu lassen. Daher gilt ihr besonderes Augenmerk den Rentnern – obwohl sich die Eliten in der Wahlanalyse irren: In Frankreich waren es die Jungen, die überproportional für Le Pen gestimmt haben (mehr dazu hier).

Für die Banken – von denen bei den Bilderbergern vor allem Goldman Sachs und die HSBC prominent vertreten waren – ist die Überalterung dagegen ein reales Problem: Sie müssen immer mehr Geld liefern, weil die Baby Boomer die Auszahlungen aus ihren Pensionsfonds verlangen. In Großbritannien wird daher schon experimentiert, wie man die Rentner in die Obhut der internationalen Vermögensverwalter überführen könnte. Blackrock hat bereits begonnen, an dem 25 Milliarden Dollar-Kuchen zu knabbern (mehr im Detail dazu hier). Es ist gut denkbar, dass die Finanzeliten darüber nachdenken, wie man die Versorgung der Rentner an das globale Kasino delegieren kann. Eine Art globaler „Riester“ wäre ein Bombengeschäft für die Branche und könnte die Staaten entlasten. Vor allem wären die Staaten von ihrer Fürsorgepflicht entbunden, wenn es kracht.

Ein sicheres Indiz für die Tatsache, dass irgendetwas in diese Richtung im Busch sein muss, ist die Anwesenheit von Jörg Asmussen in Kopenhagen. Der ehemalige Schäuble-Adlatus und Verfechter von gefährlichen Papieren (ABS) ist nach einer weiteren Ausbildungsphase bei der EZB heute Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium (mehr über sein Profil – hier). Selbst Kollegen aus der Regierung wissen nicht genau, was Asmussen eigentlich macht: „Gelegentlich sieht man ihn auf der Regierungsbank, aber mehr wissen wir auch nicht“, sagte ein Regierungsmitglied den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Doch niemand glaubt, dass Asmussen nur die Statistiken für Andrea Nahles aufbereitet.

Wie schon im Vorjahr, so herrscht auch in diesem Jahr eine unverkennbare Angst vor dem Crash. Dazu passend ist auch die Anwesenheit von Geheimdienstleuten und Militärs: Der ehemalige NSA-Chef Keith Alexander, Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen und vor allem der oberste Nato-General Philip Breedlove sollen zu den Tagesordnungspunkten 2 und 3 Auskunft geben: „Existiert eine Privatsphäre?“ und „Was sind die Besonderheiten an der Weitergabe von Geheimdiensterkenntnissen?“ zeigen unverhohlen, dass niemand die Absicht hat, die Überwachung der Bürger aufzugeben – im Gegenteil: Der BND wird dem Steuerzahler weitere 300 Millionen Euro abnehmen, um den Souverän noch effizienter belauschen zu können (hier).

Die Finanzeliten fürchten nichts mehr als die Zusammenrottung der Bürger im Internet. Anders als bei den klassischen Medien, die, wie die „Anstalt“ enthüllte, perfekt in die Netzwerke der Systemerhalter eingebunden sind (Video am Ende des Artikels), ist das Internet Neuland für die Eliten. Um hier keine toten Winkel für die Leistungsträger entstehen zu lassen, sind Google-Mann Eric Schmidt und LinkedIn-Gründer Reid Hoffman mit am Tisch.

Die Bilderberger sind keine geheime Weltregierung. Sie sind ein informeller Think Tank, bei dessen Zusammenkünften die Eliten aus Politik und Wirtschaft überlegen, wie sie die feudale Gesellschaftsstruktur der spätkapitalistischen Epoche in die nächste, noch unbekannte Phase der Geschichte hieven können. In Kopenhagen wird nichts entscheiden. Formal ist das Treffen locker: So wurden mehrere Mitglieder der Konferenz angeblich gesehen, wie sie sich mit weißen Bademänteln zum Foto-Shooting trafen.

Sauna-Freundschaften gelten gemeinhin als besonders belastbar.

Schweiß verbindet.
Blut und Tränen werden andere liefern.

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Das neue Buch von DWN-Herausgeber Michael Maier.

Das neue Buch von DWN-Herausgeber Michael Maier.

DWN-Herausgeber hat sich in seinem neuen Buch die Methoden der Finanz-Eliten aus Politik, Wirtschaft und Banken beschrieben. Er kommt zum Ergebnis, dass es Netzwerke gibt, die systematisch Recht und Gesetz umgehen, um den Verteilungskampf in einer Welt der begrenzten Ressourcen zu ihren Gunsten zu entscheiden. Die Gefahr dieser Netzwerke besteht darin, dass sie eben keine Geheimbünde sind, sondern ihre Interessen in dramatischer Weise zur Staatsräson geworden sind. Alle bei den Bilderbergern vertretenen Gruppen werden in dem Buch durchleuchtet. Am Ende zeigt sich: Sparer und soziale Schwache werden die Rechnung bezahlen – wie immer in der Geschichte.

Michael Maier, Die Plünderung der Welt. Wie die Finanz-Eliten unsere Enteignung planen.

Das Buch ist überall im Buchhandel erhältlich. Beim Verlag kann es hier bestellt werden.

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