Händler von EZB geschockt: „Es muss schlimm um die Euro-Zone stehen“

Die Banken sind irritiert über die Größe des Geschenks, das die EZB ihnen macht: Die meisten deuten die massive Geldschwemme als ein Zeichen, dass die Lage in der Eurozone offenbar weitaus kritischer ist als bisher bekannt.

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Dem geschenkten Gaul nicht ins Maul zu schauen, ist ein volkstümliches Gebot der Höflichkeit. Doch wenn der Gaul so riesig ist, dass den Beschenkten der Mund offen bleibt, dann muss etwas an dem Geschenk faul sein.

Die Nachrichtenagentur Reuters, traditionell nicht gerade für Fatalismus bekannt, hat einige erstaunliche Stimmen aus der Bankenwelt gesammelt. Das Fazit: Die Banken sind völlig überrascht von der Dimension der Geldschwemme. Bemerkenswerter Weise jubeln die Banken jedoch nicht – sondern zeigen sich verstört. Denn offenbar ist die Lage in den Euro-Staaten weitaus kritischer als angenommen. Die Banken zweifeln, dass die Kredite wirklich im Mittelstand ankommen.

Daher fragen sie sich eher, was danach kommt – und vor allem, was passiert, wenn das Wunder ausbleibt. Offenbar haben die Händler aus der Geschichte gelernt und sehen die Zentralbanken, obwohl sie von ihren Entscheidungen profitieren, mit kritischen Augen (mehr zu den verblüffenden Parallelen der Zentralbank-Fürsten von 1931 und heute – hier).

Die Reuters-Meldung im Wortlaut:

Die umfangreichen Beschlüsse der EZB zur Ankurbelung der Kreditvergabe in der Euro-Zone haben am Interbankenmarkt am Donnerstag für Verunsicherung geführt. „Ich habe noch kein richtiges Gefühl dafür, wie das weitergehen wird„, sagte ein Händler. „Die EZB hat sehr weitreichende Maßnahmen auf allen Ebenen getroffen“, sagte ein Händler. „Das ist schon etwas überraschend.“

Die Einführung eines negativen Einlage-Zinses für die Banken von 0,10 Prozent sei zwar weitgehend erwartet worden, sagten Händler. Die Zusage, Tender bis mindestens Ende 2016 voll zuzuteilen, sei aber ebenso überraschend wie die beide neuen Geldspritzen im Volumen von 400 Milliarden Euro. Die Banken hatten in den vergangenen Jahren ihre für die Mindestreserve nicht benötigten Mittel bei der EZB in der Einlage-Fazilität oder auf den Zentralbank-Konten gehortet. „Das dürfte jetzt sehr unattraktiv werden“, sagte ein Händler. Denn der Strafzins gilt laut EZB auch für Guthaben bei der Zentralbank, die über der verpflichtenden Mindestreserve liegen. „Vielleicht kommt damit jetzt der Interbankenhandel wieder in Schwung“, hoffte ein Händler. Denn seit Jahren leihen sich die Banken untereinander nur sehr sporadisch Geld.

Draghi schießt aus vollen Rohren„, sagt ein Händler. „Das ist mehr als die ‚Dicke Bertha‘.“ Es müsse schlimm um die Euro-Zone stehen, wenn so viel Geld reingepumpt werden müsse. Ob es reiche, um die Banken – vor allem in den südeuropäischen Krisenländern – zu mehr Krediten an den Mittelstand zu bewegen, sei zweifelhaft. „Die EZB hat aber verdammt tief in die Tasche gegriffen„, fügte ein anderer Händler hinzu.

Die Sätze für Tagesgeld gaben leicht auf 0,05 bis 0,10 Prozent von 0,15 Prozent am Vormittag nach, was Händler aber auf das nächste Ende der Mindestreserveperiode kommende Woche zurückführen. Erst dann tritt die Zinssenkung in Kraft.

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