Papst Franziskus ermahnt Peres und Abbas: „Nein zur Doppelzüngigkeit“

Papst Franziskus hat in seiner Ansprache beim gemeinsamen Gebet mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres und Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas gesagt: Um Frieden zu schaffen brauche es mehr Mut, als um einen Krieg zu führen. Die Ansprache des Papstes im Wortlaut.

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Papst Franziskus hat Israels Präsidenten Schimon Peres und Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas bei einem Treffen im Vatikan aufgefordert, auf den Ruf ihrer Volksleute nach Frieden zu reagieren. „Um Frieden zu schaffen, braucht es Mut, sehr viel mehr, als um Krieg zu führen“, sagte Franziskus laut Übersetzung von Radio Vatikan. Franziskus richtete seinen Appell an die Politiker am Sonntagabend im Garten des Vatikans im Anschluss an ein gemeinsames Gebet für den Frieden. „Meine Herren Präsidenten, die Welt ist ein Erbe, das wir von unseren Vorfahren empfangen haben, aber sie ist auch eine Leihgabe unserer Kinder – Kinder, die müde und erschöpft sind von den Konflikten und danach verlangen, den Anbruch des Friedens zu erreichen.“

Der Papst hatte Peres und Abbas im Mai bei seiner Nahost-Reise in Israel überraschend zu dem Gebet in den Vatikan eingeladen. Es handelte sich um das erste öffentliche Treffen zwischen Peres und Abbas seit mehr als einem Jahr. Ziel des Papstes ist es, den vor einem Monat abgebrochenen Friedensprozess zwischen beiden Seiten wieder in Gang zu bringen. Der Vatikan vermied es jedoch, Hoffnungen auf einen baldigen Durchbruch bei den Friedensbemühungen zu schüren. So bekräftigte der Kirchenstaat, sich nicht in Details der Gespräche einschalten zu wollen.

Bei dem bislang ersten religionsübergreifenden Treffen dieser Art im Vatikan hatten zunächst jüdische Rabbiner, christliche Kardinäle und muslimische Imame Texte aus dem Alten und Neuen Testament sowie aus dem Koran vorgelesen und gesungen. „Ich hoffe, dass diese Begegnung der Beginn eines neuen Weges auf der Suche nach dem sei, was eint, um das zu überwinden, was trennt“, sagte Franziskus. Zahlreiche Menschen in aller Welt würden für den Frieden im Heiligen Land und im Nahen Osten beten. „Es ist eine Begegnung, die dem brennenden Wunsch all derer entspricht, die sich nach dem Frieden sehnen und von einer Welt träumen, in der Männer und Frauen als Geschwister leben können und nicht als Gegner oder als Feinde.“

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als wichtigster Entscheidungsträger des Landes blieb dem Treffen fern. Er äußerte sich zwar nicht direkt zu der Zusammenkunft, erklärte aber, Gebete seien kein Ersatz für Sicherheit. Vor Sicherheitskräften in Jerusalem sagte er: „Die Menschen aus Israel beten seit tausenden von Jahren täglich für Frieden. Aber bis der Frieden kommt, werden wir euch weiterhin stärken, damit ihr den Staat Israel verteidigen könnt.“

Die Ansprache des Papstes im Wortlaut:

Meine Herren Präsidenten,

mit großer Freude begrüße ich Sie und möchte Ihnen und den ehrenwerten Delegationen, die Sie begleiten, den gleichen herzlichen Empfang bereiten, den Sie mir auf meiner gerade beendeten Pilgerreise im Heiligen Land erwiesen haben.

Ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen, dass Sie meine Einladung angenommen haben, hierher zu kommen und gemeinsam von Gott das Geschenk des Friedens zu erflehen. Ich hoffe, dass diese Begegnung der Beginn eines neuen Weges auf der Suche nach dem sei, was eint, um das zu überwinden, was trennt.

Und ich danke Eurer Heiligkeit, verehrter Bruder Bartholomäus, dass Sie hier bei mir sind, um diese bedeutenden Gäste zu empfangen. Ihre Teilnahme ist ein großes Geschenk, eine wertvolle Unterstützung, und sie ist ein Zeugnis für den Weg, den wir als Christen auf die volle Einheit hin beschreiten.

Ihre Anwesenheit, meine Herren Präsidenten, ist ein großes Zeichen der Brüderlichkeit, das Sie als Söhne Abrahams vollziehen, und ein Ausdruck konkreten Vertrauens auf Gott, den Herrn der Geschichte, der heute auf uns schaut als auf Menschen, die einander Brüder sind, und uns auf seine Wege führen möchte.

Diese unsere Begegnung zur Bitte um den Frieden im Heiligen Land, im Nahen Osten und in der ganzen Welt wird begleitet vom Gebet unzähliger Menschen, die verschiedenen Kulturen, Heimatländern, Sprachen und Religionen angehören – Menschen, die für diese Begegnung gebetet haben und die jetzt mit uns in der flehentlichen Bitte selbst vereint sind. Es ist eine Begegnung, die dem brennenden Wunsch all derer entspricht, die sich nach dem Frieden sehnen und von einer Welt träumen, in der Männer und Frauen als Geschwister leben können und nicht als Gegner oder als Feinde.

Meine Herren Präsidenten, die Welt ist ein Erbe, das wir von unseren Vorfahren empfangen haben, aber sie ist auch eine Leihgabe unserer Kinder – Kinder, die müde und erschöpft sind von den Konflikten und danach verlangen, den Anbruch des Friedens zu erreichen; Kinder, die uns bitten, die Mauern der Feindschaft niederzureißen und den Weg des Dialogs und des Friedens zu beschreiten, damit Liebe und Freundschaft triumphieren.

Viele, allzu viele dieser Kinder sind unschuldige Opfer von Krieg und Gewalt geworden – Pflanzen, die in voller Blüte ausgerissen wurden. Es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass ihr Opfer nicht vergeblich sei. Möge die Erinnerung an sie uns den Mut zum Frieden einflößen, die Kraft, um jeden Preis beharrlich den Dialog fortzusetzen, die Geduld, Tag für Tag das immer festere Netz eines respekt- und friedvollen Zusammenlebens zu knüpfen, zur Ehre Gottes und zum Wohl aller.

Um Frieden zu schaffen, braucht es Mut, sehr viel mehr, als um Krieg zu führen. Es braucht Mut, um Ja zu sagen zur Begegnung und Nein zur Auseinandersetzung; Ja zum Dialog und Nein zur Gewalt; Ja zur Verhandlung und Nein zu Feindseligkeiten; Ja zur Einhaltung der Abmachungen und Nein zu Provokationen; Ja zur Aufrichtigkeit und Nein zur Doppelzüngigkeit. Für all das braucht es Mut, eine große Seelenstärke.

Die Geschichte lehrt uns, dass unsere alleinigen Kräfte nicht ausreichen. Mehr als einmal waren wir dem Frieden nahe, doch dem Bösen ist es mit verschiedenen Mitteln gelungen, ihn zu verhindern. Deshalb sind wir hier, denn wir wissen und glauben, dass wir der Hilfe Gottes bedürfen. Wir lassen nicht von unseren Verantwortlichkeiten ab, sondern wir rufen Gott an als Akt höchster Verantwortung unserem Gewissen und unseren Völkern gegenüber. Wir haben einen Ruf vernommen, und wir müssen antworten – den Ruf, die Spirale des Hasses und der Gewalt zu durchbrechen, sie zu durchbrechen mit einem einzigen Wort: „Bruder“. Doch um dieses Wort zu sagen, müssen wir alle den Blick zum Himmel erheben und uns als Söhne eines einzigen Vaters erkennen.

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